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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Theatermacher

in Gespräche über Kunst und die Welt 23.09.2010 20:18
von Taxine • Admin | 5.902 Beiträge

1) Christoph Schlingensief

Nun ist mir auch wieder der Titel von Schlingensiefs Aufführung eingefallen. "Sterben lernen" war's.
Hier das Stück zum Nachlesen.

Gefunden auf: Schlingensiefs Homepage, die übrigens sehr zu empfehlen ist, sowohl in den etlichen Videos, als auch in seinem Blog (Siehe auf der Homepage: Schlingenblog). Dort findet man unter anderem: wie eine Strahlenbehandlung funktioniert, Gedanken zu seinen Aufführungen, eine Verteidigung der Hegemann (Theaterleute nehmen Gedanken-Diebstahl sowieso nicht so ernst, zudem war Schlingensief mit Hegemanns Vater befreundet) und etliche andere seiner Gedanken.

Zitat von Schlingensief in Schlingenblog
Wir suchen vielleicht deshalb etwas an das wir glauben können, weil wir das Vertrauen in uns verloren haben. Wenn man das Vertrauen an sich selber wieder hat, dann kann man wahrscheinlich in diesem Leben wunderbar glücklich werden. Aber da das Leben nicht leicht ist, verliert man als aller erstes das Vertrauen an sich selber.NNNTTT


Auf der Blogseite wiederum findet man auch einen weiteren Link zu einer Seite, die sich "Geschockte Patienten" nennt. Dort berichtet er über seinen Krankheitsverlauf.

(Eine ausführliche Zusammenfassung über: Wer war Christoph Schlingensief? kann man sich unter diesen Umständen dann vielleicht auch erst einmal sparen. Die Seite ist ausführlich genug. )




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 23.09.2010 20:29 | nach oben springen

#2

RE: Theatermacher

in Gespräche über Kunst und die Welt 25.09.2010 14:09
von Taxine • Admin | 5.902 Beiträge

Überall sieht man Leute, die permanent Stellung beziehen zu irgendwas und ihr Kleidchen durch die Lüfte werfen. Aber keiner ist informiert, was der andere vorhat. Und keiner weiß wenigstens ungefähr, um welches Thema es geht und wie man darüber nachdenken könnte. Es geht nur darum, so zu tun, als würde man über etwas nachdenken. So zu tun, als hätte man sich schon maßlos mit einer Sache beschäftigt.


Man könnte sagen: Da diese Utopie Gottes bis heute nicht verwirklicht ist, ist die Niederlage Gottes ganz klar bewiesen. Aber darüber will ich zurzeit nicht nachdenken. Sondern ich will mir klarmachen, dass wir erst, wenn wir uns fallen lassen und die Dinge geschehen lassen, die Freiheit erfahren, die wir haben. Ist natürlich eine paradoxe Vorstellung: In dem Moment der radikalen Unfreiheit erfahren wir erst die wahre Freiheit.


Ich muss nur aufpassen, dass ich mich dabei nicht in diesen schizophrenen Gedankenwald verirre, der auf der einen Seite so angenehm schimmert und auf der andern Seite nur Dornen hat. Denn egal, wie ich mich darin bewege, ich bin immer auf der falschen Seite: Über das Schöne kann ich mich nicht richtig freuen, weil ich immer an die Dornen denke, und wenn ich bei den Dornen bin ,dann bleibt nur die Sehnsucht nach dem Schönen.


Mein Vater kam irgendwann vom Klo und sagte „Ich sterbe jetzt.“ Das war super, klappte aber nicht: gestorben ist er erst vier Wochen später. (…) Da habe ich kapieren müssen, dass das Sterben anders funktioniert, ohne großen Schlussakkord.


Musik kommt jedenfalls aus einer anderen Sphäre. Musik ist wirklich göttlich. Das sagen die Indios, das sagen die Afrikaner, das sagen eigentlich alle. Nur wir glauben, sie kommt aus dem Radio.
Nein, die Musik ist ein Verbindungsmedium zwischen der Erde und einer anderen Sphäre. Und daher treten in der Musik Tod und Leben unmittelbar miteinander in Kontakt. Das reibt richtig, das vibriert, das gibt Kraft.
(...)
Eigentlich gibt Musik den Menschen Kraft, sie beeinflusst ihn und verändert ihn. Manchmal macht sie halt irre, dann muss man aufhören, dann muss man auf Distanz gehen. Denn dieses Irrewerden ist nicht produktiv.


Heute Abend habe ich mich erneut gefragt, warum das Leid als Währung in unserer Welt nicht richtig existiert. Das war doch früher mal anders, es gab doch Zeiten, wo man sich mit seiner Wunde nicht so verstecken musste. Zumindest hat man das Gefühl, dass die Leute sie lieber nicht sehen wollen und ihre eigene nicht zeigen wollen. Ich weiß es nicht, aber vielleicht liegt es daran, dass der Mensch sich diese Markierungen, an denen für ihn etwas Dramatisches, sein Leben Veränderndes passiert, nicht mehr erlaubt.

Beuys sagt: Zeig mal deine Wunde. Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt. Wer sie verbirgt, wird nicht geheilt.“


Das Schlimmste ist die Angst vor dem Unbekannten. Die macht mich fertig. Als mein Vater starb, hatte er dieses Lächeln auf den Lippen, sah wirklich glücklich und erlöst aus. Aber mich hat dieses Lächeln schon damals nicht richtig getröstet. Das war für mich ein Lächeln irgendeiner Geheimgesellschaft, die mich ausschließt. Ich bleibe zurück, und der lächelt schon mit anderen herum. Und demnächst muss ich dann selbst zu denen los.


Mein Gott, was für gigantische Kraftwerke von Leiden fliegen hier rum, das ist doch unglaublich!



(alles Auszüge aus Schlingensiefs "So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein".)




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 25.09.2010 14:21 | nach oben springen


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