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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Javier Marías

in Die schöne Welt der Bücher 10.03.2011 20:53
von Taxine • Admin | 6.063 Beiträge

Javier Marías
Dein Gesicht morgen

1. Teil – Fieber und Lanze

… es ist unglaublich, wie rasch die Worte, ob geschrieben oder gesprochen, ob leicht oder schwer, alle, die bedeutungslosen oder die bedeutungsvollen, verloren gehen und in die Ferne rücken und zurückbleiben. Deshalb muss man wiederholen, ewig und unsinnig wiederholen…

Es ist auch unglaublich, was Javier Marías in seiner Trilogie „Dein Gesicht morgen“ abgeliefert hat. Seine Bücher haben mir immer gefallen, auch wenn einige Jahre dazwischen liegen, als ich die letzten gelesen habe, besonders seine Art, das Spanische (Herkunft) mit dem Englischen (sein Studium) zu vermischen, aus beiden Sprachen zu schöpfen, diese Trilogie aber, die ist ein wahres Opus Magnum, ein Meisterwerk, eine über lange Sätze hinweg gleitende Faszination, aus der man nicht mehr hinausfindet.
Man fragt sich die ganze Zeit: Wie macht er das bloß? Wie schafft er es, so lange Sätze zu entwerfen, ohne dass der Leser den Faden verliert, stattdessen immer neugieriger wird, sich von diesem Sog ergreifen lässt und hofft, dass dieses Buch, das zum Glück aus drei Büchern besteht, niemals endet.
Das darf man sich dann gerne so vorstellen, dass Marías sich hinsetzt und über Seiten hinweg einfach nur philosophiert. Seine Sätze sind dabei keine tief schürfenden, ewig suchenden Wahrheiten, sondern einfache und wunderbare, manchmal alltägliche, oftmals sehr weise Überlegungen. Sie reichen über einfache Beziehungsfragen bishin zu gesellschaftlicher Kritik, von der Betrachtung: Was ist das Erzählen? zu Rückblicken auf den spanischen Bürgerkrieg, von dem auch Orwell in „Mein Katalonien“ berichtete.

Der Ich-Erzähler Jacques Deza (der je nach Land und Mensch auch mit Jack, Jacobo, Jaime, Diego oder Yago angesprochen wird) ist ein Mensch, der in anderen Menschen erkennen kann, wer sie innerlich wirklich sind, was aus ihnen werden wird.
Diese Gabe aber, in der Beschreibung, wie er die Menschen ergründet, indem er einfach genauer hinsieht, wirkt, als wäre sie jedem Menschen zugänglich, wenn er sich die Mühe macht, zuzuhören und zu „sehen“. Normale Menschen misstrauen ihrer Intuition. Was ihnen als Ahnung durch den Kopf schießt, wird sofort mit einem „Das kann doch nicht sein!“ abgetan. Somit vertrauen Menschen eher ihren Zweifeln, Unsicherheiten und Schwankungen, als dem einfachen Bauchgefühl, das oftmals näher an die Wahrheit heranreicht.
Auch Zeichen deuten sie nicht, obwohl sie überall sind, sondern verwerfen das Gesehene (Wir sind nicht verantwortlich, für das, was wir sehen, aber verantwortlich dafür, was wir anschauen.) Statt Vertrauen zu haben, schütteln wir die kurze Ahnung von uns und versuchen das Herz mit dem begrenzten Verstand zu zerlegen, logisch zu erörtern, statt die Dinge passieren zu lassen.

Zitat von Marias
Wir verwerfen Hinweise und weigern uns, so viel Zeichen zu deuten («Schweig, schweig, und rette dich so»), wir verbannen sie und werfen sie in den Abfalleimer der Einbildungen, um ihnen andere entgegenzusetzen, von denen wir im Grunde wissen, dass sie keine Zeichen, sondern Vorspiegelungen und Trugbilder sind, die unser Vertrauen suchen und unsere Benommenheit oder Schläfrigkeit…



Und nicht nur Trugbilder, sondern die uns so sehr anerzogene Angewohnheit, nicht an uns selbst zu glauben und an das, was wir sehen.
Ein Beispiel dafür passierte mir vor einigen Tagen. Ich kam aus dem Krankenhaus und machte mir große Sorgen um all das, was dort so vor sich ging. Auf einmal hält vor mir ein Kleinbus mit der so eigenartigen und simplen Aufschrift: „sorgenlos…“ Ich blickte darauf und wunderte mich, bis dieses einfache Wort in meinen Geist drang. Jetzt hatte ich zwei Möglichkeiten. Dieses seltsame Zeichen (wann bitteschön habe ich je so eine Aufschrift irgendwo gesehen?) zu verwerfen und als Hirngespinst abzutun oder mich zu beruhigen und daran zu glauben, wobei ich zu letzterem neigte. Tatsächlich ergab der nächste Tag, dass dieses einfache Wort richtig war, dass der Zustand des Kranken sich von einem kritischen in einen normalen verbessert hatte.

Marías Ich-Erzähler spricht z. B. von einem Lachen, an dem er Menschen erkennt, denn teilen sie ein ähnliches Lachen mit ihm, dann werden auch andere Gemeinsamkeiten auftreten. Er sagt: so sieht er die Menschen in ihrer Ganzheit. Wenn ein Lachen künstlich oder aufgesetzt oder von oben herab erfolgt, dann zieht sich der Erzähler lieber wieder zurück oder sucht einfach keinen näheren Kontakt.
Das ist nur ein Beispiel, wie er seine Gabe beschreibt. Für ihn ist dieses Talent nicht außergewöhnlich:

Zitat von Marias
Wie ist es möglich, dass ich heute nicht dein Gesicht morgen kenne, das schon da ist oder hinter dem entsteht, das du zeigst, oder hinter der Maske, die du trägst, und das du mir erst dann vorführen wirst, wenn ich es nicht erwarte?



