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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Anatoli Kim

in Die schöne Welt der Bücher 28.03.2012 19:51
von Taxine • Admin | 6.063 Beiträge

Anatoli Kim
Der Kräutersammler

„Weißt du, wenn man genauer hinschaut, ist jedes Leben ein Märchen.“
„Nein“, widersprach Mashiko leise. „Es mag so scheinen, stimmt aber nicht.“
„Vielleicht stimmt es nicht," dachte der Mann. „Doch wir legen ins Märchen all das, was wir nicht wirklich zu träumen wagen. Wir besiegen Ungeheuer, wir schöpfen lebendiges und totes Wasser.“


Selten findet man in der Literatur etwas so wunderschön Erzähltes, wie es Anatoli Kim in seiner Prosa zustande bringt. Seine Art zu schreiben reicht über die Literatur hinaus, darin ist auch die Sicht des Künstlers enthalten, hat er immerhin Kunst im Moskau studiert und nutzt seine Betrachtungsweise und künstlerische Umsetzung, um sich schriftlich auszudrücken.
„Die Malerei verdeutlichte mir das Gesetz der Komposition, wie ein Ganzes in einem begrenzten Raum aufzubauen ist. Auch in der Literatur bemühe ich mich um das Gefühl für die Dimension, aus der ich die Intensität der inneren Sujetlinie ableite.“
(Äußerung A. Kims, im Nachwort zitiert…)

Anatoli Kim ist koreanischer Abstammung, kam aber 1939 in Kasachstan zur Welt. Auf der Insel Sachalin lernte er die russische Sprache. Diese Landschaft taucht in vielen seiner Werke auf. Kim legt keinen Wert auf die Bedeutung seiner nationalen Herkunft. Man kann seine Werke auch nicht einordnen, koreanisch oder russisch nennen oder in das rein östliche Denken verfrachten. Von allem spielt ein bisschen hinein. Wichtig bleibt das Sehen, das Hinterfragen, die Suche, die „Allverwandtschaft der menschlichen Gattung“.

„Der Kräutersammler“ ist eine der schönsten Geschichten, die ich je gelesen habe. Sie fließt genauso gemächlich dahin, wie das Meer, an dem Kim seine Figuren auferstehen lässt und wo sie einander auf eigenartige und dennoch so selbstverständliche Art und Weise begegnen. Da ist der russische Arzt, der weiß, dass er sterben wird, seine Familie verlassen hat, um in der Einsamkeit, abgewandt von Welt und Gesellschaft, die letzten Stunden seines Lebens zu verbringen. Er erkennt, welchem Blendwerk er erlegen ist, dass sein Streben falsch war, dass dazu auch jeder mit dem Menschen liiert ist, der einem selbst gleicht, ob nun in herzlicher Zuneigung oder oberflächlicher Gemeinsamkeit, in Interessen oder Gedanken und Erwartungen.

Zitat von Kim
„Was du für die Menschen bist, das sind die Menschen auch für dich. Wie schlau du auch sein magst, mit was für Lug und Trug auch immer du dein wahres Verhältnis bemäntelst, du bekommst deinen Teil voll und ganz zurück.“


