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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Widergänger

in Lyrik 15.01.2010 15:35
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Mal wieder an der Ecke,
nach Jahren,
wo die alte Stammkneipe war.

Jetzt steht was Französisches dran.
Die Karte im Glaskasten neben der Tür
preist Maldon Austern und
Etoufée Bluttaube auf Shii-Take-Ragout.

Früher gab's hier nur Baguette,
und Getränke natürlich.
Stammgäste brachten CD's mit:
Deep Purple, seltene Live-Aufnahmen,
„Child in Time“ zwanzig Minuten lang.
Markus saß jeden Abend hier,
wartend, auf was?
Oder Hotte, der Fußballexperte.
Großmaul Charlie, der Möchtegerncasanova.
Philosoph Volker trieb Primatenstudien
für seine Dissertation.
Dimitri, der Musikstudent,
mit dem wir Deutsch paukten
für seine Zulassungsprüfung.
Jürgen, der arbeitslose Ingenieur,
zeichnete neue Erfindungen,
sein Deckel war immer vierstellig.
Dazu „Rust Never Sleeps“.

Nach Drei war das Bier umsonst.
Springsteen sang „Born to Run“.
Die Theke war sauber, der Wirt saß bei uns,
den letzten Vier oder Fünf.
Wir gingen selbst zum Zapfhahn.
„Streets of Philadelphia“
bis morgens um Sieben.

Alles verweht.
Schnee peitscht aufs Menü.
Die Tür erbricht eine Abendgesellschaft,
Krawattenherren und
Ladies in rot und schwarz,
kichernd nach zuviel Prosecco.
„Beehren Sie uns bald wieder!“
spricht Kellnermund.




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#2

RE: Widergänger

in Lyrik 15.01.2010 19:58
von Taxine • Admin | 5.896 Beiträge

Solche Auszüge könnte ich ja immer wieder lesen:

Zitat von Roquairol
Jürgen, der arbeitslose Ingenieur,
zeichnete neue Erfindungen,
sein Deckel war immer vierstellig.



oder:

Zitat von Roquairol
Die Tür erbricht eine Abendgesellschaft,



Durch ein geschickt gesetztes Wort wird ein mehrdimensionales Bild samt ganzer Atmosphäre kreiert.
Eine gut eingefangene Nostalgie.

Ich habe mal mit achtzehn oder neunzehn Jahren für kurze Zeit in einer dieser Kneipen gejobbt, wo der Stammgast hauptsächlich die Einnahmen ausmachte. Da herrschte eine ähnliche Stimmung, alles war freundschaftlich, herzlich, dann süffig ausgelassen bis wankend feuchtfröhlich, jeder kannte jeden, neue Leute wurden „eingeeicht“, alte auch, der Besitzer hatte die Sympathien auf seiner Seite, nur waren jene Stammgäste etwas hinterhältig, weil sie immer abgewartet haben, bis der Wirt so betrunken war, dass sie, sobald er diesen Blick bekam, ohne Erlaubnis hinter die Theke gingen, um sich frei Haus zu bedienen, während der wankende Mann zwischen ihnen saß und sie nun ihm einschenkten. Der winkte dann immer ab, wenn man sich räusperte: "Ischo okäääääääää! Alles Freunde. Füll nach.“
Ich glaube, ihn ereilte dann wohl ein ähnliches Schicksal, wie das der Kneipe in deinem Gedicht.
Vielleicht spielten dabei auch noch andere Faktoren eine Rolle, dass auf dem Klo immer weiße Restspuren zurückblieben, ähnlich wie auf den Toiletten im Bundestag. Wer weiß.

Wie man sieht: die Stimmung kommt wunderbar rüber und weckt nun auch bei mir nostalgische Rückblicke. Au waia.




Surreale Vorstellungen
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#3

RE: Widergänger

in Lyrik 15.01.2010 21:24
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Vielen Dank.

