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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Das Laufstegtäubchen

in Prosa 17.01.2013 09:59
von Martinus • 3.195 Beiträge

Das Laufstegtäubchen

Am Holstentor zu Lübeck nisten Tauben und Dohlen. Wenn der Sonntag zu einem Spaziergang einlädt, sieht man ältere Männer mit Ferngläsern. Anstatt ein schönes Motiv einzufangen, ist schon so manches Objektiv durch einen Taubenschiss verunstaltet worden. Und weil so etwas oft vorkommt, hageln Beschwerdebriefe ins Rathaus. Unternehmen sie endlich etwas gegen diese Taubenplage. Unser Holstentor ist gerade frisch restauriert, und schon nisten wieder Tauben ein. Den Ornithologen und Tierfreunden sind diese Beschwerden ein Dorn im Auge. Tauben brauchen einen geeigneten Lebensraum, außerdem machen die Tauben und Dohlen unser Holstentor lebendiger, argumentieren sie. Einige Tierfreunde wünschen sich Fledermäuse. Die Stadt würde davon profitieren und Bad Segeberg ein paar Touristen abzwacken, wo in der Kalkberghöhle die Nachtflieger den Touristen um die Ohren grausen. Man stelle sich vor, des Nachts fliegen sie um die Türme des Holstentores, ein Gefühl dunklen Mittelalters würde suggeriert. „Erleben sie mit unseren Fledermäusen die Welt des Mittelalters“, würde es in den Prospekten heißen. Natürlich werden sie auch dann, wie es heute schon gang und gäbe ist, die gelegentlich abgelassenen Taubenschisse verschweigen. Aber seien wir doch mal ehrlich. Auch das ist eine Erfahrung, die für viele Menschen nicht alltäglich ist. Auf dem Markusplatz in Venedig sitzen Tauben auf den Köpfen der Touristen und niemand findet das schlimm. Und wenn mal eine auf den Kopf scheißt, dann nehmen sie es als Urlaubsabenteuer in Kauf. Als Karina im letzten Jahr auf dem Laufsteg in Venedig war, amüsierte sie sich auch über die Tauben. Eine junge Frau am Beginn ihrer Karriere. Quasi ein Naturtalent. Ihre Modelmaße sind optimal. Sie braucht keine Fastenkuren überstehen, und wenn sie mal ein paar Stück Kuchen isst, dann ist sie immer noch hinreißend. Ein Traum für jeden Modedesigner. Gestern ist sie in Lübeck eingetroffen.

Die schwarzen Strümpfe reißen so wunderbar laufmaschig dahin. Zuckersüß ist ihre Hochsteckfrisur mit Gretchenzöpfen. Sie sieht nicht nur sexy aus, sie fühlt sich auch so. Das figurbetonte Mini mit elastischer Spitze und Dreiviertelärmeln hat sie heute zum ersten Mal angezogen. Weil der Ausschnitt nicht allzu aufregend ist, traut sie sich noch mal an die frische Luft und geht zum Holstentor spazieren. Eine Stunde hat sie noch Zeit.

Das Abendlicht legt sich auf die mittelalterlichen Türme und Mauern und Karina genießt die friedvolle Atmosphäre, wie die Menschen hier flanieren, wie ihr Männer nachschauen. Diese schöne Stimmung wird sie später auf dem Laufsteg übertragen. Federnden Schrittes wird sie losgehen, ihre Hüften bewegen, sodass ihr Hinterteil den Zuschauern zuwinkt. Sie wird an das Abendlicht denken und lächeln, die Laufmaschen angeln sich an ihren Beinen hoch. Sie ist eine Erotikbombe und das Publikum klatscht.

Noch steht sie vor dem Holstentor. Auf einmal macht es Platsch. Oben auf ihrem Kopf. Es flattert eine Taube, und sie ahnt Schlimmes. Sie schaut auf die Uhr. Zum nächstbesten Friseur, aber schnell. Glück gehabt, es hat noch einer auf. Der Friseur findet meine Frisur megageil und will den Taubendreck nicht wegmachen.

