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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Stummfilm

in Gespräche über Kunst und die Welt 12.11.2009 12:02
von LX.C • 2.673 Beiträge

Stummfilm. Eisenstein und die Montage

„Mit dem Film steht es ebenso wie mit Malerei, Musik, Literatur, Tanz: man kann die Mittel, die er bietet, benutzen, um Kunst zu machen, man braucht aber nicht.“ (Rudolf Arnheim: Film als Kunst, 1932) Eine erste öffentliche Filmvorführung fand 1895 im Berliner Varieté Wintergarten statt. Max Skladanowsky zeigte seinen Filmstreifen „Bioskop“. Nur knapp zwei Monate später, am 28. Dezember 1895 präsentierten die Brüder Lumière in Paris ihren „Cinématograph Lumière“, der das Aufnehmen, Kopieren und Vorführen von Filmen ermöglichte, erstmals vor einem zahlenden Publikum. Das Kino war geboren. Doch die Entwicklung der eigentlichen Filmkunst hatte gerade erst begonnen. Filmemacher wie D. W. Griffith, Charles Chaplin, Cecil B. De Mille, Jean Renoir, Fritz Lang, Friedrich Murnau, Erich von Stroheim und andere hatten ihren großen Auftritt zwischen 1918 und 1926, der goldenen Zeit des Stummfilms. Als besonders kunstfertig stellten sich auch die russischen Filmemacher heraus. Deren Filmpraxis, einem festgeschriebenen Sozialistischen Realismus vorgreifend, hob sich inhaltlich und stilistisch deutlich von den Produktionen der USA, Frankreich und Deutschland ab. Die proletarisch-revolutionäre Extravaganz verhalf dem russischen Stummfilm in Deutschland zu großem Erfolg. Deutschlands politisch debile und angespannte Lage während der Weimarer Republik beförderte das Interesse an einem Fenster zu Russland.
Doch das war nicht der einzige Grund. Der russische Stummfilm bot inhaltlich spektakuläres, aber auch technisch revolutionäres. Sergej Eisenstein (1898-1948), der mit „Panzerkreuzer Potemkin“ (1925) die deutschen Feuilletons eroberte und international zu einem gefragten Regisseur aufstieg, verhalf der Montage zum führenden Stilmittel des russischen Stummfilms und beeinflusste infolgedessen die Entwicklung der Filmkultur weltweit. Vom Schnitt grenzt sich das Verfahren der Montage durch eine bewusste Wahrnehmbarkeit ab. Ob Parallelmontage und beschleunigte Montage, die Eisenstein weiterentwickelte, oder Kollisions- und Attraktionsmontage, die er selbst erfand.
Der einfache Schnitt, wie amerikanische Filmproduzenten der Vorkriegszeit ihn gerne nutzten, auf simple Unterhaltung zielend, konnte dem Ausdruckswillen Eisensteins nicht genügen. Montage bedeutete für ihn nicht Unterstützung, sondern Erschaffung einer neuen Erzählweise von Realität.
Werfen wir anhand weniger Einzelbeispiele nun einen näheren Blick auf die Montagearten. Eisensteins „Oktober 1917“, aus dem Jahr 1927, der den Weg zur siegreichen Revolution im Oktober 1917 seit dem Scheitern von 1905 abzubilden sucht, scheint die Kollisions- und die beschleunigte Montage geradezu inhärent. Szenen und Einstellungen werden in einer atemberaubenden Geschwindigkeit montiert, die in Begleitung einer übersteigert spannungsgeladenen Filmmusik bis zur Zerreißprobe der Nerven werden. So wird die Oktoberrevolution zur Revolution des eigenen Organismus, merklich durch psychische Anspannung, Nervosität und erhöhten Blutdruck. Aber auch das Mittel der Parallelmontage wird in „Oktober 1917“ angewendet, beispielsweise während des Sturms auf das Winterpalais Pedrograds (St. Petersburg). Kampfhandlungen und die Eroberung des Gebäudes stehen den verzweifelten Diskussionen der eingeschlossenen liberalen Übergangsregierung gegenüber, bis sich die revolutionären Bolschewiki Zugang verschaffen und beide Parteien aufeinanderprallen.
Auf eine andere Weise erleben wir die Parallelmontage in „Die Generallinie. Das Alte und das Neue“, Entstehung 1926-1929. In drei synchron montierten Szenen zeigt Eisenstein die provisorischen Mittel der armen Bauern bei der Feldarbeit, derer sie sich unter größten Anstrengungen und zweifelhaften Erfolgen bedienen müssen. Die einen spannen sich selbst, die anderen ihre Milchkuh vor den Pflug, da keine der drei für sich arbeitenden Parteien einen Ochsen oder ein Ackergaul besitzt. Als die Milchkuh vor Erschöpfung zusammenbricht und elend verendet, schauen die Menschen, die den Pflug selber ziehen und sich mit dem Vieh auf eine Stufe stellen müssen, auf das dramatische Ereignis. Die Parallelität wird deutlich. Die Botschaft klar. Den Bauern wird auf diese Weise ihr eigenes Schicksal offenbart. Doch noch wissen sie sich nicht besser zu helfen, nach dem ersten Schreck pflügen sie unbeirrt weiter.
Dann geht es bergauf, aus einer Milchgenossenschaft wird eine Viehgenossenschaft, die durch gemeinsames Ziehen an einem Strang wächst und wächst und die Armut verringert. Sozialismus. Die Kühe weiden auf der saftigen Wiese und über ihnen am Himmel erscheint in Einblendung (mise-en-cadre) ein mächtiger Zuchtbulle, die erste große Anschaffung der Viehgenossenschaft, vom erwirtschafteten Geld der Milchgenossenschaft, er steht symbolisch für Stärke, Wachstum und Überwindung der Armut. Hier haben wir ein Paradebeispiel der „Attraktionsmontage“, Eisensteins Kind.
„Gegenwärtig übt der mit visuellen Bildern arbeitende Film einen mächtigen emotionalen Effekt auf die Menschen aus und hat berechtigterweise eine der führenden Positionen der Künste eingenommen“ (Eisenstein/Pudowkin/Alexandrow: Manifest zum Tonfilm, 1928), doch die Russen, die auch andere Stilmittel wie die Massenszene prägten, sahen ihre geachtete Stellung durch den Tonfilm bedroht. Die Ereignisse in der Welt überschlugen sich und mit den Entwicklungen der Technik konnten sie nicht mehr mithalten. Ihre Verfahren im Stummfilm wurden obsolet, wenngleich sie die Filmgeschichte für immer belichtet haben.


