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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Ngũgĩ wa Thiong’o

in Die schöne Welt der Bücher 29.10.2010 20:27
von Martinus • 3.194 Beiträge

"Verborgene Schicksale", Kurzgeschichten, Verlag Volk und Welt, Berlin, 1977

Geschichten aus dem Land, in dem der heilige Mugumobaum wächst, wo volkstümlicher Aberglaube noch lebendig ist und auf das Christentum prallt, welches von den Kolonialherren ins Land gebracht wurde. Die Geschichten spielen vor dem Mau-Mau-Aufstand, vor dem Unabhängigkeitskrieg gegen die britische Kolonialherrschaft, eine jedoch nach dem Aufstand. „Warum hätte sie auf mich warten sollen? Und wie konnte ich glauben, daß sich bis zu meiner Rückkehr nichts ändern würde,“ sagt Kamau, der aus der Gefangenschaft heimkehrt. Der Mugumobaum ist den Menschen wohl heilig, weil er auch in großer Trockenheit gedeiht. Wenn die die Trockenheit aber so lange dauert, dass der heilige Baum darunter leidet, dann ist es ein Unheil, welches von Wetterpropheten und Medizinmännern vorausgesagt worden ist. „- denn es gibt in unserem Dorf noch immer welche, obwohl ihr Einfluß sich verringert hat.“ Das ist Kenia vor sechzig Jahren, ein Land im Wandel, trotzdem sind nicht alle Spuren von Magie versiegt. So wird der Medizinstudent Mangara, „der mit der europäischen Religion aufgewachsen und in europäischem Geist erzogen worden war,“ von einem Fluch verfolgt, der ihm den Tod einbringt.

Wenn ich über den unsäglich selbstgefälligen Snobismus europäischer Siedler lese, man könne sich so einen Hausboy nicht als Familienvater vorstellen, denke ich an Doris Lessings „Martha Quest". Dann gibt es die kämpfenden Boys, die ihre weiße Herrschaft beseitigen, an dieser Stelle mir der Überfall aus Coetzee's „Schande“ in Erinnerung fliegt. Der Hausboy Njoroge, der auf selbsterkenntliche Weise die Wut auf seine Herrin aus seinem Bauche fegt, muss sterben. Der gute Mensch als Märtyrer. Wir lesen auch von einer Frau in irgendeinem Dorf, die keine Kinder bekommt, deshalb von ihrem Mann geschlagen und verachtet wird....welch eine Schande...die Frau das Dorf verlässt.

Das alles und viel mehr sind Geschichten, ja, ganz bestimmt Ereignisse, die sich in Kenia im zwanzigsten Jahrhundert ereignet haben. Ngũgĩ wa Thiong’o zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern Ostafrikas. Diese Erzählungen sind ein kleiner Vorgeschmack auf das Werk dieses Schriftstellers. Menschen an der entscheidenen Schwelle ihres Dasein, danach wird ihr Leben ein anderes sein oder sie finden den Tod. Diese Geschichten berühren und prägen sich ein. Besonders erfreut bin ich, weil Ngũgĩ wa Thiong’o sehr lesefreundlich schreibt. In diesem Jahr erschien sein autobiografisches Werk „Träume in Zeiten des Krieges“ über seine Kindheit, welches ich auch noch besprechen werde, wenn Taxine die biografische Abteilung im Forum aufmacht. Ich schwärme jetzt gerne, habe noch zwei Romane im Stübchen.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 30.10.2010 06:37 | nach oben springen

#2

RE: Ngũgĩ wa Thiong’o

in Die schöne Welt der Bücher 30.10.2010 10:07
von Patmöser • 1.080 Beiträge

Zitat von Martinus
"Verborgene Schicksale", Kurzgeschichten, Verlag Volk und Welt, Berlin, 1977




Danke für deine kleine Rezi, guter Martin.

Eines der hier ortsansässigen Antiquariate ist spezialisiert auf die "alten" DDR Verlage und natürlich deren Ausgaben, da müsste dann dieses Büchlein leicht zu finden sein. Und außerdem allemal ein Grund, einmal wieder durch die so herrlich antiquarisch duftenden Bücherstuben zu marschieren.

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#3

RE: Ngũgĩ wa Thiong’o

in Die schöne Welt der Bücher 30.10.2010 10:27
von Martinus • 3.194 Beiträge

Ein tolles Antiquariat muss das sein. Ich mag diese alten DDR-Ausgaben, weil, wenn die Bücher lange rumstehen, dass Papier so herrlich bräunt und tolle Covers, tolle Literatur....




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 30.10.2010 10:28 | nach oben springen

#4

RE: Ngũgĩ wa Thiong’o

in Die schöne Welt der Bücher 30.10.2010 10:37
von Patmöser • 1.080 Beiträge

Zitat von Martinus
tolle Covers, tolle Literatur....



Ja, wirklich sehr gute und auch sorgfältige Ausgaben, man war ja immer auch auf den "Export" bedacht. Da hier gerade von Dostojewski..., die Werkausgabe vom Aufbau-Verlag ist, auch vom Cover her, mir noch immer eine der, ja sagen wir, angenehmsten und "haptischten", sozusagen!

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#5

RE: Ngũgĩ wa Thiong’o

in Die schöne Welt der Bücher 30.10.2010 17:02
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Zitat von Martinus
In diesem Jahr erschien sein autobiografisches Werk „Träume in Zeiten des Krieges“ über seine Kindheit, welches ich auch noch besprechen werde, wenn Taxine die biografische Abteilung im Forum aufmacht. Ich schwärme jetzt gerne, habe noch zwei Romane im Stübchen.



