Michael Klonovsky
Wenn man Klonovskys Werk "Land der Wunder" direkt nach dem wunderbar einfachen Erzählstil Ruges liest, kommt er einem zunächst sehr gestelzt vor. Der Stil ist ausgefallener, die Wortschöpfungen sollen geistreich ausfallen (was man ab und an leider auch deutlich merkt, dass sie es "sollen"), sind damit "intellektueller", der Hinter-Sinn ist gewaltiger, was dem schönen, ironischen und alltagsgeprägten, gemächlichen Fluss in Ruges Roman allerdings auch bissiger, komplizierter und künstlicher gegenübersteht. Dennoch ist die Auseinandersetzung mit der DDR hier natürlich viel ausgeprägter und intensiver. Gelacht werden darf auch in diesem Buch, die Beschreibungen sind wirklich köstlich.
Nachdem man das erste Buch bzw. Kapitel hinter sich gelassen hat, das man nicht anders als eine "Säufer-Ballade" bezeichnen kann, als die Darstellung eines eigenwilligen Protests gegen die Sitten der DDR und der dort erfolgten Schritte - der Protagonist wird aufgrund seiner Darstellung geschichtlicher Ereignisse zurechtgewiesen, sich staatsfeindlich geäußert zu haben und darum exmatrikuliert - folgt bald die Arbeit als Korrekturleser, dann der Mauerfall und die "Verwestlichung" des Protagonisten und wird damit tiefgründiger, was dem Leser ermöglicht, sich mit dem Text endlich auseinanderzusetzen. Komisch sind die vorangegangenen Erlebnisse durchaus, immerhin zeigen sie jene andere Seite der Arbeits-Gleichsetzung und den Abstieg, wie er in der DDR erfolgte, aber richtig interessant, zumindest für mich, wurde es in den nächsten Kapiteln.
Mit dem Voranschreiten der Geschichte, die spaßig beginnt, weil über den Protagonisten Schönbach gemunkelt wird, er wäre in der DDR eine Zeitlang in einem Lager gewesen (das sich dann als Schnapslager herausstellt), wird der Leser immer nachdenklicher. Mir ging es so, dass ich auf einmal mit etlichen eigenen Erinnerungen konfrontiert wurde, z. B. als auch in diesem Werk die Demonstrationen erfolgen, die Empörungen lauter werden, die Ausreise kurz vor dem Zusammenbruch der DDR verboten wird, die zahlreichen Fluchtversuche und Verhaftungen stattfinden, der Unglaube und das Zerrissene der "Ossis", die Überheblichkeit der "Wessis" dargestellt wird. Wunderbar berichtet Klonovsky von dem Begrüßungsgeld, von der ersten Coca Cola und der überwältigenden Konsumwelt, die auf den zaghaften und verschüchterten Ossi nahezu einschlägt (während er seine Einkäufe zu DDR Zeiten noch in sogenannten "Konsums" machte, Betonung auf der ersten Silbe, eine Bezeichnung, die wiederum mit der eigentlichen Bedeutung des Wortes kaum etwas zu tun hatte, wie Klonovsky so schön anmerkt). Wie musste ich da an meine eigenen Eindrücke zurückdenken und dieses ganze damalige Chaos noch einmal für mich rekapitulieren.
Zitat von Klonovsky
Er durchstreifte einen Supermarkt, wie hier die Lebensmittelgeschäfte hießen, und stellte fest, dass es im Westen ungefähr so viel verschiedene Brotsorten gab wie auf seiner Seite der Mauer Nahrungsmittelsorten insgesamt und dasselbe für Wurst, Käse und Schokolade galt; überhaupt leuchtete ihm hier der Sinn des Warenregals ein, der ja kaum darin bestehen konnte, dass ein und dieselbe endlos gereihte Mehl- oder Konservensorte den Mangel auf raumfüllende Weise kundtat.
... oder sich, wie ich mich erinnere, auch gerne durch Leere auszeichnete.