… andere Menschen jedoch sehen darin natürlich die Begabung und wollen daraus Gewinn erzielen. So wird Deza bald von einem ihm sympathischen Mann angeworben, um für den Geheimdienst zu arbeiten und Menschen in ihrem Auftreten einzuschätzen. Wer sie sind, wie sie denken und handeln, ob sie lügen oder die Wahrheit sagen. Wie sie handeln werden. All das ist die Gabe Dezas.
Dieser findet auch heraus, dass sein älterer Freund und Mentor aus Oxford ein Spion war und der Bruder eines anderen Mentors, der jedoch schon tot ist und ebenfalls ein Spion. Sein Mentor Wheeler arbeitet ebenfalls beim Geheimdienst, wie Deza nach und nach erfährt, erklärt ihm, dass man sich damals gerade an dieser Universität nicht verweigern durfte, dass hauptsächlich unter den Gebildeten gesucht wurde, um neue Spione auszubilden.

Überhaupt leben wir in einer Welt, die von „Big Brother is watching you…“ über überwachte und von vielen Menschen dermaßen unterschätzte Plattformen wie Facebook reichen, wo alles festgehalten, aufgezeichnet und beobachtet wird, wo die Grenzen für neue Überwachungsformen geöffnet werden, daran gewöhnt, dass man den Geist, das Innere, sein persönliches Profil offen legt und seziert und sich dann nicht mehr wundert, wenn das Auge immer weiter in den privaten Bereich hineinreicht.

Zitat von Marias
Mir wurde bewusst, wie viele Gelegenheiten und Orte es gab, an denen Leute aufgenommen und gefilmt werden oder dies möglich ist: angefangen bei fast allen Situationen, in denen wir uns sozusagen einer Probe oder einem Examen unterziehen und um etwas bitten, sei es Arbeit, ein Darlehen, eine Chance, einen Gefallen, eine Subvention, eine Empfehlung, ein Alibi. Und natürlich Gnade. Ich sah, dass wir immer, wenn wir bitten, preisgegeben, verkauft, fast völlig dem ausgeliefert sind, der gewährt oder nicht. Heute registriert, verewigt man uns oft im Augenblick der größten Demut oder, wenn man so will, der Demütigung. Aber auch an jedem öffentlichen oder halböffentlichen Ort, das auffälligste und skandalöseste waren die Hotelzimmer, man rechnet ja schon grundsätzlich damit, dass man in einer Bank, einem Geschäft, einer Tankstelle, einem Spielkasino, einem Sportplatz, einem Parkhaus, einem Regierungsgebäude aufgenommen wird.



Das Interessante an Marías Schreibstil ist die eher kleine Handlung, während das Buch dick und voller Überlegungen ist. Gedankengänge, Erinnerungen, Rückblicke, Jetzt-Situationen, Betrachtungen, die mit der Handlung so einhergehen, dass man ihnen gierig folgt, ohne sagen zu können, warum. Das Geschehen unterliegt einer Spannung, die sich nur aus dem erschließt, was dort vertieft wird, nicht aus dem, was passiert. Und immer betont Marías die Verantwortung, die ein Erzähler hat, während so viele Menschen einfach quasseln, ohne nachzudenken, was sie sagen, um sich wichtig zu machen, um einfach die Stille zu füllen, um gehört zu werden, denn Geheimnisse sind nur darum interessant, wenn man sie nicht mehr hütet, das Gehörte nur darum interessant, weil man es weiter erzählen kann. Auch gibt es Wahrheiten oder Lügen, die zu irgendeinem Zeitpunkt auf einmal geglaubt werden (Alles braucht seine Zeit um geglaubt oder nicht geglaubt zu werden!), und die Vergangenheit wird nur zu gerne von der Gegenwart „infantilisiert“. Dazwischen ringt der Mensch mit den eigenen Erinnerungen und mit dem Sein.
Wer weiß, ob wir nicht deshalb sterben, zum Teil: weil das, was wir erlebt haben, zunichte wird, und dann verfallen sogar unsere Erinnerungen. Zuerst verfallen die Erlebnisse, dann die Erinnerungen.

Immer ist es die Perspektive, die dafür sorgt, wie wir etwas auffassen und empfinden.

… wir vergessen das, was wir sagen, sehr viel mehr als das, was wir hören, das, was wir schreiben, sehr viel mehr als das, was wir lesen, das, was wir senden, sehr viel mehr als das, was wir empfangen, deshalb rechnen wir kaum mit den Kränkungen, die wir zufügen, wohl aber mit denen, die wir erleiden, und deshalb bewahrt fast jeder irgendeine irgend jemandem gegenüber.

Je länger Deza für den Geheimdienst arbeitet, desto mehr Hemmungen verliert er, das Gewissen wird nach hinten verschoben. Aus den Bemerkungen „Ich weiß nicht genau“ oder „Vielleicht“ werden Gewissheiten, denn beim Geheimdienst werden Zweifel und Unsicherheit nicht gerne gesehen. Deza spürt etwas im Nacken, was wohl eher das eigene Lauern ist. Er erkennt seine Kühnheit, unüberlegt zu behaupten, wenn auch seine Gabe schließlich genau das beinhaltet und ermöglicht. Jedoch wird die Unfehlbarkeit der Behauptungen zur Verurteilung des Menschen, der eingeschätzt wird. Es zählt nicht mehr die Fähigkeit, das Richtige zu sagen, sondern nur noch diese Einschätzung abzugeben und danach zu handeln. Deza fragt sich, ob man sich die Mühe machte, seine Behauptungen nachzuprüfen oder aufgrund seiner Behauptungen die notwendigen Schritte (die bei einem Geheimdienst ja nicht selten sogar in Mord ausarten) zu tun, ohne diese zu hinterfragen.

