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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Mesa Selimovic

in Die schöne Welt der Bücher 19.09.2013 21:25
von Taxine • Admin | 5.958 Beiträge

Mesa Selimovic
"Der Derwisch und der Tod"



Verstreut leben wir (…), nur das Unglück führt uns zusammen.


„Doch offenbar vergisst man nichts, alles kehrt zurück aus verschlossenen Fächern, aus dem Dunkel scheinbaren Vergessens, und alles, wovon wir meinten, es gehöre schon niemanden, ist noch unser, wir brauchen es nicht, doch es steht vor uns, schillernd in seinem vergangenen Bestehen, uns erinnernd und verwundend. Und sich rächend für den Verrat.“


Ein Derwisch ist ein gebildeter Bettelmönch bzw. Fakir in einem islamischen Kloster, genannt Tekieh. Der Derwisch und Scheich Ahmed Nurudin (Licht des Glaubens, „Prediger und Gelehrter, feste Säule, Schutz und Schirm des Tekieh, (…) Gebieter über den Menschen“) ist hier die Hauptfigur, das Ich, das zu uns, den Lesern, in seinen Aufzeichnungen spricht. Hier beginnt der innere Kampf, die Auseinandersetzung mit sich selbst, die Hinterfragung dessen, was er ist ( „All das war ich, zerkleinert, ganz aus Stücken bestehend, aus Abglanz, flüchtigem Aufblitzen, ganz aus Zufälligkeit, aus unerforschten Gründen, aus einem Sinn, den es gegeben hatte und der verlorengegangen war, und jetzt wusste ich nicht mehr, was ich darstellte in diesem Geröll.“) … und wonach er sich sehnt:

Zitat von Selimovic
„Ich dachte einfach daran, wie sich der weiße und rosige Überfluss ins Endlose fortgesetzt hatte, heute Morgen, vor langem, viele lichte Schatten unter den Bäumen hatte es gegeben, die neu erweckte Erde hatte geduftet, und ich dachte daran, wie schön es wäre, mit der Derwisch-Schale in der Hand in die Welt zu wandern, geführt von der einen, der einzigen Sonne und vielleicht einem Fluss, einem Weg, ohne anderen Wunsch als den, nirgends zu sein, sich an nichts zu binden, mit jedem Morgen eine andere Gegend zu sehen, sich mit jeder Nacht auf einem anderen Lager auszustrecken, keine Verpflichtung, kein Bedauern, kein Erinnern zu haben, dem Hass erst dann seinen Lauf zu lassen, wenn ich aufgebrochen und er sinnlos geworden war, die Welt von mir wegzurücken, indem ich sie durchwanderte.“



Der Derwisch und Erzähler dieses Meisterwerkes, geschrieben von dem jugoslawischen Schriftsteller Mesa Selimovic (1910-1982), berichtet und richtet über sich selbst und das in einer geistig philosophischen Auseinandersetzung, die mit den spannenden und oftmals auch traurigen Begebenheiten seiner Aufzeichnungen beeindruckend ineinanderfließen.
Was ist das Erinnern? Das Vergessen? Wo der goldene Vogel der Kindheit? Wann verrät der Mensch sich selbst oder einen anderen? Wer steht im Recht, wer hat das Recht zu urteilen, welche Reaktion ist richtig, wenn es um die Entscheidung geht, jemandem zu helfen, von dem man nicht weiß, ob er gut oder schlecht gehandelt hat? Und wie geht man gegen Ungerechtigkeit vor? – „Wer einen Unschuldigen tötet, der schlägt alle Menschen …“
Fragen, die immer tiefer bohren, inwiefern es gerechtfertigt ist, zu reagieren oder sich bewusst herauszuhalten, denn als Derwisch erhofft sich der Erzähler am meisten die Ruhe, die Abschottung von der Welt, die ihm böse und ungerecht erscheint. „Flucht ist ein dummer Gedanke, aber er löst sich wie von selbst, wenn es ihm zu schwer wird.“

Das Gebet ist ihm ebenso Zuflucht, das ein Fremder und Flüchtling, den er vor den Schergen des Gesetzes rettet und der vielleicht nur als Gegenpart innerer Auseinandersetzung in seiner Phantasie existiert, zu einem langen Gemurmel aus leeren Worten macht, dem der Inhalt verlustig geht. Was ihm zu schaffen macht, ist, dass der Fremde, dem er beistehen, aber nicht helfen konnte, den er nicht verriet, jedoch auch nicht unterstützte, dennoch eine Stärke bewies, die wiederum ihn unsicher machte und Schuldgefühle weckte.
„Ich hatte weder für noch gegen ihn sein wollen, ich hatte eine mittlere Lösung gefunden, die überhaupt keine war, denn nichts wurde durch sie entschieden, nur die Qual verlängert.“

