Literatur und Tod

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03.02.2026 16:33
avatar  Taxine
#16
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Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #15
Schmeißt also alle Bücher der Weisheit weg, nachdem ihr sie oder wenigstens einen Teil von ihnen gelesen habt; ihr braucht sie nicht; sie brauchen euch. Und wenn euch alles zu viel wird, seid getrost; alles wird ein Ende haben.



Dafür hat auch Chögyam Trungpa in "Spirituellen Materialismus durchschneiden" ein schönes Bild gefunden, als Vergleich unseres Wissens mit einem Antiquitätenladen:

Zitat von Chögyam Trungpa
"Wir könnten uns auf östliche oder mittelalterlich-christliche Antiquitäten oder Kunstschätze aus einer anderen Epoche oder Kultur spezialisiert haben, doch trotzdem führen wir nur einen Laden.

Bevor wir diesen mit so vielen Dingen vollgestopft haben, war es ein schöner Raum: weißgetünchte Wände, ein ganz schlichter Fußboden mit einer hellbrennenden Lampe an der Decke. Mitten im Raum stand ein einziges Kunstwerk. Jeder, der eintrat, bewunderte seine Schönheit, auch wir selbst.

Doch wir gaben uns damit nicht zufrieden und dachten: „Wenn dieser eine Gegenstand meinen Raum so schön macht, wird er sicher noch schöner wirken, wenn ich mehr Antiquitäten besorge.“ So begannen wir zu sammeln, und das Endergebnis war ein Chaos. (...) Anstelle eines Raumes voll erlesener Antiquitäten hatten wir einen Ramschladen geschaffen! "


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04.02.2026 13:45
avatar  Sokolow
#17
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Aurelien, lese ich, sehr sehr sehr groß...

von Elke gibt es ständig neues, sie sitzt im Cafe und beobachtet Männer
die sie beobachten...
"Sie beobachtete einen Mann mit einem blauen Pullover. Er hatte ein Gesicht wie ein Eimer, das klang erstmal gemein, aber Elke mochte Eimer und das war ein blauer Eimer und Elke mochte blaue Eimer. Hey und der spuckte nicht auf die Straße, nicht mal daneben.
Er kaute was. Aber was? Tabak? Erdnüsse? Die Erdkruste? Keiner konnte es ihr sagen, natürlich hätte sie hinrennen können, ihn ansehen, ihn nicht fragen.
Doch so wichtig war es nicht.
Dieser Mann starrte sie an. Er suchte ihr inneres, er suchte das Tiefe dass er bei sich nicht fand.
Er dachte, sie liebt mich, wir gehören zusammen.
Schwarze Wolken zogen in seinem Kopf auf, das machte nichts, es fühlte sich gut an, sie zu lieben."


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04.02.2026 23:26
avatar  Taxine
#18
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Admin

Nach "Aurelien" las ich direkt Alain Robbe-Grillet und seinen wiederkehrenden Spiegel.

...
Dem Tod kann man sich in der Literatur auf verschiedenen Wegen nähern. Er taucht in religiöses und philosophischen Schriften als Frage auf, in Romanen eher als Ereignis. Andere, wie Olga Martynova, Julian Barnes oder Joan Didion berichteten über ihn als Verlust. Daneben gibt es den Tod als Abschied. Hier wären vor allem Roland Barthes und Annie Ernaux zu nennen. Als reinen Schmerz und darum kaum erträglich beschreibt ihn Brigitte Giraud, auch eine Prix Goncourt Gewinnerin, die ihren Mann bei einem Motorradunfall verlor.

Dann existieren Geschichten, wo der Tod Erinnerung ist. Zur Einstimmung auf Enards "Das Jahresbankett der Totengräber" las ich sein kleines Werk "Der Alkohol und die Wehmut", das mich wieder ganz und gar mit ihm versöhnt hat. Hier geht es um eine Reise nach Sibirien und die damit verbundene Reflexion über den Tod. Das Ergebnis ist ein erstaunlich vielschichtiger Blick auf Russland, die Tragik der Liebe und die tiefe Verbundenheit der Freundschaft. Erschienen ist die Prosa zuvor als Hörspiel, gesprochen von den Schauspielern Julie Pouillon und Serge Vladimirov. Man spürt darin die russische Weite, und dass Enard tatsächlich mit der Transsibirischen Eisenbahn unterwegs war. Die Wehmut entsteht hier nicht durch das, was er sieht und erlebt, sondern durch das, was er zurücklässt. Trotz der wenigen Seiten kann man lange über das Gelesene nachdenken.

An der Gruppenreise, die damals 2010 stattfand und von France Culture organisiert wurde, nahmen mehrere Autoren und Autorinnen teil, die das Erlebte literarisch verarbeiteten, darunter Olivier Rolin, Sylvie Germain, Danièle Sallenave, Maylis de Kerangal und Dominique Fernandez. Neben Reiseberichten gab es auch die poetische Verarbeitung. Oft wird die sibirische Leere als Metapher für den Verlust genutzt. So steht auch die Landschaft für den Tod, einmal durch die Dimension, zum anderen durch die vielen Knochen, die sie in sich trägt.


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