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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Der Polarstern

in Prosa 31.08.2013 18:05
von Martinus • 3.194 Beiträge

Der Polarstern

Kapitän Noah hatte gerade sein Fernrohr auf den Polarstern gerichtet, als sein Tiger sich im Traum auf die andere Seite drehte und ein weißer Hai ein Loch in den Bug biss. Der Raubfisch dachte, es sei der Kutter eines Haifischfängers. Das Innere des Schiffes lief voll. Noah merkte erst davon, als seine Füße unter Wasser standen, denn er beobachtete ein ungewöhnliches Flackern auf dem Polarstern. Und dann war er weg. Der Polarstern. Ja. Einfach weg, und der Hai, der schnell begriffen hatte, dass es nur der alte Noah ist, schwamm zum Kapitän und fragte: „Womit verschwendest du deine Zeit?“ Noah erschrak. Aber als er sah, dass es nur der weiße Hai war, prahlte er über das halb versunkene Schiff: „Ich habe gesehen wie der Polarstern verschwand!“ Der Hai schmunzelte über die Einfältigkeit des Greises, der so verrückt war auf diesem alten Seelenfänger über das weite Meer zu schippern. Der Hai prustete, sodass Fleischfetzen durch eine Zahnlücke flutschten, Überbleibsel eines Seelöwen, und sagte zum Noah: „Käpt'n, du alte Schlafmütze, bist du sicher, dass es der Polarstern war? Heute fliegen viele Sternschnuppen herum.“ Noah gefiel nicht, wie der Hai schlaumeierte, doch strich er gelassen über seinen Bart: „Ich beobachte den Polarstern schon lange. Er steht immer auf demselben Fleck.“ Der Hai hörte nicht so richtig hin und plantschte vergnügt im Wasser, weil wieder eine Sternschnuppe am Firmament vorbeihuschte. Gerne hätte er es den Delphinen nachgemacht und vor Freude über dem Wasser getanzt, aber wenn er sie zwischen die Zähne bekam, freute er sich noch vielmehr. „Wenn der Polarstern weg ist, dann wünsche ihn wieder herbei“, spottete der Hai und grinste. Noah sah seine scharfen Zähne und hatte Angst, weil das Wasser immer höher stieg. Noch einmal blickte er in den Himmel. Dort, wo gewöhnlich der Polarstern funkelte, sah er nur die un ergründliche Schwärze des Nachthimmels. „Bevor ich ertrinke, möchte ich den Polarstern sehen,“ klagte der Seemann. In diesem Moment flog eine Sternschnuppe über ihre Köpfe hinweg. Der Hai wünschte sich nichts besonderes. Er wollte weiterhin im Meer leben, und wenn er hungrig war, dann wollte er fressen. Das faltige Fleisch des alten Noah sah aber unappetitlich aus, außerdem hatte der Hai immer noch den Geschmack des Seelöwen im Maul. Der Alte begann zu frieren. Das Wasser reichte ihm bis zum Bauchnabel. Plötzlich rief er entsetzt: „Alle Sterne sind verschwunden! Sieh hin, du weißer Hai, sogar der Mond ist nicht mehr zu sehen!“ Der Hai, in Gedanken an seinen letzten Fraß vertieft, stellte nüchtern fest: „Du hast recht, Noah. Es ist so unbequem finster geworden.“ Wie aus dem Nichts brauste ein heftiger Windstoß auf. Der Kutter neigte sich zu Seite und Noah, hätte er sich nicht an das Steuerrad geklammert, wäre er von Bord gespült worden. Der Tiger träumte seelenruhig weiter. „Wir sind nicht allein,“ japste Noah, „ich spüre das.“ Plötzlich grellte es hell auf. Alles war in Licht getaucht. Erst jetzt sah Noah, dass ein riesiges Ungetüm in der Luft hing, welches ihnen die Sicht zu den Sternen stahl. Das Wasser stand ihm schon bis zum Hals. Den Tod vor Augen schrie er so fürchterlich, dass in der Seele des Haifisches ein haiunübliches Mitgefühl aufstieg, und er den Greis aus dem Wasser hob. Der alte Kahn versank unter ihnen, und Noah saß auf dem Rücken des Fisches und bedeckte mit einer Hand seine Augen um sich vor dem grellen Licht zu schützen. Aus Neugier blinzelte er aber zwischen den Fingern hindurch und sah, wie sich im Lichtschein eine Schattengestalt formte und ihm die Hand reichte. Der Greis war plötzlich von einem tiefen Urvertrauen beseelt, streckte beide Hände nach dem Schatten aus und ließ sich in das Licht ziehen. Der Tiger träumte gerade, wie Noah zu ihm sprach: „Komm, lass uns gehen“, und schwebte seinen Herrn hinterher, bis auch er im Licht verschwunden war. Die Luke schloss sich und lautlos entfernte sich das Raumschiff mit mit zunehmender Geschwindigkeit in die Weiten des Weltalls. Der weiße Hai blieb zurück und tauchte in die Unendlichkeit des Meeres ein. Der Himmel war wieder frei, und das Meer schlug Wellen wie an jedem Tag. Noah, wenn Gott ihm noch viele Jahre beschieden hat, ist immer noch unterwegs in eine neue Welt, auf Kurs zum Polarstern.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 06.09.2013 08:56 | nach oben springen


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