Kleinigkeiten in Wörtern und Sätzen - mit beschränkter Haftung ...
#76
In dem wunderbaren Film Adaption – Der Orchideen-Dieb (USA 2002) von Spike Jonze mit Nicolas Cage in einer Doppelrolle spricht jener, da ihn sein Zwillingsbruder auf eine peinliche Situation mit einem Mädchen aus der Schulzeit anspricht; die sich über seine bekundete Liebe lustig machte; als tödlich verletzter Donald Kaufman die entscheidenden Worte: "Du bist was Du liebst, nicht, wer Dich liebt. Dafür habe ich mich vor langer Zeit entschieden." Literatur ist das auch deshalb, weil Drehbuchautor Charlie Kaufman für mich ein echter Dichter ist, das hat er in seinem Filmen immer wieder bewiesen. Der Topos ist natürlich nicht neu, aber mir fällt einfach nicht ein; von wem die Wendung stammte: "Wenn ich dich liebe, was geht's dich an?!" War das von Goethe? Von dem habe ich immerhin die Autogrammkarte vom 28. August 1830 in der Bibliothek hängen, nach der "Lieben belebt". Da hat er Recht.
#77
Die Weisen aller Zeiten und Völker wussten, dass es unser aufgeblasenes Ich mit seinen Wünschen und Hoffnungen ist, das uns unser Leben vergällt, die innere Ausgeglichenheit, Ruhe und letztlich die Erlösung verhindert. Die allzu menschliche Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung schafft ein Begehren, dem die Wirklichkeit nie Genüge tun kann. Man muss kein Buddhist sein und das Nirvana erstreben, um zu begreifen; dass unsere nach außen gerichteten Ansprüche unser Inneres verarmen lassen.
Ich selbst habe mich nie nach Macht, Ruhm, Popularität gesehnt; weil mir Menschenmassen, Aufregung, Lärm und Oberflächlichkeit zuwider sind; ich wollte nie Karriere machen oder irgendetwas erreichen an Titeln, Geld, Ämtern, Positionen. Ich war eigentlich immer wunschlos glücklich, wenn ich nur meine Bücher und CDs hatte; mit Ausnahme natürlich meines über Jahrzehnte prekären Verhältnisses zum anderen Geschlecht. Aber eines gab es immer, das mir wichtig war: Ich genoss es schon, wenn man mich als belesen, gebildet, intelligent wahrnahm; daher auch die vielen Versuche in der virtuellen Welt seit nunmehr einem Vierteljahrhundert, Fuß zu fassen und inmitten der überwiegenden Ablehnung auch hin und wieder einen Funken Respekt und Aerkennung zu erhaschen.
Inwischen weiß ich, dass auch das falsch ist. Als Knabe, Jüngling und junger Mann war ich es zufrieden; wenn mir meine Bücher gefielen und ich angenehme Stunden mit ihnen verbrachte. Ich war nie ein Missionar, schon gar nicht in den knapp 30 Jahren meiner Lehrtätigkeit; das Proselytenmachen liegt mir so ferne wie die hinterste Galaxie im Universum. Und wenn man richtige Freunde in der wirklichen Welt hat, mit denen man sich trifft und auch über kulturelle Aspekte spricht, so mag das angehen. Aber das Haschen nach Aufmerksamkeit im Internet, in Foren, mit Blogs; ist das nicht ein eitleres Haschen nach Wind, als es der Prediger jemals hätte formulieren können?! Ich sehe mich im heimischen Garten mit einem Buche unter der alten Linde und dieser alte Schulmeister strebt nach der Lektüre nicht zum Rechner, um sich der Welt mitzuteilen. So stelle ich mir das Glück vor.
#78
Sicher schon viele Millionen Mal zitiert und rezitiert und damit renommiert, aber es nützt nichts; ich muss es auch tun:
Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
So hab‘ ich erstens den Gewinn,
Daß ich so hübsch bescheiden bin;
Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp‘ ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;
Und viertens hoff‘ ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Daß ich ein ganz famoses Haus.
Dieses wunderbare Gedicht steht in Wilhelm Buschs erster Gedichtsammlung Kritik des Herzens (1874), die nach seinen Bildergeschichten zunächst wenig Erfolg hatte. Und ich sage nicht zuviel, wenn ich auch ein ganz famoses Haus bin.
