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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Max Frisch

in Blicke auf Menschen 22.01.2011 21:42
von Taxine • Admin | 5.902 Beiträge

... gesehen, aus den Augen seiner Tochter Ursula Priess in ihrem Buch "Sturz durch alle Spiegel". Alleine bei dem Titel muss ich an diese Film-Sequenz aus Cocteaus "Das Blut eines Dichters" denken, dieser mythische Sprung durch den Spiegel in ein anderes Universum als visuelle und poetische Metapher. Bei Priess entdecke ich ähnliche Sequenzen, als eine Frau, die sich auf die Spuren ihres Vaters begibt, der ihr in ihrer Kindheit und auch später so fremd war. Sie versucht den Sprung in die Vergangenheit, die Wiederbegegnung, vielleicht sogar in eine andere Dimension, in der die Dinge ganz anders verlaufen wären. In ihren Gedankensprüngen erfährt man nicht nur etwas über Frisch, sondern auch über andere Menschen seines Lebens, zum Beispiel über Ingeborg Bachmann. Diese Bilder reißen auf, um gleich wieder in sich zusammenzufallen. Priess lässt uns nur kurz auf die Menschen blicken, die um ihren Vater kreisten. Und doch sind diese Risse beeindruckend.

Max Frisch war eine Weile mit Ingeborg Bachmann zusammen. Die Beziehung muss schwierig gewesen sein, aber es gingen solche Werke wie „Malina“ (Bachmann) und „Mein Name ist Gantenbein“ (Frisch) daraus hervor.
Nun in einem Rückblick, wo Ursula mit Frisch durch Venedig streift und sie dabei einander so wenig zu sagen haben, in dem Kreuz und Quer ihrer Erinnerungen, die stichpunktartig als Tagebuch festgehalten sind, setzt sich allmählich die schwierige Beziehung zwischen ihnen für den Leser zusammen. Da steht die Frage im Raum, wie Frisch sich in bestimmten Momenten verhalten oder wie häufig er an seine Tochter gedacht hat, weit von ihr entfernt, ganz dem Schreiben und Lieben anderer Frauen ergeben. Eine Perlenkette zum Beispiel, die sie als Jugendliche nie trägt, weil weder ihre Mutter noch sie diesen Schmuck mögen, stellt sich später, durch einen Juwelier geprüft, als falsch heraus. „Bin ich ihm so viel wert gewesen?“ fragt sich die Tochter und sucht, was Perlen, ob echt oder falsch, für Max Frisch bedeutet haben können. Sie findet Perlen schließlich in seinen, aber noch häufiger in Bachmanns Schriften. Sie also war die Frau, die gerne Perlen trug – Ingeborg trug sehr oft Perlen, sogar drei Reihen nebeneinander. - und über die Perlen wird diese in den Augen der Tochter zwiespältig bewachte Liebe wieder lebendig, als der Vater mit der anderen Frau in Rom lebte. Sie trug Perlen und darum wählte er als Geschenk auch für die weit entfernt lebende Tochter Perlen, im Glauben, sie könnten ihr gefallen. Sie sagt: Ich verstand ihn damals nicht, sein Geschenk zeigte mir: Er hat keine Ahnung, was mir gefällt und was mich schmückt.

Es ist immer schwierig, die Tochter oder, besser gesagt, das Kind eines berühmten und viel diskutierten Mannes zu sein, der im öffentlichen Leben steht, dessen Schriften oder Werke sich vor vielen Augen aufblättern. Für Ursula Priess aber war es besonders schwer, da sie sich für das Tun des Vaters schuldig fühlte, wenn er eine viel jüngere Frau in Island liebte oder über ihre Mutter in seinen Romanen schrieb. Überhaupt zu einer Figur zu geraten, auf die andere und fremde Menschen blicken, darüber ihr Urteil fällen und vielleicht in dem Menschen, über den geschrieben wurde, etwas ganz anderes sehen wollen, als es tatsächlich der Fall ist, stelle ich mir schwer vor, noch schwerer, wenn der Schriftsteller, wenn er schon die Gewohnheit hat, über Menschen seines Lebens zu erzählen, jemanden ganz weglässt, der eigentlich doch eine Rolle spielen müsste. So oder so, es ist kein leichtes Los.

