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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Natan Dubowizki

in Die schöne Welt der Bücher 20.02.2012 14:02
von Taxine • Admin | 6.063 Beiträge

Natan Dubowizki
Nahe Null

„Vom Leben darf nur Leben ausgehen. Das ist doch widersinnig – wir wollen Unsterblichkeit, schaffen aber selber nur Tod.“

Das Erstlingswerk "Nahe Null" ist ein erstaunlich gut geschriebenes Buch, wenn man bedenkt, wer der eigentliche Autor ist. Es ist unter einem Pseudonym erschienen, hinter dem sich wahrscheinlich Wladislaw Surkow, der ehemalige Kreml-Chefideologe und „dritte Mann“ im russischen Staat verbirgt. Seine tatsächliche Identität hinter dem Pseudonym wird aufgrund des Namens seiner Frau Natalja Dubrowitzkaja angenommen, seine eigene negative Kritik zum Buch, dass sich dieses in der Zukunft als das herausstellen wird, was es tatsächlich ist – nichts, kann gleichzeitig im posttechnologischen Sinn verstanden werden: "wenn die russische Gesellschaft die in „Nahe Null“ beschriebenen Missstände überwinden kann, ist das Buch überflüssig" (Wikipedia). Viktor Jerofejew gab in einer Literatursendung ebenfalls an, dass Dubowizki Surkow ist, da er von ihm ein signiertes Exemplar besitze. Surkow selbst hat die Autorenschaft bis heute nicht bestätigt.

Der Roman ist unfassbar tiefsinnig und spielt im Jetzt, in einem modernen und düsteren Russland. Er windet und dreht sich direkt in die Literatur hinein. Das, was heute Literatur genannt wird, gerade auf dem russischen Markt, ist reine Ausbeuterei und ein Kampf zwischen geldgierigen Giganten, die wiederum mit Büchern und Stimmen handeln, die nichts zu sagen haben:

Zitat von Dubowizki
"Sie füllen die ausgedehnte Leere mit sich und ihren Worten, und mit ihren Worten erzählen sie zum hunderttausendsten Mal die wenigen Geschichten, die wenigen klassischen Bücher, die lange vor euch geschaffen wurden und die ihr euch, tödlich gelangweilt, immer von neuem, in schlechten und weniger schlechten Nacherzählungen anhören müsst."



Der Protagonist Jegor Samochodow ist lange für eine recht unbedeutende Sparte an Literatur zuständig, die amerikanische Underground-Literatur, die grundsätzlich als „verboten“ in den Schränken verstaubt. All das befriedigt Jegor jedoch nicht, so orientiert er sich bald um und verdient sein Geld mit dem Verscherbeln an unter Copyright stehenden Prosastücken und Gedichten, die er unerlaubt an reiche und satte Kunden verscherbelt, die in ihrer dekadenten Wolke an Gleichgültigkeit alles kaufen, was andere nicht besitzen, eben weil sie es können, oder das Erhaltene für horrende Summen an den Mann bringen und weiterverkaufen. Da werden immer neue Drehbücher, Songtexte, Autoren geschaffen, seine Kunden sind auch untalentierte Dichter, die sich mit Geld Texte erkaufen und zu Süchtigen werden, da sie immer wieder neue Glanzstücke benötigen, um genügend Anerkennung in der Welt der Literatur zu erhalten.

Der Markt ist gefräßig und leicht zu bedienen und Jegor findet schnell hinein. Seine Karriere beginnt mit einem Mord, zu dem er durch seinen neuen Auftraggeber genötigt wird, alleine dadurch, dass er ihn dazu auffordert. Er zögert keine Sekunde. Sein Auftraggeber verrät ihm hinterher, dass es sich bei dem Erschossenen um seinen Vater handelt, besser gesagt, seinem Stiefvater, und er ihn erschießen ließ, um irgendwann gegen Jegor, dem Mörder, etwas in der Hand zu haben, denn er könne, so seine Worte, nicht wegen einfacher Denunziation oder Verrat töten, aus Rache allerdings durchaus.

Jegors Leben als schwarzer Buch-Magier beginnt vielversprechend, er wird damit Mitglied im mafiosen Bruderbund “das schwarze Buch“, hat auf einmal viel Alltag übrig und muss sich nun nur noch um die Beschaffung von Texten kümmern, die sowohl von alten Klassikern bis zu neuen und noch unbekannten Stimmen reichen, die schamlos an den Markt verhökert werden. Doch bald setzen erste Zweifel ein.