#79
Michael Klonovsky zitiert in den Acta diurna vom 29. Oktober 2022 ganz unten seinen Protegé Artur Abramovych, dessen Magisterarbeit "Entartete Espritjuden und heroische Zionisten. Jüdischer Nietzscheanismus in der Auseinandersetzung zwischen Theodor Lessing und Thomas Mann" ich mit Gewinn und Vergnügen gelesen habe; aus dessen hoffentlich weiter unveröffentlicht bleibenden Novelle, in welcher der "Held" erklärt:
"Ich könnte im Übrigen nicht sagen, dass sie für mich intellektuell anregend gewesen sei; sie war zwar belesen, aber nicht überdurchschnittlich gebildet. Man findet freilich ohnehin allenfalls Frauen (und auch das zunehmend seltener), die intellektuell anregende Männer schätzen. Als gebildeter Mann kommt man kaum jemals zum Zug auf Parties und noch seltener in Clubs. Man ist daher gut beraten (und ich hatte das hin und wieder getan), in Museen zu gehen und allein umherstreunende Frauen anzusprechen. Auch dort ist zwar die Suche nach einer intellektuell tatsächlich anregenden Frau verlorene Liebesmüh; allerdings ist es in Museen immerhin weit wahrscheinlicher, wenigstens eine Frau zu finden, die sich durch Bildung beeindrucken lässt. Denn es gibt ohnehin keine wirklich gebildeten Frauen, sondern nur entweder dumme oder bildungsbeflissene."
Nun kenne ich den Kontext nicht innerhalb des ganzen Textes, weiß nicht, welche Figur das in welchem Zusammenhang sagt; aber so für sich ist das natürlich selbst mir mich, der ich gerne mit Mitte 20 auch Frauen mit Bildung beeindruckt hätte, was natürlich und naturgemäß fehlschlug, nur schwer erträglich, weil diese Äußerungen dann doch eher infantil, pueril daherkommen. Wer von Frauen für seine Bildung bewundert und deshalb von ihnen wahrgenommen und genommen werden will, ist nicht besser als ein halb dementer Muskelprotz, der seine Physis allein für sich sprechen lässt, obwohl er mehr Erfolg haben dürfte.
Zunächst einmal sind Männer und Frauen grundverschieden. Und der Begriff der Bildung lässt sich auch nicht ohne Weiteres auf einen Nenner bringen. Natürlich gibt es auch gebildete Frauen und auch anregende und selbstverständlich kultivierte; aber wenn sie nicht maskulinisiert sind und jede Weiblichkeit verloren haben, so sind sie meist (nicht immer!) auf jeden Fall stets älter und lebenserfahrener; bei Männern ist das ähnlich. Das wissen wir ja nicht erst seit Goethe und der Frau von Stein. Überhaupt entstammt dieses Bild der empfindsamen, gebildeten Frau genau diesem Milieu aufklärerischer und klassisch-romantischer Literatur. Es ist natürlich eine Projektion wie so vieles.
Frauen und Männer haben durch die Grundbedingungen ihres Geschlechts und den Lauf ihrer Lebensbahn ganz unterschiedliche Ausprägungen von Geist, Intellekt, Bildung, Seele zu durchlaufen. Das hat sehr viel mit Biologie zu tun, mit Sozialisation, mit Rollenbildern und natürlich mit sehr bestimmten Vorstellungen vom jeweils anderen Geschlecht. Wenn ein sogenannter Gebildeter verlangt, eine junge Frau möchte ihn auserwählen vor allem der Bildung wegen, ist das geradezu lächerlich albern, weil es grundlegende anthropologische und evolutionsbiologische Prägungen verkennt. Ich habe selbst vor allem in jungen Jahren immer wieder das Wahlverhalten von Frauen moniert, vor allem im Zusammenhang mit den modernen Klagen über die bösen Männer, aber man kann als simpler Mensch weder der Natur noch Gott einen Vorwurf machen.
Von einem Intellektuellen, einem gebildeten und belesenen Menschen wie der Autor oben trotz seiner Jugend offensichtlich schon ist; erwarte ich, dass er mit solchen larmoyanten Pauschalaussagen nicht hausieren geht, um das eigene Selbstbewusstsein aufzupolieren. Zum freien Geist und unabhängigen Denker gehört auch die Einsicht, dass Frauen sehr genau und komplex wählen. Ihre Sicherheit in der schnellen Wahl der Reproduktionspartner hat vor allem mit den erwähnten archaischen Mustern zu tun, aber nicht nur. Sie wird auch einen gebildeten Mann schätzen, wenn der auch andere Vorzüge zu bieten hat. Auf das Gesamtpaket kommt es an. Jammernde und rumheulende Jungmänner, die sich beklagen, dass Frauen immer die Falschen nehmen, gibt es genug.
Und seien wir ehrlich: Auch diese Intellektuellen reden von den endgeilen Geräten, den überwiegend sehr attraktiven Frauen, wenn sie ihr Wollen in Worte fassen. Ob sie die gebildete, warmherzige, kultivierte Frau erkennen würden; wenn diese neben ihnen steht, aber klein und dicklich ist, mit Hornbrille und eher unglücklich gekleidet?!
P.S. Von Artur Abramovych gibt es bei der verdienstvollen Edition BuchHaus Loschwitz seit letzten Herbst, auch in Halle auf der Buchmesse vorgestellt, Ahasvers Heimkehr: Lehren aus der Diaspora.
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