Wortgeschichte
Man stößt immer wieder auf Wort- oder Sprichwortursprünge und denkt sich: da kommt das also her, guck an. Das ist mir bei der Lektüre des neuzeitlichen "Simplicissimus" ganz besonders aufgefallen. Damals wollte ich das Thema schon eröffnen. Nun mache ich es endlich.
Denn heute stieß ich darauf, wo das Wort Kerbholz herstammt, das auch in folgendem Spruch vorkommt: Der hat eine Menge auf dem Kerbholz. Was ist denn das - Kerbholz?
Im späten Mittelalter wurde auf Kerbhölzern verzeichnet, ob Zunftmitglieder ihre Abgaben, beispielsweise ihr Gewohnheits- oder Kaufrecht bezahlt hatten. Der Inhaber des "Betriebes", z.B. der Bäckermeister hatte ein Kerbholz und der vom König bestellte Aufseher über das Handwerk, bzw. der Pächter des Amtes hatte ein Kerbholz für die jeweilige Person. So konnte nicht betrogen werden und bei Verlust gab es immer eine "Kopie". Immer wenn also die Abgaben bezahlt wurden, wurde eine Kerbe in das Holz gemacht. Daher stammt das Kerbholz.
Wie es zur negativen Umwertung des heutigen Spruchs kam, kann ich mir allerdings nicht erklären. 
Zitat von LX.C
Wie es zur negativen Umwertung des heutigen Spruchs kam, kann ich mir allerdings nicht erklären.
Könnte ich mir so erklären, dass die Kerbe auf dem Holz damals, die für eine beglichene Schuld stand, ja trotzdem ein Schuldenmachen voraussetzt. Somit hat einer, der viele Striche auf dem Kerbholz hat, zwar seine Rechnungen beglichen, jedoch trotz allem viele Schulden gemacht.
Damit würde die heutige Bedeutung - Der hat eine Menge auf dem Kerbholz! - dann auch wieder im richtigen, also negativen Sinne zutreffen.
Es sei denn, es war damals üblich, viele Schulden zu machen. 
Ist ein schönes Thema für einen Ordner. Da fallen mir bestimmt auch noch einige Redewendungen ein, die sich im heutigen Sinne verändert haben oder auch nicht... ![]()
Wenn man Schulden gemacht hätte, hätten ja auch die Kerben gefehlt. Man hätte also nicht viele Kerben auf dem Kerbholz gehabt.
Die regulären Abgaben waren ja keine Schulden in dem Sinne. Aber man hat anders gesagt ja trotzdem eine "Schuld" beglichen und mit jedem Begleichen der "Schuld" gab es eine Kerbe. Von daher könnte deine Deutung etwas umgedeutet und im Wandel der Bedeutung doch stimmen ![]()
Es gab in der Geschichte unterschiedliche Arten von Kerbhölzern zu verschiedenen Zwecken - es lag ja auf der Hand, diese einfache Technik zu verwenden, solange es noch keine Schrift gab. Das hat schon bei den Sumerern angefangen. Und natürlich wurden auf diese Weise auch Schulden festgehalten, deshalb ist unsere Redewendung in diesem Sinne zu verstehen.
Unsere Redewendung hat ja nicht in erster Linie etwas mit Schulden (im finanziellen oder materiellen Sinne) zu tun, sondern damit, dass jemand Schuld auf sich geladen hat, auf gut Deutsch, Mist gebaut hat. Es kann sich also bestenfalls um eine Bedeutungsabwandlung oder -anlehnung handeln. Hier habe ich einen schönen Link gefunden.
http://www.redensarten.net/Kerbholz.html
Der bestätigt also, dass im ursprünglichen Sinne die sprichwörtliche Bedeutung war: "Wer also Schulden gemacht oder Lieferungen und Arbeitsleistungen noch nicht beglichen hatte, der hatte etwas auf dem Kerbholz." Und dass die Bedeutung sich erweitert hat.
Interessant für mich war, auf dieses Wort Kerbholz und seine Bedeutung zu treffen. Kommt man ja normalerweise nicht mehr mit in Berührung. Und darum solls hier gehen. Der Nächste bitte 
Mir stellt sich trotzdem weiterhin die Frage, warum der Spruch nicht positiv belegt wurde. Angesichts meines Beispiels oben könnte er ja genauso bedeuten: Geh mal zu (Handwerker) XY, der hat eine Menge auf dem Kerbholz - hat also seit Jahren Bestand und ist ein alter Hase in seinem Fach -, der wird’s schon richten.
Komisch, dass einen so ein Unsinn immer nicht loslässt.
Die Kirche im Dorf lassen
"Im Zuge des Landesausbaus [im Mittelalter] wurden Dörfer und Städte gegründet; schon im Planungsstadium gliederte man im allgemeinen einen besonderen Platz aus für die Pfarrkirche und den Friedhof. Längst nicht jede Kirche hatte das Recht einer Pfarrei; die Bewohner mancher Stadt gehörten oft noch lang zu einer vor den Stadtmauern gelegenen Pfarrkirche; daran erinnert die Redewendung 'Die Kirche im Dorf lassen'."
(Ohler, Norbert: Sterben und Tod im Mittelalter, München 1990, S. 144.)
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