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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Emmanuel Bove

in Die schöne Welt der Bücher 19.08.2012 11:04
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo,

Emmanuel Bove hat über sich selbst geschwiegen und zog sich zum Schreiben zurück. Bove wird für immer eine Person ohne Geschichte bleiben, schrieb sein Biograf Raymond Cousse. Wir können froh sein, dass er doch nicht zu den ganz Vergessenen gehört, allerdings ist es schon bemerkenswert, dass Emmanuel Bove in Deutschland erst durch Peter Handkes Übersetzung des Romans „Meine Freunde“ im Jahre 1981 im deutschsprachigem Raum zu lesen war.
Das wenig greifbare was wir von Boves Leben wissen, spiegelt sich insofern in seinem literarischen Werk, dass er sehr gerne von skurrilen neurotischen Außenseitertypen erzählt, sie psychologisch clean durchleuchtet und Gestalten hinter ihren gespielten Masken zum Vorschein bringt, bzw. auch bloßstellt, wie in dem hervorragend durchgestalteten Roman

„Der Junggeselle“

Albert Guittard, ein sanfter Mensch, der allerdings wie ein verwöhntes Kind geringfügige Ereignisse aufbauschte „einen banalen Hausfriedensbruch“ als „eine willkommene Abwechslung in seinem eintönigen Leben“ hinstellte und dann sein aufbrausendes Verhalten wieder bereute. Er ging auf die fünfzig zu, hätte ein reicher Mann werden können, aber er widmete sich gerne den Freuden der Liebe und den Künsten und war ein Träumer, der ein „zartes Geschöpf“ heiraten wollte. Er hatte es auf Mme Penner abgesehen.

Im ersten Teil des Romans wird ein Besuch Guittards bei Mme und M. Penner geschildert. Guittard sucht verzweifelt eine Gelegenheit, seine Liebe der Mme Penner zu eröffnen. Er bildet sich ein, die Mme wüsste nichts davon. Guittard kann den M., einen Oberst, nicht ausstehen. Das interessante an der Geschichte ist, wie sich die Menschen in dieser Szene hinter Masken verbergen. Sie erscheinen den anderen nicht so, wie sie sind. Albert Guittard erfährt von einer früheren Liebschaft des Oberst und glaubt einen Trumpf in der Hand zu haben, um Mme Penners Ehe zu zerstören, in Folge er ihr Liebhaber werden kann. Doch kommt alles anders. M. und Mme Penner überlisten Guittards Überlegenheitsgefühl. Sein Selbstwertgefühl bekommt einen Knacks. Bove hier mal wieder ein sehr subtiler Psychograph. Der Autor zeigt auf, es ist nicht alles so, wie es scheint. Menschen spielen, verbergen sich hinter Masken, hinter denen sie nicht hervorkriechen wollen. Bove Macht daraus eine zauberhafte menschliche Commedie.

Die folgenden Romanteile werden noch inhaliert.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#2

RE: Emmanuel Bove

in Die schöne Welt der Bücher 19.08.2012 21:01
von Taxine • Admin | 5.950 Beiträge

Wie schaffst du es nur, das Werk so gemächlich zu lesen?

Nun also mein Eindruck zum "Junggesellen". Bove hat sich dem ganzen Literaturbetrieb entzogen und nur für das Schreiben gelebt. Er hat sich geweigert, biografische Angaben zu machen, wie auch Interviews zu geben. Er wollte durch seine Texte sprechen und war zu seiner Zeit richtig berühmt, um dann, nach seinem Tod, am 13. Juli 1945, schnell wieder ins Vergessen zu geraten. Vielleicht genau darum, weil er sich dem allen nicht stellte, etwas, was ihn mir nur umso sympathischer macht.
Als man ihn einmal zum wiederholten Male um seine Biografie bat, antwortete er in einem Brief:

"Ich gestehe, dass mein Problem hier ein bisschen jenes des Schauspielers ist, der plötzlich den Text seiner Rolle vergessen hat und gezwungen ist, die Repliken zu erfinden. (...) Alles, was ich sagen könnte, wäre darüber hinaus falsch. Das einzig Exakte wäre mein Geburtsdatum. Aber auch da könnte eine Laune mich veranlassen, mich jünger oder älter hinzustellen. Wer könnte im übrigen dem Vergnügen widerstehen, seinen Lebenslauf mit großen Ereignissen und Albernheiten zu füllen (...) Am weisesten, so glaube ich, ist es, gar nicht erst anzufangen."


(Zitiert aus Emmanuel Bove "Armand", Bibliothek Suhrkamp)

Bove wurde am 20. April 1898 als Sohn eines mittellosen russischen Juden in Paris geboren, hieß eigentlich Emmanuel Bobovnikoff. In manchen Werken Boves wird im Anhang erwähnt, der Vater sei ein Anarchist gewesen. Das ist allerdings eher eine Legende. In der Biografie von Cousse/Bitton heißt es:

Zitat von Cousse/Bitton
"Er war ein mit einer lebhaften Intelligenz ausgestatteter Träumer, der von dem Wunsch beseelt war, es zu etwas zu bringen: Advokat, Professor, Schriftsteller, er wehrte sich dagegen, die in seinen Augen entwürdigende Situation eines unterjochten Proletariers zu akzeptieren."