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zuletzt bearbeitet 12.11.2009 12:15 | nach oben springen

#2

RE: Stummfilm

in Gespräche über Kunst und die Welt 12.11.2009 12:03
von LX.C • 2.673 Beiträge

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zuletzt bearbeitet 12.11.2009 12:03 | nach oben springen

#3

RE: Stummfilm

in Gespräche über Kunst und die Welt 14.11.2009 20:05
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

In Tarkowskijs "Versiegelter Zeit" macht er sich auch seine Gedanken zu Eisenstein:

Zitat von Tarkowskij
Allgemein bekannt ist das traditionelle Genre der alt-japanischen Poesie - das Haiku. Beispiele dieses Haiku werden bei Sergej Eisenstein zitiert:
Ein uraltes Kloster *** Im Feld ist es still
Ein Halbmond *** Ein Schmetterling fliegt
Ein Wolf heult *** Der Schmetterling ist eingeschlafen.

In diesen Dreizeilern sah Eisenstein ein Muster dafür, wie drei unzusammenhängende Elemente in ihrer Korrelierung eine neue Qualität hervorbringen.
(...)
Trotz all meiner Zurückhaltung gegenüber Analogien zu anderen Kunstarten scheint mir dieses Beispiel von Poesie dem Wesen des Films sehr nahe zu kommen. Man darf nicht vergessen, dass Literatur und Poesie im Unterschied zum Film ihre eigene Sprache besitzen. Der Film entspringt der unmittelbaren Lebensbeobachtung. Dies ist für mich der richtige Weg filmischer Poesie. Denn das filmische Bild ist seinem Wesen nach die Beobachtung eines in der Zeit angesiedelten Phänomens.
Sergej Eisensteins "Iwan der Schreckliche" ist ein Film, der von den Prinzipien unmittelbarer Beobachtung extrem weit entfernt ist. Dieser Film stellt nicht nur insgesamt eine Hieroglyphe vor, sondern besteht auch ausschließlich aus großen, kleinen und kleinsten Hieroglyphen. Es gibt hier kein einziges Detail, das nicht von der Absicht des Filmautors bestimmt wäre. (Ich habe gehört, dass Eisenstein selbst einmal in einer Vorlesung diese Hieroglyphen, diese versteckte Sinngebung ironisiert haben soll: Auf Iwans Rüstung war eine Sonne dargestellt, auf der von Kurbski dagegen ein Mond, da dessen Wesen nur darin bestehe, "als Widerschein des Lichtes zu leuchten...") Dennoch hat dieser Film auf Grund seiner musikalisch-rhythmischen Struktur eine erstaunliche Kraft. Die Schnittfolgen, der Wechsel der Einstellungsgrößen, die Korrelierung von Bild und Ton wurden hier so genau und streng erarbeitet, wie das sonst nur in der Musik geschieht. Aus diesem Grund wirkt "Iwan der Schreckliche" auch dermaßen überzeugend. Auf jeden Fall hatte mich dieser Film seinerzeit gerade wegen seines Rhythmus fasziniert. In der Anlage seiner Charaktere, in der Konstruktion plastischer Bilder und in seiner Atmosphäre gerät "Iwan der Schreckliche" dann allerdings so stark in die Nähe zum Theater - bzw. zum Musiktheater -, dass er meiner theoretischen Überzeugung nach bereits aufhört, ein Filmwerk im eigentlichen Sinne zu sein. Das ist eine „Alltagsoper“, wie Eisenstein selbst einmal von einem Film seines Kollegen sagte. Die Filme, die Eisenstein in den zwanziger Jahren geschaffen hat – allen voran „Panzerkreuzer Potemkin“ - , waren da noch von ganz anderer Art. Sie waren voller Leben und Poesie.