Er findet sich in der Eitelkeit seiner Frau gespiegelt und mit der Erkenntnis, dass das Leben begrenzt ist und nun für ihn endet, löst er sich von ihr, um auch sich selbst neu zu entdecken, zurückzukehren zu seinen Wurzeln und die Welt als einfacher und wunschloser Mensch ein letztes Mal erblicken zu dürfen und dann zu verlassen.
Er wählt dazu einen Ort, der direkt am Meer liegt, wo ein alter koreanischer Einsiedler in einer Hütte haust, der die Welt wiederum auf seine Art ablehnt. Er hat immer in Armut gelebt, jedoch heimlich viel Geld gespart, bis er in einem Anfall von Stolz den falschen Menschen zeigt, dass seine Entbehrungen nicht Armut, sondern nur Ersparnis sind. Als man ihn aus Spaß bittet, Geld zu leihen, fühlt er sich gekränkt und holt den unter den Kleidern verborgenen, prall gefüllten Beutel hervor. Darin sind die Ersparnisse von acht Jahren Arbeit gesammelt. Bald darauf wird er betrunken seines Geldes beraubt und zieht sich enttäuscht ob seines Verlustes in die Einsamkeit seiner Hütte zurück, lebt am Strand und ohne Erwartung, bis sich der Arzt ungefragt zu ihm gesellt, um mit ihm gemeinsam zu leben und zu schweigen. Hier findet sich die Passivität und Aktivität harmonisch vereint, ist der eine Weg so gut wie der andere, obwohl sie sich unterscheiden, beide völlig anders denken und trotzdem die gleiche Richtung einschlagen. „… denn sein Ziel erwies sich als ein zu kleiner Punkt in diesem unermesslich großen Raum.“
Der alte Einsiedler ist durch die plötzliche Anwesenheit dieses Fremden zunächst noch stark verunsichert, doch durch ihr gemächliches Beieinandersein wachsen sie zusammen, dulden einander, dazu umsorgt sie eine Frau, die ihnen mit Geld und Nahrung aushilft und ebenfalls ein schwieriges Schicksal mit ihnen teilt. Ihr Mann sitzt im Gefängnis, sie hat eine Tochter von ihm und bleibt ihm treu, obwohl sie nicht sicher ist, ob er jemals zu ihr zurückkommen wird. Ihre inneren Wünsche erfüllt sie sich mit dem Glauben an ihr ganz eigenes Liebesmärchen. Diese drei Hauptfiguren wachsen in ihrer Suche nach sich selbst, in ihren Erkenntnissen und Hoffnungen zusammen, wenn sie auch nicht beieinander bleiben. Jeder für sich erkennt, dass sein Weg der für ihn richtige ist, selbst wenn er hart ist, selbst wenn er Gelächter mit sich bringt oder Schuldgefühle.

Die Parabel des Schwimmers, der sein langweiliges Leben mit einer Heldentat aufregender gestalten, seinem für ihn scheinbar bereits festgelegten Leben entkommen will, be- und vollendet dieses Buch.

Zitat von Kim
„Ob sie die Wahrheit in sich birgt oder einem verhängnisvollen Wahn erliegt – in einer nie dagewesenen Heldentat erstrebt der Mensch seine höchste Vollendung. In der Heldentat vermeint er das zu spüren, was ihm stets fehlt, um sich wortlos und stolz über den Tod hinwegzusetzen, und doch ist es der uralte Sammeltrieb des Menschen, der Frieden gibt - darauf gründet sich alle Unruhe und demütige Sehnsucht des Menschen.“



Und ganz egal, wie die Tat umgesetzt wird, ob nun heldenhaft, bescheiden, liebevoll oder mutig, wichtig ist die daraus gewonnene, neue Sichtweise. All diese von Kim beschriebenen Leben bergen die innerlichen Sehnsüchte und Enttäuschungen, die es zu überwinden gilt, in sich. Wie das geschieht, mit welchen Erkenntnissen und Mitteln, bleibt dabei verschieden und auch in der Deutung dann ganz dem Leser überlassen.

Die Geschichte in ihrer Tiefgeistigkeit und menschlichen Suche wird durch Kims einmaligen Erzählstil bereichert. Ich habe selten Schriftsteller oder Dichter gelesen, die mit so einfachen Worten so wichtige, weite, tiefe Dinge sagen, ohne sich in Abstraktion, Poesie, Philosophie oder anderen Höhen zu verlieren. Ihn zu lesen ist gleich einer Meditation, wie das Sitzen am Wasser, ein Kopfentleeren, das Blicken auf die unendlichen Weiten des Himmels, auf Sonnenuntergänge oder Sandbewegungen,... auf das Leben selbst. Aus seinen Zeilen spürt man nicht nur die Liebe zum Menschen, sondern nimmt von dieser auch etwas mit. Denn für Kim steht unter aller Schönheit des Seins fest:

