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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Silvio Pellico

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2010 22:30
von Taxine • Admin | 6.081 Beiträge

Silvio Pellico
Meine Gefängnisse

Weder der höchste Friede noch die höchste Unruhe kann auf Erden dauern. Von dieser Wahrheit muss man sich überzeugen, um im Glück nicht hoffärtig zu werden und sich in der Verwirrung nicht zu erniedrigen.

Da ist mir ein eigenartiges Buch in die Hände gefallen, dessen Inhalt gemächlich durch den Geist ge- und wieder verströmt ist. Es wird auch für diesen Schriftsteller das einzige Werk bleiben, das vorgestellt werden kann, denn es ist das einzige in deutscher Übersetzung, das noch existiert. Trotzdem lohnt sich ein Blick.
Ricarda Huch schrieb in „Menschen und Schicksale aus dem Risorgimento“ über den Erinnerungsbericht von Silvio Pellico:

Zitat von Ricarda Huch
Wie der in süßen Farben zusammenklingende Bogen sich durch die Wolken spannt, wenn das Wetter verrauscht ist, so breitet sich oft die Anmut des Kunstwerks über Qualen aus, denen es entsprungen ist, und macht sie zum Bilde, das wir ergriffen anschauen. Wer könnte jemals, ohne immer von neuem bezaubert zu werden, den Schilderungen des klassischen Buches folgen, dem ebenmäßigen Reigen melodischer Worte, die Jammer, Grausen, Ekel und Demütigung mit schlichter Unschuld und Klarheit an uns vorüberführen? So malten ehemals fromme Maler, etwa ein Frau Angelico (kleine Zwischenanmerkung: über den sie übrigens auch geschrieben hat), die Martern des Herrn und der Heiligen; das Grässliche treu darstellend, doch durch den Schimmer der Farbe und die Anmut der Linie zu einer schönen Erscheinung umwandelnd.



Silvio Pellico wurde am 24. Juni 1789 in Saluzzo geboren. Sein Vater, Onorato Pellino, war ein unruhiger Geist, der öfter den Beruf wechselte und selbst Gelegenheitsverse verfasste. Auch Silvio übte sich im Stückeschreiben, wobei lediglich sein „Francesca von Rimini“ die Zeit überdauerte, während alle anderen Stücke in Vergessenheit gerieten.
Pellico lernte Piero Maroncelli kennen, ein späterer Leidensgefährte seiner Gefangenschaft, der auch im Buch häufig erwähnt wird. Dieser gehörte zum Geheimbund der Carbonari, an dem auch Pellico Gefallen fand, dessen Ansichten und Tätigkeiten sich gegen die Regierung wendeten. Gemeinsam brachten sie eine konspirative Zeitschrift „Der Vermittler“ (Il Conciliatore) heraus, die 1820 endgültig verboten wurde. Pellico lernte etliche Schriftsteller und Denker kennen, wie z. B. Schlegel, Madame Staël, Lord Byron und viele andere. Im gleichen Jahr, im Herbst 1820, wurden sowohl Maroncelli als auch Pellico verhaftet.

"Meine Gefängnisse" ist das Werk eines Mannes, der sich in seiner Einsamkeit im Kerker mit Gott tröstet und dabei versucht, die Werte des Christentums zu erkennen und für sich umzusetzen.
Pellico berichtet in „Meine Gefängnisse“ sprachlich schön und eindringlich über seine Erfahrungen im Kerker und gestaltet seine Erinnerungen tatsächlich als ein kleines, literarisches und dennoch einfach gehaltenes Kunstwerk, das eine ganz eigenartige, fast schon Ruhe auslösende Wirkung auf den Leser hat (zumindest auf mich), obwohl der Bericht alles andere als beschaulich oder friedfertig ist.

Zitat von Pellico
Vielleicht gibt es Unruhen anderer Art als die, welche ich kenne, und weniger verdammenswerte. Jene aber, die mich bis jetzt zu ihrem Sklaven gemacht hatte, war nicht eine Unruhe aus bloßer Betrübnis: es mischte sich viel Hass hinein, viel Kitzel, zu verdammen, die Gesellschaft oder dieses oder jenes Einzelwesen mit abscheulichsten Farben zu schildern. Eine verbreitete Krankheit auf Erden! Der Mensch hält sich für besser, indem er die anderen verabscheut. Es scheint, dass sich alle Freunde ins Ohr sagen: „Lieben wir uns nur untereinander! Wenn wir schreien, dass alle anderen Lumpen seien, wird es scheinen, wir selbst seien Halbgötter!“
Sonderbar, dass das Leben im Zorn so beliebt ist.


Pellico wurde nach seiner Verhaftung für schuldig befunden und zum Tode verurteilt, bis seine Strafe auf 15 Jahre schwerer Kerker umgeändert wurde. Hier wird in schweren und schwersten Kerker unterschieden und unterteilt, wobei schwerer Kerker für den Gefangenen bedeutet, auf einer kahlen Holzpritsche zu liegen, klägliche Nahrung und Wasser zu erhalten und eine Fußfessel zu tragen, während schwerster Kerker Wasser und Brot und eine Kette um Füße und Oberkörper heißt, so dass sich der Gefangene nicht einmal frei im Raum bewegen kann.

