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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Puls

in Lyrik 25.08.2011 18:43
von Taxine • Admin | 5.941 Beiträge

Fast irreal erstirbt mir alles,
die Grenzen, die besiegeln,
das Leben dort vor fremden Türen,
und was da rauscht, vielleicht in mir.
Dass sie noch ist und in der Welt,
nur weit entfernt, auf langer Reise…
Dass anderswo ein offen Herz
dem Trug entgegenschlägt.

So stark und doch auch stark gebeugt,
verschenkt das Sein, die Bücher.
Nicht Sinn, nicht Wert, nichts ist darin
verschwunden.
Sieht lächeln, was längst nicht mehr Fleisch.
Und dort am Tisch, dort lacht auch sie,
deren Gesicht mir Statue bleibt,
ein Marmor der Beständigkeit
hält würdevoll sich selbst.

Der Trost der Tränenschleierwelt.
Mit Blumenwerk. So klein, das Bett
dort ohne Mensch. Und sprach: so war sie, so war er,
so sind sie alle nimmer mehr.
War gut, dass ich gesehen hab‘,
da Hände hielt, die meine hielten.
Und nun kein Abschied, Ewigkeit,
zu Ruß verstummt ist mir die Zeit.
Ist unwirklich, das Sein, die Welt,
wenn sich die Spiegel wieder öffnen.
Strömt rhythmisch vor, fast wider Willen.
Der Puls gegen die Stille.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 25.08.2011 21:18 | nach oben springen

#2

RE: Puls

in Lyrik 26.08.2011 06:46
von Martinus • 3.194 Beiträge

Werte Taxine,

ein schönes Gedicht der Erinnerung. Ja, es ist irreal, da glaubt man, sie ist irgendwo, und dann ist es Trug, der wir ein Puls, entgegenschlägt. Die Erinnerung eingebrannt wie eine Statue von Michelangelo. Bei Mamor denke ich gleich an Kunst, und dass das Mamorgestein als Unbeständigkeit der Erinnerung hergenommen wird, ist sehr treffend. Die Skulpturen von Michelangeo, der Moses, oder die Pietà, die Werke Berninis in Rom - all dies wirkt auf den Betrachter unbeständig, unvergänglich schön, genauso wie die Erinnerung im Gedicht ist. Ja, da assoziiert mArtinus natürlich von seiner Romreise. Außerdem, "würdevoll", ja, so sind auch diese Kunstwerke.

"Tränenschleierwelt" - schöne Wortschöpfung. Dann die Blumen, das Bett. Das passt wie ein Dreiklang. Das Bett als Metapher für die Erinnerung herzunehmen, gefällt mir, weil doch jemand so lange darin gelegen ist, und bedenke man doch, wie wichtig ein Bett doch für einen Menschen ist. Der Hinweis "So klein" macht mich betroffen. Da sind die Erinnerungen in Mamor gemeißelt, aber dann, das Bett "So klein". Eine Spannung.

"zu Ruß verstummt ist mir die Zeit" (schön gesagt). Ruß hat was zerstörerisches, etwas unwiederbringliches. So kann der Puls schließlich nur als Erinnerung in der Stille weiterschlagen.

Die letzten Verse der drei Strophen lassen sich verbinden: Der Trug schlägt jemanden entgegen, er wird aber zu einer würdevollen Erinnerung, die wie ein Puls in die Stille schlägt. Erst schlägt der Trug, dann schlägt die Erinnerung wie ein Puls. Der Schritt vom Trug zur Erinnerung ist wie eine Metamorphose, auch eine Metamorphose von laut (Trug) zu leise (Stille). Fantastisch.

Also, Taxine, dieses Gedicht sollte in Mamor gemeißelt werden.

Herzliche Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 26.08.2011 06:51 | nach oben springen


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