Zitat von Kim
„Die herrliche Natur vermag den Menschen nicht zu trösten. Nur ein Mensch kann den Menschen trösten.“


Diesen Trost finden die drei Hauptgestalten im Spiegelbild des jeweils anderen, ohne dass der Schriftsteller darauf verweist oder den Leser darauf aufmerksam macht. Die Zeilen sprechen für sich, und die Erzählung enthält dazu auch noch acht Zeichnungen Kims, die das Ganze großartig untermalen.


Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 28.03.2012 20:06 | nach oben springen

#2

RE: Anatoli Kim

in Die schöne Welt der Bücher 02.04.2012 15:46
von Taxine • Admin | 6.063 Beiträge

Anatoli Kim
Eichhörnchen

Nachdem ich in „Der Kräutersammler“ auf eine ganz bodenständige, einfache, wunderbar fließende Erzählung gestoßen bin, war ich zunächst verwundert und überrascht (keinesfalls befremdet), was mich in diesem Werk erwartete. Wer den Realismus vorzieht, wird in diesem Roman vielleicht weniger finden, ich jedoch war schnell aufs Neue gepackt, denn Kim führt den Leser mit seiner herrlichen Sprache in Welten, die ihm noch gänzlich unerschlossen liegen. Und da fiel es mir nach und nach auch wieder ein, dass das Märchen zu Kims Lieblingsmetaphern gehört …

„Unser Leben ist so freudlos und zermürbend, und niemand muckt dagegen auf. Ich versuche mir ein Märchen auszudenken, um Sie zu zerstreuen, aber in das Gespinst der Märchenhandlung flechten sich gegen meinen Willen Fäden der verächtlichen Prosa des Lebens, und ich kann nichts dagegen tun.“


…und genau um so eines handelt es sich hier, ein Märchen, dass mit dem russischen Alltag zusammenfließt, von Kunst und Studenten und verschiedenen Leben handelt, sich um das Meistern des Lebens dreht, auf die (ganz Kim typische) unterschiedlichste Art.

Hier trifft der Leser auf die Erzählung eines "Wandlings". (Das Wort heißt im Russischen "oboroten" und der Übersetzer, der geniale Thomas Reschke, suchte nach einem vergleichbaren Wort und erfand es, da sinnverwandte Wörter wie Wechselbalg, Wiedergänger oder Werwolf nicht genau den Sinn trafen, den Kim mit "oboroten" meinte.) Ein "Wandling" also ist jenes zweigeteilte Wesen, halb Mensch, halb Tier, nicht ganz Tier, während sich auch dieses je nach Handlung und Sein unterscheidet, nicht ganz Mensch, damit Sinnbild für das Menschliche. Jene "Wandlinge" folgen noch ihren tierischen Instinkten und jeder Mensch kann zu einem Wandling werden, insofern er sein Streben vernachlässigt und sich den plumpen Dingen und Vergnügen widmet. Der Mensch dagegen ist arglos, naiv, strebt nach Höherem. So zumindest stellt ihn sich der erzählende Wandling, der die Eigenschaften eines Eichhörnchens in sich trägt, vor. Er ist feige und zurückhaltend, dennoch wachsam und flink, strebt sein Leben und seine Erzählung lang danach, ganz Mensch zu werden, das Tier in sich zu überwinden. Der Weg dorthin ist eine Art Beichte und eine wichtige Entscheidung am Ende, die, wie sie in ihrem Geheimnis verbirgt, nicht die Lösung mit sich bringt, die sich das Eichhörnchen erhofft.