Nebenbei erfährt er von seinem Mentor viele Dinge aus der Vergangenheit, insbesondere aus den schweren Kriegszeiten, mit Hilfe derer sich die Menschen immer ihre Rechtfertigungen zurechtlegen, nach bestimmten Mustern gehandelt zu haben, gerade wenn man auf der Seite der Sieger ist und die eigene Trauer um verlorene Familienmitglieder ausreicht für die Taten der Zwischen-Schlachtfelder, der kleinere Verrat oder das Denunzieren, das Verschweigen oder die unterlassene Hilfe.
Um die Menschen im zweiten Weltkrieg vor der Spionage der Deutschen zu warnen, wurden Kampagnen und Plakate zum Thema careless talk entworfen, die in kindischen Zeichnungen verdeutlichten, wie schnell ein unvorsichtig gesprochenes Wort sich verbreitete und an die Ohren der Gegner gelangte. „Behalte deine Gedanken für dich!“ oder „Sei vorsichtig mit dem, was du sagst!“ wurde gefordert. Eine irgendwie eigenartige Unterdrückung, die vielleicht durch diesen Zwang das Sprechen wie eine Erlösung erscheinen ließ, mit dem gleichzeitig danach einsetzenden Schuldgefühl. Die Forderung war: zu schweigen.
Tatsächlich schwiegen aber letztendlich nur die Toten, so die Unterhaltung zwischen Deza und seinem Bekannten Wheeler. Und auch diese schweigen nicht, sondern erscheinen in den Erinnerungen und Träumen der Lebendigen, wie auch der blinde Milton von seiner zweiten verstorbenen Frau träumte und sie damit dreimal sah, sein Sehvermögen auch dreifach zurück gewann. Einmal, weil er sie im Schlaf „sah“, zum anderen, weil er sie erblickte, während er sie zu Lebzeiten nie gesehen hatte, nur ertastet, denn er war ja schon blind, und zum dritten als eben diese Erscheinung, die er nach seinem Ermessen vor seinem geistigen Auge heraufbeschwor, damit neu und nie zuvor geschaut.
Er sagte dazu so schön poetisch: „Ich erwachte, sie löste sich auf, und der Tag brachte mir die Nacht zurück.“

Und Wheeler ruft aus: „Genügen diese Toten nicht? Genügte nicht das so vielen auferlegte endgültige, irreversible Schweigen? Sollten wir, die noch Lebenden, es ihnen überdies gleichtun und vor der Zeit verstummen?“ Seine Empörung wächst: „Wie konnte man das von einem ganzen Land oder von wem auch immer, auch nur von einem einzelnen Menschen verlangen?“
Von jenen Menschen also, die sich, ob sie nun klug oder dumm, respektvoll oder rücksichtslos, gemein oder gutmütig, gebildet oder ungebildet, adelig oder aus der Mittelklasse stammen, immer austauschen, weil das Sprechen ein Drang ist, als die Basis der gegenseitigen Verständigung jener Schichten an gleichen Menschen (im Streben nach ihrer Gruppe). Diese Aufforderung zu Schweigen ist gleich einem Handeln gegen sich selbst. Denn…
… in Wirklichkeit ist niemand davor sicher, allein durch Sprechen, durch unschuldiges, freies Sprechen, Verhängnisse, Katastrophen, Verbrechen, tragische Missverständnisse und Racheakte auszulösen.

Etwa mit dieser Unterhaltung endet der erste Teil. Gespannt bin ich natürlich auf den zweiten.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 10.03.2011 21:26 | nach oben springen

#2

RE: Javier Marías

in Die schöne Welt der Bücher 10.03.2011 21:26
von Martinus • 3.195 Beiträge

Hallo Taxine,

Ganz große Romane sind "Mein Herz so weiß" und "Morgen in der Schlacht denk an mich". Kennst du sicherlich. Herrlich lange Sätze, so schön erzählt, dass man einfach durch die Buchseiten rauscht. Ich komme sicher wieder auf diesen wunderbaren Autoren zurück. Danke für die Rezension.

Gegrüßt
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)
zuletzt bearbeitet 11.03.2011 09:17 | nach oben springen

#3

RE: Javier Marías

in Die schöne Welt der Bücher 10.03.2011 21:30
von Taxine • Admin | 6.063 Beiträge

Ja, das sind sehr schöne Bücher. Wird ja wirklich endlich Zeit, auch diesem Schriftsteller einen Ordner zu verleihen... äh... zu öffnen, was hiermit geschehen ist.
"Geschriebenes Leben" ist übrigens auch ein Brüller, weil er da über Autoren herzieht, die er nicht so mag. Und ein Buch, sein erstes, kannte ich tatsächlich noch nicht, habe es mir bestellt: "Der Gefühlsmensch".

Liebe Grüße
tAxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 10.03.2011 21:31 | nach oben springen

#4

RE: Javier Marías

in Die schöne Welt der Bücher 11.03.2011 09:42
von Martinus • 3.195 Beiträge

Hallo Taxine,

zur unmittelbaren Lektüre habe ich mir den Erzählband "Als ich sterblich war" geordert und "Schwarzer Rücken der Zeit" habe ich ja.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)
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#5

RE: Javier Marías

in Die schöne Welt der Bücher 18.03.2011 20:53
von Taxine • Admin | 6.063 Beiträge

Dein Gesicht morgen
2. Teil - Tanz und Traum


Es entsteht immer eine Verbindung mit dem, der dich um etwas bittet. So in etwa beginnt der zweite Teil von „Dein Gesicht morgen“.