Für den einstigen Philologie-Studenten Schönbach, der im Prenzlauer Berg wohnt, ist es besonders schwer, dass in der DDR Literatur und Musik verboten sind. Philosophen, die nach Kant oder Marx kamen, waren staatsfeindlich gefährlich (so z. B. Nietzsche, Hegel, Heidegger oder Adorno), ganz zu schweigen von so mancher Literatur per se. Auch die Probleme der Ausreise, dass man nur in bestimmte Länder fahren durfte, wobei der Protagonist es dann vorzieht, gar nicht zu reisen, da er seine Reiseroute nicht durch einen Staat vorschreiben lassen möchte ("Reisen, zum Beispiel, führten nur gen Osten aus einem Elend ins andere..."), die Probleme mit der Bekleidung, der Spitzel-Politik und journalistischen Arschkriecherei im Sinne der Partei, die bedingungslose Befürwortung aller Vorgänge in der Sowjetunion (gegenteilige Ansichten waren westgesteuerte Propaganda) werden benannt. Sehr kritisch äußert sich Klonovsky über die Verhältnisse, zeigt aber auch die Probleme nach dem Mauerfall auf. So erinnere ich mich auch an den Schreck (ich war damals zwölf Jahre alt), als ich das erste Mal einen Obdachlosen erblickte, die in der DDR sofort von der Straße geschafft und in irgendwelche Sozialisierungsprogramme gesteckt wurden. Klonovskys Protagonist erlebt das Gleiche und verweist auch auf die typischen sozialistisch geprägten Warnungen über den Kapitalismus und den Westen, dass dort Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit, Prostitution und Drogensucht vorherrschen. (Das hat man uns Kindern in der Schule nahezu geistig eingebläut.)
Nach dem Mauerfall spürt der "Ossi" dann stark, wie "zurückgeblieben" er gegenüber dem aufgeklärten Westen ist. Nicht nur, was die geschichtsforschenden und ähnlich gearteten Gebiete betrifft, sondern auch in viel simpleren Vorgängen, wie z. B. die Verköstigung von Lebensmitteln, die in der DDR nicht zu bekommen waren, darunter echter Wein, Hummer, Oliven oder ähnliche Genussmittel, machen ihm sichtbar, was ihm alles verwehrt geblieben ist. Die bewusst staatsbefürwortende Erziehung verhinderte nicht nur die Weiterbildung vieler Menschen in den einzelnen Gebieten, sondern machte bestimmte Ausbildungen und Doktorarbeiten am Ende sinn- und nutzlos, dass das Diplom in der Hand dann genauso gut war, wie der fehlende Abschluss... ein Stück Papier für andere Zwecke.
Während der Protagonist Schönbach sich aus seiner Resignation (Schnapslager) hinauf zum Bademeister, zum Korrekturleser und bei der Öffnung der Grenzen dann zum Journalisten hocharbeitet, sind so manche Partei- und Linientreuen auf einmal ohne Job. Auch die Übernahme vieler Firmen (so auch des Verlagshauses, in dem Schönbach arbeitet) durch Westdeutsche wird angesprochen und deutlich kritisiert.