Pellico unterwirft sich der erst genannten Strafe, wechselt von den Bleikammern Venedigs nach Alt-Österreich, auf den Spielberg bei Brünn, einem berüchtigten und gefürchteten Kerker. In seiner Schrift, die kaum Anklage oder Hinweis auf Unrecht ist, spielen Hunger oder Freiheitsberaubung kaum eine Rolle, obwohl sie durchaus eine starke Belastung darstellen, ihn oft schwächen, krank werden und fast sterben lassen. Vielmehr betrachtet er sich selbst und die Menschen, auf die er trifft und ist von so mancher Nächstenliebe überwältigt. Darunter ist ein Mitgefangener, der sich für Ludwig den XVII hält: „Ich versichere Ihnen, dass ich es mehr schätze, Mensch zu sein als König.“, oder auf einen geheimen Briefeschreiber, der sich als zynischer Atheist herausstellt, den er vergeblich versucht zu bekehren.

Zitat von Pellico
Es geht im Gefängnis zu wie in der Welt. Wer seine Vernunft gebraucht, um zu toben, sich zu beklagen und Beschimpfungen auszustoßen, hält den für einen Toren, der sich geduldet, liebt und sich mit schönen Phantasien tröstet, welche die Menschheit und ihren Schöpfer ehren.


Ein starkes Mitgefühl empfindet er für alle Menschen, während er sich selbst beobachtet und zwischen Wut und Liebe hin und her schwankt. Außenstehende Menschen, Kommissare, Bekanntschaften, Kerkermeister und Wächter zeigen ihre eigenen Gesichter, und oftmals wird der „große Schlüsselbund“, mit dem bedrohlich geklappert wird, nicht über die Menschlichkeit gestellt. Angeblich zählt seine Haft nur 12 statt 24 Stunden, was bedeutet, dass 15 Jahre sich in 7,5 Jahre halbieren. Tatsächlich aber verbringt Pellico mehr als neun Jahre in Haft.

Endlich entlassen kehrt er schließlich als gebrochener und menschenscheuer Mann zurück, was weiteren Aufschluss auf die Umstände gibt. Das Ganze liest sich als eine Suche nach den eigenen inneren Abgründen, dem Ich, Suche nach Vergebung, Glaube, Gott, Gerechtigkeit und Liebe, während er über seine Gefangenschaft versucht, seinen Glauben zu stärken. Eine der wichtigsten Szenen ist auch die Beinamputation seines Freundes Maroncelli. Während er über seine Krankheiten und Leiden, seinem Kampf mit der eigenen Aufrichtigkeit und seiner Gläubigkeit oftmals sehr philosophisch und religiös wird, dabei auch stark das Christentum beweihräuchert, manchmal als Missionar auftritt, wobei er gegen die Atheisten aber schnell erkennt, dass es sinnlos ist, sich als Heiliger aufzuspielen, während man ein struppiger und im eigenen Leid dahinvegetierender Gefangener ist, so beschreibt er die Amputation sehr bodenständig, genau und detailliert, auch die langwierige Heilung danach.
Trotz der starken religiösen Tendenzen, wird der Leser von Pellicos Zeilen, durch die er überhaupt seine Zeit überlebt hat, getragen. Sein Stil macht wohl die Lesefreude aus. Sein Leid wirft dabei philosophische Hinterfragungen auf, mit der man sich jederzeit auseinandersetzen kann, ohne die negativen Begleitumstände, die ihn in diesen Tiefen kaltnasser Steine umwehten oder so stark an Gott banden.

Mit Aussagen wie:

Zitat von Pellico
Das Leben in Freiheit ist um vieles schöner als hinter Kerkermauern – wer wollte es bezweifeln? Und doch kann man auch im Elend eines Gefängnisses, wenn man nur denkt, dass Gott gegenwärtig und die Freuden der Welt vergänglich sind, dass das wahre Heil im Gewissen liegt und nicht in den äußeren Gegenständen, das Leben mit Wohlgefallen empfinden.



… teilt er die Ansicht vieler Gefangener, die in ihrem Elend Gelegenheit fanden, sich auf das Leben und sich selbst zu besinnen, die Flüchtigkeiten der Welt als Trugbilder zu entlarven.

Zitat von Pellico
Ein Tag ist schnell vergangen und wenn man sich am Abend ohne Hunger oder heftige Schmerzen ins Bett legt – was macht es dann aus, ob das Bett zwischen Mauern steht, die ein Gefängnis, oder zwischen Mauern, die ein Wohnhaus oder ein Palast umschließen?



Dieses Buch muss man in der heutigen Zeit vielleicht nicht gelesen haben, wer sich aber für das Risorgimento, der italienischen Freiheitsbewegung, und das 19. Jahrhundert interessiert oder allgemein für Schreibstil und Ansichten dieser Epoche, dem sei es in seiner Schlichtheit doch ans Herz gelegt. Ich war hierbei über mich selbst verwundert, dass ich an solchen Zeilen Freude hatte. Doch kann der Inhalt auch ohne eigenen und tieferen Glauben auf seine ganz eigene Art und Weise wirken und hat es auch irgendwie getan.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 15.08.2010 23:16 | nach oben springen


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