Das Koordinatensystem der Lektüren: Buch und Mensch in Zeit und Raum

  • Seite 2 von 2
18.01.2026 18:12
avatar  Taxine
#16
avatar
Admin

Ja, die auf dem Bild ist die, die bei mir gleichfalls im Regal steht. Von Luzius Keller revidiert, habe ich die in schöner Aufmachung erschienene rote Ausgabe mit sehr umfangreichem Kommentarteil. Ich schätze Keller allgemein durch sein Proust-Wissen und mag auch seine "idiosynkratische" Sicht. Die Neuübersetzung von Bernd-Jürgen Fischer hat mich sprachlich dagegen weniger angesprochen. Hier habe ich allerdings auch nur etwas hineingelesen.


 Antworten

 Beitrag melden
22.01.2026 10:43
#17
avatar

Ich muss freilich noch ergänzen, dass es in meiner aktiven Zeit immer wieder Phasen im Schuljahr gab, in denen ich wochenlang und manchmal über Monate überhaupt nicht zum Lesen guter Bücher gekommen bin. Da ich vor allem in der Sekundarstufe 2 (10-12) unterrichtet habe mit drei Korrekturfächern (Deutsch, Geschichte, Seminarfach), waren die Stoßzeiten rund um die Kursarbeiten sozusagen lektürefrei und sobald es in Richtung BLF und Abiturprüfungen ging, hat sich jeder Gedanke an private Lektüre erübrigt. Der normale Mensch, der gerne den Lehrern ihre "freien" Nachmittage und Ferien vorrechnet, hat keine Vorstellung davon, was es bedeutet, beispielsweise 25 Abituraufsätze a 15 Seiten zu korrigieren. Wir reden hier von einem Zeitvolumen zwischen 50 und 75 Stunden am Schreibtisch, eine unglaublich verantwortungsvolle und harte, anstrengende Arbeit, die so viel Zeit, Kraft, Energie, Konzentration verlangt und mentale Ressourcen verschlingt; dass an zusätzliche Lesefreuden nicht zu denken ist; obwohl man natürlich nichts lieber täte, als wieder eine Seite guter Prosa zu lesen statt hunderte meist sehr schlechte. Man versucht in dieser Zeit, körperlichen Ausgleich zu gewährleisten und auch mal zu schlafen, ansonsten aber ist man geistig tot.

Ich vermute, dass es in anderen Berufen auch solche Stoßzeiten gibt, in denen man eweder Zeit noch Muße hat, anspruchsvolle Bücher zu goutieren. Aber auch im Privatleben kann es zu Situationen kommen, dass man einfach nicht die Ruhe und Konzentraion für das gute Buch findet; es können gesellschaftliche Ereignisse eintreten, die einem jede Lektüre vergällen. Wir Menschen sind keine Maschinen und wie beim Sex muss man auch beim Lesen in Stimmung sein und zu viel Stress im Alltag tötet jene. Überhaupt tötet eine zu große Beanspruchung physischer und psychischer Natur jeden Willen zur geistigen Arbeit: Die Fabrikarbeiter früher konnten unmöglich nach einer 12-Stundenschicht noch komplexe Romane lesen und auch ein geistig hart arbeitender Mensch wird sicher in seiner Freizeit eher mit leichter Kost (Krimis ect.) entspannen wollen. Ich habe als Jugendlicher nicht nur in der LPG, sondern auch im Forst und auf dem Bau gearbeitet: Wenn ich da mit schmerzenden Knochen heimkam, konnte ich weder lesen noch Musik hören noch fernsehen, ich war breit und zu nichts mehr zu gebrauchen. Wenn man aber zu schwach ist für Mußestunden, also die Zeit, die uns erst zu Menschen macht, dann geht die Welt vor die Hunde.


 Antworten

 Beitrag melden
Bereits Mitglied?
Jetzt anmelden!
Mitglied werden?
Jetzt registrieren!