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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Strahlende Augen

in Prosa 31.03.2012 12:14
von Martinus • 3.194 Beiträge

Strahlende Augen

„Hey, Michi. Wie findest du die Gaga?“
„Wer ist das?“
„Was du kennst Lady Gaga nicht? Ha, ha.!“
„Die spielt sicher nicht Rachmaninow.“
„Was redest du für einen Mist?“
„Ich mag nur Hélène Grimaud. Hast du schon mal ihre strahlenden Augen gesehen, wenn sie zum Dirigenten schaut?“
„Du spinnst. Ha. Schaff dir lieber ein anständiges Mädchen an.“

Den Udo fand er wirklich doof. Weil der Udo gesagt hatte, die Hélène sei kein anständiges Mädchen, trat Michael gegen Udos Schienbein. Er schrie auf. „Du gemeiner Hund!“ und schlug mit der Faust zurück. Das wird ein Veilchen. Er warf Michael zu Boden und stürzte auf in drauf. Der Lehrerin, die der Rauferei ein Ende bereitete, sagte Udo, der Michi habe zuerst getreten. Und so bekam Michael, weil der Udo Hélène Grimaud beleidigt hatte, einen Eintrag ins Klassenbuch. „Wie schaust du denn wieder aus!“ regte sich Mutter auf, als er nach Hause kam. „Das war der doofe Udo,“ hörte sie grummeln, und er verzog sich in sein Zimmer. Michael wollte unbedingt wissen, wer die Gaga war und ließ den Laptop hochfahren. Er war schockiert. Lady Gagas Augen leuchteten überhaupt nicht. Warum der Udo die so toll fand, leuchtete ihm nicht ein. Auf dem Video sitzt sie des Nachts im Auto und raucht. Hélène Grimaud raucht niemals am Klavier. Vielleicht rauchte sie überhaupt nicht. Die Gaga stieg dann aus dem Auto und ging zwischen brennenden Autos herum. Da fiel ihm plötzlich ein, was sein Vater neulich am Mittagstisch gesagt hatte: „Rabauken zünden nachts in Berlin Autos an, und die Polizei weiß nicht, wer das macht.“ Nur Michael wusste das jetzt. Die Gaga wars. Am nächsten Tag erzählte er seinen Klassenkameraden, Lady Gaga zünde in Berlin Autos an. Alle lachten ihn aus und der doofe Udo sagte zu Michi: „Du bist ein bekloppter Vollidiot.“

Sehr traurig. Michael fühlte sich wie ein einsamer Wolf, der am Fuß verletzt durch die Wälder streift. Er stellte sich vor, Hélène folge der Blutspur im Schnee, bis sie mit einem Verbandskasten vor ihm steht. Sie schaut in seine Wolfsaugen, ihr Strahlen wärmt, sie kniet im Schnee und stillt das Blut.

