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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Denkspiele

in Gespräche über Kunst und die Welt 10.05.2012 13:04
von Taxine • Admin | 5.958 Beiträge

1)Philosophie und Geometrie

Wie ließe sich irrationales Denken üben?
Oder Denken, das über den begrenzten Verstand hinausgeht und hinter die Dinge blickt, um so jeweils das Ganze besser zu erfassen?
In vielen Bedingungen werden jene zwei Seiten, zwei Gesichter, jene Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit nicht immer richtig sichtbar. Viele erscheinen, wenn man sie ins Wort fasst, unglaublich primitiv und allbekannt. Zum Beispiel: Wo früher Leben und Tod eine Einheit bildeten (das Leben schließt den Tod mit ein, der Tod ist ohne Leben unmöglich), die erst mit der Zeit zu Gegensätzen mutierten, so sind auch Tag und Nacht scheinbare Gegensätze, die sich ergänzen, jenes Dunkle, das erst durch das Helle sichtbar wird und umgekehrt. Das ist natürlich bekannt. Aber in Wortverbindungen wie „Maß“ und „Masse“ das Gleiche zu erkennen, ist schon schwieriger, ohne sie rational sofort in ihre Gegensätzlichkeit zu teilen.

Auch das Symbol enthält immer seine Ambivalenzen, die scheinbar Gegensätze, vielmehr aber eine Einheit sind, einander ergänzende Seiten, die durch die rationale Betrachtungsweise vielleicht nur einseitig betrachtet werden. Das Yin-Yang ist das in sich perfekteste Symbol, das alles enthält. Nicht nur den Kreis, sondern Gegensatz und Einheit oder die Gegensätze in ihrer Einheit, womit sie keine Gegensätze mehr sind (sondern sich im Kreislauf ergänzen). Symbole und Bilder sind eine sehr gute Übung, sicherlich auch anspruchsvoller, wenn sie nicht ganz so perfekt sind, dass sich die eine Seite nicht so einfach zeigt oder die andere Seite erst dazu gedacht werden muss, um das Bild ganz zu verstehen. Auch gut zur Übung sind Paradoxien.

Zum Beispiel der Satz von Pascal:
„Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht gefunden hättest.“

Ja, über den kann man ja lange reflektieren, aber er wird und wird nicht lösbar. Wie nun und wann würde dieser Satz Sinn machen? Das ist die Frage.

(Eine) Lösung:

Die Antwort könnte z. B. im „Chi“ (X) bei Platon im „Timaios“ gefunden sein.
Dort geht es um sich kreuzende Parallelen, durch die der perspektivische Punkt aufgehoben wird.
Wenn sich die Geraden also in der Kreuzung, in diesem Punkt spiegeln, so könnte eine Aussage, die im rationalen Bereich irrationalen Charakter aufweist, sich jenseits dieses Punktes umkehren.
Und erstaunlich, dann erst gibt der Satz tatsächlich Sinn.





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zuletzt bearbeitet 11.05.2012 22:50 | nach oben springen

#2

RE: Denkspiele

in Gespräche über Kunst und die Welt 11.05.2012 22:43
von LX.C • 2.725 Beiträge

Ich finde den Satz gar nicht irrational. Man findet beispielsweise jemanden fürs Leben, den man eigentlich gar nicht gesucht hat. Oder umgekehrt, dann kann man zu der Person sagen: „Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht gefunden hättest.“ Oder so


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#3

RE: Denkspiele

in Gespräche über Kunst und die Welt 11.05.2012 22:46
von Taxine • Admin | 5.958 Beiträge

Vielleicht ist das Beispiel auch A-Rational.
Schön gelöst.

Ich suche noch nach weiteren Beispielen.




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#4

RE: Denkspiele

in Gespräche über Kunst und die Welt 11.05.2012 22:48
von LX.C • 2.725 Beiträge

Hähä, A-Rational, schön, so wirds in diesem Fall sein


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#5

RE: Denkspiele

in Gespräche über Kunst und die Welt 12.05.2012 22:29
von larifant • 270 Beiträge

Zitat von Taxine
„Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht gefunden hättest.“


Ein Vorwurf:
A findet B zufällig.
B ist der Ansicht, dass A sie andernfalls hätte suchen sollen, aber dies aus moralisch verwerflichen Gründen wohl nicht getan hätte.

"würdest mich nicht suchen" wäre dann die verwerfliche Alternative zu "würdest mich suchen" (moralischer Standard)

Ohne solchen Kontext neigt man dazu, "würdest mich nicht suchen" (Konjunktiv) als Alternative zu "du suchst mich" (Wirklichkeit) aufzufassen und marschiert geradewegs in die fatamorganendurchsetzte Einöde der Paradoxien.