Zitat von Marias
Gibt man eines Tages einem Bettler in der Nachbarschaft ein Almosen, wird es am nächsten Morgen schwieriger sein, es ihm zu verweigern, denn er wird es erwarten (nichts hat sich verändert, er ist noch immer gleich arm, ich bin noch nicht weniger reich, und wenn gestern, warum dann nicht heute), in gewissem Sinne wird man eine Verpflichtung für ihn übernommen haben: wenn man ihm geholfen hat, es bis zu diesem neuen Tag zu schaffen, ist man dafür verantwortlich, dass dieser sich nicht gegen ihn wendet, dass er nicht der Tag seines letzten Leids oder seiner Verdammnis oder seines Todes wird, und muss ihm eine Brücke bauen, damit er ihn überqueren kann, und so vielleicht unbegrenzt Tag für Tag; gewisse primitive – oder eher logische – Völker kennen ein Gesetz, das weder besonders seltsam noch sinnlos ist, demzufolge jemand, der einem anderen das Leben rettet, zum ewigen Hüter oder Verantwortlichen dieses Lebens und dieses anderen wird…

(…)
Verweigert man seinem bettelnden Nachbarn dagegen am ersten Tag das Almosen, dann wird man am zweiten das Gefühl haben, in seiner Schuld zu stehen…



So wird alles, auf das wir schauen, auch Teil unserer Verantwortung. Es wird in uns dringen und darin eine Wirkung tun. Es wird entscheiden, ob und wie wir handeln.

Nach den Erfahrungen, die Luisa, die Frau Dezas (die mit seinen Kindern getrennt von ihm in Madrid lebt, während er in London ist) mit einer bettelnden Zigeunerin gemacht hat, die sie zwei Mal, nachdem sie ihr etwas Geld gegeben hat, um etwas bittet, einmal um Papiertaschentücher und einmal um eine Torte für ihren Sohn, wobei sich Luisa die Blicke der Leute in der Bäckerei einprägen, als die Zigeunerin mit ihren Kindern beim Kauf der Torte auf sie wartet, erlebt auch Deza etwas ähnliches. Die geheimnisvolle Frau, die ihn mit „Ich bin’s.“ am Ende des ersten Teils durch seine Sprechanlage begrüßte, betritt seine Wohnung und bittet ihn um etwas noch Undefiniertes. Es ist eine Frau aus der Gruppe, die ebenfalls jene seltene Gabe der Menscheinschätzung besitzt. Wollte Gott, dass niemand uns jemals um etwas bittet oder auch nur fragt, weder um einen Rat noch um einen Gefallen… Daraufhin entwickelt Deza seine Theorie des Bittens und Gebens.

Besonders die letzten hundert Seiten des zweiten Teils haben mich wieder mit Javier Marias versöhnt, während sich das Buch eine ganze Weile etwas zäh dahin zog ( durch Reflektionen, die bereits im ersten Teil erfolgten oder sich eben um eher nichtigere Dinge drehten (z. B. die Angst vor dem Vergänglichen, gemildert im Schönheitswahn durch Bottox als Gift, dass auch im zweiten Weltkrieg benutzt wurde oder in undichten Konservenbüchsen entstand)), und natürlich schafft er am Ende eine neue Spannung, ein Interesse, unbedingt in den dritten Teil wechseln zu wollen.

Die Hauptreflektionen des zweiten Teils in seiner sehr modernen Atmosphäre einer Diskothek drehen sich um die Angst, den Schreck (hier insbesondere Dezas Arbeitgeber Tupra mit der Waffe in der Hand – einem zunächst absurd erscheinenden Schwert (das am Ende die Frage heraufbeschwört: Warum sollte man nicht einfach töten können? – auf die es keine vernünftige Antwort gibt), der den schmierigen Attaché De la Garza einschüchtert, weil er zuvor wagte, die Frau eines Geschäftspartners anzubaggern und ihr mit Bottox bearbeitetes Gesicht mit dem eigenen Haarnetz zu peitschen – sie, die merkt, dass sie allmählich aus der Welt verschwindet, an ihrer nachlassenden Schönheit erkennbar). Es geht um das Erzählen und die Wirkung mancher Erzählungen, die, so Dezas Vater in der Erinnerung an den Krieg, sich oftmals schlimmer einprägen, als wären sie selbst erlebt. Für immer sind manche Bilder im Geist eingebrannt und nehmen ihren festen Platz ein. Der zerschmetterte Kopf eines Säuglings ebenso wie genussvoll berichtete Foltermethoden, um in anderen Zeiten damit zu prahlen.

Wer in einer Phase seines Lebens tagtäglich Gewalt erlebt hat, wird niemals mit ihr spielen oder sie auf die leichte Schulter nehmen.

