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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Wladimir Kunin

in Die schöne Welt der Bücher 04.07.2014 12:01
von LX.C • 2.725 Beiträge

Intergirl

„Meine Absicht war, die tragische Geschichte eines eigentlich netten, guten Mädchens aufzuschreiben, deren Leben ganz anders hätte verlaufen können“ (Klappentext), so Kunin gegen den Versuch, ihn aufgrund des Sujets Prostitution in der Sowjetunion zu kompromittieren. Das „eigentlich“ gute Mädchen finden wir in Tanja, Tatjana Nikolajewna Saizewa, der Krankenschwester, die in einem Leningrader Krankenhaus 24-Stunden-Schichten schiebt und ihre Patienten auf charmant freche oder einfühlsame Art zu behandeln weiß. Sie ist beliebt bei den Kollegen – bei Schwestern wie Ärzten gleichermaßen. Und scheut sich auch nicht, die eine oder andere Widrigkeit im Krankenhaus aufzudecken, wie zum Beispiel den Morphiumschmuggel einer Kollegin. Sie achtet ihre allein erziehende Mutter in einem gegenseitig liebevollen Verhältnis. Und weiß auch hier aktiv einzugreifen, wenn sie als Lehrerin in der Schule von einem Schüler terrorisiert wird. Wir haben es also mit einem Charakter zu tun, der gegebenenfalls respektvoll, hilfsbereit, gar liebevoll mit seinen Mitmenschen umgeht und die Augen vor ihren Problemen nicht verschließt.
Auf der anderen Seite haben wir Tanja die Interdewotschka, das Intergirl, wie der unglückliche deutsche Titel verheißt, oder auch die Edelprostituierte, die um ihrer Schönheit und Reize weiß und sich in Leningrads Hotels der Oberklasse an internationale Gäste nicht billig verkauft. Sie wird uns in Ich-Perspektive nahe gebracht, was zunächst durch die Konstellation Autor – Protagonistin etwas befremdlich wirkt, bezüglich des Sujets aber die glücklichere Wahl ist.
Die Menschen in der Sowjetunion, in der zweiten Hälfte der 80er Jahre, wissen sich zu arrangieren, können jedoch angesichts karg bestückter Ladengeschäfte, Lebensmittelmarkenwirtschaft und Preise für die kleinen Wünsche des Lebens, die den Reallöhnen nicht mehr entsprechen, von einem guten Leben nur träumen. So auch Tanja, die mit Mitte zwanzig immer noch mit ihrer Mutter in einer Einzimmerwohnung zusammenlebt und ihr selbstverständlich nichts von ihrer Nebentätigkeit und Haupteinnahmequelle erzählt.
Der Roman steigt ein mit einem Heiratsantrag, den der Schwede Edik Tanja nach einer Liebesnacht macht. Sie liebt ihn nicht, mag ihn aber und sieht sich am Ziel ihrer Träume angekommen, mit Edik die Sowjetunion verlassen zu können und ein besseres Leben zu führen. Neben der täglichen Balance zwischen Privatleben, Beruf und Geschäft sowie dem Katz und Mausspiel zwischen der Polizei und den Prostituierten rückt für Tanja nun eins in den Vordergrund: Alle Bedingungen zu erfüllen, welche die Ausreise erst möglich machen, da eine Heirat nicht automatisch bedeutet, die Sowjetunion verlassen zu dürfen. Sie ist nun der Beamtenwillkür ausgesetzt. Ein präzises und zeitlich eng abgestimmtes Vorgehen ist vonnöten, sonst beginnt die Prozedur von vorn. Am dramatischsten wird es im ersten Teil des Buches - wir haben es mit zwei Teilen zu tun - als ihr Vater, den sie gut zwei Jahrzehnte nicht gesehen hat, sie für die eidesstattliche Erklärung, dass er als Vater nichts dagegen habe, wenn sie die SU verlasse, erpresst. Hier geraten wir in eine wirklich menschliche Zwickmühle, denn die inzwischen mit Edik verheiratete Tanja muss ihr Gewerbe, dem sie eigentlich schon abgeschworen hatte, widerwillig wieder aufnehmen, um ihren Vater auszubezahlen.
Im zweiten Teil des Buches können wir Tanjas neues Leben in Schweden verfolgen. Erfüllt sich ihr Traum von einem besseren Leben? Sie lernt schnell die neue Sprache zu beherrschen, lebt in einem standardisierten Einfamilienhaus, fährt einen kleinen Volvo. Doch sie bleibt fremd in der Wahlheimat. Fühlt sich nutzlos. Hat bestenfalls flüchtige Bekannte, aber bis auf ihren Schoßhund keine Freunde. Trinkt viel, sehr viel, obwohl sie sich in der Heimat dem Alkohol stets verweigert hatte. Sie liebt den Konsum, aber hasst die Vereinzelung, welche die kapitalistische Gesellschaft bei den Menschen hervorruft. Sie hasst die Rationalität der Schweden und vermisst die herzliche Zwischenmenschlichkeit der Russen. Vor allem aber wird klar, dass man auch in einem neuen Land seinem alten Leben nicht einfach entfliehen kann. So bleiben ihre schönsten Begegnungen wieder die, mit ihren Landsleuten.
Dramatisch wird’s im zweiten Teil, als eine ehemalige Kollegin aus der Prostitution Tanja des Devisenhandels beschuldigt. Der Schwarztausch von Dollarnoten in Rubel wurde in der Sowjetunion mit mehren Jahren Haft bestraft. Hier gerät Tanja an einem Punkt, an dem sich alle Türen schließen. Nicht einmal zu Besuch kann sie mehr in die Sowjetunion einreisen, da sie dort das Gefängnis erwarten würde. Ihre Mutter wird im Rahmen von Verhören erstmals mit der Vergangenheit ihrer Tochter konfrontiert, was ihr das kranke Herz endgültig bricht. Als Tanja erfährt, wie schlecht es ihrer Mutter geht, will sie trotz aller Warnungen und den flehentlichen Bitten Ediks nach Leningrad reisen und die Sache klären. Doch ist sie so verstört, dass der Versuch, zurück in den Schoß der Heimat zu kehren, ein tragisches Ende nimmt. Das Ende eines jungen Menschenlebens, dessen Sehnsucht nach einem Quäntchen mehr Lebensglück und -leichtigkeit, als es die sowjetkommunistische Gesellschaft zu versprechen vermochte, keine Erfüllung findet. Indes fließt die Newa weiter: „Eine laue, weiße Nacht im schläfrigen Leningrad. Durch die hochgezogenen Brücken mit den am fahlen Himmel schwimmenden Laternenmasten und den aufgebäumten Straßenbahngleisen zieht ein kleiner Schlepper einen riesigen Lastkahn mit einer Ladung gelbem Sand über die Newa. Langsam bewegt sich die kleine Sandinsel mit Ufern aus grobem Metall. Das berühmte Gestade mit der flehenden Bitte ‚Keine Anker werfen’ bleibt zurück…
…die filigranen Gitter des Sommergartens…
…Gebäude aus verschiedenen Zeiten und Stilepochen…
…das gewaltige ‚Intourist’-Hotel mit den auf der Auffahrtrampe dösenden Autos…
In der vierzehnten Hoteletage ist die Valuta-Bar für Ausländer noch geöffnet.“ (157)