Gruß,
L.


zuletzt bearbeitet 12.05.2012 22:29 | nach oben springen

#6

RE: Denkspiele

in Gespräche über Kunst und die Welt 13.05.2012 11:46
von Taxine • Admin | 5.958 Beiträge

„Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht gefunden hättest.“


Lösungsbeispiele (Fortsetzung): Als ein Bezug auf den Begriff "Gott":

Lösung A: Die bewusste Nicht-Suche:

Der heutige Mensch, eher rational und überzeugter Atheist, würde Gott nicht (mehr) voraussetzen, wenn es andere vor ihm nicht bereits getan hätten. Er würde ihn also (gar) nicht (erst) suchen, wenn er ihn nicht (bereits) gefunden hätte (und als einstige Voraussetzung kennt).

Dem gegenüber steht Voltaire mit seinem Ausspruch: "Gäbe es keinen Gott, müsste man ihn erfinden."
Hier kommt die platonische Lösung der überkreuzten Parallelen erneut zur Geltung, die den Satz umkehren, so dass die Aussage entsteht: "Du würdest mich nicht finden, wenn du mich nicht gesucht hättest."


Lösung B: Die unbewusste Suche:

Gott, gesehen als GEIST, als Absolutes, als das Eine. All das wirkt selbst dann im Menschen, wenn dieser nicht daran glaubt, da es eine (buddhistische) Grundbedingung ist. Und es spricht der GEIST: "Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht (längst) gefunden hättest. Ich wirke also dennoch in dir.)


Lösung C: Die bewusste Suche (eines Glaubens an Gott (der noch nicht gefunden ist)):

Erst, weil du Gott als Alternative voraussetzt, suchst du ihn überhaupt, denn... du würdest ihn nicht suchen, wenn du ihn nicht (als Annahme gelten lassen würdest, demnach:) gefunden hättest.


Lösung D: Die Spiegel-Suche (im Sinne des Gottglaubens):

Der gläubige Mensch sucht Gott in sich selbst und in anderen. So spricht Gott zu ihm: "Suche mich in dir selbst und in anderen, du kannst mich nur suchen, weil du mich gefunden hast."

Hier steht die Aussage: Du würdest mich (ansonsten) nicht suchen, wenn du mich nicht (von vorneherein) gefunden hättest. Setzt der Mensch keinen Gott voraus, würde er ihn nicht in sich und anderen suchen.




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zuletzt bearbeitet 13.05.2012 11:50 | nach oben springen

#7

RE: Denkspiele

in Gespräche über Kunst und die Welt 13.05.2012 18:51
von Taxine • Admin | 5.958 Beiträge

„Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht gefunden hättest.“


Lösung: Kunst

Wenn Picasso sagt: „Ich suche nicht, ich finde.“ – könnte man seine Aussage auch so formulieren: „Du würdest mich (die Kunst) nicht gesucht haben, wenn du mich nicht gefunden hättest.“




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#8

RE: Denkspiele

in Gespräche über Kunst und die Welt 13.05.2012 19:15
von Taxine • Admin | 5.958 Beiträge

„Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht gefunden hättest.“


(Eine) Lösung: Literatur

Wenn Hermann Hesse sagt: ...wenn Suchen bedeutet, dass man ein Ziel habe, so heißt Finden "frei sein, offen stehen, kein Ziel haben".




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zuletzt bearbeitet 13.05.2012 19:25 | nach oben springen

#9

RE: Denkspiele

in Gespräche über Kunst und die Welt 13.05.2012 19:22
von Taxine • Admin | 5.958 Beiträge

„Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht gefunden hättest.“


(Eine) Lösung: Daoismus

Dschuang Dsi erzählt in "Das wahre Buch vom südlichen Blütenland" folgendes Gleichnis:

"Der gelbe Kaiser reiste nordwärts vom Roten See, bestieg den Berg Kun-lun und schaute gen Süden. Auf der Heimfahrt verlor er seine Zauberperle. Er sandte Wissen aus, sie zu suchen, aber es fand sie nicht. Er sandte Klarsicht aus, sie zu suchen, aber sie fand sie nicht. Er sandte Redegewalt aus, sie zu suchen, aber sie fand sie nicht. Endlich aber sandte er Absichtslos aus, und es fand sie. "Seltsam fürwahr", sprach der Kaiser, "dass Absichtslos sie zu finden vermocht hat"."


Die Umkehrung lautet: Du hast mich nur gefunden, weil du mich nicht gesucht hast.
Was die Aussage nach sich zieht: "Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht gefunden hättest."




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zuletzt bearbeitet 13.05.2012 19:30 | nach oben springen

#10

RE: Denkspiele

in Gespräche über Kunst und die Welt 13.05.2012 19:43
von Taxine • Admin | 5.958 Beiträge

„Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht gefunden hättest.“


(Eine) Lösung: Philosophie

Der Findende trägt das Ziel in sich, daher braucht er es (im Außen) nicht zu suchen.




