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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Ein Brief von Annabelle

in Prosa 31.01.2012 01:04
von Martinus • 3.194 Beiträge

Ich habe euch schon hier von meiner Cousine Annabelle erzählt, die ich im Sandkasten zu lieben gelernt habe, die dann später nach Amerika ausgewandert ist, und ich ihr zur Weihnacht ein Paket geschickt habe. Nun hat sie mir zurückgeschrieben und sich für das Paket bedankt:


Ein Brief von Annabelle

30. 01. 2012
Hallo lieber Martin,

du weißt gar nicht, wie ich mich über dein Weihnachtspaket gefreut habe. Nachdem ich das Paket geöffnet hatte, sind mir Tränen und eine Flut von Erinnerungen gekommen. Weißt du noch wie wir uns auf dem Schulhof in Bad Harzburg zum ersten Mal geküsst hatten und unsere Klassenlehrerin, die Frau Wasner, die vorgesehenen Stunden zur sexuellen Aufklärung ein Schuljahr vorverlegen musste, damit sie unseren Klassenkameraden erklären konnte, warum unsere Küsserei an sich normal ist, wir bloß ein wenig frühreif seien, an uns auch niemand ein Beispiel nehmen müsse, weil unser Leben noch vor uns liege. Dieses sagte sie vor der gesamten Klasse und warf mir dann noch einen bösen Blick zu.

Och, Martin, du bist so süß. Zwei schwarze Büstenhalter. Ich habe noch nie schwarze Büstenhalter besessen. Einer ist allerdings zu groß. Den darf ich doch verschenken, oder? Wie bist du nur auf die Idee gekommen, und was wird bloß Emil dazu sagen? Sei bitte nicht eifersüchtig, weil ich von meinem Ehemann quatsche. Martin, du weißt, du bist immer und ewig mein Herzensfreund. Ich riss meine Bluse runter, und konnte es kaum erwarten, das sexy Oberteil endlich an meinen Brüsten zu haben. Zufrieden stand ich vor dem Schlafzimmerspiegel. Das wird Emil gefallen, so richtig geil. Plötzlich aber fiel mir ein, dass ich keinen schwarzen Schlüpfer hatte. Es wäre echt noch heißer gewesen, wenn du mir auch ein schwarzes sexy Höschen geschickt hättest. Schicke mir doch bitte noch ein Höschen, Martin. Der Emil wird böse, wenn ich wegen so etwas Geld raus schmeiße. Seitdem er seine Arbeit verloren hat, hängt er wie auch sein aller wertestes Stück nur so herum, und er tut gar nichts. Wenn ich Spaß haben will, sagt er, er ist müde. Ich hoffe, ich langweile dich nicht mit meinem Gerede, aber vielleicht läuft der Emil endlich wieder heiß an, wenn ich ihm den Büstenhalter vor die Nase halte. Ich knöpfte meine Jeans auf und ließ sie runterrutschen, weil ich sehen wollte, wie ich mit oben schwarz und unten weiß aussehe. Nicht sehr vorteilhaft, hm. Kannst du dir vorstellen, wie komisch ich ausgesehen habe? Und jetzt, lieber Martin, höre mal zu. Der Emil sah das sexy Oberteil viel früher, als ich es erhofft hatte. Doch bevor er mich mit dem Büstenhalter betrachten konnte, hatte noch jemand anders dieses Vergnügen. Ich stand noch vor dem Spiegel, da hörte ich, wie jemand in die Wohnung eintrat. Das muss Emil sein, dachte ich, und ging halb ausgezogen wie ich war ins Wohnzimmer. Genauer, ich stolperte in das Zimmer, weil meine herunter gelassene Jeans an den Füßen schlabberte, Nicht Emil war im Zimmer sondern unser Postbote. Obwohl wir uns schon viele Jahre kennen, ließ er, als er mich sah, einen Brief fallen und ergriff schlagartig die Flucht. Wie schön wäre es, wenn dieser knackige Kerl mich mal flachlegen würde, aber dazu, so mein Eindruck, war er viel zu anständig. Auf solch einen Gedanken würde er niemals kommen. Der Postbote war gerade aus der Haustür raus, da kam mein Emil vom Drugstore zurück und war bitterböse. Er kam ins Wohnzimmer und sah, wie ich gerade meine Jeans hochzog. Er schrie, warum ich mit dem Postboten gevögelt hätte. Er nannte mich blöde Kuh, daraufhin ich in Tränen ausbrach, meine Jeans wieder herunter rutschte, und ich verzweifelt jammerte: „Siehst du denn gar nicht, was ich anhabe?“, während ich mit den BH – Trägerchen herumspielte. Wild stieß er mich zurück, sodass ich auf das Sofa plumpste, auf dem er mich früher so gerne gestoßen hatte.

Jetzt schmollt der Emil herum und redet kein Wort mit mir. Ach, warum sind die Männer so unerreichbar? Der eine ist viel zu anständig und flüchtet, der andere stößt mich weg und schweigt, und du, Martin, bist so fürchterlich weit weg. Manchmal denke ich, wie schön es gewesen wäre, wenn ich in Bad Harzburg geblieben wär'.

Deine Annabelle




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 31.01.2012 07:07 | nach oben springen

#2

RE: Ein Brief von Annabelle

in Prosa 02.02.2012 09:40
von Patmöser • 1.080 Beiträge

Zitat von Martinus
Ich habe euch schon hier von meiner Cousine Annabelle erzählt, die ich im Sandkasten zu lieben gelernt habe, die dann später nach Amerika ausgewandert ist, und ich ihr zur Weihnacht ein Paket geschickt habe. Nun hat sie mir zurückgeschrieben und sich für das Paket bedankt:


Ein Brief von Annabelle

...

