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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Das Lächeln

in Prosa 19.01.2012 07:32
von Martinus • 3.194 Beiträge

Das Lächeln


In unserem Wohnviertel gab es schon immer diese Apotheke, zu deren Stammkundschaft ich gehörte. Als ich vor ein paar Tagen dort ein Rezept einlösen wollte, sah ich einen Zettel an der Tür kleben, darauf geschrieben stand:

„Wegen Geschäftsaufgabe ab sofort geschlossen.“


Ich erschrak und sah das Lächeln vor mir. Ich habe das nicht verstanden. Wenn ich dort hineingegangen bin, bekam ich immer Herzklopfen, war durcheinander, verlegen, denn immer, wenn ich die Apotheke betrat, flog mir ein Lächeln ins Gesicht. Einmal habe ich versehentlich einen Verkaufsständer angerempelt, sodass ein Schwung Vitamin C - Bonbons auf den Fußboden gefallen war. „Ich hebe das schon auf“, sagte ich, doch schon kam sie angelaufen und half mir dabei. Sie bückte sich. Ich auch. Ich konnte ja nichts dafür. Ich roch ihr Haar. Sie hat bestimmt ihre Haare gewaschen. Der Duft. Und dann, als wir mit den Bonbons fertig waren, und ich meine Tabletten eingesteckt hatte, sagte ich: „ Sie lächeln immer so, wenn ich komme,“ und verschwand dann ganz schnell, bevor sie etwas sagen konnte. Da letzte Mal, vor wenigen Tagen, da hatte sie mir noch erklärt, ich solle unbedingt regelmäßig meine Blutzuckerwerte messen. Währenddessen habe ich nur so herumgeschaut, in ihr Gesicht und dann wieder woanders hin. „Sie haben heute wieder so schön gelächelt.“, platzte es aus mir heraus, und damit war ihr geschulter Vortrag zu Ende. Sie lächelte schon wieder, diesmal verlegen und schaute auf den Tresen runter, als ob sie da was machen müsste. „Sagen sie endlich, sie mögen mich. Immer wenn ich hier hineinkomme, sehe ich nichts anderes als ihr Lächeln!“ Sie sagte nur „Ach,“ und versuchte freundlich zu lächeln, „wie kommen sie darauf?“ Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Dann gab sie mir das Insulin, ich sagte Auf Wiedersehen, streifte den blöden Lutschonbonständer, kam nach draußen und drehte mich nicht mehr um. Gedankenlos ging ich über die Straße, Jedes Auto hätte mich tot fahren können. Es war schon dunkel. Gleich hat sie Feierabend. Ich ging nach Hause und schloss mich ein, schaltete das Telefon aus und döste starr vor mich hin. Unter der Bettdecke starrte ich weiter vor mich hin und beschloss, nie wieder in diese Apotheke zu gehen.

Aber heute, als ich aufwachte, mir die Lust durch die Lenden fegte, und nachdem ich überlegt hatte, was ich mir in der Apotheke kaufen könnte, ohne dass es sonderlich auffällt, mir auch niemand nachsagen könnte, ich gehe nur wegen dieser Frau da rein, kam ich darauf, ich könnte mir ein Fieberthermometer kaufen. Allerdings wollte ich es heute besonders schön machen. Ich kaufte einen Strauß roter Rosen und schlug den Weg in Richtung Apotheke ein. Ich wollte da hinein gehen, ihr den Blumenstrauß schenken, ihr „Du mein süßes Lutschbonbon“ sagen, mich über den Tresen beugen, sie an mich ziehen, indem ich mit der Linken ihre Taille packe, sie gegen das Mobilar in meine Richtung ziehe, sodass ihr Oberkörper schon leicht über den Ladentisch wankt, ihr Ausschnitt vor meiner Nase hängt. Mit der Rechten wollte ich dann ihren Kopf von hinten ganz leicht fassen, ihr Gesicht ganz nah an das meine drücken, damit ihre Lippen sich an meinen Lippen festsaugen können. Da sie sich wehren wird, keine Ahnung warum, habe so was aber schon mal erlebt, wird ihre Kollegin hysterisch herumschreien, bis sie endlich darauf kommt, sie müsse nun mal die Bullen anrufen, hier werde ihre Kollegin verge... nein, das wäre übertrieben...sexuell belästigt. 'Dumme Kuh. Ich liebe die doch nur', werde ich denken. Natürlich wird es so sein, dass irgendein Halbstarker zufällig den Laden betritt, mir den blöden Lutschbonbonständer über mein wertes Hirn knallt, weil dieser Idiot von Scheißcasanova meine Süße beeindrucken will. Mit diesen Gedanken ging ich zur Apotheke hin. Als ich dann den Zettel las: „Wegen Geschäftsaufgabe ab sofort geschlossen,“ erschrak ich und dachte, damit hat sich das Thema erledigt.

mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 19.01.2012 07:33 | nach oben springen

#2

RE: Das Lächeln

in Prosa 19.01.2012 10:17
von Patmöser • 1.080 Beiträge

Schöne Geschichte, Martinus, muss ja eine beeindruckende Dame gewesen sein, diese Apothekerin...
Hast dich einmal erkundigt, wo das Personal, speziell die Dame, nun stationiert wird? Ich meine, seine Obsessionen, und gerade diese, die sollte man immer hingebungsvoll einpflegen!
Übrigens "Lutschonbonständer", dieses Wörtchen, in deinem Text, das hat mich fasziniert, irgendwie...

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#3

RE: Das Lächeln

in Prosa 19.01.2012 10:44
von Martinus • 3.194 Beiträge

Die hat sich in Luft aufgelöst, werter patmöser, ich habe keine Ahnung, wo die ist. Freut mich, dass dir diese Geschichte gefallen hat.

Zitat von patmöser

Ich meine, seine Obsessionen, und gerade diese, die sollte man immer hingebungsvoll einpflegen!



oder einfach nur loslassen....das ist die Kunst des Liebens.

Ich meine, ich wollte nur sagen, teilweise ist diese Geschichte schon fiktional. Sie ist nur inspiriert aus dem offline-Leben. Das ist meistens so. Ich lasse mich von außen inspirieren und dann fallen mir so verrückte Sachen ein wie der Lutschbonbonständer o.ä. Das Wesentliche dieser story ist Fiktion. Meine Mutter hat mich auch manchmal mit dem Protagonisten einiger Geschichten gleichgesetzt. Mir war das dann mehr oder weniger unangenehm.
Das ist die Zusammenfassung meiner persönlichen Kunsttheorie.

Liebe Grüße
mArtinus




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zuletzt bearbeitet 20.01.2012 14:37 | nach oben springen


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