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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Auf Reisen

in Lennies Gedankenschnipsel 30.06.2010 17:16
von Lennie • 829 Beiträge

Reise in die Vergangenheit

Nach einem ersten Wochenende bei Verwandten in Jena brachen Mutter, Hanni und ich auf zu unserer diesjährigen kleinen Dreifrauenreise. Seit Mutters 75. Geburtstag machen wir das jedes Jahr: Eine Woche zu dritt unterwegs sein, wie früher, als wir noch Kinder waren. Denn wer weiß, wie lange wir alle noch da sind und solche Reisen gemeinsam machen können. Und da wir uns alle gut vertragen, haben wir auch immer viel Spaß dabei.
Das Ziel, das wir uns diesmal ausgesucht hatten, war der Osten Deutschlands, dem ja ein Großteil der Familie entstammt und den zumindest ich noch so gut wie gar nicht kenne. Kunststück – bei den Entfernungen! Mutter ist natürlich schon fast überall gewesen und dies mehrmals, sie ist unser wandelndes kunsthistorisches Lexikon.
Wir hatten die Orte ihrer Kindheit – Aschersleben und Torgau – als Zielpunkte ausgesucht und haben außerdem Abstecher nach Halberstadt, Quedlinburg und Dresden gemacht. Da die Großeltern ihre Kriegs- und Nachkriegserlebnisse bereits schriftlich festgehalten hatten, fanden Hanni und ich die diesjährige Reise ganz besonders spannend.

Für zwei Nächte hatten wir ein nettes Hotel im Zentrum von Quedlinburg, einer sehr schön renovierten Fachwerkstadt. Hier sind wir am Abend des « fête de la musique » durch die Straßen gelaufen, haben am Marktplatz ein Bier getrunken, Musikanten und Tanzgruppen zugehört und -gesehen.
In Halberstadt, der Geburtsstadt unseres Vaters, fanden wir rein zufällig in der Altstadt Bollmanns Gaststätte, das erste (1873) Versammlungslokal einer SPD-Ortsgruppe und aßen dort sehr gut und reichlich und preiswert zu Mittag. Wir erfuhren die tragische Geschichte der ehemaligen Besitzer, Minna Bollmann und ihres Sohnes Otto, die sich seinerzeit beide das Leben genommen haben, die Mutter zu Zeiten des Nazi-Regimes, der Sohn später in einem SED-Gefängnis. Die heutigen Betreiber der Gaststätte beklagen, dass die Halberstädter Stadtverwaltung an einer touristischen Aufwertung der teilweise sehr sehenswerten Altstadt offenbar keinerlei Interesse hat. So stehen viele der bereits renovierten Fachwerkbauten schon wieder leer, in den Straßen trafen wir kaum auf Menschen, viele Geschäfte sind geschlossen. Bollmanns Gaststätte war die einzige, in der Licht brannte. Wir haben den Besuch dort nicht bereut (www.bollmanns-gaststätte.de) und wünschen den netten Betreibern viele, viele Gäste! Und dem Bürgermeister ein glücklicheres Händchen für sein Stadtmarketing. Gefälligst. Das würde sich da nämlich mehr als lohnen.

Aschersleben, eine hübsche kleine Stadt mit schön renovierten alten Häusern war unsere nächste Etappe. Hier ist Mutter zur Schule gekommen. Und hatte uns schon so oft von dem ganz furchtbar gruseligen Gefühl erzählt, das sie hatte, als sie damals, am Morgen nach der Reichskristallnacht, hier entlang zur Schule gehen musste, gerade mal knappe 8 Jahre ist sie alt gewesen. Niemand war auf den Straßen zu sehen gewesen an jenem frühen Morgen, die Fensterscheiben der jüdischen Geschäftsleute lagen zersplittert auf den Bürgersteigen.... und heute ist es diese nette Einkaufsstraße, hell und freundlich, gar nicht mehr bedrückend.
Wir wanderten zur Grundschule, machten Faxen vor dem Hauptportal und wieder ein paar Fotos.
Das schöne Jugendstilhaus, in dem sie damals gelebt hatten, war sorgfältig renoviert in zarten Grüntönen, es sah fast aus wie neu. Mutter strahlte. Sie war froh, dass alles noch da war und erzählte eifrig Anekdoten von Nachbarskindern, deren Namen ihr plötzlich alle wieder einfielen, von nicht mehr existierenden Bäckereien, Eistüten zu 5 Pfennigen und Großvaters Arbeitsstelle, die heute eine Polyklinik beherbergt. Die Erinnerungen sprudelten geradezu aus ihr heraus, ich hätte sie sie pausenlos knuddeln können, so niedlich war das anzuschauen.