Die intensiven Überlegungen, denen sich Marias alias Deza hingibt, als er der Bedrohung durch das absurde Schwert beiwohnt, nicht wissend, ob De la Garza nun geköpft oder nicht geköpft wird, mitten auf dieser Diskothek-Toilette, sind bereits im ersten Teil durchdacht worden und werden hier nun weiter ausgebaut, intensiver betrachtet. Über einen sich schwer zu entfernenden Blutstropfen die Gewissheit zu gewinnen, wie ungern etwas aus der Welt verschwindet, und wenn es restlos entfernt ist, bereits ein Gefühl impliziert, als wäre es nie vorhanden gewesen… ist eine der Überlegungen. Die Morde im Krieg, die in der Erinnerung der Leute bereits nicht mehr stattfinden, als hätte es sie nie gegeben, ist eine weitere Schlussfolgerung.
Wheeler sagte im ersten Teil zu Deza, dass in Kriegszeiten die Friedenszeiten nicht vorstellbar sind und in Friedenszeiten die Kriegszeiten. Immer wird das eine durch die unmittelbare Erfahrung ersetzt und damit aus dem Geist verbannt. Die Gewalt, die nie erlebt wurde, wird unüberlegt angewendet, die erlebte Gewalt aber zwingt zur Mäßigung. Sobald die Ereignisse hinter uns liegen, beginnen wir uns zu fragen, ob sie tatsächlich so gewesen sind, wie wir sie uns ausmalen. Hier dann eben ein Blutsfleck, der sobald weggewischt, hinterfragt werden muss, ob er wirklich vorhanden gewesen ist oder nicht eine einfache Täuschung war.
Darüber hinaus erinnert sich Deza erneut an seinen Freund, der bei einer Frau Blutstropfen wahrgenommen hat, nachdem sie vor ihm ohnmächtig zusammengesackt ist. Er hilft ihr nicht, sondern flüchtet und fragt sich hinterher, ob er das Blut tatsächlich gesehen hat oder ob es seiner Einbildung, diesem so ausdrucksstarken Moment, entsprang. Sein Schuldgefühl könnte, so ist eine Überlegung, dieses Blut erst heraufbeschworen haben. Hier wird der Geist und seine Vorstellungskraft hinterfragt, die Angewohnheit, die Dinge zu übertreiben, zu überschätzen oder auch zu unterschätzen, bishin zu der Neigung, sie einfach wegzureden oder zu verdrängen. Ähnliches erlebt nun Deza in der Diskothek, in der er in der Damentoilette bei einer sehr „offenherzigen“ Frau zwei Blutstropfen sieht. Wieder steht das Blut und die Wirkung, die damit einhergehende Heimlichkeit im Vordergrund und wieder verschwindet das Gewesene mit dem Vorüberziehen des Moments.
Gleichzeitig folgt aber aus solchen Gedanken, dass es sich auch mit dem Schmerz ähnlich verhält. Er geschieht, und wenn er auftritt, dann ist es schon wieder vorbei, er wird schwächer und verschwindet irgendwann, dass wir uns nicht mehr vorstellen können, wie groß er tatsächlich gewesen ist.

Wenn man in die Verlegenheit gerät, in der man glaubt, jemand würde umgebracht, so entsteht eine eigenartige Erleichterung, wenn dies dann doch nicht der Fall ist, jedoch die Gewalt nicht abnimmt. Deza, der Tupra dabei beobachtet, wie er, nachdem er das Schwert wieder zur Seite gelegt hat, diesen Mann verprügelt, ohne die Hände zur Hilfe zu nehmen, indem er einfach nur nutzt, was an Gegenständen vorhanden ist, an dem sich der Attaché die Rippen bricht, hinterfragt seine Reaktion. Kein Einschreiten, denn da ist die Angst, keine Hilfe, nur diese absurde Erleichterung, nicht einer Enthauptung beiwohnen zu müssen. Erleichtert und auch dankbar, dass nicht mehr geschehen ist, während der Attaché verletzt am Boden liegt.

Schließlich überkommt ihn die Hinterfragung von Tupra selbst, wer dieser Vorgesetzte ist, der mit gleicher Gabe diese Gruppe anführt, die das „Gesicht morgen“ erkennen kann und auch von Privatleuten engagiert wird, der sich vor seinen Augen dieses Schwertes bedient, das kaum zeitgemäß ist und der ihm erklärt, wie sinnvoll so ein Auftreten ist, will man jemanden in atavistische Angst und Panik versetzen, um hinterher alles von ihm zu bekommen, Verrat oder Wahrheit, sogar Dankbarkeit, nicht umgebracht worden zu sein.
Die Angst, die man auslösen will, muss kontrolliert sein, sagt Tupra. Sie muss den anderen unfähig machen, reagieren und handeln zu können, denn die Angst kann sich auch umkehren und zu übermäßigen Kräften führen. Man schafft bei einer Flucht eine höhere Mauer zu überwinden, die Angst einer Mutter weckt ihren Beschützerinstinkt usw. Ein unzeitgemäßes Schwert erweckt die Ahnung, dass es in jedem Fall zur Anwendung kommt.

Deza ist durch das Verhalten Tupras sehr irritiert und stellt ihn zur Rede, jedoch erst hinterher, als alles längst vorbei ist und Tupra Deza nach Hause fährt. Er sagt ihm, dass man so etwas doch nicht machen könne, worauf Tupra die alles umfassende Frage stellt: Warum nicht? – die Deza nicht beantworten kann, ohne auf das Herkömmliche zurückgreifen zu müssen, als eine Antwort daher nicht befriedigend. Er sagt:

Zitat von Javier Marias
Meine Verwirrung nahm zu, denn für die einleuchtendsten Dinge hat man bisweilen keine Antwort. Man hält sie für selbstverständlich, weil sie so einleuchtend sind, nehme ich an, und denkt nicht mehr über sie nach und hinterfragt sie noch weniger, und so vergehen buchstäblich Jahrzehnte, ohne dass man ihnen einen Gedanken widmet, nicht einmal den elendsten und zerstreutesten. Wieso kann man nicht einfach so töten, diese dumme Frage war es, die Tupra mir stellte. (...) Und ich hatte jetzt keine Antwort auf die dumme Frage, oder nur dumme und kindische, ererbte und niemals ausreichende: weil es nicht gut ist, weil die Moral es verurteilt, weil das Gesetz es verbietet, weil man im Gefängnis landen kann oder andernorts auf dem Schafott, weil man niemandem zufügen darf, was du nicht willst, das man dir tu, weil es ein Verbrechen ist, weil es Sünde ist, weil es schlecht ist. Es war sicher, dass er mir die Frage über all das hinaus stellte.



