Viktor Pelewin

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11.05.2011 00:52 (zuletzt bearbeitet: 11.05.2011 11:12)
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Viktor Pelewin
Generation P


Viktor Pelewin wohnt in Moskau und ist einer der meist gelesenen Schriftsteller seines Landes und der jungen russischen Generation. Das alleine besagt natürlich noch rein gar nichts, und zunächst erwartete ich von diesem Mann auch keinen besonderen Tiefsinn, sondern eher einen Einblick in die heutige Zeit russischer Moderne, wo Pepsi Cola durch Coca Cola ersetzt wird, damit das Symbol der westlichen Freiheit auch in den weiten Gefilden Russlands Einzug hält. Doch Pelewin hat mich in jeglicher Hinsicht überrascht.

Ihm gelingt in seinem Roman „Generation P“ ein wunderbar kritischer Abriss der modernen russischen Gesellschaft, wobei der Verfall durchaus über die Grenzen hinausreicht und wieder zurückschnellt, weil bestimmte Vorgänge und Krankheiten nur in Russland möglich sind. Weiter betrachtet er die Massenmedien und den Materialismus kritisch, in dessen Mitte der Mensch allmählich als Identität verschwindet, von dem er sich bestimmen lässt und auf den er seine Persönlichkeit ausrichtet.
Wo das Buch zunächst an die jungen Wilden erinnert, wie z. B. Matias Faldbakken, da der Protagonist Tatarzki zu den Randgängern gehört, Drogen nimmt, anfangs an die Romantik und Dichtung glaubt, im Laufe seiner Entwicklung aber den Glauben an den Wert der Literatur verliert und sich stattdessen recht und schlecht durch das Leben schlägt, bis er statt Gedichte schließlich Werbeslogans schreibt, um der „russischen Seele“ die westliche Konsumwelt schmackhaft zu machen, entwickelt das Buch Seite für Seite in seinen Überlegungen Tiefe und Nachdenklichkeit. Hier wird im oberflächlichen Schauplatz der Werbung und des Drogenkonsums weiter gedacht, wobei Pelewins Stil auch noch ausgezeichnet ist, der Inhalt dagegen nicht auf den reinen radikalen Moment beharrt, der den Leser lediglich schockieren soll oder mit einer Welt konfrontieren, die er nicht kennt. Es fehlt dabei weder an Humor noch an dem nötigen Ernst, fällt der Blick auf ein Russland, in dem es keine Marktwirtschaft mehr gibt, keine Produktion, nur noch die fiktiv beworbenen Produkte aus dem Ausland und Menschen, die tagtäglich damit bombardiert werden, um sich darin selbst zu verlieren. Lediglich die Werbung macht den Menschen weiß, er würde noch existieren, und da das alleine (ebenfalls durch die Medien vermittelt) nicht ausreicht, wird mittels beworbener Produkte Göttlichkeit und Erlösung verkauft.
Tatarzki spaziert dabei auch in Cafés mit dem Namen „Arme Leute“, Pelewin verbindet klassische Literatureindrücke mit der Hoffnungslosigkeit einer degenerierten Welt, die nicht mehr ist, da nur noch Muster von dem existieren, was einst der Mensch war.

Pelewin blickt und zeigt mit offener Geste auf das, was in Russland falsch läuft und vor die Hunde geht, während es mit dem Ausland Schritt halten will, jedoch nur die kapitalistische Fratze übernimmt, nicht den Wert eines Marktes, auf dem frei gehandelt wird. Die Werbeaufträge kommen dabei von Reichen, die keine Produkte herstellen oder tatsächlich Wert auf den Verkauf legen, sondern lediglich anderen Reichen zeigen wollen, wieviel Geld sie in der Lage sind, für eine schwachsinnige und auf Unsinn zielende Kampagne hinauszuwerfen, weil – sie es sich leisten können. Der demonstrierte Unsinn ist damit das neue Statussymbol, und die damit konfrontierte Mittelschicht begnügt sich damit, Markenprodukte zu konsumieren, um wenigstens das Gefühl jener scheinbaren Freiheit zu ergattern, die ihnen die Werbung vermittelt. Wenn man genauer hinblickt, erkennt man, dass nur der Durchschnittsmensch tatsächlich Wert auf Nike-Schuhe und Armani-Anzüge legt, im Wissen, wieviel er dafür arbeiten und ausgeben muss, um sich darüber zu definieren.

