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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Die Begriffe Holocaust & Shoah

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 13.03.2011 11:23
von LX.C • 2.693 Beiträge

Holocaust – Versuch einer Begriffsklärung

Das Wort Holocaust hat seit Ende der 70er Jahre Eingang in die deutsche Erinnerungskultur gefunden, es steht für die Massenverfolgung und -vernichtung der Juden während der nationalsozialistischen Diktatur 1933-1945. Anstoß gab ein amerikanischer TV-Vierteiler von Marvin Chomsky: „Holocaust. Die Geschichte der Familie Weiß“, der in Deutschland 1979 erstmals gesendet wurde. So naiv uns der Film heute in seiner Produktionsweise erscheinen mag, man kann ihn als ein Herantasten bezeichnen, der den Menschen die schonungslose Wahrheit in seiner Darstellung noch zu ersparen suchte, er bewirkte einen Ruck in der deutschen Bevölkerung, bedeutete eine Zäsur, was die Beschäftigung mit den Verbrechen gegen die Juden während der NS-Diktatur anbelangt. Denn die Zeit zuvor war mehr oder weniger, mit einzelnen kurzen Phasen, wie den Auschwitz Prozessen in den 60er Jahren, den zivilrechtlichen in Frankfurt Main 1963-1966, mehr noch dem Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem, von Desinteresse und Tabuisierung geprägt. Für Kertész stellt der Begriff Holocaust im negativen Sinne eine Stilisierung dar, „eine gezierte Abstraktion der deutlich brutaler klingenden Wörter ‚Vernichtungslager’ oder ‚Endlösung’“ (Kertész: Wem gehört Auschwitz?, 1998). Doch Wörter wie Judenfrage, Judenvernichtung oder Endlösung waren dem nationalsozialistischen Sprachgebrauch zu nah und daher von kollektiver Scham begleitet. Die Einführung des Wortes Holocaust bat die Möglichkeit das Ereignis fern der tabuisierten Termini semantisch-assoziativ zu verorten und zu verbalisieren. Eine Voraussetzung schlechthin, damit Aufarbeitung stattfinden kann. Der Begriff entwickelte sich zum Topos des kommunikativen Gedächtnisses und schlug sich schließlich auch im kulturellen Gedächtnis nieder, in Geschichtsbüchern, Dokumentationen oder zur Benennung von Gedenkstätten wie dem „Holocaust-Mahnmal“ ist er heute allgegenwärtig.

Abseits der Popularisierung des Wortes in Deutschland in Folge Chomskys Vierteilers gibt es ein Pro und Contra, das für oder gegen die Verwendung des Begriffs im Zusammenhang mit der Judenvernichtung im Dritten Reich spricht.
Das Contra liegt im griechisch-antiken Wortursprung für „vollständig verbrennt“ im Zusammenhang mit dem Tieropferkult begründet. Das Religiöse, das dem Wort damit anhaftet, setzte sich in der englischen Bibelübersetzung fort, in der Holocaust für das menschliche Brandopfer steht.
Im ersten Buch Mose, Kapitel 22 wird Abraham von Gott aufgefordert, ihm seinen Sohn Isaak zu opfern. Er soll ihn wie ein Tieropfer verbrennen. Als Gott Abrahams Bereitwilligkeit erkennt, begnadigt er Vater und Sohn, die ihm darauf wiederum ein Tier vollständig zum Opfer verbrennen. Das menschliche Brandopfer als Beweis der Gottesfürchtigkeit innerhalb der jüdischen Konfession.
Die Verortung im Jüdisch-Religiösen, innerhalb der jüdischen Glaubensgemeinschaft selbst, ist in Bezug auf den willkürlichen verbrecherischen Akt im Dritten Reich selbstredend abwegig. Der Blick auf den etymologisch religiös geprägten Ursprung führt also von dem Begriff Holocaust weg.
Etymologisch, denn der Jahrhunderte währende christliche Antijudaismus tat zur Entwicklung eins im Dritten Reich säkularisierten Antisemitismus seinen Teil bei, in dem das Jüdisch-Religiöse schließlich außen vor blieb und der Jude als Rasse definiert wurde, was jegliche Flucht aus dem von Menschenhand kalkuliert oktroyierten Schicksal unmöglich machte.
Doch der Titelbegriff Chomskys kommt nicht von irgendwoher. Das Wort Holocaust fand seit dem Mittelalter im angloamerikanischen Raum immer wieder Verwendung für Judenpogrome im Speziellen und seit dem 20. Jahrhundert auch für Völker- und Massenmorde allgemein. Eine britische Tageszeitung verwendete 1942 den Begriff Holocaust im Zusammenhang mit Hitlers Vernichtungspolitik gegen die Juden. Diese Spezifikation setzte sich nach 1945 fort, in England sowie in den USA ist Holocaust seit 1957 zum wissenschaftlichen Abgrenzungsbegriff der systematischen Judenvernichtung im Dritten Reich gegenüber andere Völker- und Massenmorde geworden und hat sich bis in die 70ern endgültig dort etabliert. Der Begriff war folglich mit Entstehung Chomskys Vierteilers „Holocaust. Die Geschichte der Familie Weiß“ populär wie nie und fand so auch in Deutschland Eingang.