Die Mauereröffnung hat Freiheit und neue Probleme mit sich gebracht. Dennoch ist das allgemeine Aufatmen ebenso eine Bedingung gewesen, wie der Schreck über die Kehrseiten der freien Konsumwelt. Das Nachdenken des Lesers über die Bedingungen und auch über die Kritik, die Klonovsky in vielerlei Hinsicht übt, ermöglichen eine schöne Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen und Erinnerungen. Mir fiel z. B. wieder eine Lehrerin meiner damaligen Schule ein, die kurz vor dem Mauerfall abgehauen ist. Der gesamte Lehrkörper stellte die Frau als Verbrecherin dar (und das, das muss man sich mal vorstellen, kurz vor dem allgemeinen Zusammenbruch), als Abtrünnige. Das Tragische daran war, dass diese Lehrerin es nicht geschafft hat, über die Grenzen zu gelangen, demütig zurückkehren musste, und das in den Kreis dieses voreingenommen eingestellten Meinungsapparats "Erziehender" (die noch nicht begriffen hatten, wie sich die Ereignisse rasant schnell weiterentwickelten), dabei auch nicht zögerten, die Schüler vor den Ansichten und Handlungen dieser Frau zu warnen. Ich sah sie eines Tages und war erschrocken, da sie sichtbar eine Ausgestoßene war und mehrmals auch körperlich zusammenbrach. Aber noch erschrockener war ich dann, einige Tage später, als bekannt wurde, dass sie Selbstmord begangen hatte. Solche Erlebnisse prägen einen Menschen natürlich stark, auch wenn ich die Zusammenhänge damals noch nicht richtig erfassen konnte, noch zu jung war, um das alles in seinen Ausmaßen zu begreifen, auch die Verzweiflung der Menschen, die diesen Druck nicht mehr aushielten, sowohl in der allgemein sich immer gewaltiger zeigenden Veränderung der Ansichten, dass vielleicht die "Flucht" Notwendigkeit und auch machbarer wurde, als auch dem Druck der Alteingesessenen, die solchen Aktionen und Meinungen in strenger und ablehnender Festigkeit noch bis zum Ende oder auch noch über den Mauerfall hinaus gegenüberstanden. All das kommt bei Klonovsky wunderbar zur Sprache.
Ich bin natürlich noch nicht durch, wollte aber gerne schon einmal einige Gedanken äußern, die mir beim Lesen so durch den Kopf schossen. Nun gelangt Schönbach als Journalist in die Welt. Weitere Gedanken folgen...
Liebe Grüße
Taxine
Und noch einige Abschlussgedanken:
Besonders schön hat Klonovsky dargestellt, wie sich die Idealisten der DDR nach der Wende um hundertachzig Grad drehen und in gleicher Vehemenz auf einmal die westliche Marktwirtschaft und den Kapitalismus befürworten und verteidigen, als hätten sie nie eine andere Ansicht vertreten. So z. B. Schönbachs Vater.
Auch Schönbach selbst erlebt die Veränderungen seiner Umgebung und aller allgemein ihn umgebenen Überzeugungen mit starker Ambivalenz.
Mit der endgültigen Übernahme des Verlags und der Zeitung durch Westdeutsche, wird die erkämpfte Freiheit – "...wir schreiben endlich das, was wir wollen" – bald schon wieder unterdrückt und auf andere Art und Weise manipuliert und gesteuert. Schnell stellt sich heraus, dass auch die Freiheiten des Westens bestimmten Regeln unterliegen. Der neue westdeutsche Besitzer vertritt dabei die Überzeugung, dass die Teilung Deutschlands ruhig hätte dauerhaft sein können und dabei ein gerechter Schuld-und-Sühne-Ausgleich für die Naziverbrechen ist. Schönbach erklärt dabei ironisch, dass die Schuldabtragung in der DDR nicht die gleiche des Westens ist, die ihre Schuld mit guten Weinen, viel Konsum und Kavier beglichen, während die im Osten Lebenden so gut wie nichts hatten und in ihren Freiheiten stark eingegrenzt waren.
Immer mehr ostdeutsche Mitarbeiter verlieren ihre führenden Positionen, werden durch westdeutsche „Kenner“ ersetzt. Gerade die Medienwelt in ihrer Heuchlerei, die sich dazu im Westen deutlich von den Ansichten im Osten unterscheidet, wird bei Klonovsky näher betrachtet. Während im Osten das Leid der Palästinenser bedauert wird, schlägt sich der Westen aufgrund der deutschen und schon stark verinnerlichten Schuldfrage ohne Infragestellung der eigentlichen Vorgänge auf Seiten Israels. Als ein ostdeutscher Journalist über das Dritte Reich schreiben möchte und sowohl die Judenfrage als auch die Verfolgung erwähnt, allerdings nicht zentral und in alleinigen Bezug auf dieses Verbrechen betrachtet, da es in seinem Artikel eher um den Zweiten Weltkrieg selbst geht, reicht es den westlich geprägten Zeitungsmachern nicht aus, die Ereignisse darzustellen, wie sie stattfanden, sondern es wird die Forderung nach mehr Drama, nach dem eindeutigen Bezug auf die Gesamtschuld der Deutschen gestellt, während alles andere, was im Krieg geschehen ist, historisch unwichtig zur Nebenrolle degradiert wird. Der sich eingehend mit der Geschichtsforschung befasst habende Journalist ist darüber empört.