Der Mensch, so denkt das Eichhörnchen, strebt bedingungslos nach Unsterblichkeit und diese versucht es mit den schönen Gaben zu vertiefen, die Güte, Kunst oder ähnliche Bedingungen mit sich bringen, während die Halbwesen keinen Sinn dafür haben, sondern schnell und ungeduldig ihr Leben abspulen, es mit Gewalt, Rastlosigkeit oder Hass füllen. Der Mensch aber bildet die Zwischenschicht des Lebens und ist noch unfertig.

Zitat von Kim
… sie ist keine Erfindung, diese höhere Welt, es gibt sie, Beweis dafür sind der Anblick der unermesslichen Himmelsräume, das Ziehen der Wolken, der endlose Wechsel von Tagen und Nächten, die stillen Begegnungen von Mond und Sonne am Himmel; die Unsterblichkeit existiert, wenngleich nicht für uns. Das andere Leben ist finster, gierig, roh, der Tod hütet dessen Herden, die nur danach trachten, ihren Hirten nachzuahmen; sie werfen sich ganz von selbst auf ein schwächeres Wesen und töten es; es ist das glucksende Leben der Würmer, Asseln, Tausendfüßler und anderen Geschmeißes, das im feuchten Schoß der Erde wimmelt; es ist das Leben der grausigen Ungeheuer auf dem Meeresgrund, deren Moral sich darauf reduziert, den Rachen möglichst weit aufzureißen und den Nächsten zu verschlingen; es ist die unfassliche Existenz der weißen Kreaturen in den unterirdischen Höhlenseen, halb Fische, halb Schlangen, der augenlosen und stimmlosen Geschöpfe, deren Lebensapotheose sich in laschen Konvulsionen ausdrückt. Und zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Dasein liegt als Bindegewebe das menschliche Leben.



Vier Kunststudenten voller Talent und Tatendrang treten in diesem Roman auf, deren Leben sich ganz unterschiedlich gestaltet und entwickelt. Alle sind sie begabt, verstehen aber nicht, ihre Begabung für ihr späteres Leben umzusetzen. Ein alter Aquarellmaler sagt am Anfang zu einem der Studenten weise:

„Leben Sie fröhlich, freuen Sie sich an jeder Minute. Alles Menschliche hat einen großen Sinn, und die Kunst einen besonders großen. Suchen Sie nicht nach Ruhm, der Ruhm soll Sie suchen. Und wenn er kommt, stoßen Sie ihn zurück, soll er gehen, soll er allein durch die Welt wandern. Und Sie wandern wie vorher allein inmitten der einfachen Menschen.“

Das, was die meisten Menschen nicht begreifen, ist, dass sich mit dem Streben nach Ruhm immer auch die eigene Freiheit verflüchtigt. Auf einmal steht man unter dem Zwang, zeigen zu müssen, sich verbessern zu müssen, Aufträge anzunehmen, Pressetermine wahrzunehmen, Ausstellungen zu machen, sie selbst beständig präsentieren zu müssen. Man hört auf, um der Kunst willen zu sein, hört damit auch auf, man selbst zu sein, arbeitet weniger aus der Notwendigkeit eigener Bedingungen heraus, als aufgrund des öffentlichen Zwangs, erfüllt den Markt, beschwichtigt die Gönner und Bewunderer. Die Arbeit wird zur eigenen Gefangenschaft.
Auch die vier Kunststudenten ahnen noch nicht, was ihr Leben bringen wird. Noch mag es der eine, als Eichhörnchen zwischen den Menschen herumzuflitzen, der nächste hat einen Geist als Freund, ein weiterer bewundert seine berühmte Tante, eine Malerin, die Schädel von echten Toten als Vorlage benutzt, um nach ihnen lebendige Gesichter auf die Leinwand zu malen, und lernt bald eine Millionärin kennen, die ihn durch ihre Welt ganz von der Kunst wegführen wird. Fest steht, dass es auf der Welt Menschen und Nicht-Menschen gibt. Letztere haben nur die Wirkung und das Aussehen menschlicher Natur, bergen aber in ihrem Inneren das Tier, dass sie verrät. Auch der Tod ist kein eigentliches Ende, sondern vollzieht sich bei Kim durch die Rückkehr durch ein schwarzes Loch in die nächste Welt. Seine Toten können zurückkehren und weiter wie die Lebenden agieren, können mit ihnen kommunizieren. Bei Kim ist der Tod vielmehr die Erkenntnis über das Leben, das Begreifen der Fehler. Der Mensch soll die Welt in sich erfassen, auflösen, bis er sich selbst in ihr auflöst. Seine Protagonisten berichten zwar durch die Stimme des "Wandlings", sind aber längst nicht mehr am Leben.