Das klingt fast, als sei auch sein Leben aus den Werken seines Sohns entnommen. Boves Mutter wiederum war Luxemburgerin und die Tochter eines schwer alkoholsüchtigen Mannes, wodurch sie häufig als stumpfsinnig bezeichnet wurde. Zeit ihres Lebens war sie von anderen abhängig und erwartete, ebenso wie ihr Sohn Leon, von Bove, dass er sie materiell unterstützt. Diese Forderung verarbeitete Bove dann intensiv in seinem hervorragenden und düsteren Werk "Die Verbündeten. Selbst schlug er sich mit verschiedenen kleineren Jobs durch, lebte häufig in Armut, begann irgendwann zu schreiben und hörte nicht mehr auf. Seine Produktivität ist unglaublich, die Schnelligkeit seines Schreibens ebenso. Wenn man dann noch den Inhalt daneben stellt, ist das Genie Bove nicht zu leugnen.
Überhaupt muss ich einmal kurz anmerken, dass es schwierig ist, diese kleinen Werke zu rezensieren, da sie in ihrer Kürze so große Gefühle enthalten, die sich gar nicht so richtig ins Wort fassen lassen, die so wunderbar wechselhaft, von innen nach außen und zurück schwingen, dass man einfach nur mitgerissen wird und sich hinterher fragt, was da denn nun so genau geschehen ist. Bei "Ein Mann, der wusste" ging es mir ähnlich, obwohl Bove hier einen Verrückten geschaffen hat, der unvergleichlich ist und mit seinem Wahn Menschen ins Unglück stürzt. Man schlägt das Buch zu und ist überwältigt, eine derartig neue Erfahrung zu machen, um eine Figur in der Literatur bereichert zu sein, deren innere Abgründe man selbst gar nicht kannte.

Aber dazu später. Nun zurück zu "Ein Junggeselle":

Zitat von Martinus
Bove Macht daraus eine zauberhafte menschliche Commedie.



Was mir bei diesem eigenwilligen Bove’schen Werk auffällt, ist das Spiel mit den zwei Seiten. Es ist nicht nur Komödie, sondern auch Tragödie, die sich unter der lächelnden und ironischen Maske verbirgt und eigentlich irgendwie tot traurig ist, wenn man sich vorstellt, dass es solche Menschen gibt, die beständig um die eigene Anerkennung ringen und sich von zu wenig Aufmerksamkeit tief enttäuschen lassen, so dass sie in allem nur noch Verrat und Verachtung wittern, sich aber ihrerseits nicht scheuen, ebenso zu handeln, sobald sich ihnen eine Gelegenheit bietet.

Der charakterlose und gesichtslose Monsieur Guittard ist Junggeselle und wird von seinen Bekannten zu lustigen Machtspielen missbraucht. Ein Ehepaar benutzt ihn, um sich über und durch ihn auf das gegenseitige Fremdgehen hinzuweisen, während Guittard noch glaubt, eine wichtige Vermittlerrolle zu spielen. Keiner aber nimmt ihn ernst, er dient nur der allgemeinen Belustigung. Der kleine Monsieur Guittard wird also herumgestoßen und fühlt sich in seinem Leid gekränkt, während er auch alles stark dramatisiert. Er ist übersensibel und vielleicht ist das auch mit ein Grund dafür, weshalb alle auf ihm herumhacken und ihn eigentlich nicht ernst nehmen, da er sich selbst viel zu wichtig nimmt und dies sich häufig in seinem Verhalten dann peinlich äußert. Er weiß nicht, was er will und deutet auch die Menschen, die sich ihm nähern, falsch. Sobald man ihm dem Anschein nach den kleinen Finger reicht, fühlt er sich prompt auch schon überlegen oder möchte ihm Anvertrautes für seine eigenen Zwecke missbrachen, so u. a., um die schöne Madame Penner zu verführen, die keineswegs sein Interesse teilt. Wundert es einen dann, dass gerade dieses kurze Überlegenheitsgefühl sofort wieder verpufft, da Bove seiner Figur keinerlei Genugtuung gönnt?

Großartig finde ich wieder, wie Bove diese innerliche Zerrissenheit ins Bild setzt.

Zitat von Bove
„Aber weil Guittard ein sehr sensibler Mensch war, oder sich zumindest für einen solchen hielt, hatte er es sich zum Prinzip gemacht, über flüchtige Eindrücke hinwegzusehen, sie mit derselben Geringschätzung zu behandeln wie all die unsinnigen Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen, und sich ein strenges, unempfindliches, aufrechtes und glattes Äußeres zuzulegen, was eine gewisse Sonderbarkeit zur Folge hatte, denn so geschickt er sich auch anstellte, um die kleinen Verletzungen seiner Eigenliebe zu verbergen, so blieb stets etwas davon in seinem Gesicht zurück.“



Dazu kämpft Guittard mit dem Beleidigt-sein, seinen Rachegedanken, die dann selten zur Tat gelangen, stattdessen wird sein Verhalten nur noch peinlicher. Er heckt Pläne aus, die häufig so absurd sind, dass er sich in seinen eigenen Phantasiegebilden um sich selbst dreht und dort, wen nimmt es Wunder, völlig verrennt. Sein Verhalten im Hin und Her ist von Bove ironisch formuliert, seine inneren Kämpfe herrlich ins Bild gesetzt, all das birgt aber eben auch die ganze Traurigkeit eines solchen, doch eher armseligen Lebens. Guittard ist dabei nicht alleine nur Opfer, sondern benutzt seinerseits andere Menschen, die ihm wiederum Vertrauen entgegen bringen.

