background-repeat

Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Wassili Axjonow

in Die schöne Welt der Bücher 16.08.2010 15:21
von Taxine • Admin | 6.081 Beiträge

Wassili Pawlowitsch Axjonow (auch Aksjonow geschrieben) wurde am 20. August 1932 in Kasan geboren und starb in Moskau am 6. Juli 2009. Er ist der Sohn von Jewgenija Ginsburg, die ihre 18 jährige Gefangenschaft in den Gulags auch schriftlich verfasst hat. Er wurde, weil er "Sohn" war, zu ihr in die Verbannung geschickt und studierte Medizin. Er begann seine Schriftstellerlaufbahn also noch in der Sowjetunion und musste später in die USA emigrieren. Seine erste Erzählung war: "Drei trafen sich wieder".

Aber nun erst einmal zu:
Der rosa Eisberg oder Auf der Suche nach der Gattung

„Ich habe Lust auf ein Wunder“, gestand Pawel.
„Genau, ich kann auch den Hals nie voll genug kriegen.“


Da hat Axjonow wirklich ein schönes, kleines Buch verfasst, das durch seinen Humor, seine Begegnungen mit Menschen und die Suche nach der Gattung besticht. Die Gattung ist die aussterbende der Künstler und solcher Menschen, die an Wunder, Magie, Grenzenlosigkeit und Unstaatlichkeit glauben.
Der Hintergrund ist hier ganz klar ein ähnlicher, wie der Solschenizyns, wenn er klagt:

Zitat von Solschenizyn
Wo war nur das russische Herz geblieben? Linientreue ist an seine Stelle getreten! Was haben sie doch unserem Volke für eine eiserne und unwiderrufliche Furcht eingejagt, dass es verlernte, sich um die leidenden Menschen zu kümmern.


(Archipel Gulag, erster Band)

Nur hat Axjonow diese Suche nach Veränderung allerdings (und vielleicht auch zum Glück) ganz anders gestaltet, ohne Klage oder Vorwurf, ohne Politik oder Aufklärung, eher durch die Kunst, das Wesentliche wegzulassen und den Menschen, wie er ist, hervorzuheben.

Axjonow nutzt Collagen. Bei ihm sind die Grenzen zwischen eigenem Text und Zitaten, Volksliedern und Parodien häufig verwischt, so dass man auf Puschkin-Stellen, Dostojewskij-Parodien und Eigenzitate aus seinen früheren Werken stößt, die nicht immer sofort zu durchschauen sind.

Bekannt ist z. B. von Arthur Koestler: „Der Yogi und der Kommissar“, wo er den an den Staat angepassten Menschen einem Yogi, „für den die Welt kein mechanisches Uhrwerk, sondern eher eine Spieluhr ist“ gegenüberstellt. Während der „Kommissar“ an Gütererzeugung und Güterverteilung glaubt und dass dafür der Zweck alle Mittel heiligt, so glaubt der Yogi, dass das Ziel nicht vorhersehbar ist und dass es auf die Mittel allein ankommt. Der eine benutzt die Gewalt für die Umsetzung, der andere lehnt diese konsequent ab. (Das einmal grob zusammengefasst. Näheres dazu (auch zu empfehlen) in: „Arthur Koestler „Der Yogi und der Kommissar“)
Axjonow setzt diesen Hintergrund nun wunderbar für den Künstler um. Sein Reisebericht wird unterbrochen durch die Hinterfragungen: Was ist Kunst? Prosa? Lyrik? Das Drama? Durch Aufführungen und Zwischengedanken, die nahezu brillant sind. So also auch sein: „Der Künstler und der Yogi“, ein Zwischenkapitel – „Shavāsana. Die Position der absoluten Ruhe“, das den inneren Konflikt, ob nun „Religion und Findung“ oder die weitere Zuwendung zur Kunst, die nie der Ruhe bedarf, immer Unruhe oder doch wenigstens Suche benötigt, um kreativ sein zu können, herrlich und auf den Punkt bringt:

Zitat von Axjonow
Künstler: Soll ich in eine Wolke mich verwandeln, in geistlosen Dunst?
Yogi: Kann ich nur empfehlen.
Künstler: Doch wo bleibt dann das Brodeln, der Moschusborn des Schöpfertums, Gebrüll, verwegner Angriff, wo die schweren Truhen der Retrospektiven? All dies verflüchtigt sich?
Yogi: Eben.
Künstler: Nein, nimmermehr geb ich das Feuer des Prometheus preis, den ew’gen Quell von Liebe, Verstauchung, Inspiration! Eher erschieß ich den Versucher. (Schießt auf ihn.)
Yogi: Ihre Kugel steckt mir unterm Schulterblatt.



Zurück bleibt die Einsicht, bis der Künstler von „Wellen an Prāna durchflossen“ wird und sich nicht mehr als Wolke fühlt, „dieweil eine Wolke sich ja nicht selbst fühlt“. Und mit dieser Erkenntnis, erlischt die erste Form der Gattung:
Eine Woge ferner Ironie, auch Prāna genannt, schaukelte das, was früher ein Künstler gewesen war.

