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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

P.S. zu den Verrissen Thomas Manns

in Literatur im Verriß 24.02.2011 09:55
von mike • 3 Beiträge

TM ist auch von wichtigen Vertretern der Generation nach ihm mit Vehemenz abgelehnt, ja verachtet und schwer verrissen worden. Bert Brecht etwa und Tucholsky hielten ihn für käuflich, also für korrupt und regelrecht bestechlich. Benn fand Worte offener Verachtung ("diese Kuckucksuhr, die achtzig Jahre lang abschnurrt"). Der Grund dafür ging mir jetzt erst auf, als ich mich noch einmal mit diesen Ablehnungen des von mir verehrten Autors durch bedeutende Zeitgenossen, die ich ebenfalls bewundere, auseinander gesetzt habe.

Alle diese Autoren, also Benn, Brecht, Tucholsky, gehörten der Generation an, die von den "Vätern" - der Generation, der TM angehörte - in die Materialschlachten des Ersten Kriegs gehetzt worden waren. TM hatte wie viele andere Intellektuelle nicht gegen, sondern für den Krieg argumentiert, und das mit der ganzen, unerhörten Wucht seiner Sprache und Gedanken. Er hatte seine "Söhne" in einen Tod geschickt, den sie im Nachinein als sinnlos empfinden mussten.

Man kann die Wut dieser Autoren gegen TM nicht begreifen, wenn man das nicht versteht. "Vatermord" hiess eines der berühmtesten Stücke der Weimarer Zeit, geschrieben hat es Arnolt Bronnen, der eine von Goebbels inszenierte Demonstration gegen Thomas Manns Aufruf zur Einigkeit gegen die Nazis boykottierte und massiv störte.

Für Bronnen und seinen Freund Brecht, für Tucho und Benn war TM einer dieser verhassten, der Verachtung preiszugebenden "Väter". Tucho und Brecht standen links mit Tendenz zum Stalinismus (Brecht) und Lenin (Tucho), Bronnen und Benn rechts mit Tendenz zu Hitler (Bronnen) und "Heimat/Scholle) (Benn). Alle diese Autoren fanden übrigens für ihre Parteinahme, ob für Stalin oder Hitler, bewegende Worte. ("Es ist ein Garten, den ich manchmal sehe, Östlich der Oder, wo die Ebenen weit"... Wenn Gottfried in die Harfe greift, vergesse ich seine Politik, da überläuft mich die Gänsehaut, die ich bekomme, wenn ein Meister spricht.

Im Nachinein scheint es kaum ein Argument zu geben, mit dem sich TMs damalige Haltung verteidigen liesse. However: Hugo Ball zB meldete sich freiwillig an die Front, Fanz Marc und August Macke ebenfalls. Ball desertierte, Macke fiel im ersten Kriegsjahr und Marc, glaub ich, im dritten. Marc hat für seinen Freund und Künstlerkollegen Macke tief rührende Worte des Gedenkens gefunden: Eine Feindeskugel habe ihn da und da niedergestreckt, aber - so fuhr er fort - "eigentlich war es ja eine Freundeskugel, weil es eine französische war". Ich kann kaum die Tränen zurückhalten, wenn ich daran denke. Erwägt man, wieviel das Erlebnis der französischen Kunst (van Gogh, Gauguin, Cézanne usf.) diesen Malern bedeutet hat, kann man ermessen, was Marc meinte. Doch er glaubte, der Krieg sei Schicksal, und dem Schicksal dürfe man nicht ausweichen.

Was Tucholsky betrifft, er rediigierte an der rumänischen Front eine Propagandazeitschrift für die Luftwaffe - darüber hat er später nie gesprochen. Dass seine in "Schloss Gripsholm" verewigten Freunde Karlchen und Jakopp dort Ränge in der Militärjustiz bekleideten, hat er ebenfalls nie erwähnt.

Damals hat sich manch einer geirrt. Und verwirrt. Aus solchen Irrtümern und Verwirrungen zu lernen, das ist TM gelungen. Er fing 1930 an, die Nazis hatten soeben in den Reichstagswahlen 112 Sitze geholt statt der bisher 12, die reaktionäre Rechte und die Hitlerleute mit all seiner gewaltigen Rhetorik zu attackieren, und er rief das deutsche Büprgertum zum Bündnis mit Sozialisten und Gewerkschaften, mit "den Arbeitern" auf.

Brecht verachtete die Sozialisten ganz wie Stalin, den er andichtete. Tucholsky verachtete die Sozis derart, dass er den Reichspräsidenten Ebert einen Verbrecher nannte. 1932, als die Nazis noch keineswegs ganz Europa beherrschten, beschimpfte er TM noch immer, als dieser bereits seinen Kampf gegen Hitler und dessen Greuel aufgenommen hatte und als einziger deutscher Autor weltweit Gehör finden sollte mit seinem Plädoyer für das andere Deutschland.

Tucho, den ich sehr liebe, liebt mich nicht. Auch dich nicht. Er wollte mit den Deutschen nichts mehr zu tun haben, nicht mit den Hunderttausenden seiner Leser. Verachtungsvoll hat Tucho uns als hoffnungslos und für 1000 Jahre verbocht denunziert. Auch dich und mich! TM hat zur selben Zeit seine leidenschaftlichen Kämpfe für uns vorbereitet.

Was und wie er aus seinen Irrtümern gelernt hat, ist am schönsten und besten (wie ich finde) bei Alfred Andersch nachzulesen. Ich glaub in seinem Buch, Nord und Süden, West und Ost - oder so ähnlich. Googelt selbst.

mike

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