Zitat von Bove
„So wie bei vielen einsamen Menschen hatte sich auch bei ihm das Gefühl eingeschlichen, dass man ihn übergangen habe und dass er folglich keine Rücksichten zu nehmen brauchte.“



Zwischen Sympathien, Vertrauen und Hintergedanken hin und her gerissen, weiß Monsieur Guittard bald nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Er erkennt ebenfalls nicht, wann ihm auch einmal nicht übel mitgespielt wird. Würde er es erkennen, wäre er sicherlich nicht sehr erfreut darüber, denn was sollte er mit einem wirklichen Gefühl anfangen? Er ist zu sehr damit beschäftigt, sich verletzt zu fühlen und benutzt für seine Rache sogar eine Freundschaft, lädt eine Frau ein, die hoffnungslos in ihn verliebt ist, ohne sie zu lieben, will sie nur zu sich locken, um wiederum die Aufmerksamkeit der Frauen zu gewinnen, die sich so gar nicht für ihn interessieren. Er heuchelt Gefühle, bis sich diese Gemeinheit dann allerdings für ihn als seine Rettung erweist.

Die Frau ist in Paris erkrankt, er nimmt sich ihrer aufgrund seines schlechten Gewissens (das er bald wieder vergisst) an und fühlt sich von ihrer Liebe auf einmal doch gut aufgehoben, während er selbst nicht liebt, weil er viel zu kleinlich dazu ist. Sie gehen eine Beziehung ein, in der er sich zum ersten Mal überlegen fühlen kann. Er muss sich dabei immer wieder sagen, dass er Besseres verdient hätte, aber eigentlich auch zufrieden mit dem ist, was er bekommen hat. Das sind die eigenen Widersprüche, die ihn in Gedanken ganz und gar einnehmen.

Als er denkt, alles ist gut und er könne sich nun an den Frauen rächen, die ihn nicht ernst nahmen, ihnen zeigen, wie glücklich er auch ohne all diese Gefühlsschwankungen ist, gerät (ganz im bove’schen Sinne) alles aus den Fugen. Auf einmal brauchen alle tatsächlich seine Hilfe und legen Wert auf seinen Rat, besser gesagt, auf seine finanziellen Möglichkeiten. Plötzlich erscheint ausgerechnet sein kleines Leben normal und anständig neben dem Chaos all der Familien um ihn herum, auf deren Innigkeit, Ruhe und Kraft er zuvor so neidisch war. Er versteht die Welt nicht mehr. Mit einem Mal wird er zum Verteidiger seines Glücks…

Bove hat hier erneut einen Charakter entworfen, der dem Leser nicht sofort einleuchtet, den er erstaunt betrachtet und seinen verwirrenden Gedankenspielen lauscht, bis sich alles zuspitzt. Ein kleines gelungenes Werk mit einer etwas anderen Figur, als die, die man an Bove so schätzt, die aber durchaus auch wieder ihre ganze psychologische Tiefe entfaltet, bis diese ihm nahezu ins Gesicht geschrieben steht (vgl. obiges Zitat ).



Ich bin gespannt, wie deine weiteren Eindrücke sind, Martinus.


Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 26.08.2012 12:13 | nach oben springen

#3

RE: Emmanuel Bove

in Die schöne Welt der Bücher 19.08.2012 22:06
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine im Beitrag #2
Wie schaffst du es nur, das Werk so gemächlich zu lesen?


Zeit spielt keine Rolle, lese aber auch noch in dem Wälzer von Dave Eggers, morgen aber einen größeren Schwung Bove.


Zitat von Taxine

Zitat von Martinus
Bove Macht daraus eine zauberhafte menschliche Commedie.



Was mir bei diesem eigenwilligen Bove’schen Werk auffällt, ist das Spiel mit den zwei Seiten. Es ist nicht nur Komödie, sondern auch Tragödie, die sich unter der lächelnden und ironischen Maske verbirgt und eigentlich irgendwie tot traurig ist, wenn man sich vorstellt, dass es solche Menschen gibt, die beständig um die eigene Anerkennung ringen und sich von zu wenig Aufmerksamkeit tief enttäuschen lassen, so dass sie in allem nur noch Verrat und Verachtung wittern, sich aber ihrerseits nicht scheuen, ebenso zu handeln, sobald sich ihnen eine Gelegenheit bietet.