Künstlerwolke wird Regenwolke,…
Und damit hatte sich der Spaß auch schon: ein kurzer Blick auf nasse grüne Erde und, einen Augenblick lang, die Verwandlung von Geopolitik in schlichte Landschaft, und dennoch…

Zitat von Axjonow
Yogi: Stehen sie auf. Sie sind schon keine Wolke mehr.
Künstler: Was dann? Wenn keine Wolke, wer bin ich dann?
Der Yogi schweigt.



Ein geniales Stück Text, wie ich finde.

Ein Künstler im modernen Russland zu sein, ist schwer. Man wird nicht ernst genommen, der Zweck der Kunst leuchtet den Menschen nicht mehr ein. Der Künstler ist genötigt, sein Tun beständig zu verteidigen und zu rechtfertigen und entwickelt dahinter ein Schuldgefühl, das ihm ein "normales Leben" kaum noch möglich macht. Darüber hinaus verliert er aber trotzdem seine Liebe zum Menschen nicht. Ganz im Gegenteil sind Begegnungen wichtig, inmitten derer Misanthropie keinen Sinn ergibt.
Die aussterbende Gattung, die das Volk nicht braucht, – "Tja, wenn keiner uns braucht, sind wir eben überflüssig. Wir brauchen uns selbst, für mich ist das die Hauptsache. Trotzdem, ihr müsst zugeben, wir sind ständig dabei, etwas zu verlieren, ja, haben es schon verloren. – sucht sich trotzdessen weiter durchzusetzen, weil sie nicht anders kann, weil sie genau darum existiert, und sucht so auch einander, nach dem Rest dieser Gattungsform. „O käm ich doch nochmal zur Welt als Kiefer auf dem Fels. Ist die Kiefer nicht zu klein für eine Menschenseele? Manchmal bin ich in Zweifel – ist sie nicht zu groß?“

Beginnen könnte man die Zusammenfassung auch so:
„Der Shiguli-Fahrer Pawel Durow, Künstler einer seltenen, nunmehr fast ausgestorbenen Gattung, kam aus dem litauisch-preußischen Randzipfel unseres Reichs und fuhr in dessen unermessliche Tiefe.“
Direkt am Anfang des Buches wird Durow von einem betrunkenen Sprengwagenfahrer gerammt, der ihm direkt den Wagen klauen will – „Das beulen wir schon wieder aus.“ - Durow zieht es vor, auf die Miliz zu warten, was ihm, da Sonntag ist, die Weiterfahrt erst einmal unmöglich macht. Er übernachtet auf einem Autofriedhof, wo er auf die Geister all derer trifft, deren Autos hier zusammengefercht stehen. Kurz fragt sich der Leser, ob Durow vielleicht selbst bei dem Unfall gestorben ist, doch scheinbar geht es ihm gut, er hat nur eine eigene Verbindung zur „anderen Welt“, gehört er schließlich auch zu den Aussterbenden, zumindest bleibt die Hinterfragung das ganze Buch hindurch offen. Daraufhin geht es los, die Fahrt im Shiguli durch das Land.
Bei Axjonow geht es um Raum, um leeren und gefüllten, um seine Formen, um das Zerfließen der Zeit in diesem Raum, manchmal auch nur um einen Kofferraum.
Er ist „on the road“, aber doch ganz anders, als ein Kerouac. Die Ich-Perspektive wechselt in die der dritten Person und schweift auch gerne zu denen ab, denen Durow begegnet, wie z. B. zu einem Mädchen, das unglücklich liebt, einer Familie, die unbedingt ans Meer will, oder zu einem alten Muttchen, das, um Geld zu sparen, durch das Land trampt, um ihrer Tochter beizustehen, die von ihrem Ehemann betrogen wird.
All das ist nicht einfach nur erzählt, sondern eher schwebend berichtet, mit viel Liebe zum Menschen und jeder Menge Humor. Der Stil ist locker und modern, hin und wieder nahezu experimentell.

So wird die Frage nach der Kunst und der Kunst zu leben gestellt, wie auch die, warum der Mensch im Leid Tränen vergießt, welcher Schutzmechanismus hier für den Organismus in Kraft tritt. Wasser ist Leben. Vergießt man hier Leben?

Als Krone der lebendigen Natur wird allenthalben der Mensch angesehn. Verschweigen wir lieber, wer ihn als solche ansieht, und lobpreisen wir die riesigen Bäume, welche auf die Krone keinen Anspruch erheben…

Auch das Ende ist beeindruckend. Der Glaube an Magie und Wunder wird überrollt, ja „gesteinigt“, wie ein bedeutungsloser Scherz von Musikern, die mit Steinen nach einer Ente werfen und sie aus Versehen töten. Das allerdings in seinem Zusammenhang zu verstehen, bedarf des Lesens.

Von diesem Schriftsteller wird auf alle Fälle mehr gelesen.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 16.08.2010 15:32 | nach oben springen


Besucher
0 Mitglieder und 3 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: Bananasplit
Forum Statistiken
Das Forum hat 1018 Themen und 23400 Beiträge.

Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen | ©Xobor.de
Datenschutz