In diesem Buch erfährt man also nicht nur einige private Begebenheiten über Frisch, sondern auch etwas über den Blick der Tochter und ihren Charakter, immerhin hat sie es ja auch geschrieben. Wenn sie von Max spricht, statt von "meinem Vater", so wirkt dieser Ausdruck leicht von Kälte umweht, was unter den schwierigen Bedingungen natürlich nachvollziehbar ist. Die Beschreibungen wirken wie Fetzen und Ausschnitte, wie flüchtige Gedanken, Enttäuschungen, Betrachtungen, die mit dem kurzen Erinnern auch sofort wieder verfliegen. Priess sagt, sie mochte Ingeborg Bachmann, wie sie alle Frauen ihres Vaters mochte, mit einer Ausnahme, eine Frau, die beim Spaziergang mit Mann, Sohn, Max Frisch und ihr die Bluse auszog und sich im BH präsentierte. Das hat selbst Max Frisch abgeschreckt, die Kinder ein weiteres Mal mitzunehmen.

Frisch vertrat immer sehr vehement seine Ansichten, fühlte sich vom Elitären und von der Großbürgerlichkeit abgestoßen, was er sowohl der Mutter als auch der Tochter zum Vorwurf machte. Die Mutter kam aus jener großbürgerlichen Familie, die Tochter ging ihre eigenen Wege, und beide konnten es dem Schriftsteller nicht recht machen. Verständlich, dass nun die Tochter in ihrem Vorwurf darauf reagiert, so manche Bissigkeiten von sich gibt, wenn sie ihren Vater auf einmal beim Bruch seiner so geheiligten Prinzipien ertappt, wenn er für die nächste, neue Geliebte die eigene Haut und Ansicht wechselt.

Die Liebe aber zu diesem Vater ist unübersehbar, denn sie folgt ihm immer noch, wo er längst tot ist, folgt seinen Spuren, bereist Orte, an denen sie gemeinsam waren oder die er mochte. Sie fragt sich: Warum suche ich Dich noch immer? Nein, ich werde nicht mehr zu Dir sprechen! Es bringt mich Dir nicht näher! - und schafft es dabei doch, sich in aller literarischen Form vor ihm zu verneigen.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 22.01.2011 21:49 | nach oben springen

#2

RE: Max Frisch

in Blicke auf Menschen 23.01.2011 12:55
von Jatman1 • 1.120 Beiträge

Zitat
Es ist immer schwierig, die Tochter oder, besser gesagt, das Kind eines berühmten und viel diskutierten Mannes zu sein, der im öffentlichen Leben steht, dessen Schriften oder Werke sich vor vielen Augen aufblättern. Für Ursula Priess aber war es besonders schwer, da sie sich für das Tun des Vaters schuldig fühlte, wenn er eine viel jüngere Frau in Island liebte oder über ihre Mutter in seinen Romanen schrieb. Überhaupt zu einer Figur zu geraten, auf die andere und fremde Menschen blicken, darüber ihr Urteil fällen und vielleicht in dem Menschen, über den geschrieben wurde, etwas ganz anderes sehen wollen, als es tatsächlich der Fall ist, stelle ich mir schwer vor, noch schwerer, wenn der Schriftsteller, wenn er schon die Gewohnheit hat, über Menschen seines Lebens zu erzählen, jemanden ganz weglässt, der eigentlich doch eine Rolle spielen müsste. So oder so, es ist kein leichtes Los.



Das kann ich bestätigen. In dem Sammelband "Töchter berühmter Männer" wurde das Problem nicht selten genau so offenkundig. In dieser Beziehung war es schon aufschlussreich (ansonsten mit recht feministischer Aditüde)
Außerordentlich spannend, traurig und ergreifend zugleich ist die Geschichte einer Tochter von Karl Marx. Sie ist dann auch noch relativ jung aus dem Leben geschieden. Sie konnte sich nicht aus "dem Bann" ihres Vaters lösen. Im ständigen Zwiespalt zwischen sich selbst und einer gewollten scheinbar nicht abzuändernden Loyalität zu ihrem Vater; selbst nach dessem Tod.


www.dostojewski.eu
zuletzt bearbeitet 26.07.2011 21:00 | nach oben springen

#3

RE: Max Frisch

in Blicke auf Menschen 24.05.2011 15:01
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine
... gesehen, aus den Augen seiner Tochter Ursula Priess in ihrem Buch "Sturz durch alle Spiegel". Alleine bei dem Titel muss ich an diese Film-Sequenz aus Cocteaus "Das Blut eines Dichters" denken, dieser mythische Sprung durch den Spiegel in ein anderes Universum als visuelle und poetische Metapher.



Der Titel des Buches bezieht sich auf ein Zitat aus "Mein Name sei Gantenbein"

Zitat von aus "Mein Name sei Gantenbein"
Es ist wie ein Sturz durch den Spiegel, mehr weiß einer nicht, wenn er wieder erwacht, ein Sturz wie durch alle Spiegel, und nachher, kurz darauf, setzt sich die Welt wieder zusammen, als wäre nichts geschehen. Es ist auch nichts geschehen.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 24.05.2011 15:02 | nach oben springen


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