Das alles führt uns zu dem Schluss: Der Begriff Holocaust ist dem verbrecherischen Akt der Judenvernichtung im Dritten Reich wesensfremd und ist es auch wieder nicht. Die etymologische Entwicklung des Wortes insbesondere im angloamerikanischen Raum lässt eine Verwendung durchaus zu. Schaut man auf den Ursprung und die religiöse Bedeutung des Wortes, dann wäre von einer Verwendung eher abzuraten. Man könnte auf den israelisch geprägten Begriff ausweichen: Shoah. Doch auch der hat seine Tücken und wäre eine eigene Betrachtung wert, die vielleicht folgen wird.
„Ob das hebräische Wort ‚Shoah’ ein geeigneteres Wort sei, wie neuerdings behauptet wird, kümmert mich nicht: Solang es nur irgendein Wort gibt, das sich ohne Umschweife und Nebensätze gebrauchen läßt. Denn Wörter, einfache Wörter […] grenzen ab und schaffen umfriedendes Gedankengelände.“ (Klüger: Weiter leben, dtv 2009, S. 234.)
Fakt ist, es hat Synonyme bedurft, um abseits nationalsozialistischer Wendungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg tabuisiert und mit Scham behaftet zu einem kollektiven Schweigen führten, zu verbalisieren. In diesem Kontext hat sich der Begriff Holocaust durchaus bewährt.


(Für sachliche Ergänzungen bin ich offen und dankbar.)


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zuletzt bearbeitet 13.03.2011 11:24 | nach oben springen

#2

RE: Die Begriffe Holocaust & Shoah

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 05.04.2011 19:39
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von LX.C
Anstoß gab ein amerikanischer TV-Vierteiler von Marvin Chomsky: „Holocaust. Die Geschichte der Familie Weiß“, der in Deutschland 1979 erstmals gesendet wurde.



Ich denke, das es dieser Film war, den ich damals gesehen habe. Für mich seit heute bemerkenswert, dass es ausgerechnet ein amerikanischer Film ist. In dem Buch "Die Holocaust-Industrie" des amerikanischen Politikwissenschaftlers Norman G. Finkelstein, schreibt der Autor in der Einleitung, Holocaust, sei

Zitat von Finkelstein
eine von Ideologie geprägte Darstellung der Massenvernichtung der Juden durch die Nazis..Wie alle Ideologien ist sie, wenn auch schwach, mit der Wirklichkeit verbunden. DER HOLOCAUST ist kein willkürlich zusammengestelltes, sondern vielmehr ein in sich stimmiges Konstrukt. Seine zentralen Dogmen stützen wichtige politische und Klasseninteressen.