In Torgau – weniger Fachwerk, mehr Renaissance – hatten wir mit unserer Unterkunft ebenfalls Glück und landeten mitten in der Stadt in einer Hotelpension, die sich auf Radfahrer spezialisiert hat (http://www.hotel-torgau.de). Ich durfte mein Auto trotzdem in den Hof stellen. Wir bewohnten zu sehr zivilen Preisen eine Art Appartement mit zwei getrennten Zimmern und genossen ein geradezu grandioses Frühstücksbuffet, das – vermutlich wegen der oft sehr sportlichen Gäste – besonders vitaminhaltig gestaltet war. Hier fand ich sogar frischen Kohlrabi, eins meiner Lieblingsgemüse, den man in Frankreich suchen muss wie die berühmte Nadel im Heuhaufen. Zum Frühstück verspeise ich den zwar normalerweise noch nicht, hier schlug ich aber zu und räumte alles ab.
Auch in Torgau wanderten wir durch die Stadt, an Mutters Gymnasium vorbei und weiter bis zum ehemaligen Wohnhaus, nicht weit vom Schloss entfernt. Hier wurde gebaut, alles war von oben bis unten eingerüstet, Dachdecker waren auf dem Dach beschäftigt. Als wir vorsichtig vom Hof aus in den Garten spähten und Hanni fotografierte, während Mutter Lage und Ausstattung ihrer Wohnung beschrieb, kamen zwei Männer auf uns zu, bemerkten unsere Neugier und fragten, ob wir etwas suchten. Mutter erklärte, dass sie in dem Haus bis zum Kriegsende gelebt habe und es stellte sich heraus, dass die beiden Männer der Enkel und Urenkel ihrer ehemaligen Hausbesitzer waren, denen das Gebäude noch immer gehörte. Mutter war natürlich begeistert und erzählte den Herrschaften ein paar Schwänke aus der Jugend ihres bereits vor längerer Zeit gestorbenen Ur- bzw. Großvaters, mit dem sie seinerzeit gespielt hat.

Weiter ging es zur Elbe, über die unsere Großmutter mit ihren Kindern im April 45 geflüchtet war. Als Allerletzte, die Brücke war bereits vermint und flog kurz darauf in die Luft. Ihre Schilderung dieser Flucht habe ich wieder und wieder gelesen und fand es sehr beeindruckend, jetzt den Ort zu sehen, wo das alles passiert ist.
Wir fotografierten die neue Brücke und den Gedenkstein der alten. Hanni erinnerte sich nicht mehr genau an die Fluchtgeschichte und Mutter musste sie ihr noch einmal erzählen. Am Tor zum Schloss, gleich neben der Elbe gelegen, wurde für eine Ausstellung mit dem Titel „Spuren des Unrechts“ geworben und wir beschlossen spontan, sie zu besuchen. Es handelte sich um eine ausführliche Dokumentation mit Fotos und Textmaterial über den Strafvollzug in Torgau zu verschiedenen Epochen: während des Dritten Reichs, kurz nach dem Krieg und zur Zeit der DDR.
Wir sahen Luftaufnahmen vom Fort Zinna, wo die russischen Besatzungsmächte kurz nach Kriegsende im berüchtigten Speziallager Nr. 8 viele teils willkürlich Verhaftete interniert hatten. Einer von ihnen ist unser Großvater gewesen.
Wir verbrachten viel Zeit in dieser Ausstellung, suchten auf Fotos und Namenslisten nach bekannten Namen und Gesichtern, lasen Lebensläufe von Getöteten und Überlebenden. Hatte Großvater jemanden davon gekannt? Mutter entdeckte das Bild eines ehemaligen Arbeitskollegen ihres Vaters, der offenbar gehenkt worden war.