Ja, natürlich auch tragisch. Im Grunde genommen verspottet das Ehepaar Penner den Herrn Guittard und spielt mit seinen Gefühlen.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 19.08.2012 22:07 | nach oben springen

#4

RE: Emmanuel Bove

in Die schöne Welt der Bücher 20.08.2012 17:54
von Martinus • 3.194 Beiträge

Eindrücke zu Kap. II.

Guittard ist ein sensibler Neurotiker, der in seinem angeknacksten Selbstbewusstsein sehr verunsichert ist. Das macht sich erstens dadurch bemerkbar, dass er Angst hat, sich lächerlich zu machen, zweitens dadurch, dass er unter dem Druck steht, sich die nächstbeste Frau zu nehmen. Klappt es nicht mit Clothilde, dann will er eben Brigitte Tierbach. Brigitte trifft er auf einer Gala nicht an, begegnet aber wieder Clothilde Penner und macht sich neue Hoffnungen. Im gleichen Moment, wie er sich neue Hoffnungen macht, hat er Brigitte schon wieder vergessen. Guittards Neurose besteht eben in dem Teufelskreis der Besessenheit nach dem weiblichen Geschlecht, nach der Besessenheit, niemals allein sein zu müssen. Mit dem Klammern an diesem Zwang versucht er (unbewusst) seine Unsicherheit zu überdecken. Guittard ist auch nicht in der Lage, mit einer Frau wirklich anzubändeln. Er hat Angst, seine Liebe zu gestehen, die warscheinlich noch nicht mal Liebe ist, sondern dieses, was er Verliebtsein nennt, ist der bittere Versuch, aus der Einsamkeit seines Junggesellenlebens zu entfliehen. Das dritte Symptom seiner Neurose ist die Angst, dass jemand mitbekommt, dass er in alle Frauen verliebt ist. Das vierte Symptom seiner Neurose ist seine neurotische Qualträumereisymptomatik. Ich erinnere an die Soloszene auf der Terrasse:

Zitat von Bove

In seiner Vorstellung kam sie ohne Begleitung zur Gala, suchte unter all den geladenen Gästern vergeblich nach ihm, gab es schließlich auf, spazierte allein umher und kam dabei ausgerechnet auf diese Terrase. Ach! Was hätte er gegeben, wenn das Wirklichkeit wäre!



Weil er auf dem Fest niemand kennt, fühlt er seine Einsamkeit (dtv, Seite 67, unten). Neurose ist ein einsames Geschäft. Der Roman mehr Tragödie (Ich brauche einen "psychischen Macke-Smiley").

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 20.08.2012 18:00 | nach oben springen

#5

RE: Emmanuel Bove

in Die schöne Welt der Bücher 20.08.2012 20:15
von Taxine • Admin | 5.950 Beiträge

Hallo Martinus.

Ob Bove hier wirklich ein Krankheitsbild im Kopf hatte? Neurotisch ist er allerdings, dieser kleine Monsieur. Was mir auffällt ist, dass Bove seine Figuren, hier Monsieur Guittard, regelrecht vorführt. Mag er seine Figuren? Er lässt sie schwanken und in sich selbst verweilen, mit ihren Ängsten und Verzweiflungen kämpfen, und währenddessen macht er sich auch ein bisschen über sie lustig, indem er sie in den unmöglichsten Situationen zeigt. Und wir, als Leser, sind dann irgendwie doch bewegt, wie sich die Figuren so aus allem herausbuxieren oder umgekehrt, immer tiefer hineingeraten. Damit kriegt er uns immer, damit packt Bove uns an den eigenen Emotionen.


Zitat von Martinus
Er hat Angst, seine Liebe zu gestehen, die warscheinlich noch nicht mal Liebe ist, sondern dieses, was er Verliebtsein nennt, ist der bittere Versuch, aus der Einsamkeit seines Junggesellenlebens zu entfliehen.



Ich habe auch überlegt, ob er sich nun wirklich verliebt oder ob er einfach spüren will, geliebt zu werden. Die Liebe für alle Frauen, die austauschbar sind, als ob sie keine Persönlichkeit haben, ist eher eine Art Drang Guittards, sich bemerkbar zu machen. Auch sind diese Frauen, die Guittard umwirbt, zunächst interessant, so lange er sich für sie begeistern kann, doch sobald sie ihm die kalte Schulter zeigen, wirft ihnen Guittard Oberflächlichkeit vor. Das Besondere bei Bove wiederum ist, dass sich diese Oberflächlichkeit dann auch so verheerend bestätigt.


Liebe Grüße
tAxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 20.08.2012 20:35 | nach oben springen

#6

RE: Emmanuel Bove

in Die schöne Welt der Bücher 20.08.2012 20:38
von Taxine • Admin | 5.950 Beiträge

Zitat von Martinus
Ich brauche einen "psychischen Macke-Smiley"



Die sind doch eigentlich ganz gut geeignet:





Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 20.08.2012 20:39 | nach oben springen

#7

RE: Emmanuel Bove

in Die schöne Welt der Bücher 22.08.2012 17:45
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine im Beitrag #5
Hallo Martinus.