Wer also kein Mensch ist, der ist ein Toter oder ein Wandling, in dessen Inneren das Tier haust, das die wahre Gestalt ist, je nach ihrem Charakter und ihrem Verhalten. In einem schlummert ein streunender Köter, im anderen eine bissige Dogge, manch einer ist ein Dachs, ein Rind, ein Iltis, ein Rabe oder auch ein Schwein. Kim setzt diese Erscheinungen und Verwandlungen dabei so selbstverständlich, dass sie lediglich in der Deutung des Lesers ihre Absurdität oder ihren Sinn erhalten.

Der Erzähler, der ein Eichhörnchen ist, spricht davon, dass er den Ruhm meidet, da dieser für große Tiere bestimmt ist. Daher hat er sich ein bescheidenes Plätzchen als einfacher Beamter gesichert. Hier deutet Kim die Feigheit an, sich dem eigenen Talent nicht zu stellen. Wer viel Talent besitzt, so Kim, dem droht die Gefahr, sich hinzusetzen und gar nichts zu tun, wie es einem der Hauptfiguren ergeht. Als eine Lehrerin sein Talent entdeckt und ihn dazu auffordert, besser zu werden und seine Gabe zu fördern, verliert er die Lust an der Kunst. Die anderen Mitkommilitonen sind gleichfalls von unterschiedlichen Erfahrungen geprägt, die mit oder ohne die Kunst vollzogen werden. Der eine kehrt zurück auf sein Dorf, um Lehrer zu werden, bis seine Mutter wahnsinnig wird und er beschließt, sie zu pflegen und selbst dem Wahnsinn verfällt. Der Nächste gibt seine Kunst auf, um an der Seite einer sehr reichen Frau zu leben, die ihm ein Atelier einrichtet und sogar einen Künstlerfreund (er)kauft, damit er das Gefühl hat, weiterhin ein Künstler zu sein. Um ihn herum wird eine künstliche Welt der Kunst erzeugt, so dass er notgedrungen in dieser selbst künstlich werden muss. Ein anderer stirbt und kehrt als Toter wieder, da er noch nicht geschaffen hat, was er schaffen wollte und verliert sich bald in den vergänglichen Erinnerungen seiner Freunde.

Kim erzählt hier in einem großen und dennoch wunderbaren Durcheinander, an das man sich aber auch sehr schnell gewöhnt. Die Stimmen und Personen wechseln abrupt, die Schauplätze ebenso. Wirklichkeit und Fantasiewelt fließen ineinander.

Zitat von Kim
… zum ersten Mal ging mir, dem siebzehnjährigen Jüngling, auf, dass sich hinter der äußerlichen Ruhe und Alltäglichkeit des Lebens eine geheime Tiefe verbarg, die gleich unter dem dünnen Film der Banalität anfing und hinunterführte in dichte Finsternis, wo unbekannte Ungeheuer sich regten und mühten.


Denn nicht nur die Gabe des Wandelns ist eine wichtige Eigenschaft des Protagonisten, sondern gerade der Erzähler wandelt sich von den eigenen Erlebnissen in die seiner Freunde und Kommilitonen, warum notgedrungen auch die Erzählstimme wechselt, manchmal sogar mitten im Satz.