„Liebe junge Frau, es tut mir Leid, aber ich kann das nicht. Ihre schöne Frisur
werde ich nicht kaputtmachen. Das bringe ich nicht über mein Herz. Sie sehen wirklich blendend aus.“ - „Dankeschön. Sehr nett. Allerdings, ich habe nicht mehr viel Zeit. Ich bin Model und muss gleich auf den Laufsteg. Waschen sie also bitte meine Haare.“ Der Friseur macht ein sorgenvolles Gesicht: „Vielleicht haben sie mich nicht richtig verstanden. Ich kann ihre Schönheit nicht zerstören. Ihre Zöpfe bekomme ich niemals wieder so hin, wie sie jetzt sind. Darf ich sie fotografieren? Von hinten, von vorne, von der Seite. Mein Täubchen, ich liebe ihre Frisur.“ - Nervös schaut Karina auf ihre Uhr. - „Machen sie meine Karriere nicht kaputt. Wenn ich nicht pünktlich auf dem Laufsteg erscheine, ist alles dahin. Kapiert?“ - „Verstehen sie doch“, fleht der Friseur, „nach der Haarwäsche hält ihre Hochsteckfrisur nicht mehr so lange. Ich werde tonnenweise Tränen vergießen. Das können sie nicht mit mir machen.“ Der Friseur hat so aufgeregt gesprochen, als ginge es um sein Leben. Er hat sicher nicht übertrieben. In seiner Not fällt ihm etwas sehr wichtiges ein, was ihn retten könnte. Und so setzt er alle Hoffnung in Bewegung und spricht: „Lassen sie den Taubenschiss in ihrem Haar. Den sieht sowieso niemand, wenn sie auf dem Laufsteg sind. Alle werden nur auf ihre schönen Beine schauen.“

Natürlich, und das weiß der Friseur, ihre Frisur wird auch ein Blickfang sein, aber der Taubendreck ist so klein, dass er darüber keinen Gedanken verliert. Karina ist hocherfreut. Der ist gar nicht so dumm, denkt sie, und lässt ihre Haare so wie sie sind. Zum Friseur sagt sie: „Ich kann den Dreck gar nicht sehen.“


Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)
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#2

RE: Das Laufstegtäubchen

in Prosa 17.01.2013 16:05
von Patmöser • 1.080 Beiträge

Ich finde deine Texte immer sehr lesbar und stilistisch gut gelungen. Aber deine textlich inhaltliche Erotisierungswut, auch bei manch früheren Text, die lässt mich immer wieder schmunzeln...

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#3

RE: Das Laufstegtäubchen

in Prosa 18.01.2013 06:50
von Martinus • 3.195 Beiträge

Danke für die schönen Worte, werter patmos.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)
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#4

RE: Das Laufstegtäubchen

in Prosa 18.01.2013 16:59
von Patmöser • 1.080 Beiträge

Mach einfach weiter, Martin, vom Schreiben - zum Schreiben!
Hat auch schon olle Paulus so gesagt, nun ja, jedenfalls so ähnlich....

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#5

RE: Das Laufstegtäubchen

in Prosa 18.01.2013 17:31
von Taxine • Admin | 5.960 Beiträge

Hallo Martinus. Dies ist also dein Hochsteckfrisuren-Text.

Mir persönlich gefällt der Witz des Anfangs. Das Taubenproblem, das erörtert wird.

Solche Sätze finde ich nicht so gelungen:
"Die schwarzen Strümpfe reißen so wunderbar laufmaschig dahin."
oder
"... die Laufmaschen angeln sich an ihren Beinen hoch".

Sie passen, meiner Ansicht nach, nicht zum realistischen Gepräge des Gesamtbilds.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 18.01.2013 17:31 | nach oben springen

#6

RE: Das Laufstegtäubchen

in Prosa 18.01.2013 17:55
von Martinus • 3.195 Beiträge

Hallo Taxine,

ja, lustig ist das, mit den Tauben. Das Hostentor wurde 2005/06 restauriert und 2007 kamen die Tauben wieder.

Das mit den Laufmaschen: Tja, unrealistisch können wir sagen, weil der Taubeschiss auf dem Haar sie stört, Laufmaschen aber nicht (beim Schreiben dachte ich, das wäre amüsant). Danke für deine Gedanken.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)
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#7

RE: Das Laufstegtäubchen

in Prosa 18.01.2013 18:01
von Taxine • Admin | 5.960 Beiträge

Ich meinte nicht die Laufmasche selbst, sondern eher die Art deines Ausdrucks. Meines Erachtens nach wird deine Laufmasche hier einfach ein bisschen zu lebendig.




Surreale Vorstellungen
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#8

RE: Das Laufstegtäubchen

in Prosa 18.01.2013 18:10
von Martinus • 3.195 Beiträge

Bei den Laufmaschen hatte ich den Gedanken, sie werden "lebendiger", wenn jemand (die Blicke) sie anschaut. Ich überlege mal, ob ich hier noch Männerblicke einbaue. Vielleicht versteht man es dann besser.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)
zuletzt bearbeitet 18.01.2013 18:11 | nach oben springen

#9

RE: Das Laufstegtäubchen

in Prosa 19.01.2013 16:07
von Patmöser • 1.080 Beiträge

Vielleicht einmal weg von den Laufmaschen und hin zu den oft so erotischen Ohrläppchen der lieben Damens...

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