Ich habe ein Problem mit diesem Text: Er wird immer nur rein nostalgisch interpretiert, obwohl er das eigentlich gar nicht sein will, oder nicht nur, sondern vielmehr auch kämpferisch, gegen die modernen Verhältnisse rebellierend (deshalb auch der Titel "Widergänger" - neben anderen mitschwingenden (Be)Deutungen auch zu lesen als: Einer der "dagegen angeht") ... Aber alle sehen immer nur die Nostalgie ... *grummel* ...
Das ist natürlich keine Kritik an dir, liebe Taxine, sondern der Fehler liegt bei mir, weil ich das bei dem Text nicht richtig hinbekomme.
In einer früheren Version stand am Ende noch ein ausdrückliches "Nein!" - aber ich hatte gehofft, es würde auch weniger plakativ gehen. Zumal diese Version trotzdem nostalgisch interpretiert wurde ...

Aber würde es mit dem NEIN am Ende kämpferischer wirken?




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#4

RE: Widergänger

in Lyrik 15.01.2010 21:35
von Taxine • Admin | 5.896 Beiträge

Nein, nein, nur nicht plakativ. Das haut einem dann direkt um die Ohren. Zumal würde so ein "Nein" auch nicht direkt darauf hinweisen, was du eigentlich mit diesem Gedicht beabsichtigt hast.

Das Ersetzen alter, gemütlicher Rückzugsorte durch den schnellen, dekadenten und oberflächlichen Schick ohne Tiefe, der mehr Wert auf das Ambiente legt, statt auf den Menschen, diese Dinge werden schon sichtbar, allerdings wirken die Zeilen auch dadurch nostalgisch, weil du in diesem Gedicht zu viele Gesichter zeigst. Die Menschen, die dort beieinander saßen und alle ihre Eigenarten hatten. Wenn du also auf die modernen Verhältnisse hinweisen willst, so könntest du z. B. deinen Blick mehr auf die äußeren Bedingungen konzentrieren. Vielleicht, das schicke, französische Restaurant mehr ausbauen, Hinweise auf geführte Gespräche, Mensch gegen Mensch gestellt.
Der Blick auf diese eine Lokalität weckt die Vorstellung von Nostalgie, da all das verloren gegangen ist, dahinter kommt das Kämpferische ein bisschen zu kurz.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 15.01.2010 21:38 | nach oben springen

#5

RE: Widergänger

in Lyrik 15.01.2010 22:09
von Taxine • Admin | 5.896 Beiträge

Und weiter überlegt: Zum Beispiel könntest du auch die Typen (denn sie rauszuwerfen, wäre ja wirklich schade) in einer Damals-Heute-Perspektive zeigen, natürlich nicht zu deutlich, nur angedeutet. Oder am Anfang direkt irgendetwas Irritierendes einbauen, das scheinbar mit dem Restaurant nichts zu tun hat, als Hinweis darauf, dass es nicht nur um diesen einen Blick geht. Irgendetwas, das sofort ins Auge kracht und dem Rest gegenübergestellt wirkt, als Widergänger im Gedicht selbst.

Natürlich ist diese Nostalgie in Zeilen, die zu deinem Ärger im Leser geweckt wird, trotzdem sehr gut. So reicht es vielleicht auch, dieses Gedicht als Nostalgie zu belassen und einfach ein nächstes dem Kampf gegen den modernen Wahn zu widmen.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 15.01.2010 22:09 | nach oben springen

#6

RE: Widergänger

in Lyrik 15.01.2010 22:12
von Lennie • 829 Beiträge

Coucou, Roq (willkommen im Club )

Ja - damals gab es noch solche Kneipen. Wo man sich fast wie zu Hause fühlen konnte. Heute??? Keine Ahnung (hier sowieso nicht, aber ich bin ja auch schon lange meilenweit außen vor)
Sind die inzwischen tatsächlich alle in solche Nullachtfuffzehn blingbling-wer-hat-das-dickste-schönste-teuerste-Portemonnaie umgewandelt worden? - Das wäre schade!
Ich glaube, am Nostalgiecharakter des Gedichts ist "Sweet Child in Time" nicht ganz unschuldig - das dürfte mittlerweile so pi mal Daumen um die 40 Jahre auf dem Buckel haben. Was hängen da schon für Schicksale dran!!!
Das bleibt dem Leser vielleicht länger im Gedächtnis als die heutige verkrampfte "Etouffé Bluttaube..."
Ich würde die Leute einfach mehrmals lesen lassen. Und nichts dran ändern. Am Ganzen.
Mir gefällt das. Das Nostalgische - und das Kämpferische...