Ein anderes Beispiel: Als ein Streit zwischen zwei jüdischen Gemeinden ausbricht und darüber berichtet werden soll, betont der westdeutsche Journalist, dass alleine der neutrale Bericht darüber bereits dem „Antisemiten auf der Couch“ Anlass zum Händereiben gibt. Tatsachen können nicht berücksichtigt werden, dass der Streit beider Gemeinden ausgetragen wird, stattdessen könne der Artikel nur dann gebracht werden, wenn eine unsinnige Umfrage über die Ansichten Ostdeutscher, wie viel Macht, ihrer Meinung nach, die Juden hätten, dazwischengesetzt wird, was der ostdeutsche Journalist aufgrund der Unsinnigkeit und auch Beziehungslosigkeit zum eigentlichen Thema ablehnt, weshalb sein Artikel auch nicht erscheinen darf. Hier verweist Klonovsky explizit auf die Ausrichtung der Medien und der Gehirnwäsche, die der Westen dem Osten unterzog.
Allgemein gilt für diese Branche:
„… alles Originelle ist Journalisten verdächtig, alles Geistige wird von ihnen verachtet und verhöhnt.“
„In Deutschland wird seit Jahrzehnten die Deutsche Einheitsmeinung gepflegt, sei es die nationalsozialistische, realsozialistische oder freiheitlich-sozialdemokratische, immer muss die gerade herrschende gegen jedermann durchgesetzt werden…“
… völlig egal, mit welchen Themen die Zeitschrift oder Literatur sich beschäftigt.
Und, weil's so schön ist, hier noch einmal erwähnt:
Zitat von Klonovsky
Deutsche Journalisten lieben die Einheitsmeinung, je feiger, primitiver und denkfauler sie sind, desto größer ihre gespielte Entrüstung über Abweichler. Durch ein deutsches Journalistengehirn gequetscht zu werden, ist das Schlimmste, was einer Wirklichkeit passieren kann.
Der eigentliche Abstieg Schönbachs in die Dekadenz erfolgt, als er sich für viel Geld von einem schlechten Boulevardblatt kaufen lässt, dass sich durch Lügen und Stargeschichten auszeichnet. Entweder liefert die Realität ein Thema und dieses wird thesenorientiert (damit verkürzt und verlogen) umgeschrieben, oder es wird eine These erfunden und hinterher die jeweilige Wirklichkeit hineingepresst. Schönbach wird immer reicher und oberflächlicher, sein Leben immer schmaler und langweiliger. Er hat flüchtige, rein sexuelle Beziehungen, die an die einst unerfüllte Liebe zur schönen Katja nicht heranreichen, die er immer mal wieder zufällig wiedertrifft, dabei in ihrer Veränderung erlebt. Sie, die einstige Traumfrau mit dem Königsblick, wird eine enttäuschte, zweimal geschiedene, abgehalfterte Frau mit zwei Kindern und einem nicht zu übersehenden Alkoholproblem, bis Schönbach sie nach seinem Reichwerden durch Investieren an der Börse in einem Puff wiedersieht, wo sie als Prostituierte arbeitet.