Ob Bove hier wirklich ein Krankheitsbild im Kopf hatte? Neurotisch ist er allerdings, dieser kleine Monsieur.


Es ist ja egal, ob Bove einen neurotischen Auswuchs im Kopf hatte oder nicht. Die Figur des Guittard ist jedenfalls sehr stimmig. Winnie ist die einzige Frau, die sich von Beginn an, ihm ehrlich und offen gezeigt hatte. Diese Frau wird er dann wirklich lieben. Die anderen, die ihm etwas vorgemacht haben, angelogen haben, sich hinter Masken verborgen hielten, denen konnte er auch nicht helfen, als sie alle unter ihren persönlichen Beziehungskrisen in Bedrängnis gerieten. Nur in ihrer Not, haben diese angeblichen Freunde ihre Masken fallen lassen. Es ist ja logisch, dass Guittard es hier nicht jedem recht machen kann, und letzten Endes ihm deren Schicksale wurscht werden. Der Schluss ist rasant geschrieben und hat doch ein schönes Ende gefunden.

"Dinah" lese ich Gemütlichleser im September. Herzlichen Dank für die Empfehlung.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 22.08.2012 17:46 | nach oben springen

#8

RE: Emmanuel Bove

in Die schöne Welt der Bücher 26.08.2012 12:16
von Taxine • Admin | 5.950 Beiträge

„Ein Außenseiter“

„Es sind die unwesentlichen Dinge, die uns die Augen öffnen.“


Zu dieser Erkenntnis kommt der Ich-Erzähler Jean-Marie Thély, als er sein Leben in Form eines Tagebuchs noch einmal näher betrachtet.

„Wenn die Erinnerungen genau sind, wühlen sie einen auf. Doch wenn sie unscharf sind wie jetzt diese, werfen sie einen um.“

Er lebt in einem Hotelzimmer, frönt dem Müßiggang und ist von einer eigenartigen Traurigkeit erfasst, die an Gleichgültigkeit grenzt. Der Krieg hat ihn nicht erreicht, wie er berichtet, obwohl er gedient hat. Er meint damit, dass er weder ein Held noch den Heldentod gestorben ist. Er hat durch ihn nur erfahren, dass er den Menschen den Ehrgeiz nimmt, etwas sein und werden zu müssen, dass es während der Kriegszeiten unwichtig ist, wieviel man erreicht hat.

Nach und nach erfährt der Leser durch zahlreiche Episoden, Rückblicke und Szenen die Geschichte dieses Mannes, der so viele Rollen spielt, die ihm alle irgendwie nicht liegen und schon gar nicht darstellen, was er innerlich zu sein scheint. Er ist anfangs durch einen Brief irritiert, in dem ihm ein gewisser Richard mitteilt, das verabredete Treffen verschieben zu wollen. Nun setzen viele Zweifel ein, da das Treffen erneut verschoben wird. Der Leser hat zunächst keine Vorstellung, wer dieser Richard ist, erfährt aber bald, dass er Arzt ist und dass er für den Unterhalt Thélys aufkommt.
Als dieser ihn schließlich aufsucht, erfährt er, dass Richard ihm das Geld nicht weiter zahlen möchte. Auch beschimpft er ihn, um es dann wieder zurückzunehmen. Irgendetwas haben er und seine Frau über Thély erfahren, das mit seinem Militärdienst zu tun hat. Thély spricht an wenigen Stellen von einem Fehler, der ihm unterlaufen ist. Diese und auch andere Szenen werden von Bove nicht ausgeführt. Der Leser kann sich selbst ausmalen, was geschehen sein könnte.
Wenige Tage später wird Thély zu einem Notar bestellt, der ihm mitteilt, dass Richard sich erneut bereit erklärt, das Geld zu zahlen. Hier beweist Thély Stärke, die sich allerdings auch bald wieder ins Gegenteil kehrt. Weshalb Richard das Geld für ihn zahlt, kann der Leser nur vermuten. Auch bittet ihn Richards Frau, ihn aufzusuchen, er nimmt die lange Reise auf sich, steht vor der Tür und… klingelt nicht. Erneut eine Szene, die danach im Dunklen bleibt, aber derartig aufschlussreich ist, dass es dem Leser nicht schwerfällt, sich mit dieser Handlung und ihrer möglichen Folgen auseinanderzusetzen.
All diese unausgeführten Momente sind die dunklen und traumatischen Einschnitte im Leben Thélys, die er unangetastet lässt, als eine Wunde, die nicht berührt werden, die nicht einmal der Schriftsteller andeuten darf. Dennoch haben genau diese das Leben des Außenseiters auf tragische Weise geprägt.

Wie nun alles miteinander zusammenhängt, klärt sich erst im Verlaufe der Handlung. Thély wurde als Kind von seinem Vater nicht anerkannt, der die Mutter grob verführt und sich dann aus dem Staub gemacht hat. So wächst er bei verschiedenen Menschen auf, die alle nicht so recht wissen, was sie mit dem Kind anfangen sollen. Er wirft den Menschen ihre Unfähigkeit und Achtlosigkeit nicht vor, sondern berichtet darüber neutral, erzählt von seiner Entwicklung hin zum Erwachsenen.