Dass selbst der Buddhismus und andere geistig höhere oder esoterische Bereiche zum Verschachern dienen, setzt Pelewin eindrucksvoll ironisch ins Bild. So erwirbt sein Protagonist in einem chaotischen Laden eine Maschine, die mit den Geistern Kontakt aufnimmt, wodurch er sich von Che Guevara die Werbetexte schreiben lässt, der wiederum einen Angriff auf den modernen Menschen und die Medien startet. Der Mensch, heißt es darin, wird zum Wow-Typen, zum Homo zappien, der durch die Medien zur Nichtexistenz verarmt, da er, blickt er auf den Bildschirm mit seinen beständig einströmenden Sequenzen, nur noch gesteuert wird und sich von den gesteuerten Programmen schließlich auch selbst steuert, indem er konsumiert und sich über den Besitz und Konsum definiert. Dadurch wird er zum willenlosen Wesen, das glaubt, eigenständig zu handeln, damit zu existieren, während es längst nur noch ein Effekt aus Konsumwünschen und Geldgier ist und sich darüber definiert. Geld ist nicht zum Erfüllen der Wünsche gedacht, sondern nur das Sinnbild jener Summe, die diese Wünsche kosten, und zeigt so das Erreichte im Leben, hinter dem eigentliche Werte verkümmern.

Übrigens: Wie westliche Werbung auf die russische Welt umgesetzt werden kann, demonstriert Tatarski in herrlicher und lustiger Weise. Werbung ist dabei auch Propaganda, ist Mittel, das Russische (und die Welt) zu verschachern, die russische Geschichte zwischen Coca Cola und Zigarettenmarken zu (zer)setzen. Gleichzeitig kann sie ganz locker mit den westlichen "Ideenreichtum" mithalten (die Mittel zur Verdummung werden sowohl in den uns allen bekannten Werbespots als auch in diesem Buch großformatig sichtbar, wenn man nur darauf achtet), um weiter das Nichts als eine einzige Wahrheit zu verkaufen. Hier könnte man mit viel Optimismus höchstens noch anmerken: wenigstens wirkt die in Russland betriebene Werbung inmitten anderer Schwierigkeiten eher abstrakt bis absurd, während sie im Westen als in gleicher Form gar nicht mehr wahrgenommen wird.

Der Schluss dieses Buches artet ein bisschen aus, ist mir zu abstrakt und zu fantastisch, wenn auch ein Kern Wahrheit durchschimmert. Pelewin hat sich eingeprägt und wird unbedingt näher betrachtet. Zum Beispiel in "Buddhas kleiner Finger".

Liebe Grüße
Taxine


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11.05.2011 10:04 (zuletzt bearbeitet: 11.05.2011 10:06)
avatar  LX.C
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Und was bedeutet Generation P? Ist sicher ganz unwichtig, interessiert mich trotzdem. Also das P? Pepsi oder Putin?


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11.05.2011 10:54 (zuletzt bearbeitet: 11.05.2011 13:39)
avatar  Taxine
#3
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Generation P:

Zitat von Pelewin
Es gab eine Zeit, da lebte in Russland tatsächlich eine unbekümmerte junge Generation, die dem Sommer, der Sonne und dem Meer zulächelte - und Pepsi wählte.



