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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Der Film "Die Reue"

in Flümmerey/ La Vista di AscOltO 21.01.2012 22:02
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Ein Ungläubiger denkt in der Einsamkeit nur an den Tod.

Ein sehr allegorischer, fast surrealer Film zum Thema „Stalin“ ist der Film „Die Reue“ von dem georgischen Filmemacher Tengis Abuladze, der auf Greuelszenen verzichtet, stattdessen alles wie ein Theaterstück oder Kunstwerk inszeniert. Natürlich war der Film in Russland und auch in anderen sozialistischen Ländern lange verboten. Er ist eine eigenartige, bildgewaltige Abrechnung mit Stalin und seinen Helfershelfern, ist Ernst und Parodie in einem.
Hier geht es um den Wunschtraum einer Bäckerin, die in ihrer Fantasie Rache am soeben verstorbenen Diktator Warlam nimmt, der Berija verkörpern soll (dieser wird übertrieben mit Hitlerbart und Schwarzhemd dargestellt), indem sie seine Leiche dreimal wieder ausgräbt. Sie wird verhaftet und muss sich vor Gericht und damit auch vor der Familie des Verstorbenen verantworten. Awel, der Sohn des Toten, der ihn verteidigt, und der Enkel vertreten verschiedene Ansichten über die Tat der Frau, denn der Tote hat ihrer Familie und etlichen anderen Unschuldigen viel Leid angetan.
Ihr Vater war ein Maler und von unglaublicher Güte und Menschlichkeit. Er verteidigte die Kirche und wollte seine Kunst nicht dem Staat unterwerfen. So wird er verhaftet, gefoltert und getötet, seine Frau wird bald darauf ebenfalls verhaftet und von ihrer Tochter getrennt, die natürlich die Angeklagte Ketewan Barateli ist. Diese, so heißt es in Orlando Figes' „Die Flüsterer“, ist als Figur angelehnt an ein echtes Schicksal, nämlich das von Ketewan Orachelaschwili, deren Mann Jewgeni von Berija persönlich gefoltert und erschossen wurde. Sie musste in ein Arbeitslager und ging dort eine Beziehung mit einem Gulag-Verwalter ein, den sie später auch heiratete und mit ihm einen Sohn bekam.

Der Film ist außergewöhnlich künstlerisch umgesetzt und spricht hauptsächlich in Bildern und Worten. Trotzdem kommt sehr gut zur Geltung, wie die Menschen dachten, wie sie sich fürchteten, woran sie glaubten und wie sie versuchten, sich gegen die Verbrechen und Verhaftungen zu wappnen. Der Irrglaube an Vater Staat und eine lichte Zukunft, wenn man nur weiter in diese Richtung schreitet und auch seine Kinder in diesem Sinne erzieht, die heute fast schon verrückt erscheinende Duldsamkeit der Menschen, die auf ihre Verhaftungen warteten, da sie sich für unschuldig hielten und glaubten, ihre Unschuld beweisen zu können, jenes angebliche und so häufig auftretende Missverständnis, das schon aus der Welt geräumt werden kann, sind hervorragend dargestellt (vgl. dazu u. a. die Szene kurz vor der Verhaftung des Malers, der seine Frau fragt, ob sie denn ein Angsthase sei...) Ebenfalls wird auf die Gefahr eingegangen, Ikonen im Haus zu haben und sich als gläubig zu bekennen oder auf die allgemein und ernst hervorgebrachte Rechtfertigung der Verbrechen durch die nächste Generation, die immer noch in gleichen Argumenten verteidigt, was nicht zu verteidigen ist.
Vieles wird bewusst übertrieben dargestellt, z. B. die Miliz in Ritterrüstung, der, unter dem Deckmantel wohlwollenden Kunst- und Kulturverständnisses, schlummernde Mörder (Warlam tritt als ein begnadeter Sänger auf) oder das Verhör, das in der Natur in Anwesenheit einer blinden Justitia stattfindet. Man sieht die Beichte und Suche von Warlams Sohn, der seinem Vater gegenübertritt, während dieser ihm als Fisch fressender Teufel erscheint, erblickt wissenschaftliche Forschung, die in den heiligen Stätten einer Kirche errichtet wurde, oder einen Staatsanwalt, der sich, während es um Schuld oder Nichtschuld geht, an einem Rubik’s Cube (genannt Zauberwürfel) übt und damit hervorragend jene übliche Gleichgültigkeit demonstriert.

