background-repeat

Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Impressionen aus Griechenland

in Prosa 09.11.2011 14:23
von Martinus • 3.194 Beiträge

Impressionen aus Griechenland


Auf Pflastersteine prasselt Regen,
sodass ich mich im Gestein spiegeln kann,
und Narziss mir entgegenlächelt.
Ein Pfützenplatsch, weil ein Taxi vorbeifährt,
und ich sehe einen Augenblick
in Narziss' grimmige Zahnreihen.


Das stille Meer zog die Flammen in die Tiefe hinab,
und das Echo der Glut klebte noch am Horizont.
Es verabschiedete sich,
in dem es vom Rachen der Finsternis langsam aufgesogen wurde.
Kümmerlich die Laternen,
die gegen die Dunkelheit aufmüpften,
den Menschen Licht spendeten, weil sie noch nicht schlafen wollten.
Restaurants überfüllt und an der Uferpromenade
Blicke in Aphroditenaugen.
Der Sommer war auf Hochtouren.
Die Nebengassen schliefen schon,
auch die Frauen einer kleinen Bäckerei,
denen abends
die Beine schmerzten.

(Ich hätte das gerne zentiert formiert, aber das geht hier nicht.)

mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 09.11.2011 14:24 | nach oben springen

#2

RE: Impressionen aus Griechenland

in Prosa 09.11.2011 15:43
von Taxine • Admin | 5.902 Beiträge

Für mich als Leserin tut sich hier natürlich eine Welt auf, die aber nicht so sehr in Griechenland, sondern in Deutschland spielt (Zeichen dafür sind für mich der Regen und die zweite Strophe, die in der Vergangenheit geschrieben ist).
Ich sehe hier also Erinnerungen, die erkennen, dass nun, wo die Selbstbespiegelung (des eigenen Alltags) sich behauptet hat, gleichfalls erkannt wird, dass in anderen Zeiten, in der Reise nach Griechenland, diese anders oder nicht da war, weil dort das eigene Selbst anders blickte, entspannter, gelassener, hinauskatapultiert aus der Illusion des Ichs, weil dort vielleicht eine ganz andere Atmosphäre vorherrschte, die dennoch ebenfalls Alltag war, nämlich der der Griechen.

Ob ich nun richtig liege, ist etwas anderes. Das zumindest sehe ich in deinen wunderschönen Impressionen, an denen ich viel Freude hatte. Weiter so, werter Martinus. Blick so in die Welt und hole aus ihr zurück, was in dir neu beleuchtet wurde und in Worte gegossen gehört.

Liebe Grüße
Taxine


P.S. Ach so, den Narziss, der sich spiegelt, den kenne ich übrigens aus meinem eigenen Gedicht.

P.P.S. "Der Sommer war auf Hochtouren"... Dazu fällt mir dann noch ein: Griechenland (also Nordgriechenland) im Herbst und im Winter ist wiederum ein ganz anderes, gleichfalls beeindruckendes Schauspiel. Ich lebe sozusagen in einer Geisterstadt, die dennoch in milder Luft und aufgeworfenem Meer, mit leerer Promenade und aus dem Sand ins Innere verlagerten Tavernen ihren ganz eigenen Charme hat.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 09.11.2011 17:57 | nach oben springen

#3

RE: Impressionen aus Griechenland

in Prosa 09.11.2011 15:57
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine
P.S. Ach so, den Narziss, der sich spiegelt, kenne ich übrigens aus meinem eigenen Gedicht.



Das ist Zufall. Null Plagiat

Herzlichen Dank für deine Zeilen. Natürlich liegst du richtig. Jeder sieht die Welt aus seinem Dasein, und spigelt seine Interpretationen hinein. Ich finde deine Sichtweise sehr schön. Für mich waren das an sich zwei verschiedene Texte, die nur wegen Griechenland einen Zuammenhang haben. Eindrücke meiner Reisen (zweite Strophe, abends in Cania, Kreta) oder Nachdenken über Mythen (erste Strophe).

Oft fließen in meiner Eigenschreiberei erlebte Eindrücke mit ein, obwohl fast nie etwas autobiographisch ist. Ich hoffe, ich schöpfe noch anderes zu Tage.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 09.11.2011 15:59 | nach oben springen

#4

RE: Impressionen aus Griechenland

in Prosa 09.11.2011 16:01
von Taxine • Admin | 5.902 Beiträge

Nix Plagiat. So war es nicht gemeint. Dein Narziss steht auch in anderer Verbindung als meiner! Deiner zeigt grimmige Zahnreihen, meiner wird zertrampelt.

Vielleicht ist gerade die Idee, beide Gedichte zusammenzulegen, das, was diese Zeilen so intensiv macht. Das wirkt vielleicht auch darum für mich wie ein Sprung zwischen den Welten.

Toll!

Herzlich,
Taxine




Surreale Vorstellungen
nach oben springen


Besucher
0 Mitglieder und 2 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: Linda
Forum Statistiken
Das Forum hat 985 Themen und 23023 Beiträge.

Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen | ©Xobor.de