Jegor lebt von seiner Frau geschieden, die Borges Texte derart verinnerlicht hat, dass sie sogar die zwei Sprachen lernt, die in der Erzählung „Tlön, Uqbar, Orbis Tertius“ in „Fiktionen“ vorkommen. Gemeinsam haben sie eine Tochter, die Jegor nicht liebt, um die es ihm leidtut, hat sie alle hässlichen Eigenschaften ihrer Eltern geerbt und verbirgt ihre stumpfe und immer stumpfer werdende Seele hinter einer heranwachsenden Fettschicht, stopft sich mit Müsliriegeln aus Rinderblut und Zucker und mit Zahnpasta aus dem Westen voll, weil das angeblich alle machen.
Diese Welt, in der Jegor mit seiner eigenen Philosophie hantiert, ist grausam, kalt und voller Bestechlichkeit. Auftragsmorde sind an der Tagesordnung, Frauen werden wie Möbelstücke verschenkt (Jegor bekommt für eine Weile Sarah "angeboten"), Gewinne werden über Vetternwirtschaft vergrößert und verteilt. Eine reiche und dekadente Welt umgibt sich einzig mit Fragen, wo Urlaub gemacht und wo investiert wird. Darüber hinaus strebt man nach immer mehr Möglichkeiten, die nur dem Reichtum zugänglich sind.

Jegor kämpft mit dem Drang, nicht mehr töten zu wollen, denn das Leben und die Welt, wie wir sie kennen, sind aus „Tod“ zusammengesetzt. Es ist ein Streben nach Materiellem, Staub und Asche, nach Dreck und Leichnam. Er glaubt an das ewige Leben und die Überwindung des Todes, wenn er sagt: Geh nicht den Weg, den alle gehen, denn dort bist du garantiert verloren.
Das Licht erwartet einen in der Welt, wenn man gegen diese anlebt und sich gegen die überall vorherrschende Grausamkeit stellt, auch wenn man damit durch sie untergeht. Er stellt immer häufiger fest, dass die Menschen nicht mehr aus der Angst oder Not heraus töten, sondern aus purem Vergnügen oder um sich eine Bedeutung in der Welt zu verschaffen. Sie wollen Menschen vernichten und nehmen dafür auch in Kauf, ihr dekadent reiches Leben gegen das Gefängnis einzutauschen, nur der Aufregung halber. Gerade Jegor, der beim Erschießen von Menschen nicht zögert, da er in sich eine Stille birgt, die andere Menschen erahnen und fürchten, ist zwischen Rache und Vergebung hin und her gerissen, besonders als dann Plaksa in sein Leben tritt und das ausgerechnet an der Seite ihres Mannes und ihres Liebhabers.

Noch lebt er mit dem "Geschenk" Sarah, die für ihn nur eine lebendige Gummipuppe ist, die sich aber später als Geheimagentin Jana herausstellt, die ihn – nur ein bisschen – bespitzelt hat. Unglücklich verliebt bleibt Jegor in die ihn nicht liebende, sprunghafte, nach Geld und Ruhm strebende Plaksa, die Schauspielerin werden will und dafür keine Mühen scheut, die für sie notwendigen Menschen zu benutzen oder sich gegebenenfalls von ihnen benutzen zu lassen. Als Jegor nach längerer Trennung wieder über das Internet mit ihr kommuniziert (zumindest nimmt er an, dass sie es ist), erzählt sie, dass sie endlich auf der Leinwand zu sehen ist, in einem Avantgarde-Film anderer Art. Dafür muss er ein verruchtes Gebäude aufsuchen und ein Losungswort sagen, damit er eingelassen wird. Hier trifft er auf ein ausgewähltes, sehr reiches Publikum, das mit dieser Art Filmen ein fragwürdiges Bedürfnis einer nur ihnen zugänglichen Welt befriedigt, nach der Kunst, den Tod erleben zu dürfen, während im Film echte Menschen umgebracht werden. Jegor erkennt mit Schrecken, dass seine Angebetete auf der Leinwand vergewaltigt und erwürgt wird und weist die Begeisterung über die Möglichkeiten heutigen Kinos zurück, in der festen Überzeugung, dass sie getötet wurde. Er macht sich auf die Suche nach dem kranken Regisseur, muss dafür in den Süden, wo die Menschen die tagtägliche Zerstörung, das Schießen auf „Kinder von Milizionären oder auf irgendwelche Kinder“ und „Menschenfleischspritzer auf Reklametafeln“ gewöhnt sind.

Das Ende wird immer undurchsichtiger, wie die verschiedenen und ineinander greifenden Ebenen bei Nabokovs „Durchsichtige Dinge“. Man kann nur erahnen, was tatsächlich geschehen ist. Der Protagonist kann sich das alles nur ausgedacht haben, um seine These der schlechten Entwicklung russischer Gegenwart und Gesellschaft zu belegen. Er kann den Regisseur in seiner Brutalität zur Metapher des schlechten Menschen erhoben haben. Er kann aber auch durch die an ihm vollzogenen Folterungen gestorben sein, ... oder später, in seiner Küche, im Abfinden, sich nicht rächen zu wollen, ... auch vorher schon, in diesem Garten seines Freundes, als die Nonne mit dem Gesicht einer Bekannten auf ihn zuschwebt.
Dass er tot ist, ist unbestritten, denn das Outro berichtet von einer Art Eingang in den Himmel oder eine andere Dimension, in der alles neu gestaltbar ist und korrigierbar.

Das Buch hat mir sehr gefallen, mich schockiert und begeistert. Was ich von dem Autor zu halten habe, weiß ich noch nicht, allerdings bin ich sehr neugierig, was noch von ihm in der Literaturwelt erscheinen wird.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 20.02.2012 14:15 | nach oben springen


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