Zweimal geht Thély eine Beziehung zu einer Frau ein, die letzte ist Denise, die ihn entgegen ihrer Familie und deren Ansichten über Thély, dennoch liebt und heiratet. Sie ist die Schwester Richards. Als sowohl ihr Vater, dann ihre Mutter und schließlich auch sie selbst stirbt, gerät Thély in einen bodenlosen Abgrund voller Einsamkeit, Selbstzweifel und Trägheit.

„Ich weiß, dass ich sehr spät heimkehren werde, erst wenn ich begriffen habe, dass die Straßen genauso leer sind wie mein Zimmer.“

Er erkennt seine Unfähigkeit, Verantwortung übernehmen zu können und ebenso, dass er seine verstorbene Frau kaum wirklich geliebt hat, auf jeden Fall nicht in gleicher Stärke, wie sie es tat. Aber er macht sich auch viel vor, denn ihr Tod hat ihn schwer mitgenommen. Über ihm und in jene Zimmer, die er flüchtig bewohnt, scheint von da an eine „bleiche Wintersonne“. Er irrt durch das Leben, sucht häufiger seine Mutter auf, die aber einen anderen Sohn bekommen hat, durch den sie sich baldiges Ansehen erhofft, insofern er Arzt wird. Thély gegenüber ist sie abweisend. Auch erfährt er, dass er einen weiteren Halbbruder hat, der ein ähnliches Schicksal durchmachen musste, wie Thély selbst.

Das, was Bove hier als innerliche Verstörung zusammenträgt, verdichtet sich in dieser Pariser Atmosphäre und dem leeren Hotelzimmer, in dem der Protagonist sein Leben fristet. Er gehört zu den Menschen, die absolut nichts vom Leben erwarten und wissen, wie nahe das Unglück ihnen auf den Fersen ist.

„Ich werde versuchen, mich kleiner zu machen, weniger Raum einzunehmen, und nicht wie jedermann (…) mich größer zu machen, mich auszubreiten.“

Gegen Ende des Buches nimmt das Leben dieses Eigenbrötlers dann doch noch eine andere Wendung. Er kommt zu der neuen Erkenntnis:
„Was werde ich tun? Die Unmöglichkeit, auf diese Frage eine Antwort zu geben, bedrückt mich nicht.“

Und das ist vielleicht seine Rettung.


Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 26.08.2012 12:24 | nach oben springen

#9

RE: Emmanuel Bove

in Die schöne Welt der Bücher 15.09.2012 14:48
von Taxine • Admin | 5.950 Beiträge

Emmanuel Bove
Meine Freunde

„Wenn ich von zu Hause weggehe, rechne ich immer mit einem Ereignis, das mein Leben von Grund auf ändern wird. Ich erwarte es bis zum Moment meiner Rückkehr. Das ist der Grund, dass ich nie im Zimmer bleibe.“

„Meine Freunde“ ist Boves erstes Werk und sicherlich auch eines der größten Glanzstücke seines Schaffens. Hier trifft man auf einen ehemaligen Soldaten, der in Armut und von seiner Invalidenrente lebt. Er wohnt wie die Künstler in einer schäbigen Dachwohnung, wird als Taugenichts beschimpft und von der Concierge durch das Besenanschlagen gegen seine Tür vor eben diese gejagt, sobald die Zeit dafür reif ist, das heißt, gegen acht Uhr in der Frühe. Es ist ihm peinlich, als arm zu gelten oder zu lange zu schlafen.

Was ihm fehlt, ist ein Freund. Auf der Suche nach diesem, gerät er immer wieder an die falschen Typen und in die Auseinandersetzung mit seiner eigenen Empfindlichkeit. Diese ist hier noch fein und dezent angedeutet, im Gegensatz zu Boves späteren Werken.

Mehrere Begegnungen werden geschildert, diese so trocken, feinsinnig und bedingungslos, dass das Lesen zum reinen Vergnügen wird. Jede Begegnung ist als Kapitel für sich stehend, verbunden durch den Erzähler Victor Baton.

Während der ersten bekommt er wöchentlich einen Teller Suppe von einer dickleibigen Weinschenkenbesitzerin spendiert. Als er mit ihr im Bett landet, was ihn einige Überwindung kostet, da sie keine Schönheit ist – „… wenn sie sich bückt, weicht hinten ihr Rockspalt auseinander, wie bei einer Kastanie“ - ändert sich nichts an ihrem Verhältnis. Sie will, das er geht, bietet ihm nicht einmal einen Kaffee an und reicht ihm den Suppenteller so wie immer, ohne mehr oder weniger hineinzutun.