So beginnt das Buch. Und dafür steht auch das P. Putin war noch nicht, Jelzin dagegen schon. Die Generation P ist die, die sich nach und nach verwandelt, die am Ende nur noch einen Gott kennt: das Geld.


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25.01.2026 18:02
avatar  Salin
#4
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Vor einiger Zeit sah ich, dass auf dem Cover der englischen Übersetzung von Generation P geschrieben steht: "Any thought that occurs in the process of reading this book is subject to copyright. Unauthorized thinking of it is prohibited."
Nun habe ich noch mal in meine deutsche Ausgabe geschaut und auch bezüglich dem russischen Original recherchiert: Dort ist jeweils nichts mit jenem Inhalt, lediglich satirische Anmerkungen zu Handelsmarken, Politikernamen und Autorenmeinungen. Die zitierten Sätze sind also Paratext des englischen oder amerikanischen Verlegers.

Auffällig ist, dass seit SNUFF (2015) kein nachfolgendes Werk von Pelewin ins Deutsch oder Englische übersetzt wurde, was aber nicht nur politische Gründe haben dürfte. Am Interessantesten könnte Непобедимое солнце (2020) sein, wo Pelevin zeigt, wie moderne Ideologien, Medien und Konsumkulturen mythologische Strukturen recyceln, um Macht zu stabilisieren.

Allerdings erschienen von Sofya Khagi die Monografie Pelevin and Unfreedom: Poetics, Politics, Metaphysics (2020) mit dem Schwerpunkt Unfreiheit und der Sammelband Companion to Victor Pelevin (2022) mit Essays verschiedener Literaturwissenschaftler. Zu Pelevin and Unfreedom von Sofya Khagi gibt es eine 44-seitige Leseprobe.
So richtig verlocken fand ich beide Werke nicht. Erstaunlich übrigens die Preise für die noch überall neu lieferbaren Companion to Victor Pelevin-Taschenbücher: bei BOL/bücher.de krasse 115,99 € und bei Amazon.de 26,99 €. Bei Amazon.com lassen die Algorithmen grüßen, da bei erneutem Aufrufen der Webseite der Preis um fast 4 Euro steigt, aber bei Verwendung eines anderen Browsers wieder der ursprüngliche Preis erscheint.


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26.01.2026 10:54
avatar  Taxine
#5
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Admin

Diese Frechheit bei Amazon-Käufen, mit der individuellen Anpassung der Preise an den Käufer, kenne ich auch, was mich dazu bewegt hat, hier so gut wie gar nicht mehr zu bestellen.

Pelewin ist ähnlich wie Pynchon ein Schriftsteller, der im Verborgenen lebt, der keine Auftritte in der Öffentlichkeit hat und keine persönlichen Interviews gibt. Trotzdem erscheint fast jedes Jahr ein neuer Roman von ihm, wobei etliche nicht ins Deutsche übertragen sind und, vielleicht zum Glück für den Leser, auch selten das Volumen einiger von Pynchon haben. Auch sein Genre ist sehr wechselhaft und scheut selbst die Vampir- und Werwolfwelt nicht, von denen zwei Bücher ins Deutsche übersetzt sind. Das von dir genannte Werk erschien in Russland in zwei Bänden. Die seit 2021 veröffentlichten Romane drehen sich hauptsächlich um Transhumanismus, KI, Algorithmen, Simulation, Gender-Diskurse usw., also um vieles, das der Westen als eine positive Entwicklung darstellt. Sein aktueller Roman behandelt ein von KI generiertes Italien des 16. Jahrhunderts, mit philosophisch-religiösen Fragen, z. B. ob Erlösung vielleicht auch nur eine Illusion ist.