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#7

RE: Widergänger

in Lyrik 15.01.2010 23:54
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Hallo Lennie,

vielen Dank, beruhigt mich jetzt irgendwie ...

Also: Mehrmals lesen!




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#8

RE: Widergänger

in Lyrik 17.01.2010 00:27
von Zypresserich • 2.878 Beiträge

Der Text gefällt mir. Hat mich dran erinnert, wie ich mir zu "Child in Time" (zu ebendieser Live-Version) Anfang der 70er meine ersten runterholte.


https://zumabgesaegtenast.wordpress.com
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#9

RE: Widergänger

in Lyrik 18.01.2010 09:50
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo,

also, ich finde schon, dass dieser Text nicht nur Nostalgie hervoruft. In der ersten Strophe schon

Zitat von Roquairol
wo die alte Stammkneipe war.

und dann werden schon moderne Veränderungen geschildert (das sagt aus, die Vergangenheit ist entgültig vergangen und nicht wieder reproduzierbar). Natürlich wird sich erinnert, wie es einmal war, trotzdem markant die letzte Strophe, die dann schlussfolgernd feststellt

Zitat von Roquairol
Alles verweht

und dann bricht eben eine neue Generation in die Kneipe herein. Mir hinterläßt das Gedicht den Eindruck, dass die Veränderung nicht erwünscht ist, aber am Schluss doch sehr direkt Überhand nimmt.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#10

RE: Widergänger

in Lyrik 18.01.2010 12:20
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Zitat von Martinus
Mir hinterläßt das Gedicht den Eindruck, dass die Veränderung nicht erwünscht ist, aber am Schluss doch sehr direkt Überhand nimmt.

Liebe Grüße
mArtinus



Danke Martinus. Wäre trotzdem schön, wenn man was dafür tun könnte, daß auch wieder andere Zeiten kommen ...

Übrigens:

Zitat
Hat mich dran erinnert, wie ich mir zu "Child in Time" (zu ebendieser Live-Version) Anfang der 70er meine ersten runterholte.



Es ist toll, daß Musik auf dich so eine sinnliche Wirkung hatte (ich musste mir dabei immer Frauen vorstellen), kann aber leider trotzdem nicht stimmen, denn du meinst die Version von der "Made in Japan" (1973), die war aber nur 12:24 Minuten lang. Ich beziehe mich hier auf ein Bootleg, das unter dem Titel "Scandinavian Nights" erst in den 80er-Jahren erschienen ist ...




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#11

RE: Widergänger

in Lyrik 21.01.2010 21:49
von Zypresserich • 2.878 Beiträge

Ach Gott, man kommt ja hier gar nicht mehr mit dem Lesen nach, wenn man mal kurz weg war. Na, irgendwo rein, also hier:

Zitat
Es ist toll, daß Musik auf dich so eine sinnliche Wirkung hatte (ich musste mir dabei immer Frauen vorstellen), kann aber leider trotzdem nicht stimmen, denn du meinst die Version von der "Made in Japan" (1973), die war aber nur 12:24 Minuten lang



Ja, ich meine die Made-in-Japan-Version (die 12 Minuten reichten aus). Und ja: natürlich gehör(t)en gewisse Weiblichkeitsvorstellungen dazu. Habe mich wohl diesbezüglich unvollkommen geäußert.


https://zumabgesaegtenast.wordpress.com
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#12

RE: Widergänger

in Lyrik 05.02.2010 16:23
von Bea • 680 Beiträge

Also ich war von Anfang an gefesselt, weil es bei mir gleich klick gemacht hat. Ich war Köchin und nach der Wende alles eine Katastrophe - Gastronomie! Fühlte mich gleich aufgehoben...
Habe mal in einer Sportlerklausel gearbeitet und, und, und Habe mich auch öfter mit den Gästen über alle Probleme unterhalten.
Nun sind fast alle Gaststätten geschlossen! Na ja jetzt ist es halt bunter geworden, was ja nicht schlecht ist, aber schön war die Zeit!




Der Bezug des Menschen zu Orten und durch Orte zu Räumen beruht im Wohnen. Bauen/ Wohnen/ Denken - Heidegger Martin

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