Darum überlässt er die Entscheidung auch einem anderen, indem er ihm von dem Versteck des Flüchtigen berichtet, im unbewusst-bewussten Wissen, dass der andere die Wächter alarmieren und ihm die Last damit abnehmen würde. Aber es ist nicht nur der unbewusste Verrat, auch die Suche, sich mitteilen zu können.
Dabei wächst das Umfeld des Tekieh, öffnet seine Pforten, andere Ordensbrüder treten auf, von denen gerade der taube Mustafa ein Zitat wert ist:

Zitat von Selimovic
„Mustafa ist taub, in seiner leeren Welt ohne Laute und Widerhall bedeutete Lärm nichts als einen Wunsch, und wenn es uns zuweilen gelang, ihm begreiflich zu machen, dass er allzu sehr polterte, stoße, schlage, dröhne, so zeigte er sich verwundert darüber, dass manchen sogar so etwas stören könnte.“


Sie alle sind zwar Gläubige, ringen aber mit dem Zweifel wie die Außenwelt, mit Krankheit, Verrat und Tod.
(Und wie schön, ganz nebenbei, wurde hier das Sterben ins Wort gefasst:
„Ich begriff, wie der Mensch langsam stirbt, und ich sah, es ist nicht schwer. Auch nicht leicht. Es ist nichts. Man lebt nur immer weniger, man ist immer weniger, man denkt und fühlt und weiß immer weniger, der volle kreisende Strom des Lebens trocknet aus, es bleibt ein dünnes Endchen unsicheren Bewusstseins, immer armseliger, immer bedeutungsloser. Und dann geschieht nichts, ist nichts, ist das Nichts. Und es macht gar nichts, ist ganz gleichgültig.“)

Hinzu kommt, dass der Bruder des Derwisch eingesperrt wurde, ohne dass er weiß, was dieser verbrochen hat. (Natürlich erfährt er später, worum es sich handelt, erfährt auch die Grausamkeit des Gesetzes samt starrer Dogmatik und tödlicher Ordnung.) Er ringt mit sich selbst, um zu helfen, weiß nicht, wie er das bewerkstelligen soll, zögert und stolpert in seine Möglichkeiten, die ihm bald über den Kopf wachsen. Er benötigt Kontakte, und diese öffnen sich ihm durch verschiedene Gestalten, darunter ein alter Held und Soldat, der durch eine Kriegsverletzung zum Torwächter geraten ist, auch eine etwas abwegige Bitte einer schönen Frau, die ihn auffordert, ihren Bruder Hasan, einen Bekannten des Erzählers, der sich zum geliebten, gehassten und verratenen Freund entwickelt, dazu zu bringen, auf sein väterliches Erbe zu verzichten, da dieser sich entschlossen hat, statt seine Gaben und Bildung zu nutzen und reich und erfolgreich, lieber Herum- und Viehtreiber zu werden und sich eine andere Form der Freiheit zu bewahren, die der Vater natürlich nicht nachvollziehen kann, ebenso wenig wie die schöne, aber leicht verschlagene Schwester.

Zitat von Selimovic
„Wie er diese vielen Berufe zusammengebracht hatte und welcher sein eigentlicher sei, das konnte man schwer sagen. Kein einziger antwortete er lachend, wenn man ihn fragte, aber von etwas muss man leben, und letzten Endes ist es gleichgültig.“



All diese Umstände zwingen den Erzähler zum selbsternannten Richter, der damit hinterfragt, wann er selbst gesündigt hat, aber vielmehr noch, wann die Sünde auch ihren Sinn ergab, was menschlich-allzumenschlich bleibt und wann er sich der eigenen Verantwortung entzogen hat.
Der innere Monolog als Erzählstrang, der in die muslimischen Innenhöfe und die Zeit der türkischen Herrschaft über Bosnien zurückführt, atmet einen Stolz, einen Trost, eine tiefe Freundschaft und Herzlichkeit, dem gegenüber auch die Enttäuschung, den Verrat, die Rache, kurz: eine beständige Hinterfragung, die nach Antworten sucht, aber, noch wichtiger, viele bedeutende Fragen stellt.


„Nicht die Erde machen wir uns zu eigen, sondern einen Klumpen, auf den wir unseren Fuß setzen, nicht das Gebirge, sondern sein Bild in unserem Auge, nicht das Meer, sondern seine geschmeidige Festigkeit und den Abglanz seiner Fläche. Unser ist nichts als Trug, darum klammern wir uns an ihn.“


Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 19.09.2013 21:38 | nach oben springen


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