(Aus Andrej Tarkowskij "Die versiegelte Zeit" (Gustav Kiepenheuer Bücherei) Seite 72 -74)




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 14.11.2009 20:14 | nach oben springen

#4

RE: Stummfilm

in Gespräche über Kunst und die Welt 15.11.2009 11:03
von LX.C • 2.673 Beiträge

Danke für die Mühe. „Panzerkreuzer Potemkin“ muss ich mir noch ansehen. Allerdings kostet das Nerven :) Da ist so ein leicht bekömmlicher Chaplin wie "Goldrausch" dann doch eine Erholung :))


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#5

RE: Stummfilm

in Gespräche über Kunst und die Welt 15.11.2009 13:16
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Ich habe ihn mir angesehen und fand ihn sehr ermüdend. Ist eben doch eine andere Zeit und die damals bahnbrechenden Umsetzungen in Bild und Aufbau sind heute ein alter Hut. Interessant aber trotzdem, vom künstlerischen Blick. Viel Freude am Filmgucken.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 15.11.2009 13:19 | nach oben springen

#6

RE: Stummfilm

in Gespräche über Kunst und die Welt 13.02.2010 11:47
von LX.C • 2.673 Beiträge

"Metropolis" - Zweite Ur-Aufführung nach 82 Jahren

Zitat
Der Fritz-Lang-Film Metropolis gilt nicht nur als Klassiker, sondern sogar als Weltkulturerbe. Seit 1927 war die Originalfassung verschwunden, nun wurde sie wieder gezeigt. (MDR)


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#7

RE: Stummfilm

in Gespräche über Kunst und die Welt 13.02.2010 11:55
von marlenja • 303 Beiträge

Gleiche Sprache sprechend verstanden die Menschen sich nicht...
Ein beeindruckender Film.


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#8

RE: Stummfilm

in Gespräche über Kunst und die Welt 13.02.2010 12:04
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo LX.C,

es war sogar die Welturaufführung der restaurierten Fassung (nur 8 Minuten fehlen, wohl für immer verschollen). Ganz tolle Tricktechnik und schauspielerische Mimik. Anstatt der Interviews vor dem Film, hätten die bei Arte den Zuschauer doch lieber auf den Filminhalt vorbereiten können wie man es bei Opernaufführungen auch manchmal tut, weil, wenn die singen, man den Text meist nicht versteht. So ist mir von "Metropolis" inhaltsmäßig einiges durch die Lappen gegangen. Das Buch von Thea von Harbou gab es mal bei Ullstein. Das wär' doch mal eine Lektüre. In ihrem Frühwerk soll Harbou ja noch recht ordentlich geschrieben haben, als der Ungeist der Nazis sie quasi verdorben hat, soll sie aber unsägliches zu Papier gebracht haben.

Auf jedenfall habe ich mich gestern sehr gefreut, dass ich vor dem Fernseher dabei sein konnte.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#9

RE: Stummfilm

in Gespräche über Kunst und die Welt 13.02.2010 16:03
von ascolto • 1.289 Beiträge

Huin und wuider, also im Rythmus der Jahreszeyten glubsch uich muir muit nem kräftigen roten Taningesöff die "ollen Kamellen"..... Und uimmer, uimmer wüder buin uich beeindruckt von duiser Flümmerey...

Hinweis: im Filmmuseum zu Paris, gübsch für den Fritzel einen eigenen Raum...Skizzen usw. Sehenswert!

Grussels, aus dem t A rkowskiy


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