Von Torgau aus beschlossen wir, noch einen Abstecher nach Dresden zu machen, um uns die wieder aufgebaute Frauenkirche anzuschauen, die ich nur von einem ersten Aufenthalt Anfang der 90er Jahre als Puzzle am Boden liegend kannte. Das war ein schöner Abschluss für die Reise, so viel ist in Dresden seither renoviert worden! Auch hier liefen wir wieder stundenlang durch die Stadt.
Gewohnt haben wir in einem hohen Ibis-Hotelturm, ganz oben im 10. Stock mit toller Aussicht, auch hier sehr kostengünstig in einer geradezu feudalen Suite.
Am Abend haben wir auch im Hotel gegessen, wo es, dank Fußballweltmeisterschaft, eine spezielle „Südafrika“-Karte gab. Da wurden einem diverse Tierchen zur Nahrung angeboten, die Leute wie wir viel lieber nur streicheln würden. Höchstens. Strauß und Känguruh und sowas. Wobei letzteres in Südafrika ja eigentlich nichts verloren hat. Aber weit weg lebt es allemal. Auf dieser Karte gab es auch ein „Tomaten-Bredi mit Lammfleisch“, worunter wir uns nichts vorstellen konnten. Klang irgendwie schweizerisch. Bredi. Wie Rösti. Mmmh! Wir fragten unseren gemütlichen, nicht sehr nervösen Kellner und der meinte in schöner Offenheit, er habe keine Ahnung, was das sei, Bredi. Das stünde halt auf dieser Karte wegen der Weltmeisterschaft mit drauf, er habe es aber noch nie verkauft. Und würde uns eigentlich auch empfehlen, etwas anderes zu essen, bei sowas Exotischem wisse man doch nie, was da kommt. „Nu, ich sach immer: Schuster, bleib bei deinen Leisten,“ fügte er noch in schönstem Sächsisch hinzu. Wir grinsten uns heimlich eins und wählten dann alle die preiswertere deutsche Hausmannskost. Herrlich!

Von Dresden aus fuhren wir dann zurück zu Mutter, wo wir Hanni am nächsten Vormittag zur Bahn in Richtung Hamburg brachten. Mutter und ich legten noch eine gemütliche Shopping-Tour durch die Innenstadt ein mit dem Ergebnis, dass ich in einer eklig schweren sperrigen Plastiktüte 10 neue Bücher nach Hause schleppen durfte.
Ein letztes Festmahl beim Andechser: Käsespatzen mit Salat für 6 Euro 90! Köstlich. Ich habe nicht mal alles geschafft. Inclusive Wein und Espresso kamen wir zu zweit mit knapp 25 Euros davon, der helle Wahnsinn.

Sonntag früh fuhr ich ab. Mittagspause wie üblich an der Raststätte Mahlberg, kurz vor Freiburg. Diesmal machte ich es richtig, ging zuerst aufs Klo, um den wertvoll gestylten Toiletten-Eintritts-Bon zu bekommen, ließ die sich automatisch reinigende Klobrille aus Jux wieder ein paarmal umsonst um die eigene Achse eiern (sieht zu doof aus...) und leistete mir dann, diesmal unter Verrechnung meiner 50-centigen Klobenutzung, einen Salat und eine letzte deutsche Laugenbrezel.