Zitate: Kunin, Wladimir: Intergirl, Mitteldeutscher Verlag, Halle/Leipzig 1990.


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#2

RE: Wladimir Kunin

in Die schöne Welt der Bücher 13.08.2014 19:06
von Taxine • Admin | 5.958 Beiträge

Und mir hat's dann diese Stelle besonders angetan, weil sie so treffend ist, so typisch russisch, so ganz genau in mein Inneres treffend. Es ist die Stelle, als Tanja Edik zu sich und ihrer Mutter nach Hause einladen möchte und letztere anruft:

Zitat von Kunin
"Ich bins, Mama. Sieh zu, dass du irgendwas auf den Tisch bringst. Wir sind gleich da."
"Bist du verrückt geworden!", schrie Mama. "Ich habe keinen Happen im Haus! Ein paar Stunden müsst ihr mir schon geben, dann flitze ich auf den Markt ..."
"Du kennst doch den alten Witz, Mama: 'Shora, brate den Fisch. Und wo ist der Fisch? Brate nur, brate, der Fisch wird sein!' Genauso machst du es auch (...)"






Surreale Vorstellungen
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#3

RE: Wladimir Kunin

in Die schöne Welt der Bücher 19.08.2014 15:54
von LX.C • 2.725 Beiträge

Einfach erstmal machen, ja? Dann wird man schon sehen, was rauskommt Vorallem aber auch die Gastfreundschaft, die darin steckt, aufzutischen, selbst wenn man nix hat. Russische Feierlichkeiten, seien sie noch so klein oder noch so groß, haben schon ihren ganz eigenen Charme Das ist meine persönliche Assoziation bei de Zitat


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