Die vier Kunststudenten und ihre Erlebnisse sind über ihre Erinnerungen miteinander verbunden. Der Roman ist kaum in Worte zu fassen und in seinen tiefgründigen Horizonten für jeden Leser unterschiedlich zu deuten. Was der "Wandling" ist, was der "Mensch" ist, weshalb ein Eichhörnchen erzählt und warum die Studenten den Bezug zur Kunst verlieren, warum manche Maler glauben, sie müssten mit kosmischen Stimmen ihre Kunst anrufen oder dass es einfacher ist, einen schlichten Alltag den Gefahren der Kunst vorzuziehen, das alles sind nur Ausschnitte der zahlreichen Bilder und Metaphern.

Kim hat hier eine Fabel erschaffen, ein Märchen, aus dem immer wieder hervorleuchtet, worauf es ihm ankommt. Zerstört nicht das Menschliche in euch, warnt er, und verliert nicht den Glauben daran, dass die Menschen sich bessern können. Versucht die positiven Seiten über die negativen Eigenschaften zu stellen. Das WIR ist immer da, die Verbundenheit aller Lebewesen. Nur die Resignation, dass alles immer so bleiben wird, wie es ist und war, führt zu einer Trennung, die dennoch nie vorhanden ist.


(Alle Zitate stammen aus Anatoli Kim "Einchörnchen", Verlag Volk und Welt Berlin, Übersetzung: T. Reschke)

Da ich nun bereits zwei seiner Werke kenne und schätze, ist Kim tatsächlich zu einem meiner Lieblingsschriftsteller geworden, von dem ich auch die anderen Werke lesen werde. Es folgt "Der Nephritgürtel".


Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 08.04.2012 20:01 | nach oben springen

#3

RE: Anatoli Kim

in Die schöne Welt der Bücher 08.04.2012 19:20
von Patmöser • 1.093 Beiträge

Gibt es diese Erzählungen auch noch von anderen Verlagen, Taxinchen?
Ich habe da etwas vom Reclam Verlag gefunden, von Suhrkamp auch. Würden mich wirklich interessieren, diese Erzählungen!

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#4

RE: Anatoli Kim

in Die schöne Welt der Bücher 08.04.2012 20:08
von Taxine • Admin | 6.063 Beiträge

Kims Erzählungen "Weiße Trauer" sind von Reclam. Darin sind aber nicht die von mir vorgestellten Romane enthalten.
"Der Kräutersammler" empfehle ich dir in der gebundenen Ausgabe von Kiepenheuer, da darin die Zeichnungen Kims enthalten sind. "Eichhörnchen" ist ebenfalls ein Roman und nur vom Verlag Volk und Welt zu haben, soweit ich das gesehen habe. Von Suhrkamp wüsste ich keine Ausgabe. Welche hast du da gesehen?
Die drei kleinen Romane: "Der Nephritgürtel. Nachtigallenecho. Lotos." oder andere Erzählungen sind auch von Volk und Welt.

Viel gibt es leider von diesem herrlichen Schriftsteller nicht. Ach so, falls du Lust hast, könntest du einen Blick auf die "Novitätenkassette 2" von Volk und Welt werfen. Die enthält sieben russische Schriftsteller, darunter auch die Erzählung Kims "Käfig mit Fernseher", die komischerweise in der Sammelkassette wesentlich günstiger zu haben ist, als als einzelnes Buch. Ich habe beide Kassetten. Die erste enthält auch "Armenische Lektionen" von Bitow. Die zweite dagegen neben Kim auch eine Erzählung von Makanin (den ich auch sehr mag).




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#5

RE: Anatoli Kim

in Die schöne Welt der Bücher 08.04.2012 20:50
von Patmöser • 1.093 Beiträge

Das Buch von Suhrkamp habe ich hier gefunden:

http://www.ebay.de/itm/Anatoli-Kim-Nacht...407495245029246

das wären dann die kleineren Romane. Immerhin ein Anfang, nicht?

Danke für deine ausführlichen Infos, Taxinchen!