Der Film ist dabei eine Mischung aus realistischen Situationen und übertriebenen Fantasie-Gebilden, darunter auch die Alpträume und Ahnungen der Menschen. Hier geht es um Schuld, Sühne, Verantwortung, Vergebung und vieles mehr. Sehr emotional und wunderbar umgesetzt ist z. B. die Szene, als Baumstämme aus einem der Arbeitslager eintreffen und das Gerücht umgeht, die Verbannten hätten in das Holz ihre Namen geritzt, insofern sie noch am Leben sind. Mutter und Tochter stürzen hinaus und suchen inmitten von Matsch, Pfützen und Kälte zwischen den Stämmen nach einem Lebenszeichen. Einige Szenen erinnern fast an die Kunst Tarkowskijs.
Am Ende taucht eine alte Frau auf und erkundigt sich, ob die Straße zur Kirche führt.
Die Bäckerin antwortet, es wäre die Warlam-Straße und sie führe nicht zur Kirche (denn der Diktator ließ diese vor langer Zeit sprengen).
"Wozu wird sie dann gebraucht, wenn sie nicht zur Kirche führt?", fragt die Frau und zieht ihrer Wege.
Hier drückt sie alles aus, was die russische Revolution zerstören wollte und dennoch nicht begraben konnte. Die Kunst, die Religion, die Menschlichkeit sind nicht erstickt unter der Last dieser schlimmen Jahre, auch wenn sie nur sehr dürftig weiteratmen konnten.

Wer Lust hat, sich den Film anzusehen und keine Probleme mit Untertiteln hat, der kann ihn hier (wer weiß, wie lange noch) im Ganzen sehen:


Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 21.01.2012 22:59 | nach oben springen

#2

RE: Der Film "Die Reue"

in Flümmerey/ La Vista di AscOltO 22.01.2012 10:25
von Patmöser • 1.080 Beiträge

Verstörend, das alles, liebes Taxinchen.

Russischer Surrealismus wirkt auf mich immer - verstörend.
Warum...
Ein damals oft gezeigter Märchenfilm, die Schneekönigin (1966) mit dem unvergesslichen Jewgeni Leonow, dieser Film zeigte mir zum ersten mal, was dann die Russen so unter Surrealismus verstehen. Da gibt es eine wüst bunte Horde von Räubern und einer dieser Räuber ist (ein etwas jüngerer) Adolf Hitler mit nackten Oberkörper und bunten Schlips, der grundsätzlich Fahhrad fährt. Man sieht ihn in mehreren Einstellungen wild klingelnd durch die Szene huschen. Ein wirklich wunderschöner Märchenfilm, denn wer kennt sie nicht, die Geschichte um Kai und Gerda, und dann mit einem ungestüm radelnden Adolf...
Wenn meine Frau die DVD mit diesem Märchen hin und wieder einmal schaut, dann ruft sie mich immer, wenn diese Szene ansteht, einfach unvergesslich...

Ebenso dieser Film, er ist verstörend, in seiner Kälte, seiner Wärme, und wenn du schreibst:

Zitat
Einige Szenen erinnern fast an die Kunst Tarkowskijs



so kann ich dir da nur zustimmen. Ein schöner, ein grausamer, auch ein genial wahnwitziger aber ein unbedingt wertvoller Film. Und genau diese "Art" von filmischen Kunstwerken ist es, die ich dann noch viele Tage lang mit mir herum trage..., auch und gerade wenn es um die Zeit des Stalinismus geht, das ist nicht immer gut, wirklich nicht gut, denn auch den Archipel Gulag (auch wenn es kein Film ist) werde ich, in diesem Leben, wohl nicht mehr aus meinem Kopf - heraus bekommen.

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#3

RE: Der Film "Die Reue"

in Flümmerey/ La Vista di AscOltO 25.01.2012 15:09
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Hahaha... ein Hitler fährt Fahrrad und hat wohl auch einen kalten Splitter im Herzen. Worauf die Russen so kommen...

Mir gefallen in dieser Hinsicht ja immer die russischen Literaturverfilmungen. Bei den Märchen bin ich dann wieder vorsichtig, obwohl der "Feuervogel" und solche Sachen schon schön sind. Letztens sah ich einen eigenartigen Film, der von einem Zauberer handelte, der einen Bären in einen Menschen verwandelte, um einen Sohn zu haben, während seine Frau bettelte, ihm die Last des menschlichen Kostüms wieder abzunehmen und ihm die wahre Gestalt des Tieres zurückzugeben. Das war alles so wild und hemmungslos, irgendwo im Wald... naja.




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zuletzt bearbeitet 25.01.2012 15:12 | nach oben springen


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