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26.01.2026 13:43 (zuletzt bearbeitet: 26.01.2026 16:43)
avatar  Salin
#6
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Mit Pynchon wird er auch sonst gern mal verglichen: Paranoia, die eine oder andere Verschwörung, Ironie, intertextuelle Bezüge bis hin zu popkulturellen Einsprengseln. Pelewins Humor gefällt mir jedoch bei weitem besser, auch wie er Theorien Baudrillards ganz beiläufig in literarische Prosa gegossen hat, abgesehen davon, dass mich bei Pynchon das Enzyklopädische und in die Länge Gezogene stört.
Ein Vergleich mit Murakami ist wegen zen-buddhistischer Bezüge naheliegend, wenngleich der Japaner politisch-ideologisch harmlos wirkt. Pelewin war stets auffallend kritisch, was bestimmte Muster und Strukturen betrifft.

Buddhas kleiner Finger ist für mich nach wie vor einer der künstlerisch vollendetsten Romane überhaupt. Wahrscheinlich hat er das Niveau selber nicht noch mal erreicht, jedenfalls nicht in Generation P oder Tolstois Albtraum. Bei SNUFF und wohl auch in anderen post- und transhumanen Werken mengt er mir zu vieles durcheinander. Selbst für heute Wichtiges ragt da kaum noch heraus; ich meine seine durchaus zeitgemäßen Themen wie Ideologien als identitätsstiftende Marken, programmierbare Identität oder digitale Metaphysik.

Mit Heinrich Siemens, dem deutschen Verleger und Übersetzer von SNUFF hatte ich vor drei Jahren einen kurzen Austausch, den ich leider nicht gespeichert habe. Von der Resonanz des Werkes war er jedenfalls enttäuscht. Nur zwei professionelle deutsche Buchkritiken waren damals zu finden. Sein Verlag scheint hierzulande der einzige zu sein, der noch ein Buch von Pelewin im Programm hat. Allerdings sind alle bisher erschienen Romane gebraucht zu Niedrigstpreisen zu haben, was auf schwache Resonanz schließen lässt. Erklären kann ich dieses fehlende Interesse nicht. Auf Pelewins deutschsprachiger Wikipediaseite gibt es gerade mal sieben Zeilen Beschreibung, auf der französischen und spanischen sind es deutlich mehr und auf der englischsprachigen sind es fast hundert Zeilen.

P. S.
Nun habe ich doch sowohl Pelevin and Unfreedom als auch Companion to Victor Pelevin bestellt.


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27.01.2026 09:35
avatar  Salin
#7
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iPhuck 10 (2017) gilt als sein drittwichtigster Roman. Allerdings gibt es davon keine Übersetzung in westliche Sprachen, obwohl das Original Bestseller war. Hier wahrscheinlich im Westen doch primär politische Gründe, obwohl nicht bekannt ist, ob Pelewin überhaupt in Russland lebt. Der Erzähler, ein KI-Detektiv, der Kriminalromane schreibt und so seine Behörde mitfinanziert, soll eine von Pelewins bedeutendsten Kreationen sein.


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27.01.2026 10:30
#8
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Ich hätte schwören können, von Viktor Pelewin stünde etwas in meiner russischen Abteilung, aber ich finde es gerade nicht. Auf jeden Fall Tolstois Albtraum und Buddhas kleiner Finger, in Werwolf und Vampir hatte ich nur hineingeschaut, das alles aber vor langer Zeit. Das hier besprochene Generation P. kenne ich nicht. "Moderne" russische Literatur hieß bei mir immer Wiktor Jerofejew, Andrei Platonow, Wladimir Sorokin; ich glaube, Pelewin setzt diese Reihe fort.


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27.01.2026 12:23
avatar  Taxine
#9
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Zitat von Salin im Beitrag #7
iPhuck 10 (2017) gilt als sein drittwichtigster Roman. Allerdings gibt es davon keine Übersetzung in westliche Sprachen, obwohl das Original Bestseller war. Hier wahrscheinlich im Westen doch primär politische Gründe, obwohl nicht bekannt ist, ob Pelewin überhaupt in Russland lebt. Der Erzähler, ein KI-Detektiv, der Kriminalromane schreibt und so seine Behörde mitfinanziert, soll eine von Pelewins bedeutendsten Kreationen sein.