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#6

RE: Anatoli Kim

in Die schöne Welt der Bücher 08.04.2012 21:09
von Taxine • Admin | 6.063 Beiträge

Zitat von Patmöser

das wären dann die kleineren Romane. Immerhin ein Anfang, nicht?



Ich glaube allerdings, dass ist nur einer der drei kleinen Romane in der Suhrkamp-Ausgabe. Aber klar, das wäre ein Anfang.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 08.04.2012 21:09 | nach oben springen

#7

RE: Anatoli Kim

in Die schöne Welt der Bücher 08.04.2012 21:17
von Patmöser • 1.093 Beiträge

Zitat von Taxine

Zitat von Patmöser

das wären dann die kleineren Romane. Immerhin ein Anfang, nicht?



Ich glaube allerdings, dass ist nur einer der drei kleinen Romane in der Suhrkamp-Ausgabe. Aber klar, das wäre ein Anfang.




Danke, ich kümmer mich weiter. Nächste Woche ist sowieso wieder Antiquariatszeit!

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#8

RE: Anatoli Kim

in Die schöne Welt der Bücher 08.04.2012 21:22
von Taxine • Admin | 6.063 Beiträge

Zitat von Patmos
Nächste Woche ist sowieso wieder Antiquariatszeit!


O.k.... dann nimm' den "Kräutersammler". Ich glaube, dieses Buch ist die Grund-Essenz aller Gedanken dieses Schriftstellers.




Surreale Vorstellungen
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#9

RE: Anatoli Kim

in Die schöne Welt der Bücher 08.04.2012 21:25
von Patmöser • 1.093 Beiträge

Zitat von Taxine

Zitat von Patmos
Nächste Woche ist sowieso wieder Antiquariatszeit!


O.k.... dann nimm' den "Kräutersammler". Ich glaube, dieses Buch ist die Grund-Essenz aller Gedanken dieses Schriftstellers.




Mach ich, Taxinchen, und noch einmal lieben Dank für deine so wertvollen Ein und Hinführungen zur russischen Literatur. Das ist eine wirklich feine Sache!

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#10

RE: Anatoli Kim

in Die schöne Welt der Bücher 08.04.2012 21:28
von Taxine • Admin | 6.063 Beiträge

Zitat von Patmöser
Mach ich, Taxinchen, und noch einmal lieben Dank für deine so wertvollen Ein und Hinführungen zur russischen Literatur. Das ist eine wirklich feine Sache!


Na... keine Ursache. Wir bereichern uns da alle gegenseitig.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 08.04.2012 21:28 | nach oben springen

#11

RE: Anatoli Kim

in Die schöne Welt der Bücher 08.04.2012 21:30
von Patmöser • 1.093 Beiträge

Zitat von Taxine

Zitat von Patmöser
Mach ich, Taxinchen, und noch einmal lieben Dank für deine so wertvollen Ein und Hinführungen zur russischen Literatur. Das ist eine wirklich feine Sache!


Na... keine Ursache. Wir bereichern uns da alle gegenseitig.




Ja, in vielen Dingen ist dieses Forum einfach einzigartig. Gerade in einer Zeit, wo viele Literatur-Foren sterben oder in flacher Beliebigkeit versinken.

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#12

RE: Anatoli Kim

in Die schöne Welt der Bücher 08.04.2012 21:51
von Taxine • Admin | 6.063 Beiträge

... auf dass wir nicht verflachen...




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 08.04.2012 21:52 | nach oben springen

#13

RE: Anatoli Kim

in Die schöne Welt der Bücher 08.04.2012 22:13
von Patmöser • 1.093 Beiträge

Zitat von Taxine
... auf dass wir nicht verflachen...





Nein, wird es nicht, hier sind alle ausgesprochene Individualisten, geistig rege Menschen, mutig, eigen und so schön kantig.
Was soll's, tut immer gut zu wissen, das man da nicht allein ist.

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