Tupra verspricht ihm Aufklärung, die dann im dritten Teil von „Dein Gesicht morgen“ erfolgt.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 18.03.2011 21:34 | nach oben springen

#6

RE: Javier Marías

in Die schöne Welt der Bücher 11.04.2011 13:30
von Taxine • Admin | 6.063 Beiträge

Und nun zum dritten und letzten Teil der Trilogie:

Dein Gesicht morgen
Teil 3 – Gift, Schatten und Abschied


Selbst diejenigen von uns, die am begabtesten und geübtesten darin sind, sich in andere zu vertiefen und sie zu entschlüsseln, werden einäugig und dumm, wenn sie sich selbst betrachten.

Dies insbesondere trifft nun auf Deza zu, der zwar das Gesicht morgen erkennt, voraussehen kann, wie ein Mensch handeln wird, was ein Lächeln tatsächlich über den Menschen besagt, sich aber in keinster Weise über sich selbst bewusst ist oder nicht wünscht, dies tiefer zu ergründen. Er kennt nur das, was ihn ärgert, wie z. B. Frauen, mit denen er schläft und die sich daraufhin sofort, nur weil sie einander in dieser Form näher gekommen sind, bei ihm breitmachen und annehmen, sie dürften die Nacht bei ihm verbringen oder ohne zu fragen sein Badezimmer aufsuchen.
Deza, als Typ, ist schon sehr eigenartig und auch teilweise unangenehm. Doch hier geht es um mehr als seinen Ärger, sondern auch um den Wandel der Zeit und Gesellschaft. Wo früher die Frau noch „überwältigt“ wurde, so ist sie nun durch die Emanzipation durchaus selbst an einem solchen Abenteuer interessiert, warum der Mann, so Deza, ihr auch nichts schuldet.
Darum hängt der Ich-Erzähler auch in seinen eigenen Abgründen, lebt von seiner Frau getrennt in der Hoffnung, sie würde ihn eines Tage wieder zurücknehmen. Wer er selbst ist, das scheint für ihn nicht (mehr) wichtig zu sein. Vielleicht gelingt ihm seine Deutung daher so gut, weil er selbst bloß leere Fläche ist.

Im dritten und letzten Teil von „Mein Gesicht morgen“ kommt Marias alias Deza wieder auf das Thema „einen Gefallen tun“ zurück. Hier endlich wird auf den Gefallen eingegangen, den seine Arbeitskollegin im zweiten Teil von ihm erbittet und dessen Inhalt in der Schwebe hing. Marias reflektiert über die Schwierigkeit, den Gefallen zu tun oder sich für ein klares Nein zu entscheiden, spricht über die so häufig erfolgenden Phrasen wie ewiger Dankbarkeit, derer man sich gewiss sein soll, über den Ausgleich der Waage, wenn man sofort um den Gegengefallen bittet, was den meisten Menschen aus Höflichkeit nicht gelingt.


In seinem Buch „Das Herz von Buddhas Lehre“ warnt Thich Nhat Hanh seine Leser davor, darauf zu achten, mit welchen Bildern sie sich konfrontieren, was sie sich ansehen, was dann in ihnen Leiden erzeugt. So auch bestimmte Filme oder Übertragungen in den Medien, die wie Giftstoffe auf unser Bewusstsein wirken, ohne dass der Mensch es zunächst wahrnimmt. Auch Deza spricht von einem Gift, das in sein Wissen einsickert und allmählich sein Inneres verseucht, als Tupra ihm Filme zeigt, in denen Menschen ihr „anderes Gesicht“ zeigen, Filme, die irgendwann einer Erpressung dienen sollen, womit verdeutlicht werden soll, dass jeder Mensch bestechlich ist und von irgendwem kontrolliert und damit abhängig davon, inwieweit er schweigt. Tupra zeigt die Filme Deza auch, um ihm zu veranschaulichen, dass seine Handlung mit dem atavistischen Schwert nicht der Rede wert war.
So läuft es beim Geheimdienst und in anderen Bereichen ab. Die Menschen werden erpresst und damit auch zu Handlungen genötigt, die sie vielleicht ansonsten ablehnen würden. Aber sie geben oftmals selbst den Anlass dazu, weil sie schon von sich aus zu unmoralischen bishin zu verbrecherischen Taten neigen. Tupra erklärt die Machenschaften der „Gruppe“ und des Geheimdienstes so:

Zitat von Marias
Wenn die Leute nicht gegen das Gesetz verstoßen, nicht die Verhaltensregeln missachten und niemals Gemeinheiten begehen würden, kämen wir auf keinen grünen Zweig, es wäre eher schwer für uns, über Tauschgeld zu verfügen, und fast unmöglich, ihren Willen zu brechen, sie zu etwas zu zwingen. Wir müssten auf physische Gewalt und Drohungen zurückgreifen, und dieser Stil ist nicht mehr gebräuchlich, man versucht ihn schon seit längerem aufzugeben, man weiß nie, ob man da heil herauskommt oder am Ende vor Gericht gebracht wird und in Ungnade fällt. Die wirklich Mächtigen können das tun, dir das Leben schwermachen und erreichen, dass man dich kaltstellt, Hebel in Bewegung setzen, bis man dich schließlich opfert.