Die Gründe sind auf jeden Fall politischer Natur, zumal der kulturelle Austausch zwischen Europa und Russland erheblich erschwert ist. Sie liegen aber auch bei den von dir benannten, dass der Absatz zu gering war und das Interesse dadurch noch einmal gesunken ist, größtenteils darum, weil nach "Luchterhand" und "btb" der letzte Roman "S.N.U.F.F." nur noch im Nischenverlag "Tweeback" erschien, sodass dieser, gegenüber den anderen Werken Pelewins, kaum in Mainstream-Buchhandlungen auslag und daher weniger sichtbar war. Hinzu kommt, dass die Übertragung ins Deutsche sehr anspruchsvoll ist, da Pelewin komplex schreibt, interne kulturelle Andeutungen macht und etliche russische Eigenheiten und Wortspiele verwendet, die ein guter Verlag im Anhang für den deutschen Leser, der damit nicht vertraut ist, erklären müsste.

Da Pelewin das Verborgene vorzieht und viel über Buddhismus schreibt, gibt es Gerüchte, dass er auf der Insel Koh Samui im Golf von Thailand lebt. Zu diesem Verdacht führten in den russischen Medien einige Schnappschüsse, die ihn angeblich am Meer zeigten und auf Telegram von der Online-Zeitung "Mash" veröffentlicht wurden. Da Pelewin in Russland aber nicht nur einen Bestseller geschrieben hat, gilt er als eine der wichtigsten modernen Stimmen (im Gegensatz zu Jerofejew und Sorokin, die im Westen leben und, wie gefördert, Kritik an Russland und Putin üben (in Sorokins letztem Werk, "Doktor Garin", tritt z. B. auch Trump als nackter Arsch in einer Irrenanstalt auf, hier ist Sorokin, wie so oft (*), wieder unterirdisch primitiv, ähnlich wie in "Der Tag des Opritschniks", wo es u. a. um die leuchtenden Genitalien russischer Politiker ging), sodass es für Russland wahrscheinlich egal ist, ob er dort oder woanders lebt. Ich denke aber, dass Pelewin weiterhin im Land ist, da er in seinen Büchern oft auf das tagesaktuelle Geschehen reagiert, durchaus auch skeptisch und kritisch, aber deutlich besser und allgemeingültiger verpackt.

---
(* Ausnahmen bilden für mich nur Sorokins Romane "Roman" und "Der Schneesturm")


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27.01.2026 12:29
avatar  Taxine
#10
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Ich habe jetzt auch einmal im Regal geguckt und seinen Roman "Das heilige Buch der Werwölfe" herausgekramt. Den lese ich als nächstes, auch wenn es hier dann eher um Werfüchse geht. Er beginnt aber schon gut. Werde dann mehr dazu sagen können. Mal sehen, ob er hier bereits das spätere Niveau erreicht. "Generation P" benötigt einige Kenntnisse über den sowjetischen Alltag, um die beschriebenen Eigenheiten besser nachvollziehen zu können. Soweit ich mich erinnere, gefiel der Roman nicht allen.


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27.01.2026 13:56
avatar  Salin
#11
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Zu den Arschgesichter in Doktor Garin gehörten alle G8-Vertreter, also u. a. auch Donald, Emmanuel und Angela, weshalb ich da keine Einseitigkeit erkennen konnte.

Das heilige Buch der Werwölfe zählt ja zu seinen erfolgreichsten Büchern. Die gebundene Ausgabe hatte ich gestern mitbestellt, ebenso Das fünfte Imperium und Omon, bevor nur noch Zerlesenes erhältlich ist.