Och, Martin, du bist so süß. Zwei schwarze Büstenhalter. Ich habe noch nie schwarze Büstenhalter besessen. Einer ist allerdings zu groß. Den darf ich doch verschenken, oder? Wie bist du nur auf die Idee gekommen, und was wird bloß Emil dazu sagen? Sei bitte nicht eifersüchtig, weil ich von meinem Ehemann quatsche. Martin, du weißt, du bist immer und ewig mein Herzensfreund. Ich riss meine Bluse runter, und konnte es kaum erwarten, das sexy Oberteil endlich an meinen Brüsten zu haben. Zufrieden stand ich vor dem Schlafzimmerspiegel. Das wird Emil gefallen, so richtig geil...






Ich weiß nicht, ich weiß nicht, du hast hier schon so manch schönen Text eingestellt, guter Martinius, aber dieser hier...

Dieser Text liest sich wie eine etwas bemühte Pubertätsphantasie, so in der Art einer feuchthosigen Sommerkindheitsidylle. Zu viel bemühtes, zu viel Klischees in seiner klebrig schwülerotischen Textgestaltung. So naiv aufgesetzte Schulhoferotik als Vorsatz, um den Text dann Inhalt und Volumen, oder gar Aussage zu verleihen?
Dadurch wirkt dieser Text billig und primitiv schlüpfrig.
Du weißt, Martin, das ich immer ehrlich und verantwortlich gerade mit deinen Texten umgehe, aber diese Geschichte gefällt mir absolut nicht, sie wirkt mir zu aufgesetzt und setzt auf billige Effekte.

Nur meine Meinung, guter Martin, nur meine Meinung...

zuletzt bearbeitet 02.02.2012 09:42 | nach oben springen

#3

RE: Ein Brief von Annabelle

in Prosa 02.02.2012 10:53
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo werter Patmos,

ich freue mich, dass du mir deine ehrliche Meinung gesagt hast. Dankeschön.
Ich selber kann über meine Texte herzlich wenig sagen, weil mir der innere Abstand fehlt und überhaupt niemals voraussehen kann, wie andere Menschen darauf reagieren. Das ist das spannende oder auch das Riskiko. Darum sind meine Texte durchwachsen. Manche gut, manche weniger gut, manche gar nicht gut. Das ist völlig normal, weil ich Laie bin. Entweder ich ernte, oder ich blamiere mich mal. Ein Beispiel: Ich habe immer noch Befürchtungen, mein Berlioz-Gedicht einzustellen, weil ich nicht berechnen kann, ob Reaktionen fatal sind oder einigermaßen geniesbar. Vielleicht sollte ich manche Texte erst posthum einstellen.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#4

RE: Ein Brief von Annabelle

in Prosa 02.02.2012 17:11
von Taxine • Admin | 5.950 Beiträge

Oach... nö... werter Martinus, nur keine Scheu, deine Texte und Gedichte weiterhin zu zeigen. An Kritik wächst man. Es mag die Geschmäcker manchmal nicht treffen, aber gereicht sicherlich nie zu einer Blamage.

Zitat von Martinus
Vielleicht sollte ich manche Texte erst posthum einstellen.


Posthum einstellen? Hast du etwa bereits einen Einblick in die Geisterwelt erhalten und entdeckt, wie man virtuell zurückkehren kann?
Wäre lustig, als Geist seine Werke weiterhin ins Netz zu streuen, so als ein etwas sarkastisches Kichern im Sinne von "Vergesst mich ja nicht..."




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 02.02.2012 17:17 | nach oben springen

#5

RE: Ein Brief von Annabelle

in Prosa 02.02.2012 18:03
von Patmöser • 1.080 Beiträge

Zitat von Martinus
Das ist völlig normal, weil ich Laie bin. Entweder ich ernte, oder ich blamiere mich mal. Ein Beispiel: Ich habe immer noch Befürchtungen, mein Berlioz-Gedicht einzustellen, weil ich nicht berechnen kann, ob



Guter Martin,

du hast dich nimmer und niemals blamiert. Niemals. Du stellst deine Texte hier ein und viele dieser Texte gefallen mir. Und wenn nicht, dann schreibe ich das auch, es hilft, es half mir damals auch, auch wenn man ein wenig hadert und zuerst dann doch lieber die Flinte aus dem Nachtschrank..., gut gemeinte Kritik ist ungemein wertvoll.
Und das du genau so reagiert hast, so ehrlich und auch selbstkritisch, das gefällt mir ganz besonders, das ist großartig, ist beispielhaft, denn viele Autoren können genau das nicht.

Zitat
Manche gut, manche weniger gut, manche gar nicht gut.



Ja, richtig, nur aus den weniger Guten lernt man oft mehr, als aus den anscheinend so Gelungenen.

Zitat
Ich habe immer noch Befürchtungen, mein Berlioz-Gedicht einzustellen, weil ich nicht berechnen kann, ob Reaktionen fatal sind oder einigermaßen geniesbar.



Mach es, guter Martin, die lieben Menschen, in diesem Forum, die werden in ihrer Kritik immer ehrlich sein, denn es geht und ging hier immer um das Menschsein und Menschbleiben, auch ich lernte dabei viel, viel bleibendes.
Also, mach es!

Liebe Grüße

Möserpat

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