Zitat von Marias
… ich habe nie jemanden gekannt, der nicht bereit gewesen wäre, mehr oder weniger nachzugeben, damit etwas geheim bliebe(…) Wie sollte es nicht gut für uns sein, dass die Leute schwach sind oder gemein oder gierig oder feige, dass sie Versuchungen nachgeben und kapitale Böcke schießen, sogar dass sie sich an Verbrechen beteiligen oder sie begehen. Das ist die Grundlage unserer Arbeit, die Substanz. Mehr noch: Es ist das Fundament des Staates. Der Staat braucht den Verrat, die Käuflichkeit, den Betrug, das Verbrechen, die illegalen Handlungen, die Verschwörungen, die Tiefschläge (Heldentaten dagegen nur tröpfchenweise und dann und wann, als Kontrast).

(…) Warum, glaubst du, werden ständig neue Verbrechen geschaffen? Was keines war, wird zu einem gemacht, damit niemand jemals sauber ist. Warum, glaubst du, greifen wir in alles ein und regeln alles, sogar das, was müßig ist, und das, was uns nichts angeht?



Und, wie bereits im ersten Teil, kommt Deza erneut zu dem Schluss, dass die Menschen schon lange nicht mehr bescheiden sind, auf Teufel komm raus aus ihrer Anonymität hinauswollen, oftmals mit den absurdesten Mitteln, wie sich geistig bis körperlich entblößt im Internet, in den Medien oder anderen öffentlichen Mitteln zu präsentieren oder sogar dafür zu töten, um etwas Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, dabei sind die (Kamera) Augen grundsätzlich längst auf uns alle gerichtet, ohne dass wir immer wissen, wo und wann.

Zitat von Marias
… vielleicht macht es den Leuten heutzutage deshalb so wenig aus, ausspioniert und gefilmt zu werden, und sie tendieren sogar häufig dazu, dies in exhibitionistischer Weise zu begünstigen, obwohl es ihnen schaden und genau das bewirken kann, was sie so erschreckt, die Verwandlung ihrer Geschichte in ein Fiasko. Es ist wie ein widersprüchliches doppeltes Bedürfnis: Ich will, dass man weiß, dass ich bin und dass ich gewesen bin und dass meine Taten bekannt werden, was mir zugleich Angst bereitet, denn es kann das Bild, das ich von mir zeichne, für immer ruinieren.



In den Videos erscheinen nicht nur Menschen, die Verbrechen begehen oder ihnen beiwohnen, sondern auch solche, denen etwas angetan wird und die ebenso daran interessiert sind, dass das, was man ihnen angetan hat, geheim bleibt, weil es sie blamieren und demütigen würde, mehr, als die Demütigung schlimmster Verprüglungen und Folterungen selbst.

Die Bitte, die Dezas Arbeitskollegin an ihn richtet, auf die er eingeht, was beinhaltet, dass er bei einer Deutung eines Menschen dafür sorgen soll, dass er auf jeden Fall als integer durchgeht, begegnet Deza in diesen Videoaufzeichnungen erneut, und zwar in der ernüchternden Wirklichkeit, dass eine Lüge nichts genützt, der Mann – hier der Vater seiner Arbeitskollegin, der Spielschulden hatte – trotzdem zusammengeschlagen wurde.
Auch beweist ihm Tupra, dass sein Verhalten mit dem Schwert, dem Attaché eher das Leben gerettet hat, denn ihm hätte ansonsten Schlimmeres geblüht. Deza ärgert sich über die uralte Entschuldigung, dass einer umgebracht werden musste, damit nicht zehn sterben, zehn, damit nicht hundert… usw.

Weder Menschendeuter noch Lebensübersetzer noch Geschichtenantizipierer – nein, die Gruppe hat keinen Namen. Aber um sie geht es nun gar nicht mehr so sehr, sondern um das Anwenden dieser Gabe im privaten Bereich, im eigenen Leben Dezas. Nachdem Deza mit Tupra das Haus von Laurence Sterne in Coxwold besichtigt hat, bekommt er nach langer Zeit drei Wochen Urlaub, von denen er zwei für die Reise nach Spanien verplant. Endlich folgt die Auseinandersetzung seiner Trennung, die Rückkehr nach Madrid, das mögliche Wiedersehen mit seiner einstigen Frau Luisa, von der er noch nicht geschieden ist, wie er immer betont, und seiner Kinder. Doch Luisa reagiert seltsam anders, als er erwartet hat, haben sie sich immerhin eine ganze Weile nicht gesehen, während Deza in London und sie in Madrid lebt, sie ergreift sogar die Flucht…

Und endlich zeigt Deza dem Leser die Stadt Madrid, durchstreift Straßen, führt ihn an Denkmälern vorbei und direkt in den Prado, wo er über das Bild von Hans Baldung Grien, „Die drei Lebensalter und der Tod“, reflektiert. (Alle drei Bände enthalten übrigens Abbildungen, Fotos und Gemälde. Das ist ein sehr gelungener Schachzug von Marias, zumal seine Geschichte davon nicht geschmälert wird oder die Bilder über etwas hinwegtäuschen sollen. Sie dienen lediglich der Verfeinerung der Gedanken, zeigen, über welches Bild gerade reflektiert wird.)

(Quelle: Meisterwerke-onine.de)


Dieses Bild, mit dem Gevatter Tod, der die lebendige Haut nur wie einen Mantel trägt und in der Hand die Sanduhr hält, durch die die Lebenszeit rieselt, einzig interessiert daran, wann sie abgelaufen ist, wird Deza auch im wahren Leben noch häufiger begegnen.