Generation P und Makanins Underground dürften die beiden besten Roman über der 1990er Jahre in Russland sein und zudem noch in den 90ern geschrieben. Das Geschehen damals wurde wunderbar verarbeitet, ohne so weit in Ästhetische zu steigen wie Buddhas kleiner Finger mit einer früheren Epoche.
An manches aus Generation P muss ich noch heute im Alltag denken, etwa wenn ich Getränkebüchsen sehe:
"Das Bild war symbolisch derart überfrachtet, dass man sich wundern musste, wie das dünne Dosenblech es aushielt."


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27.01.2026 14:15 (zuletzt bearbeitet: 27.01.2026 14:16)
#12
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Zitat von Taxine im Beitrag #9
(im Gegensatz zu Jerofejew und Sorokin, die im Westen leben und, wie gefördert, Kritik an Russland und Putin üben

Aber doch erst seit dem "Angriffskrieg auf die Ukraine"* oder leben die schon länger im Westen?

Zitat von Taxine im Beitrag #9

(in Sorokins letztem Werk, "Doktor Garin", tritt z. B. auch Trump als nackter Arsch in einer Irrenanstalt auf, hier ist Sorokin, wie so oft (*), wieder unterirdisch primitiv, ähnlich wie in "Der Tag des Opritschniks", wo es u. a. um die leuchtenden Genitalien russischer Politiker ging)


Ich habe ja, ich muss es bekennen, ein Faible für grobschlächtige und auch primitive Szenen, wenn sich ein Buch nicht darin erschöpft. Selbst der "Schneesturm" ist nicht völlig frei davon.

*
Old poor Yorick annerschtwo:

Zitat
Die stehende Redewendung vom "Russischen Angriffskrieg", die von den Politikern und Staatsmedien hierzulande ohne jede Alternative oder begriffliche Variation verwendet wird, erinnert mich immer an die Aktuelle Kamera aus DDR-Zeiten, in der immer und ausnahmslos Erich Honecker als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzender des Staatsrats der DDR betitelt wurde, so viel Zeit musste sein. Die Bezeichnung Staats- und Parteichef, die westliche Medien benutzten, galt in der DDR als beleidigend.

Während es seinerzeit um hofzerimonielle Ausprägungen einer verknöcherten Staats- und Parteibürokratie ging, hat die Wendung vom "Russischen Angriffskrieg" natürlich vor allem die Funktion, die Schuldfrage a priori zu zementieren, jegliche Analyse von tiefer liegenden Ursachen zu unterbinden und damit die Verantwortung des Westens am Geschehen herunterzuspielen. Man kennt das Spiel aus der Geschichte vor allem des 20. Jahrhunderts zur Genüge, obwohl spätetestens seit Versailles klar sein dürfte, wie verhängnisvoll sich solche Sprachregelungen auswachsen können.

Nach dieser Logik müssten die Geschichtsbücher natürlich umgeschrieben werden, denn der Irakkrieg oder Dritte Golfkrieg von 2003 wäre dann nicht nur ein US-amerikanischer Angriffskrieg gewesen, sondern als Präventivkrieg auf der Grundlage gefälschter Beweise noch einen Zacken schärfer als eben der russsische Angriff auf die Ukraine. Und es ließen sich mühelos weitere Beispiele aus der Geschichte aufführen.


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27.01.2026 15:18
avatar  Taxine
#13
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Zitat von Salin im Beitrag #11
Zu den Arschgesichter in Doktor Garin gehörten alle G8-Vertreter, also u. a. auch Donald, Emmanuel und Angela, weshalb ich da keine Einseitigkeit erkennen konnte.

Ich meinte auch weniger eine Einseitigkeit, sondern die primitive Polemik, die Sorokin gerne als Humor tarnt, wobei das Wort „Arschgesichter“ hier schon alles besagt.

Zitat von Salin im Beitrag #11
Generation P und Makanins Underground dürften die beiden besten Roman über der 1990er Jahre in Russland sein und zudem noch in den 90ern geschrieben.