Eine weitere Frau tritt in sein Leben. Schön, sexuell begehrenswert, eine rein aufgrund der (scheinbar) gegenseitigen Anziehungskraft sexuell ausgelebte Beziehung, die sich zu bewähren hat, als sich der Protagonist Schönberg, der immer häufiger merkt, wie leer sein Leben ist, vor eine schwierige Entscheidung gestellt sieht. Das Ende ist wunderbar erzählt, die kritischen Bemerkungen, die Klonovsky macht, sind es wert, darüber nachzudenken.
Nicht nur, dass die Aufklärungsarbeit über DDR-Verhältnisse, Mauerfall und Grenzöffnung wunderbar beleuchtet werden, auch das Leben in der neongelben Freiheit voller Entscheidungen, gleichen und anderen Bedrängnissen und Einschränkungen, die Entwicklung des Marktes, der Börse, der Investitionsmöglichkeiten sind gut dargestellt, die den Kapitalismus in seiner Gefräßigkeit, aber auch in seinen Ideen beleuchten. Schönbach ist und bleibt sympathisch, trotz seiner Einstellung zu Frauen, seines ständigen Zögerns, seiner Feigheit in so mancher Situation. Gerade das Ende machen ihn zu einer wunderbaren Romanfigur, der man freudig die Hand schütteln möchte, im Sinne eines „Alter, du packst das schon.“
#3
Michael Klonovsky: Der Schmerz der Schönheit. Über Giacomo Puccini. Berlin 2008
Michael Klonovsky, einer der gescheitesten, kultiviertesten, belesensten, gebildetsten, streitbarsten Intellektuellen des Landes; ist heute vor allem als Blogger und Verfasser der gesellschaftskritischen Acta diurna bekannt, die auch als Bücher im Verlag Manuscriptum vorliegen; als Redenschreiber, Berater und Mitarbeiter verschiedener AfD-Politiker im Bundestag. Hauptsächlich ist er aber von Berufs und Neigung wegen Journalist und Autor, hat in den letzten jahrzehnten eine ganze Menge Artikel und Bücher geschrieben. Unter anderem dieses wunderbare Buch über Giacomo Puccini:
Es ist keine Biografie und keine musikwissenschaftliche Monografie; es ist eine durch und durch subjektive und durch und durch leidenschaftliche und durch und durch polemische Streitschrift; die eine Liebeserklärung an einen verkannten Komponisten ist und gleichzeitig einer Missionierung und Überwältigung des Lesers gelten soll; bei dem ganz sicher nicht an den reinen Laien gedacht ist. Bei mir, der ich Puccini wie auch Verdi über jahrzehnte ignoriert habe aus verschiedenen Gründen, hat er sein Ziel damit erreicht; ich höre die Opern Puccinis mit wachsendem Genuss und verbiete jedem Kritiker hochfahrende Herabwürdigungen aus dem Geiste opernintellektueller Überheblichkeit.
Im Anschluss und in verehrender Weiterführung des bislang einzigen Sachwalters Puccinis Eckhard Henscheid, dessen sprachliche Manierismen er sich sogar anverwandelt ohne sie zu kopieren, beginnt Klonovsky mit einem Vorwort, das so unbeirrt wie ehrlich dartut; warum dies Büchlein notwendig ist; um nämlich einen Komponisten zu rehabilitieren; dem seitens der Kritik noch immer millionefach Unrecht geschieht; obwohl Millionen diese Opern lieben und diese die Spielpläne aller Opernhäuser beherrschen. Puccini sei ein Komponist von Rang gewesen; keinen Deut schlechter als Verdi, Wagner, Strauss. Dieser Stellung Puccinis in der Musikgeschichte gilt denn auch das nächste Kapitel; bevor in den weiteren die Entwicklung des Opernschaffens Puccinis verfolgt wird und in Einzelanalysen bestimmte Opern im Kontext detaillierter vorgestellt werden. Und das alles ungeheuer sprachmächtig in verschiedenen Tonlagen; virtuos die Stilebenenklaviatur handhabend; aphoristisch, pointiert und apodiktisch immer auch zum Widerspruch reizend.