Michael sehnte sich danach, Rachmaninow zu spielen. Er wollte wunderbare Klänge schwingen lassen, mit ihnen verschmelzen, die Musik in die Arterien des Publikums tropfen lassen, damit alle vom Zauber durchspült werden. Seine Klavierlehrerin, eine sehr freundliche ältere Dame, nagte aber an Michaels Träumen: „Ach Michael, Rachmaninow ist doch viel zu schwer für dich.“ Und als im nächsten Satz die irrsinnige Bemerkung „Krachmaninow“ gefallen war, konnte er diesen Mief nicht mehr ertragen, sodass er lustlos eine Kuhlau – Sonatine quälte und den Fingersatz verdrehte. Jetzt erst recht! Am nächsten Tag stahl er sich nachmittags von zu Hause weg, ging in ein Musikgeschäft und verprasste dort sein Taschengeld und einen Teil des Geldes aus Mutters Geldbörse. Hauptsache er konnte mit dem Sammelband nach Hause gehen, in dem auch das Prélude cis-moll zu finden war. Die drei Oktaven zu Beginn des Stückes brachte er sich innerhalb von 5 Sekunden bei. Dann suchte er die Töne des Glockenmotivs. Auf der letzten Seite war er gefordert, bis zu 16 Töne über vier Notensysteme erklingen zu lassen. Nach zwei Wochen hatte er das ungefähr hinbekommen. Bloß Mutter bemerkte kritisch: „ Hau nicht so doll drauf. Das Klavier geht kaputt.“ Michael erklärte: „Weil das kein Holzhacken ist, haue ich niemals drauf. Außerdem hat sich Rachmaninow etwas dabei gedacht, wenn er ein vierfaches sforzato setzt, was der Bedeutung von doll draufhauen nur für jemanden gleichkommt, wenn der oder die keine Ahnung von Rachmaninow hat.“ „Du bist ja ein ganz schlauer Fuchs“, sagte Mutter. „Eher ein Wolf, Mama, und sei mir bitte nicht böse, dass ich fünf Euro aus deinem Portemonnaie genommen habe. Ohne dieses Notenheft hätte ich es nicht mehr ausgehalten.“ „Was? Du bist wohl nicht mehr bei Trost. Geh mir bloß nie mehr an meine Geldbörse dran, das sag ich dir, du Frechdachs!“ Wutschnaubend verließ sie das Wohnzimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Endlich fühlte er sich wohler. Ja, die Tür zu machen. Das war immer das wichtigste, damit bloß niemand das Gehämmere hört. Er setzte sich wieder ans Klavier. Der Mittelteil bereitete Sorge. Agiato, gehetzt im Vollgas, so was ähnliches. Tagelang übte Michael das Agitato, aber es sickerte nur im schreitenden Mozart. Eines Tages brach er völlig in Tränen aufgelöst ab. Damit niemand etwas mitbekam, huschte er in sein Zimmer und warf sich auf das Jugendmöbelbett. Niemals werde ich das c-moll-Konzert spielen können, wirrte es in seinem Kopf, ich möchte es spielen wie die schöne Helena. Dann heulte er noch lauter, solch ein Schmerz auch für einen Wolf kaum auszuhalten war. Wieder etwas beruhigt schaute er sehr gebannt das Video an und wartete, bis das Wundermädchen nach dem Moderato zum Dirigenten schaute. Strahlende Augen.

In der kommenden Nacht hatte er den schönsten Traum, der ihm je zuteil geworden. Hélène Grimaud nahm seine Hand und führte Michael auf die Bühne. Ein riesiger Konzertsaal, der Beifall toste. Hélène und Michael. Gemeinsame Verneigung. Dann gab sie ein Zeichen. „Setzte dich an den Flügel,“ und er schlug die Oktaven an. Es klang herrlich gewaltig. Das Prélude füllte die Halle. Glockenläuten im piano pianissimo, das lockende Motiv, bis sich die Melodie im Mezzoforte zart hinunterschwank und in die Stille fiel. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Hélène übernahm das Agiato. Michael huschte vom Schemel und stellte sich hinter Hélène. Das Agiato, so erkannte er jetzt, war doch keine Hetzjagd. Es war ein Wildbach, der durch die Wälder rauscht. Tontropfen schwebten durch die Stuhlreihen, und Michi, als er so dastand, betrachtete Hélènes Rücken. Dasselbe schwarze Outfit hatte sie bei Brahms getragen. Das Hemd etwas aus der Hose gerutscht, sah er den klitzekleinen Spalt ihres Rückens, und er wäre gerne noch so verweilt geblieben, aber schon schnellten die Kaskaden, der Wildbach stürzte durch die Infusionsschläuche und landete im Auffangbecken. Sforzato forte fortissimo. Bevor Michael die Gis-Septime übernahm, streifte sein Fuß sanft über Hélènes Fuß, der noch auf dem Pedal ruhte. Dann wich sie flink und machte Michael Platz. Ihre Strahlen lenkten seine Hände. Die Wölfin führte ihren Wolf mit voller Wucht auf das erlösende cis-moll, sodass der Glockenflügel von der Resonanz gewaltig durchgeschüttelt wurde. Die Klänge schwemmten bis sich der letzte Akkord im Schweigen verlor.

Der Beifall setzte ein. Hélènes Wolfsaugen versanken in das Herzblut des Publikums, und als sie sich verbeugten, merkte Michael, dass er auf Wolfspfoten stand. Als die Wölfe jetzt in der Ferne einen Wildbach rauschen hörten, lächelte die Wölfin tief in sich hinein wie im Takt 398 des Konzertes von Johannes Brahms. „Komm, du Wolf ,“ hallte es durch die Nacht, „lass uns durch die Wälder streifen und den Mond anheulen.“ Der Wolf folgte ihr.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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