Eines Tages begegnet er einem Mann, der ihm etwas zu trinken spendiert. Beide sind in einer Menschenansammlung aufeinander gestoßen, wobei der Protagonist diese fürchtet, da er immer von der Angst geplagt ist, auf eine Leiche zu treffen. (Insbesondere solche kleinen Beschreibungen und Nebengefühle machen dieses Werk besonders groß.)
Ein zweites Mal lädt der Unbekannte ihn zum Essen und Trinken ein, um ihm verständlich zu machen, dass er weiß, wie arm er ist, lädt ihn dann auch zu sich ins Hotelzimmer ein, während er vergisst, dass man Unglücklichen gegenüber keine achtzehnjährige Geliebte erwähnt, so Victor in Gedanken. Als Victor die beiden schließlich aufsucht, freut er sich, da sie hinkt, demnach einen Makel hat, wodurch seine Welt wieder in Ordnung ist.
Liebe, Glück, Freude sind dem Unglücklichen zuwider, da er sich durch sie nur mehr in seinem Unglück bestätigt sieht. Er braucht Gleichgesinnte oder sehr reiche Menschen, die ihm wohlgesonnen sind. Mit anderen Menschen kann er, wie sich ausführlich zeigt, kaum etwas anfangen.
Als er im Hotelzimmer eintrifft, bittet der Mann ihn nach einer kurzen Plauderei auf einmal um fünfzig Franc, die Hälfte seiner Monatsrente, die er alle drei Monate ausgezahlt bekommt und die Victor ihm schließlich gibt. Hier trifft er, wie auch der Leser, auf eine verzwickte Situation und ein Umwerten aller Voraussetzungen und Eindrücke. Victor ahnt, dass er das Geld nicht zurückbekommen wird, auch wird sein Gegenüber alleine durch diese Bitte um Geld, nach seinem Verhalten und seiner Gutmütigkeit zuvor, in ein ganz anderes Licht gerückt. Man fragt sich natürlich, weshalb er sich zuvor in kleinen Gesten so großzügig und verständnisvoll zeigte, und nun, ausgerechnet den Unglücklichen, um Geld anpumpt. Hier lässt Bove den Leser auch alleine. Nur die Situation ermöglicht Spekulationen.
Schließlich versucht der Geprellte, dessen humpelnde Geliebte zu verführen, glaubt, sie hätte verstanden, als er sich mit ihr für den nächsten Tag verabredet und steht dann vor einer geschlossenen Tür.

Die dritte Begegnung findet am Hafen statt, wo ein Matrose ihn fragt, ob er sterben will. Als er bejaht, ohne die Absicht tatsächlich ausführen zu wollen – man gibt nicht gerne zu, dass man Angst vor dem Tod hat -, gesteht der Matrose, dass er sich umbringen will und glaubt einen Gefährten gefunden zu haben. Victor ist zwar traurig und mittelos, einsam und häufig verzweifelt, aber er versucht, den anderen davon abzubringen. In diesem Abschnitt folgt dann auch eine der herrlichsten Selbstreflektionen:

Zitat von Bove
„Mein Fall gleicht dem eines Bettlers, der, mitten im Winter, singend auf einer Brücke steht, um Mitternacht. Die Passanten geben nichts, weil sie diese Art, um ein Almosen zu bitten, ein bisschen zu theatralisch finden – genauso denken die Passanten, wenn sie mich auf eine Brüstung gestützt sehen, schwermütig und ohne Beschäftigung: dass ich bloß Theater spiele. Sie haben recht. Und doch: Meinen Sie nicht, dass es etwas ziemlich Trauriges ist, um Mitternacht auf einer Brücke zu stehen und zu betteln, oder sich über eine Brüstung zu lehnen, nur um die Welt auf sich aufmerksam zu machen?“



Als sich die Lage zuspitzt, der Matrose sich bereits Kieselsteine in die Hose schiebt, gibt Victor endlich zu, dass er etwas Geld hat. Er schenkt ihm zehn Franc, geht mit ihm essen und trinken und fühlt sich gut, ihm etwas Gutes zu tun, ihn vor allen Dingen das Leben gerettet zu haben.
Aber das einfache Geben reicht ihm nicht. Wo er zuvor daran Freude empfindet, jemanden glücklich zu machen, bereit ist, ihm all sein Geld zu schenken, kommen sofort Zweifel auf, ob der Matrose es überhaupt verdient hätte. Jemandem glücklich zu machen, bedarf keiner Hinterfragung, ob es verdient ist oder nicht. Jeder ohne Unterschied hat es verdient, wenn ein anderer bereit ist, ihm zu helfen. Nur liegt das Problem des Protagonisten natürlich darin, dass er selbst ein Unglücklicher ist und darum das Glück geizig bewacht. Er belauert es und auch den Mann, dem er hilft, den er zum Freund möchte, obwohl er in seinen Augen nicht genügend Dankbarkeit zeigt und durch sein Los unter ihm steht, was nicht allzu häufig vorkommt. Er sieht, wie er ihn duzt, wie er sich alles gefallen lässt, ohne Dankeschön zu sagen. Er fühlt sich in allem bestätigt und testet ihn in seinem Charakter.
Schließlich führt er ihn in ein Freudenhaus, will sich als Kenner ausgeben und seinen Hut an den Haken hängen, wobei die Wirtin ihn sofort rügt. Damit gibt ein einziger Hut Aufschluss darüber, ob jemand vorgibt, etwas zu sein oder nicht, in einer derart subtilen Geste, die alles ausdrückt, dass man als Leser hier einfach nur staunen kann, wie wunderbar Bove diese Situation einfängt.