Dazu muss gesagt werden, Finkelstein benutzt den Begriff "Holocaust" nur, wenn er die Ideologie meint. Für den historischen Vorgang durch die Nazis steht bei dem Autor der Begriff "Massenvernichtung der Juden durch die Nazis".

Nun werden sicher Fragen auf mich einstürmen, habe vom Finkelstein bisher aber nur die Einleitung gelesen, werde das nach seinem Erscheinen kontrovers disktutierte Buch auch gerne nach Lektüre vorstellen.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 05.04.2011 19:41 | nach oben springen

#3

RE: Die Begriffe Holocaust & Shoah

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 05.04.2011 23:07
von LX.C • 2.693 Beiträge

Was für ein Zufall. Mir ist heute der Vierteiler auch wieder über den Weg gelaufen. Lese gerade ein Buch über den Majdanek Prozess in Düsseldorf Mitte der 70er Jahre.
Mindestens 250 000 Tote und nur 15 Angeklagte nach über 30 Jahren, von denen alle auch noch je zwei Verteidiger hatten. Ein Wahnsinn alles.
Wie tief die NS-Ideologie in den Köpfen dieser Menschen verwurzelt war, Angeklagte und Verteidiger (geübte NS-Verteidiger), ist selbst nach dieser langen Zeit unmissverständlich ersichtlich. Da wird zum Beispiel ein historischer Sachverständiger von Verteidigern als befangen abgelehnt, weil er mit Juden Kontakt hat.
Ich habe den Vierteiler gesehen, was soll daran ideologisch sein? Vielleicht kannst du das dann näher ausführen.
Der Film ist noch viel zu harmlos. Für die volle Packung Wahrheit waren die Menschen damals vermutlich auch noch nicht bereit oder die historische Aufarbeitung soweit. Jedenfalls war es wohl die richtige Form, um die Menschen nicht zum Wegsehen, sondern zum Zuschauen und zum Nachdenken zu animieren.

"An jenem 26. November 1975 war der Sitzungssaal brechend voll. Zeitungs-, Rundfunk- und Fernsehjournalisten sowie Vertreter von Presseagenturen drängten sich vor dem Richtertisch, um die Angeklagten zu filmen und zu fotografieren. […] Es schien, als werde durch diesen Prozeß die Öffentlichkeit nun wieder regelmäßig mit dem konfrontiert werden, was in der Nazizeit verbrochen worden war. Ein großer, wichtiger Prozeß bot sich dazu an. Diese Erwartung wurde freilich schon am nächsten Tag nicht mehr erfüllt. Am dritten Verhandlungstag saßen noch ganze drei Journalisten auf den Pressebänken und daran änderte sich nichts bis zum Januar 1979. Erst nach der vierteiligen Fernsehserie 'Holocaust', die in der Bundesrepublik fast zwanzig Millionen Menschen gesehen hatten [nachträgliche Hervorhebung], kam hin und wieder ein größeres Grüppchen von Redakteuren und Reportern in den Sitzungssaal 111."

Quelle: Lichtenstein, Heiner: Majdanek. Reportage eines Prozesses, Europäische Verlagsgesellschaft, Frankfurt/M. 1979, S. 29.


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zuletzt bearbeitet 07.04.2011 12:20 | nach oben springen

#4

RE: Die Begriffe Holocaust & Shoah

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 06.04.2011 21:07
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Zitat von Finkelstein
Wie alle Ideologien ist sie, wenn auch schwach, mit der Wirklichkeit verbunden.



Wenn jemand behauptet oder andeutet, er habe ein unmittelbares Verständnis von "der Wirklichkeit" (und andere nicht), dann stellen sich bei mir sämtliche Nackenhaare hoch. Es gibt keine "Wirklichkeit", und schon gar keine Menschen, die den Zugriff darauf für sich gepachtet hätten.




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