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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Liane Dirks

in Die schöne Welt der Bücher 20.05.2010 18:07
von Martinus • 3.195 Beiträge

Hallo,

In den letzten Wochen, habe ich diese Autorin entdeckt, die es echt drauf hat.

Nachdem mich Falsche Himmel enttäuscht hat,
bin ich begeistert von "Die liebe Angst":

Zitat von Dirks

Angst, die das Hirn zerfleddert und das Herz im Klosett verschluckt. Angst.



Auch wenn z.Zt. die katholische Kirche wegen sexuellen Missbrauch an Minderjährigen ins Zwielicht geriet, findet solch ein Missbrauch meist im Kreise der Familie statt, in deren Kinder dieser Gewalt schutzlos ausgeliefert sind.

Im Jahre 1986, als dieses Thema noch längst nicht im Brennpunkt des Intersses lag, erschien der Romanerstling „Die liebe Angst“ von Liane Dirks. Aus der Sicht der vierjährigen Anne, die am Ende des Romans 11 Jahre alt ist, erlesen wir die Geschichte einer Kindheit. Der Beginn des Romans schon löst Betroffentheit aus.

Zitat von Dirks

Einmal kam eine Frau an unserem Fenster vorbeigepflogen. Ich war noch ganz klein, aber ich hab grad hingesehen, als sie flog.
Und da hab ich gelernt, daß Menschen nicht fliegen können. Sie landete mit einem dumpfen Knall auf den Steinfliesen im Hof, und meine Mutter sagte, die hat gar nicht fliegen wollen. Die wollte stürzen.



So schnörkellos und absolut treffsicher in Wort und Verdichtung zieht diese bemerkenswerte Prosa durch den Roman. Da das Mädchen vier Jahre alt ist, werden die ersten sexuellen Annnäherungsversuche des Vaters in traumbeladenen Bildern erzählt:

Zitat von Dirks
Manchmal nachts stand plötzlich der liebe Mond vor dem Schmetterlingsnetz, ich wurde wach, schlug die Augen auf, da hing das weiße Mondgesicht nah an dem Netz, sah aus wie der Papa und flüsterte gute Nacht...



Der Vater ist Hotelkoch und ein Säufer. Er „liebt rohes Fleisch und wildes Leben, saftige Weiber und Bier..“, im Streit mit der Mutter fliegt auch mal das Porzellan. Hat er wieder etwas angestellt, schmeißt ihn sein Brötchengeber auf die Straße. So ziegen sie von Hamburg nach Barbados, dann nach München, Rothenburg usw. Der Vater wird ganz lieb dargestellt, natürlich, schließlich erleben wir die Geschichte aus der Sicht der jüngsten Tochter, und sie liebt natürlich ihren Vater, dem Märchenerzähler, der in seinen Geschichten nachts die Puppen aufwecken lässt, die dann reden, lachen laufen und weinen, schimpfen und abrechnen. Abrechnen damit, wie die Puppenmutti sie tagsüber behandelt hat. Die Mutter hat traurige Augen wie Ingrid Bergmann, sie hat sich das Leben anders vorgestellt. Nicht immer nur ein Leben zwischen Aufbauen und Abreißen von Betten und Zelten. Der Vater bringt immer seine Töchter ins Bett.


Sehr gelungen in diesem Roman ist der Blickwinkel aus der Sicht der jüngsten Tochter. So erfährt der Leser auch nur das, was uns der Blickwinkel dieses Mädchens verrät, und wie das Mädchen seine Umwelt begreift. Dieser freundliche Vater, der sich offenbar mit seinen Töchtern inniger versteht als mit seiner Frau, dieser Säufer von Koch, der sich in die Kinderseelen einschmeichelt, um sie sexuell zu missbrauchen, geht perfide vor, ganz langsam Schritt für Schritt. Die Mutter will „die Schande bedecken“ auch der Pfarrer, dem die Kinder sich zutrauen, von der Schande zu erzählen, weicht aus und verflüchtigt sich, weil es ihm unangenehm ist. Die Töchter leben mit dem Druck etwas verbotenes zu tun, weil ihnen Schuldgefühle aufgeschultert werden.

Zitat von Dirks
Ich weiß nicht nicht, ob ich Engel sehen will, ich bin doch ein böses Kind, das verbotene Dinge tut.



Also lesen, sind gerade mal 140 Seiten. Aber was für welche.

Und weiter geht's mit der Lektüre "Vier Arten meinen Vater zu beerdigen".

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)
zuletzt bearbeitet 20.05.2010 18:36 | nach oben springen

#2

RE: Liane Dirks

in Die schöne Welt der Bücher 27.02.2011 11:41
von Krümel • 499 Beiträge

Hallo Martinus,

wie du ja weißt fand ich "Falsche Himmel" irgendwie anders, ich war nicht himmelhoch begeistert aber doch sehr angenehm überrascht, da ich einen solchen Minimalismus noch nie gelesen hatte. Gleiche empfinde ich derzeit bei "Vier Arten meinen Vater zu beerdigen". Die Autorin schafft es auf 240 Seiten ein Panorama von drei bis vier Generationen zu eröffnen, und das meiner Meinung so scharf umrissen, trotz eben der wenigen Seiten, dass ich richtig angetan davon bin. Ich bin fast geneigt zu sagen, da ich ja selber auch gerne nur wenige Worte mache, ich liebe diesen Minimalismus, der dennoch ganz tiefe Persönlichkeiten schafft, das kann sie vorbildlich und ich kann viel davon lernen

Zu der Beerdigung werde ich sicherlich noch ein paar Worte schreiben,

Krümel

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#3

Vier Arten meinen Vater zu beerdigen

in Die schöne Welt der Bücher 21.04.2011 13:16
von Krümel • 499 Beiträge

Dies ist bestimmt ein Roman, der die Leserwelt in zumindest zwei Lager spaltet. Die einen werden das Buch nach ein paar Seiten beiseitelegen, die anderen werden es zuende lesen. Ich gehöre zu der zweiten Gruppe, da ich ja wusste was mich bei Dirks erwartet, und zwar Minimalismus auf höchstem Niveau.

Auf 240 Seiten schildert die Autorin in diesem Werk gleich drei Generationen, den Großvater Johannes Dirks, seinen Sohn Günther Dirks und dann die zwei Töchter von Günther, wobei die >Kleine< auch gleichzeitig die Erzählerin ist. Und so wird das vergangene Jahrhundert anhand derer abgehandelt. Der Mittelpunkt stellt im Roman Günther dar, der nicht nur von seinem Vater gequält und missbraucht wird, sondern im II. Weltkrieg gleich ein ähnliches Schicksal erleidet. Was kann er seinen Töchtern mit diesem Hintergrund bieten? Er, der selber ein menschliches Wrack ist. Als er nach dem Krieg als Koch für längere Zeit auf Barbados mit seiner Familie lebt, eskaliert die Situation!

Zum Schluss liegt Günther auf Barbados im Sterben und die >Kleine< kehrt Heim …

Eindrucksvoll schildert die Autorin das Leben von Günther, ein Opfer, welches zum Täter wird. Durch ihren minimalistischen Stil, im grunde wirft sie mit lauter Bildern um sich, entsteht eine wahre plastische Erzählung, ja ein Kopfkino der feinsten Art. Und Zweidrittel des Buches hat es mich tief in seinem Bann gezogen. Der Schluss dann, als sie ihre eigene Geschichte erzählt und man sie als das letzte vorhandene Opfer wahrnehmen sollte, da versagt ihre Stimme. Das betitelte Beerdigungsritual wird nicht mehr von dieser Fülle getragen.

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