„Diese Bemerkung hatte mir den Auftritt verpatzt. Es war mir so viel daran gelegen gewesen, als Ortskenner angesehen zu werden.“

Er plant, dem Matrosen ein Zimmer zu bezahlen, da seine Verzweiflung in erster Linie daher rührt, dass er nirgendwo unterkommen kann. Stattdessen aber zieht dieser es vor, mit einer der Prostituierten davonzugehen. Der Erzähler bleibt alleine, traurig und mit der Rechnung sitzengelassen zurück.

Die vierte Begegnung findet am Bahnhof statt. Ein reicher und korpulenter Herr winkt ihm, so dass er nicht fassen kann, dass er gemeint ist. Als er näher kommt, wird er enttäuscht und soll den Koffer tragen. Er erklärt sich einverstanden, schämt sich während des ganzen Weges, so missbraucht zu werden – „Die Last des Koffers am Bein ließ mir die Hose rutschen.“ - und lehnt am Ende das Geld ab, das ihm der Reiche geben will. Diese Geste wiederum macht ihn neugierig. Er lädt ihn zu sich ein und stellt sich als Industrieller heraus.
Der Besuch zeigt das Verhältnis zwischen reich und arm. Dennoch will der Industrielle ihm helfen, gibt ihm Geld für einen Anzug und möchte ihm einen Job in seiner Firma besorgen. Er hat eine Tochter, die während ihrer Unterhaltung den Raum betritt und wieder verschwindet. Mit dem Geld in der Tasche gönnt sich der Erzähler erst einmal ein gutes Essen, kauft dann einen gebrauchten Anzug, wobei ihm einmal wieder seine eigene Schüchternheit und seine Würde im Weg sind, um den Anzug abzulehnen und bekommt den Job. Bis er ihn am Montag antritt, beschließt er, die Tochter des Industriellen aufzusuchen, die ihn nicht beachtet. Am nächsten Tag erlebt er sein blaues Wunder.

Die letzte Begegnung ist mit einer Sängerin namens Blanche und wirkt in der Begegnung mehr als traurig. Am Ende wird der Protagonist auf die Straße gesetzt, da er nicht arbeitet, obwohl er sich in den drei Jahren am vorbildlichsten im Haus benommen hat, pünktlich seine Miete zahlte, eben weil er arm war.

Zitat von Bove

„Ein Mensch wie ich, der nicht arbeitet, der nicht arbeiten will, wird immer verachtet werden. (…)
Ich war derjenige, der auf Fleisch, Kino, Wollzeug verzichtete, um frei zu sein. Ich war derjenige, der, ohne es zu wollen, die Leute tagtäglich an ihre armselige Existenz erinnerte.
Man hat es mir nicht verziehen, dass ich frei bin und das Elend nicht fürchte.“



Alle Begegnungen sind unglaublich feinsinnig von Bove konstruiert, ohne so zu wirken. Die Geschichten selbst sind gar nicht so wichtig, obwohl sie alle ihren Kern und Charme haben, ihre ganz eigene Spannung. Vielmehr aber sind es die Reaktionen des Erzählers auf die Menschen, die wiederum auf ihn, den Armen, reagieren. Dieser Kampf mit dem Nichts-haben, mit dem kleinen und schmutzigen Zimmer, mit den Ansichten der Menschen sind wahnsinnig gut gelungen.

Zum Abschluss noch eine dieser schönen Momentaufnahmen, die alles besagen und wie nebenbei das Ganze abrunden:

„Ich fragte einen Schutzmann nach der rue Lord-Byron.
Er zeigte sie mir, den Arm ausgestreckt unter der Pelerine.
Ich hörte ihm zu und fragte mich, was er von mir dächte, wenn ich danach in eine andere Richtung ginge.“


Ja, auch solche Gedanken und Sätze sind eben ganz typisch Bove.


Liebe Grüße
Taxine


P. S. Nach dem Gesamteindruck sind folgende Bücher nun unbedingt meine Lieblingswerke von Bove: "Journal, geschrieben im Winter", "Meine Freunde", "Armand" und "Die Ahnung. Die könnte ich immer wieder verschlingen. Weiterhin "Die Falle", "Ein Außenseiter", "Ein Mann, der wusste" und "Die Verbündeten".




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 15.09.2012 15:09 | nach oben springen

#10

RE: Emmanuel Bove

in Die schöne Welt der Bücher 12.08.2013 18:17
von Sokolow • 39 Beiträge

Meine Güte ihr lest all die Guten, die feinen, die großen, die absurden, die ich auch lese, wie wundersam und wunderbar. Bove mag ich auch sehr.
Was für ein Forum, seit 13 Jahren such ich so eins

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#11

RE: Emmanuel Bove

in Die schöne Welt der Bücher 12.08.2013 18:20
von Taxine • Admin | 5.950 Beiträge

Willkommen im "Club der suchenden Leser".




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 12.08.2013 18:20 | nach oben springen


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