Warm war's. Sogar durch die geschlossene Scheibe bekam ich links auf dem Arm eine Art Sonnenbrand. Zwischen Beaune und Lyon wurde im Radio auf France Info das Fußballspiel Deutschland-England übertragen. Die Zeit ging dabei schnell vorbei. Ich schaffte es bis Valence, quartierte mich dort autobahnnah im Novotel ein.
Auch hier gab es – zufällig – eine Art Suite für mich, allerdings zum „Normaltarif“.
Nur: der zur Suite gehörende offensichtliche Konferenzraum war nicht aufgeräumt, es stank nach kaltem Rauch, halbleere Wasserflaschen und Bonbonpapierchen zierten den Tisch. Schnell machte ich die Tür wieder zu! Nachdem ich mich durchgestylt hatte, speiste ich im hoteleigenen Restaurant. « Emincé de poulet au curry » nannte es sich pompös. Klang gut. Was kam, waren ein paar Streifchen gedünstete Hühnerbrust, die in einer dünnen Retorten-Currysauce schwammen, begleitet von einer umgedrehten Tasse voll klebrig-fadem Parboiled-Reis. Wie immer man das schreiben mag. Den esse ich ja normalerweise sowieso nie, ich halte mich an Basmati. Ein halbes müdes Salatblatt daneben und am Tellerrand ein paar Krümel Paprikapulver als Dekoration. Weiter nichts. Das Ganze zu 13 Euros 90.
Die gesamte Rechnung am nächsten Morgen, Zimmer, Frühstück und Abendessen, belief sich auf 180 Euros. Für eine Person. Man traut sich was.

Es ließ sich nicht leugnen: Ich war wieder daheim in Frankreich!

zuletzt bearbeitet 30.06.2010 23:01 | nach oben springen

#2

RE: Auf Reisen

in Lennies Gedankenschnipsel 30.06.2010 22:17
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Hallo Lennie, sehr schön!

Und da musste ich jetzt doch glatt recherchieren:
Tomaten-Bredi




Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458
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#3

RE: Auf Reisen

in Lennies Gedankenschnipsel 30.06.2010 23:11
von Lennie • 829 Beiträge

Hahaha - danke, Roq! Siehste, auf die Idee, zu googeln, hätte ich eigentlich auch selbst kommen können.... Sieht ja gar nicht gefährlich aus, macht sogar einen recht appetitlichen Eindruck, so ein Bredi. Vielleicht hätten wir uns doch trauen sollen....
Aber mit dem Rezept jetzt gut versorgt, kann ich's ja mal nachkochen. Wenn Mutter das nächste Mal zu Besuch kommt - kicher.... die wird staunen.

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#4

RE: Auf Reisen

in Lennies Gedankenschnipsel 04.07.2010 14:24
von LX.C • 2.672 Beiträge

Ja, schön sind die neuen Bundesländer geworden. Und jede Flucht unnötig Gen Osten zu reisen kann man jedem nur empfehlen; auch wenn’s viele noch nicht wahrhaben wollen.


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
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#5

RE: Auf Reisen

in Lennies Gedankenschnipsel 05.07.2010 10:06
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Lennie

In Halberstadt, der Geburtsstadt unseres Vaters,



In den letzten Jahren, war meine Mutter zweimal in Halberstadt und pflegte Kontakte mit dem Jüdischen Museum. Sie fand die Leute dort wahnsinnig nett und aufgeschlossen. Ihr Vater stammt aus dieser Gegend.
Halberstadt ist für mich immer ein Begriff wegen des Orgelprojektes von John Cage




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#6

RE: Auf Reisen

in Lennies Gedankenschnipsel 05.07.2010 17:47
von LX.C • 2.672 Beiträge

Und wegen der Wüüüüüüürstchen. (Naja, war grad kein Schwein da )


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
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#7

