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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Abschalten

in Prosa 04.07.2011 14:40
von Martinus • 3.194 Beiträge

Abschalten


Neulich bin ich durch das württembergische Land gefahren, an Günzburg vorbei, und sah aus dem Zugfenster. Zwei fette weißgetünchte Türme ragten hinter Bäumen hervor, Qualm streckte sich zur Wolkendecke. Ein paar Wohnhäuser duckten verstört unter den Bäumen, sonst weites Grün bis zum Horizont. Zu Hause habe ich natürlich gegoogelt und weiß nun, was das für ein Atomkraftwerk war. Alle reden sie vom Abschalten, der Fernseher ist voll davon, aber keiner sagt, wie das geht. Ich meine, ist da nun ein Knopf, auf dem einer draufdrückt und das Atomkraftwerk ist abgeschaltet? Die stellen da also jemanden ein, der nur auf einen Knopf aufpassen muss, damit niemand draufdrückt. Nur er darf draufdrücken, wenn die Merkel das will. Niemand anders. Was ist aber los, wenn er gerade Mittagspause hat und Merkel befiehlt: „Drück jetzt endlich drauf, Deutschland braucht mich noch lange.“ Nee, also, natürlich muss der arme Kerl mal Pause machen, auch wenn er vor einem halben Jahr noch geglaubt hat, er würde in seinem Beruf niemals etwas gescheites tun, nur fürs Nichtstun bezahlt werde. Einer seiner Vorgänger habe wegen Depression in Frührente gehen müssen, so öde ist der Job. OK, der hat also Pause. Wachablösung erfolgt in Manier der Queens Guard, wie vor dem Buckingham Palast. Streng zeremoniell. Natürlich, das ist doch kein Spaß da im Atomkraftwerk. Wenn einer Mist baut, haben wir den Mistgau. Die bekommen zwar ein Schweinegeld Gefahrenzulage, das interessiert aber keinen, wenn das Ding hochgeht. Damit die dort konzentriert arbeiten, ist Lachen verboten. Einen Wachmann blöd anglotzen, oder ihm vielleicht den Hintern vor die Nase halten, so doof würde sich ein AKW - Mitarbeiter nicht einmal vor dem Buckingham Palast benehmen. Das Lachen ist teuflisch wie in Eco's Roman, teuflischer als die Brennstäbe. Wenn die Leute nach Dienstschluss aus den Toren der Atomkraftwerke gehen, tragen sie meist noch ihre ernste Maske. Das ist quasi der Ernst des Lebens, vor dem wir alle einmal Angst hatten, als uns irgendein doofer Lehrer im letzten Schuljahr gesagt hat, „Es dauert nicht mehr lange, dann beginnt der Ernst des Lebens.“ Und ich kann mich erinnern, als meine Berufsausbildung zu Ende war, mein Chef sagte: „ Jetzt sind sie ein freier Mann.“ - Toll. Ein freier und ernster Mann im Atomkraftwerk, haha. Im ungünstigsten Fall wird der freie und ernste Abschalter bis 2022 warten müssen, bis er tätig wird und teuflisch lächelnd seinen Job hinschmeißt.