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#11

RE: Denkspiele

in Gespräche über Kunst und die Welt 15.05.2012 12:40
von LX.C • 2.725 Beiträge

Man könnte in dem Sinne auch fragen, ob ein Finden ohne ein Suchen überhaupt möglich ist, oder ob sich die Begriffe zwingend bedingen? Gibt es so etwas wie eine unbewusste Suche? Gibt es Suchkriterien, die uns sozusagen inhärent sind und die wir uns gar nicht ständig vergegenwärtigen müssen?


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#12

RE: Denkspiele

in Gespräche über Kunst und die Welt 15.05.2012 19:35
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Wenn ich auf den Dachboden gehe, finde ich immer jede Menge Dinge, die ich nicht gesucht habe ....




Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458
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#13

RE: Denkspiele

in Gespräche über Kunst und die Welt 16.05.2012 01:06
von Taxine • Admin | 5.958 Beiträge

Zitat von LX.C
Man könnte in dem Sinne auch fragen, ob ein Finden ohne ein Suchen überhaupt möglich ist, oder ob sich die Begriffe zwingend bedingen? Gibt es so etwas wie eine unbewusste Suche? Gibt es Suchkriterien, die uns sozusagen inhärent sind und die wir uns gar nicht ständig vergegenwärtigen müssen?



Wenn man nach all unseren Beispielen geht, dann unbedingt.
Kommt natürlich auch wieder darauf an, aus welcher Richtung man es betrachtet oder z. B. ob das "Finden" nun ein tatsächliches Finden ist, ohne die Suche. Selbst Glaube und Vorstellung spielen eine Rolle (siehe gleich das nächste Beispiel). Und dann all die Bücher, die einen finden, während man gar nicht gesucht hat...
Daneben könnte man die Begriffe "Finden" und "Suchen" auch als einzelnen Begriff ansehen. Ein Finden enthält immer ein Suchen, ein Suchen ein Finden. So können beide auch für sich stehen.

(Eine) weitere Lösung wäre: Dichtung

Wenn Rilke sagt: „Die Wünsche sind die Erinnerungen, die aus unserer Zukunft kommen.“

Du würdest mich (den Wunsch) nicht suchen, wenn du mich (die Erinnerung aus der Zukunft) nicht (schon längst in dir, damit:) gefunden hättest.

Rilkes Ausspruch enthält einerseits, dass die Gegenwart immer schon durch die Zukunft beeinflusst ist (Ziele, Wünsche, vgl. Heidegger), aber auch, dass alles ein Strom und Schicksal ist, dass wir also nur wünschen können, was uns bestimmt ist ( daher kann der Wunsch auch gleichzeitig Erinnerung sein, er ist ja schon dort liegend, wo wir noch nicht sind, aber uns bestimmt ist, hinzukommen. Im Sinne von: „Die Ereignisse kommen nicht, sie sind da, und wir begegnen ihnen auf unserem Wege.“ (A. S. Eddington ))

Unter diesen Voraussetzungen ist das Finden auch ohne das Suchen nicht nur möglich, sondern Bedingung.




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zuletzt bearbeitet 16.05.2012 01:15 | nach oben springen

#14

RE: Denkspiele

in Gespräche über Kunst und die Welt 16.05.2012 11:35
von LX.C • 2.725 Beiträge

Nichts ist für meine Begriffe so erinnerungslos wie die Zukunft.

Dann bevorzuge ich schon eher das Zitat: "Die Träume von gestern sind die Wahrheiten von morgen."
Das impliziert ein unterbewusstes Suchen, ein mehr oder weniger unbewusstes Hinarbeiten auf die innersten Wünsche.

Du würdest mich (den Wunsch) nicht suchen, wenn du mich (die Erinnerung aus der Vergangenheit) nicht (schon längst in dir tragen, damit:) gefunden hättest.


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zuletzt bearbeitet 16.05.2012 11:37 | nach oben springen

#15

RE: Denkspiele

in Gespräche über Kunst und die Welt 17.05.2012 20:01
von Taxine • Admin | 5.958 Beiträge

Zitat von LX.C
Nichts ist für meine Begriffe so erinnerungslos wie die Zukunft.



Deine ungelesenen Bücher im Regal sind die Wünsche, die als Erinnerung aus deiner Zukunft kommen (insofern du sie wirklich lesen wirst).

Ich persönlich glaube auch eher, dass man mit einer unbewussten Suche die Ereignisse in gewisser Art und Weise auf sich lenkt und sichtbar oder unbemerkt seine Wünsche und damit Schritte so setzt, dass sie sich irgendwann erfüllen.




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zuletzt bearbeitet 17.05.2012 20:34 | nach oben springen


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