Werter Martinus: erst einmal vielen Dank für den schönen Einblick in das Werk dieses Schriftstellers.
Die biographische Abteilung ist bereits aufgemacht. "Blicke auf Menschen", in denen du einfach einen Ordner (rechts: Neues Thema erstellen) z. B. mit dem Titel der Biographie oder dem Namen des Autors/Künstlers eröffnen kannst.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 30.10.2010 17:08 | nach oben springen

#6

RE: Ngũgĩ wa Thiong’o

in Die schöne Welt der Bücher 29.12.2010 17:54
von Martinus • 3.194 Beiträge

Ngũgĩ wa Thiong’o: "Matigari"

Was für ein Roman
– seltsam, weil ein schwarzer Kämpfer, der gegen weiße Kolonisten gekämpft und gesiegt hat, seine Waffen vergräbt und nun um seine Lenden ein Band des Friedens trägt, in der zivilisierten Welt Kenias, und das ist das Seltsame, als ein Mensch erscheint, der an Jesus Christus erinnert. Er befreundet sich mit den Ärmsten der Armen, einem Jungen, der wie andere Jungen in einem Autowrack sein Hause gefunden hat, stolz darauf ist, dass es ein Mercedes Benz ist, und auch mit einer Prostituierten sich befreundet, die, um ihre Geschwister zu ernähren, sich verkaufen musste. Matigari, so heißt der kenianische Christus, vollbringt mutige Taten, ihm werden Wunder nachgesagt, niemand weiß, wer er wirklich ist, niemand weiß, ob er wirklich der wiedergeborene Christus ist, oder einfach nur ein mythischer Hoffnungsträger, der die Menschen aus ihrer Armut treiben könnte, ihm zugetraut wird, er könne Frieden und Gerechtigkeit ins Land bringen, das Volk darum hinter ihm steht. Eines der Großartigkeiten des Romans ist, dass der Schleier des Geheimnisvollen dem Matigari nie entrissen wird.

Weitaus gefehlt an einen frömmelnden Roman zu denken, an einem Jesus, der nun endlich gekommen ist um Kenia aus dem Sumpf von Korruption, Machtgier, verlogener Politik, Ungerechtigkeit und Bevölkerungsarmut zu ziehen. Himmel sei Dank. Trivialitäten sind aber keine Werkzeuge des Autors. Ngũgĩ wa Thiong’o verwendet die Figur des Matigari um auf die Missstände seiner Heimat aufmerksam zu machen, nicht zu warten auf das Neue Jerusalem, wo alles schöner sein soll als auf der versündigten Erde, sondern aufstehen, handlungsbereit und keine Angst zeigen, denn Angst lähmt.

Pazifisten werden aufmucken, weil nicht ganz eindeutig gezeigt wird, inwieweit Matigari wirklich zu Gewalt schreiten würde, um normale Rechte zu verteidigen. Die Kolonialisten, die ihm sein Haus geraubt haben, bringt er jedenfalls um. Das hätte Jesus nicht bewerkstelligt. Nun ist Matigari drauf und dran, die Söhne der Kolonisten zu vertreiben, weil sich inzwischen diese Halunken sich seines Hauses bemächtigt haben. Der Kampf geht also weiter.

„Der Baumeister baut ein Haus.
Jener, der beim bauen zugeschaut hat, zieht ein.
Der Baumeister schläft draußen,
ohne Dach über dem Kopf........
….......
Der Arbeiter stellt Waren her.
Ausländer und Schmarotzer verfügen darüber.
Der Arbeiter steht mit leeren Händen da.“


Allein Wahrheit und Gerechtigkeit suchen und darüber reden hilft nicht, darum will Matigari wieder zu den Waffen greifen. Das ist die wichtige Konsequenz die Matigari zieht, und damit kritisiert der Autor meines Erachtens auch das Friedensgerede von Kirchenleuten, die nur reden können aber keinen Frieden, Gerechtigkeit o.ä. schaffen können. Auf der Erde muss man was dafür tun, im Himmel, möge es ihn geben, ist sowieso Frieden (über diese Thematik gibt es ein Gespräch zwischen Matigari und einem Pfarrer).

Glanzvoll dargestellt ist, wie ein totalitär fieser Staatsapparat funktioniert, der dann auch noch von den USA und von der Europäischen Gemeinschaft mit Waffen und Finanzspritzen versorgt wird. Das ist so gut erzählt, dass es jeder versteht. Wenn wir lesen, einige unbequeme Bürger werden als geisteskrank ins Irrenhaus gesperrt, so dürfen wir gerne an die DDR denken, auch wenn der Roman in Kenia spielt.

Ein politischer Roman mit einer Prise Abenteuer. Im Oktober 1986 erschien der Roman in Kenia. Sehr abenteuerlich mutet es an, als im Januar 1987 Berichte der Geheimpolizei erzählten, dass von Bauern in Zentralkenia ein Gerücht ausging, ein gewisser Matigari wandere durch das Land und fordere Wahrheit und Gerechtigkeit. Die Polizei wurde beauftragt, diesen Matigari festzunehmen, bis sie darauf kamen, er sei nur eine Romanfigur. Buchhandlungen wurden durchsucht, der Roman wurde beschlagnahmt.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 29.12.2010 18:41 | nach oben springen


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