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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Der glücklichste Tag in meinem Leben

in Prosa 26.05.2013 22:21
von Martinus • 3.194 Beiträge

Der glücklichste Tag in meinem Leben

Der glücklichste Tag in meinem Leben war der Tag, als ich meine Frau über den Haufen fuhr. Und das geschah so. Sie lief auf die Straße, ihr Haar zerzaust. Im Auto schrie Hannelore. Annegret stand dort, ihr Mund weit aufgerissen. Anstatt zu bremsen drückte ich aufs Gaspedal. Dann war sie verschwunden. Ich bremste scharf. Im Rückspiegel sah ich das Malheur auf dem Asphalt. „Was hast du getan?“, schrie Hannelore und zitterte wie eine Kuh auf dem Schlachthof, der ein Stromstoß durch den Körper gejagt wird. „Beruhige, dich, Hanni, das war nur meine Frau. Jetzt steht uns niemand mehr im Weg.“ - „Du hast sie mit Absicht überfahren, du Widerling. Das darf nicht wahr sein! “ - „Ich weiß gar nicht, was du hast, Hanni? Monatelang hast du mich angefleht, ich soll endlich mit ihr Schluss machen, und jetzt, wo sie tot ist, machst du einen Aufstand.“ Ich sagte das und schaute wieder in den Rückspiegel. Annegrets Kopf war vom Körper abgetrennt und zur Seite gerollt. Ich grinste zufrieden, nahm Hannelores Hände und sagte: „Jetzt heiraten wir. Ich habe schon die Flugtickets nach Mallorca.“ Wie von einer Wespe gestochen zuckte sie mit dem Oberkörper zurück und schob ihren Hintern langsam zur Autotür, während dieser Prozedur mich ihre Blicke durchbohrten. „Du Schatz, du wolltest doch immer nach... „Du Schwein.“, unterbrach sie. Das saß wie eine Watschen. Beleidigt nahm ich das Handy zur Hand und tippte eine Nummer. „Wen rufst du an?“ - „Die Polizei“, sagte ich. Erleichtert lehnte Hannelore ihren Kopf ans Fenster. - „Liegt sie unter dem Auto?“, fragte sie nach einer Weile. „Nein, hinter uns“, antwortete ich. Reifen quietschten. Ich blickte mich um. Viel hätte nicht gefehlt, und sie hätten die Leiche überrollt. Warum auch ein Sanitätsauto anrollte, begriff ich nicht. Ihr Kopf ist ab, da ist nichts zu machen. Aber ich vergaß, das der Polizei zu erzählen. „Sie lief wie eine Irre auf die Straße“, gab ich zu Protokoll, „ich konnte nicht mehr bremsen.“ Hannelore wagte nicht, mir zu widersprechen. Sie stand unter Schock und sagte Ja und Amen. Zwei Beamte der Spurensicherung trafen ein, und der Polizist, der mich verhöhrte, sagte, ich solle mich zur Verfügung halten. „Scheiße“, dachte ich, „das mit Mallorca wird nichts.“ In diesem Moment fuhr der Sanitätswagen mit Hannelore weg. Mich haben sie nicht mitgenommen. „Mir geht es gut“, sagte ich dem Arzt und vergaß, eine Leidensmiene aufzusetzen. Insgeheim hoffte ich, die Bullen können aufgrund von Annegrets Verletzung nicht herausbekommen, dass ich kurz vor dem Aufprall Gas gegeben habe. Ich verließ mich auf Hannelores Schweigsamkeit und rühmte mich, ein perfektes Verbrechen begangen zu haben. Verkettung unglücklicher Umstände wird man sagen, dabei war alles ausgeklügelt. Bevor ich in unsere Straße fuhr und Annegret überrollte, hielt ich an der Bushaltestelle und tippte eine SMS. Ich belog Hannelore, „etwas Geschäftliches“, und sendete Annegret die Kurzmitteilung. Ich wusste, ihr Handy liegt ständig in Reichweite. Sie hatte den Tick, immer und überall erreichbar sein zu müssen. Das war mein Glück und sie las: „Ich bin gestürzt und liege vor dem Haus auf der Straße. Warscheinlich was gebrochen.“ Annegret war Hypochonder. Ein Knochenbruch. Das müsste ausreichen, um sie in höchste Aufregung zu versetzen. Ich bog in unsere Straße. Gleich kommt sie aus dem Haus gerannt. Meine Finger klammerten feucht am Lenkrad. Und sie kam. Ich konnte mich schon immer auf sie verlassen. Sie stand dort und starrte mich an. Ich schloss die Augen und drückte erleichtert aufs Gaspedal. Ein Schauer des Entzückens rieselte den Rücken hinunter. Das wars. Kein Kunststück. Nur mit dem Heiratsantrag hat es nicht geklappt. Wenn Gras über die Sache gewachsen ist, werde ich vor Hannelore niederknien und mit Flugtickets wedeln.

mArtinus




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