RE: Auf Reisen

in Lennies Gedankenschnipsel 05.07.2010 19:23
von Lennie • 829 Beiträge

Jahaa, am jüdischen Museum kamen wir auch vorbei, Martinus! Das war allerdings an dem Tag geschlossen.
Und die Wühüüürstchen, die hab ich natürlich bei Bollmanns gegessen! Die machte meine Großmutter früher immer, wenn wir sie besuchten, mit Kartoffelbrei und gerösteten Zwiebeln, mmmh..... Diesmal erinnerte der Geschmack ein wenig von Ferne. Nicht schlecht, aber irgendwie von Ferne. Die Pelle hat mich gestört. Die war zu hart, um wahr zu sein. Ich mag keine harte Wurstpelle. Die hätte ich normalerweise abgefummelt. Aber war ja im Restaurant, da darf man nicht mitti Fingers im Essen rumpopeln, um so'n widerspenstigen Wurstzippel zu erwischen, hab ich auch nicht gemacht (schließlich hat Madame Lennie eine gewisse Erziehung genossen, an die sie sich hin und wieder noch erinnert, wenn sie will...), sondern alles mitgegessen. Aber ohne diese Pelle wäre der Genuss eben doch noch perfekter gewesen.

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#8

RE: Auf Reisen

in Lennies Gedankenschnipsel 06.07.2010 01:12
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Ich finde es großartig, zu sehen, dass eine Reise lebendig wird, zu erfahren, was du erlebt hast und was du mit all den Eindrücken verbindest und verbinden konntest. (Das müssen wir unbedingt beibehalten, dieses Berichten (obwohl es ja manchmal einfacher und manchmal schwieriger aus dem Geist strömt, so meine Erfahrung bei meinen Reisen).) Danke auch dir, liebe Lennie.

Schriftlich festgehaltene Nachkriegserlebnisse von Großeltern sind wahre Schätze, ich warte noch heute darauf, dass mein Großvater (aus Deutschland) die seinen endlich mal herausrückt. Stelle ich mir immer schwierig vor, all das noch einmal aufzuwühlen.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 06.07.2010 01:20 | nach oben springen

#9

RE: Auf Reisen

in Lennies Gedankenschnipsel 06.07.2010 13:47
von LX.C • 2.672 Beiträge

Ja, zu viel geht einfach verloren.


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
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#10

RE: Auf Reisen

in Lennies Gedankenschnipsel 06.07.2010 17:29
von Lennie • 829 Beiträge

Da stimme ich euch zu, was die großelterlichen Erinnerungen anbetrifft. Sowas ist schlicht unbezahlbar. Ich habe das Glück, dass die Familie meiner Mutter schon über mehrere Generationen hinweg bildlich und textlich sehr aktiv ist. Insbesondere die Erlebnisse des 2. Weltkrieges denke ich, sind für die Betroffenen schwerer zu erzählen als aufzuschreiben - je nachdem, was den Betroffenen widerfahren ist. Wobei das Schreiben, abgesehen vom dokumentierenden Charakter, ja auch immer eine Art positive Eigentherapie darstellt, wenn man ein Händchen dafür hat - insofern kann ich das nur befürworten.

Meine Großmutter hat die Geschichte ihrer Flucht relativ bald nach Kriegsende aufgeschrieben, als die Erinnerungen noch frisch und umfassend waren. Mein Großvater, von sehr "preußisch-korrektem" Wesen, hat viel länger gebraucht, ehe er bereit und in der Lage war, sich dem Papier gegenüber so weit zu öffnen. Er war zwei Jahre lang im "verwaltenden" Kriegseinsatz in Frankreich und nach dem Krieg 5 Jahre in Buchenwald interniert. Daraus sind zwei Bücher entstanden, deren Lektüre allerdings nur der Familie zugedacht war, sie sind nie veröffentlicht worden. Leider sind beide Großeltern viel zu früh gestorben - zu gern hätte ich mit ihnen im Nachhinein noch einmal über ihre Erlebnisse gesprochen, zu vielem hätte ich noch so viele Fragen gehabt! Mutter war schließlich noch ein Kind und Politik war damals nicht unbedingt ihr größtes Interessengebiet. Zwar muss sie mir heute immer wieder als letzter Zeitzeuge herhalten und tut das auch gern, denn sie sagt, selbst in den Filmen im Fernsehen wird heute oft schon manches nicht mehr richtig oder unkomplett dargestellt. Umso kostbarer sind mir unsere privaten "Originalerinnerungen".

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