Nachdem sich Deza nun selbst gezwungen sieht, wie sein Vorgesetzter Tupra zu handeln, da seine Frau in Gefahr ist, entschließt er sich nach seiner Handlung, die Gruppe ganz und gar zu verlassen. Noch einmal sucht er Wheeler auf, der ähnlich wie sein Vater sehr alt und schwach geworden ist, und erfährt von ihm, was damals mit seiner Frau passiert ist, die sich das Leben genommen hat. Wheeler vollzieht einen Rückblick auf den zweiten Weltkrieg und stellt fest:

Zitat von Marias
Der Krieg ließ jedoch kaum Zeit für Skrupel, Gewissensbisse oder dergleichen. Aus diesem Grund behalten einige Menschen Kriegszeiten als die lebendigsten überhaupt in Erinnerung, als die euphorischsten, und in gewisser Weise vermissen sie sie später sogar. Kriege sind das Schlimmste, was es gibt, aber man lebt in ihnen mit einer ungekannten Intensität, das Gute daran ist, dass sie die Leute daran hindern, sich um Dummheiten zu sorgen oder Trübsal zu blasen oder ihrer Umgebung mit jeder Gelegenheit auf die Nerven zu fallen. Für nichts davon ist Zeit, es geht Schlag auf Schlag, auf etwas Beklemmendes folgt ein Schreck, auf ein Entsetzen ein Freudentaumel, und jeder Tag ist der letzte oder mehr noch, der einzige.



Und diejenigen, die den Krieg in anderer Erinnerung haben, die die friedlichen Tage schätzen, sehen sich anderen Schwierigkeiten gegenüber gestellt:

Zitat von Marias
Doch jetzt hat sich die Perspektive verändert, wie es in Friedenszeiten immer geschieht, außer für diejenigen unter uns, die wissen, dass der Krieg stets lauert und ganz nahe ist, auch wenn das fast niemand mehr glauben mag; und dass das, was uns im Frieden verdammenswert, schrecklich und übertrieben erscheint, sich schon morgen unter Zustimmung der gesamten Nation wiederholen könnte. „Kriegsverbrechen“, so nennt man heute alles mögliche, als bestünde der Krieg nicht daraus, dass Verbrechen begangen werden, die in ihrer großen Mehrzahl vorab verziehen sind.



Doch für seine Frau reichte diese Entschuldigung nicht aus, dass im Krieg die Dinge anders laufen und danach einen anderen Sinn ergeben, man nicht mit der Vernunft oder mit in Friedenszeiten wieder klarem Blick über sein Handeln urteilen darf.

Selbst Deza hat sich durch all die Erlebnisse geändert, betrachtet die Dinge nun klarer und wacher.
Ich neige dazu, alle zu deuten, selbst wenn ich gerade nicht arbeite und niemand von mir einen Bericht über das verlangen wird, was ich wahrnehme.

Jedoch gehört er wohl zu den Menschen, wie auch Wheeler, die mit ihrer Schuld leben können.

Zitat von Marias
… es geschah nur halb und ohne meine volle Zustimmung, schließlich weiß ich mich nicht und sehe mich nicht, ich horche nicht in mich hinein und erforsche mich nicht, ich schenke mir keine Aufmerksamkeit, weil ich in Wirklichkeit darauf verzichtet habe, mich zu verstehen…



Als sowohl Dezas Vater als auch Wheeler sterben, erinnert sich Deza an einen Satz, den Wheeler ihm einst gesagt hat:

Zitat von Marias
Und so will heute niemand etwas wissen von dem, was er sieht, was geschieht und was er im Grunde weiß, von dem, was als flüchtig und unbeständig erahnbar ist oder sogar nichts sein wird oder in gewissem Sinne nicht gewesen sein wird. Niemand ist daher bereit, etwas mit Gewissheit zu wissen, denn die Gewissheiten sind abgeschafft, als wären sie verpestet. Und so geht es uns, und so geht es der Welt.



Zu verschweigen, was gewesen ist, zu glauben, was geschehen könnte, sich eigenes, selbstständiges Denken zuzutrauen, ist grundsätzlich eine Herausforderung, und selbst mit einer Gabe kann dieses Streben zum Fieber, zum Traum, zur Lanze, zum Gift, zum Tanz, zum Schatten und Abschied werden, wie Deza es bewiesen hat.

Interessant ist bei dem dritten Teil von „Dein Gesicht morgen“ noch zu wissen, dass inmitten ihrer Übersetzung, Elke Wehr an schwerer Krankheit verstarb. Sie hatte viele Werke Marias’ ins Deutsche übersetzt und er widmete ihr einen dankbaren Nachruf in der spanischen Tageszeitung El Pais. Der neue Übersetzer, Luis Ruby, musste in große Fußstapfen treten, sowohl in der Übersetzung selbst als auch in der Recherche der Zitate, da Marias nicht nur aus verschiedenen Werken zitiert (wie natürlich Shakespeare oder T.S. Eliot, Rilke und andere), sondern auch aus den eigenen Werken, die er dann so weitergeben musste, wie sie auch schon Elke Wehr formulierte. Hier darf man getrost als Leser behaupten, dass Ruby ganze Arbeit geleistet hat, nicht sichtbar wird, wo der Wechsel der Übersetzungen stattfindet.

Marias hat mich mit seiner Trilogie erneut gepackt und neugierig auf seine weiteren Werke gemacht. So muss das sein.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 12.04.2011 14:15 | nach oben springen


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