Meine Fantasie drohte schon die Dura mater zu spalten, da kam ich auf die Idee, mir ein Atomkraftwerk mal so ganz aus der Nähe anzuschauen, in der Hoffnung, vielleicht dort zufällig einen Abschalter anzutreffen, der gerade mit ernster Miene zu Frau und Kind geht. So setzte ich mich am Tag darauf in einen Zug. In Hagelstadt stieg eine gut aussehende Blondine ein. Warum die sich ausgerechnet mir schräg gegenüber hinsetzte und dort ihren Laptop aufklappte, ist mir ein Rätsel. Ihre Schönheit machte mich trotz ihrer Ohrhörerverkabelung verlegen. Scheu blickte ich oft hinüber, dann hob sie irgendwann ihre Augen, sodass mein Kopf mit gespielter Unschuld zum Fenster 'rüberdrehte, sich in der vorbeifliegenden Landschaft verlor. So'n Mist, unrasiert. Ausgerechnet heute. Mit einem unrasierten Bleichjeansträger redet die doch nie. Was soll ich machen, wenn die andauernd ihre blöden Ohrstöpsel drin hat. Als ich weiterhin aus dem Fenster döste, tauchten da unerwartet die Augen einer Frau auf. Im ersten Moment erschrak ich, als ich genauer hinsah, war ich beruhigt. In der Fensterscheibe spiegelte sich nur das Gesicht der Frau, die ihm gegenüber saß.* Ihre Augen wiegten mich in den Schlaf. Ich hörte noch eine innere Stimme brummen: „Können sie nicht ihren blöden Laptop abschalten?“ - Dann standen wir, du und ich, ganz allein vor Isar I, und waren glücklich, Hand in Hand, und ich ärgerte mich nicht mehr über meine Naivität, zu glauben, hier einen Abschalter antreffen zu können, denn der Herr müsste beruflich schon längst erledigt sein. Er hatte schon draufgedrückt. Heute an diesem herrlichen Sonnentag waren wir im Glück allein und sahen die Türme friedlich zum Himmel ragen. Wer denn, abgesehen von Demonstranten, geht schon freiwillig hierher. Sie schmiegte zärtlich ihre Backe an die meine und flüsterte: „Du, hast du mal ein Taschentuch für mich?“ Sie hatte mich tatsächlich angefasst, denn jäh aus dem Traum gerissen, bekam ich noch mit, wie sie meinen Arm losließ. Wachgerüttelt hat sie mich...“Was ist denn los?“ fragte ich verträumt und sah in ihr knuddeliges Knutschgesicht. Nicht zu fassen, sie hatte mich tatsächlich berührt. Das wäre mir, auch wenn ich immer noch ihre Backe an meiner Backe spürte, niemals im Traum eingefallen. Hand in Hand vor dem Atomkraftwerk, Sommerhitze, ein unstillbares Verlangen überfiel mich. Ich konnte mich nicht mehr beherr...nein, das kannste nicht bringen, total bescheuert. Doch plötzlich, was für eine Freude, sie hat ja keine Stöpsel mehr in den Ohren. Ich muss wohl gelächelt haben, sie sah mich so lieblich an. Aus ihrem Honigmund floss ihre warme Stimme, die mich hoffnungslos weichkochte. „Entschuldigen sie, ich habe sie geweckt, tut mir wirklich Leid, aber, es ist mir wirklich peinlich, ich habe meine Taschentücher zu Hause liegen gelassen. Wissen sie, zu Hause habe ich nämlich noch meine Kopfhörer gesucht, musste dann schnell zum Bahnhof und habe vergessen, Taschentücher einzustecken. Und jetzt läuft meine Nase so fürchterlich, sie läuft, läuft und läuft.“ - „Laufen sie bitte nicht weg“, flog es aus meinem Mund, „sie sind ja so.. so,...äh“, dabei wühlte ich schon in meiner Hosentasche und zog eine Packung heraus. „Hier, nehmen sie bitte.“ Sie war hocherfreut und schneuzte sich. „Hoffentlich haben sie nicht auch ihre Fahrkarte vergessen.“ Diese bezaubernde junge Dame erschrak so fürchterlich, dass es mir unendlich Leid tat. Verzweifelt wühlte sie in ihren Sachen. Irgendwie musste ich sie doch beruhigen. „Ich habe auch keine.“ - „Wie?“, erwiderte sie. - „Keine Fahrkarte“. Sie sah mich verstört an. Um sie bei Laune zu halten erklärte ich: „Auf dieser Strecke habe ich es oft erlebt, dass kein Schaffner vorbeigekommen ist.“ Da fing sie an zu kichern. Wir begannen, unbeschwert zu plaudern, und irgendwie war es so, als wären wir die besten Freunde. Sie schaltete sogar ihren Laptop aus und verbarg die Ohrenstöpsel in der Handtasche. In Landshut stieg ich nicht aus. Ich war der glücklichste Mensch auf Erden. Zufällig kam es ans Licht, dass sie wohl doch einen Freund hatte. Ich schob das aber in den Hinterkopf. So unterhielten wir uns bis München und amüsierten uns köstlich auf dem Bahnsteig, weil der Schaffner ausgeblieben war. Doch schließlich kam es so, sie verabschiedete sich schneller, als es mir lieb war, und verschwand im Bahnhofgetümmel. Eine Träne floss über die Backe, an die sie sich einmal gelehnt hatte.


* aus „Schneeland“ von Yasunari Kawabata (kursiv)

Herzlich gegrüßt
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 07.07.2011 07:00 | nach oben springen

#2

RE: Abschalten

in Prosa 04.07.2011 15:21
von Roquairol • 1.065 Beiträge
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#3

RE: Abschalten

in Prosa 04.07.2011 15:26
von Martinus • 3.194 Beiträge

Das mit den Möhren war ganz normales Offline-Leben und hat nichts mit dem Text zu tun.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 04.07.2011 15:39 | nach oben springen

#4

RE: Abschalten

in Prosa 04.07.2011 15:36
von Roquairol • 1.065 Beiträge
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#5

RE: Abschalten

in Prosa 04.07.2011 15:39
von Martinus • 3.194 Beiträge

Ja du hast recht, vielleicht sollte ich noch eine Story über Biomöhren schreiben.

Trotzdem spiegelt sich in der in der Geschichte reales. In letzter Zeit habe ich oft das Pech gehabt, dass ich mit Zügen an Atomkraftwerken vorbeigefahren bin. Früher ist mit das nie aufgefallen. Warscheinlich selektive Wahrnehmung. Am Niederhein gibt es ja auch eines. Da schaut man aus dem Zugfenster und genießt, dann irgendwann, boing, ein AKW. Unglaublich.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 05.07.2011 09:47 | nach oben springen

#6

RE: Abschalten

in Prosa 04.07.2011 19:38
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Zitat von Martinus
Am Niederhein gibt es ja auch eines.



Am Niederrhein? Kalkar, oder was? Das ist doch jetzt ein Freizeitpark ...




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#7

RE: Abschalten

in Prosa 04.07.2011 20:04
von Martinus • 3.194 Beiträge

Das müsste das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich nordwestlich von Koblenz gewesen sein. Ist allerdings auch schon länger stillgelegt, wie ich gerade gelesen habe.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#8

RE: Abschalten

in Prosa 04.07.2011 20:15
von Roquairol • 1.065 Beiträge

ach so - das ist allerdings Mittelrhein. (Wir nehmen es hier sehr genau mit diesen Unterschieden, nichwahr ...)




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