Diese Operngeschichte für Fortgeschrittene macht keine Gefangenen und opfert mal eben den frühen Verdi und schärft den Blick auf Phänomene wie die der Hoch- oder Massenkultur. Invektiven und wütendes Abklatschen zäsieren den Text und werden den einen Leser ärgern und den anderen wie mich diebisch freuen; denn nichts ist schlimmer als eine vorgetäuschte Objektivität und ein seelen- und herzloses Urteilen. Puccini vermochte als einziger „die Darstellung von ,großem Schmerz in kleinen Herzen‘“; jeder sei „des Zaubers bedürftig, den der Magier aus Lucca“ anbiete; seine Musik Puccinis sei wie ein Spiegel, der einem zeigt, wer man eigentlich sei; sie verspreche sogar eine wunderbare Veränderung; selbst das Herz eines Roten Khmer würde von Puccinis Manon-Version erweicht werden. Wem das bei Puccini noch nicht passiert ist, dem könne man getrost Weltfremdheit unterstellen und wer das analytisch verkenne und aburteile, der dürfe sich über Verrisse nicht beschweren.
Anderswo hießt es, "Klonovsky hat sein Objekt der Begierde sehr subjektiv beschrieben, wie ein echter Italiener eben, con passione desperata." Dem ist nichts hinzufügen. [© 2022]
#4
"Das Land der Wunder" habe ich natürlich auch gelesen, und, weil ich meiner Frau das Buch aus naheliegenden Gründen schenkte, auch "Die schöne Apothekerin". Und selbstredend alle möglichen Essays, Zeitdiagnosen etc., sowohl im Netz als auch in Buchform. Michael Klonovsky ist kein genuiner Schriftsteller, Dichter, Autor belletristischer Werke, dafür fehlen ihm spezifisches Talent und Naivität. Aber er ist ein hellsichtiger und scharfzüngiger Diagnostiker der Zeitläufte, journalistisch begabt und überaus eloquent. Und vor allem ist er intelligent, gebildet, belesen, witzig, humorvoll, geistreich und unterhaltsam. Da kann man auch mit Machismo, Stilgehabe und einer gewissen blassierten Hochnäsigkeit leben. Dass man so einen Mann im Mainstream nur noch mit der AfD in einem Atemzug nennt und als ganz pösen Ultra-Rechten klassifiziert, da er nichts weiter ist als ein weitgehend "harmloser", kulturkonservativer Publizist mit ostdeutschen Wurzeln, verstehe wer will. Seine Frau Elena Gurevich, die ich auch schon kennenlernte und als Pianistin hörte, stammt aus jüdisch-russischen Kreisen und Weltläufigkeit kann man dem Mann nirgendwo abstreiten. Es ist eigentlich schade, dass er seinerzeit in Chemnitz seinen Wahlkreis nicht gewann; er hätte Bundestagsreden wieder zu literarischen Ehren gebracht.
- Anmeldung
- Information zur Anmeldung
- Gedanken um die Literatur
- Lektüreliste
- Buchvorschläge
- Die schöne Welt der Bücher
- Sachen gibt's - Sachbuch
- Das "andere" Buch
- Literatur im Verriß
- Blicke auf Menschen
- Zitate
- Überlegungen
- An der Literatur orientierte Gedanken
- An der Philosophie orientierte Gedanken
- An der Kunst orientierte Gedanken
- An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken
- Kritzeleien
- Gedanken vom Tag
- Yoricks literarische Nachtgedanken bei Tage
- Lennies Gedankenschnipsel
- Flümmerey/ La Vista di AscOltO
- Die Zeiten sind, waren, werden sein: so und so
- Die realistischen Gedanken des Monsieur Moulin
- Autorenforum
- Prosa
- Poesie
- Lyrik
- Spielereien
- Gespräche
- Gespräche über Kunst und die Welt
- Kunst im Gespräch
- Bargeflüster
Jetzt anmelden!
Jetzt registrieren!