Makanins Roman "Underground" ist tatsächlich auch der einzige von ihm, den ich bis heute schätze und der diese Atmosphäre gelungen einfängt. Andere seiner Werke konnte ich eigenartigerweise nicht einmal zu Ende lesen, da sie mir zu verspielt erschienen. Ich müsste vielleicht noch einmal in "Benzinkönig" hineinlesen, erwarte mir hier aber auch nichts Überraschendes.

Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #12
Aber doch erst seit dem "Angriffskrieg auf die Ukraine"* oder leben die schon länger im Westen?

Sorokin besaß auch schon vorher eine Wohnung in Berlin und pendelte zwischen den Welten, sehr international geprägt. Jetzt lebt er natürlich ganz in Deutschland. Seine "grobschlächtige Kritik" ist für das übersensibilisierte Nationalgehabe der Russen natürlich nicht mehr tragbar, was in einer Kriegssituation, die dank der Europäer so erschreckend lange dauert, aber auch normal ist. Ich glaube, der zweite Teil von „Doktor Garin“ wurde tatsächlich auch verboten, der erste Teil erschien mit einer Altersempfehlung ab 18 Jahre. Bei mir besteht die Antipathie allerdings schon seit "Ljod" und "Der himmelblaue Speck".

Jerofejew floh ebenfalls 2022 aus Russland, das ist richtig, aber auch er war davor ständig im Ausland unterwegs. Er gilt ja allgemein als langjähriger Putin-Hasser und äußerte sich ständig kritisch gegen das „Regime“. Sein letzter Roman „Der große Gopnik“ greift Putin dann auch direkt an. (Ich habe das Buch allerdings noch nicht gelesen.) Sein Stil spricht mich ebenfalls wenig an. Ich mochte nur „Der gute Stalin“.

Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #12
Während es seinerzeit um hofzerimonielle Ausprägungen einer verknöcherten Staats- und Parteibürokratie ging, hat die Wendung vom "Russischen Angriffskrieg" natürlich vor allem die Funktion, die Schuldfrage a priori zu zementieren, jegliche Analyse von tiefer liegenden Ursachen zu unterbinden und damit die Verantwortung des Westens am Geschehen herunterzuspielen.


Das sehe ich ähnlich. In Deutschland funktioniert die "geschichtslose Propaganda", bei der sich die Berichterstattung darauf verlässt, dass Menschen ihre Empörung aus dem Aktuellen gewinnen, ohne Blick auf das, was zuvor geschehen ist. Das hat schon Hannah Arendt schön zusammengefasst: "Die Ideologie wird zu einzigen Realität, die noch gilt, und alle Tatsachen werden nur noch insoweit anerkannt, als sie in das ideologische System passen." Bei Orwell findet sich dasselbe, mit dem täglich wechselnden Gut und Böse.

Ich persönlich mag allgemein keine Politiker, die sich als Volksretter aufspielen und sich gleichzeitig bereichern. Ich mag auch keine Politiker, die Menschen in Kriege schicken, die dem reinen Machterhalt dienen, unabhängig davon, ob dieser provoziert wurde. Leider sind jene, die heute genau diese Macht repräsentieren und sich auf die „Rettung ihres Landes“ verstiegen haben, ein Volksmagnet, weil sie die patriotische Ader der Menschen ansprechen, während der Sumpf an gelenkten und kontrollierten europäischen Marionetten noch schlimmer ist, wo dieser absolut keinen Wert auf die Menschen legt, die er angeblich vertreten soll und ebenso keinen Wert auf Menschenleben, die er doch angeblich retten möchte.


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27.01.2026 15:27
#14
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In diesem Zusammenhang: Wie schätzt ihr Giuliano da Empolis "Der Magier im Kreml" ein, den ich gut geschrieben fand, aber natürlich inhaltlich nicht verifizieren konnte.


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27.01.2026 16:40
avatar  Salin
#15
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Ist mir unbekannt.


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