Kleinigkeiten in Wörtern und Sätzen - mit beschränkter Haftung ...
#1
#2
Die Baker Street als Lebensmodell
Natürlich haben mich als Kind und Jugendlicher auch die eigentlichen Kriminalfälle interessiert bei den Romanen und Erzählungen mit Sherlock Holmes und Dr. Watson aus der Feder von Arthur Conan Doyle; insbesondere auch der besondere Charakter des Detektivs, des allen überlegenen scharfen Denkers, der Drogen nahm und Violine spielte. Aber schon damals fühlte ich mich eher in den Doktor ein und ganz besonders in den Bruder Mycroft Holmes, denn dessen schütteres Haar, dessen fülliger Leib, dessen Phlegma, Ehrgeizlosigkeit und Lebensstil sagten mir viel mehr zu, sie stimmten sozusagen mehr zu mir. Denn dieser Bruder verbrachte seine Zeit fast ausschließlich müßig in einem exklusiven Londoner Klub, in den nur wohlhabende ungesellige Junggesellen eintreten durften. Man las Zeitung oder Bücher; sprach hochprozentigen geistigen Getränken zu und rauchte dicke Zigarren; Frauen hatten natürlich keinen Zutritt. Ja, man liest richtig, es war das Paradies.
Aber auch die Wohnvereinbarung zwischen Holmes und Watson in der 221B Baker Street bei Mrs. Hudson mochte ich sehr gerne. Jeder hatte sein eigenes Zimmer; ein Wohnzimmer mit Kamin, Büchern etc. teilte man sich, wo man las, rauchte und sich unterhielt. Für die Dinge des Alltags wie Speise und Trank sorgte die umsichtige Vermieterin; die sicher auch das Putzen besorgte und Erledigungen tätigte. Nicht erst im köstlichen Film Das Privatleben des Sherlock Holmes von Billy Wilder aus dem Jahr 1970 nutzte man das Arrangement für Anspielungen auf die sexuelle Ausrichtung der Protagonisten; während uns natürlich klar ist; dass zwei Männer unter einem Dach nicht automatisch dem Eros des anderen erliegen, sondern ihren Zeiten gemäß leben. Wenn ich nicht aus welchem Grund auch immer verheiratet wäre; könnte ich mir so eine Existenz mit einem sehr guten Freunde auch sehr gut vorstellen. Ein Hund müsste noch dabei sein und zum Großbildfernseher im Wohnzimmer bräuchte es natürlich im eigenen Zimmer auch noch einen; wenn man in Ruhe Fußball schauen will oder aus Versehen in den Bereich der Erwachsenenunterhaltung zappt.
#3
Das nur eingebildete Volk der Dichter und Denker und die nach wie vor nicht vollzogene Einheit - beides spiegelt kaum etwas anderes besser wider als die Geschichte der "Peter-Sodann-Bibliothek", die 1990 vom dem bekannten namensgebenden Schauspieler begründet wurde und die derzeit nach mehreren Umzügen vor dem Aus steht, weil die Finanzierung durch Land und Bund nicht gewährleistet ist. Die praktisch komplette Sammlung von Büchern aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR dürfte weltweit einzigartig sein, allein ein abgeschlossenes Sammelgebiet ist in dieser Größenordnung buchgeschichtlich singulär.
Nicht nur Peter Sodann hat mit Tränen in den Augen und voller Empörung gesehen, wie man Bücher tonnenweise auf den Müllhalden entsorgt hat, um in den Lagerhallen Platz für die westdeutsche Produktion zu schaffen. Auch ich war mehrfach dabei und ich habe sogar verstanden, dass die meisten ehemaligen DDR-Bürger eben in den Monaten und Jahren nach der Wende Westbücher haben wollten und die eigene Literatur praktisch über Nacht vergaßen, so erging es Nahrungsmitteln, Autos, Unterhaltungselektronik und so weiter ja auch. Aber später, als ein Umdenken einsetzte und man begriff, dass die eigene Vergangenheit und Geschichte einen hohen Wert hat, hätte eine Unternehmung wie das einer einzigartigen Bibliothek der DDR jede Förderung erfahren müssen von allen möglichen staatlichen und nichtstaatlichen Stellen.
Aber mehr als ein wenig Präsenz bei offiziellen Anlässen war nie drin. Seit 2024 ist die Zukunft erneut ungewiss, weil verschiedene Anträge zur Förderung allesamt gescheitert waren. In unserem vereinten Deutschland gibt es Geldmittel in unglaublicher Höhe für Gender oder Postcolonial Studies, klimaideologische Institutionen; für alte und neue Orchideenfächer; aber für die Erhaltung des kulturellen Erbes der DDR ist kein Geld da; das ohnehin schon angeschlagene kulturelle Gedächtnis funktioniert institutionell nur noch im Westen. Dabei müssten sich Bund und Ländern um eine Förderung reißen, die EU müsste sich vordrängeln und die UNESCO müsste händeringend um die Aufnahme in ihr Weltdokumentenerbe betteln. Man sieht, ich fantasiere; aber nicht ich bin der Delirierende, sondern die alte sterbende Welt, die ihre Bücher und mit ihnen die Menschen vergisst.
#4
Lange bevor inzwischen moderne Begriffe wie Lost Places, Urban Exploration oder Dead Mall im Schwange waren und solche wie Geisterstadt oder Geisterbahnhof abgelöst haben; interessierte mich die Aufgabe und der Verfall von menschlichen Ansiedlungen. Mit welchen Gänsehäuten ich Dokumentationen über Prypjat sah, kann man eigentlich öffentlich gar nicht zugeben.
Es war das eine Gedicht aus Bertolt Brechts Buckower Elegien, das mich schon als Schüler so fasziniert hat:
Der Rauch
Das kleine Haus unter Bäumen am See.
Vom Dach steigt Rauch.
Fehlte er
Wie trostlos dann wären
Haus, Bäume und See.
Noch beklemmender als verlassene Orte sind solche, die man eigentlich bewohnt erwartet. Man hat sich im Wald verlaufen, sieht endlich ein Haus, aber es ist vernagelt und steht leer. Oder nach langer Odyssee in der Einöde oder Wüstenei stößt man endlich auf eine menschliche Siedlung, findet diese aber komplett verlassen vor. Wie schrecklich das ist, kann man kaum ermessen als satter Wohlstandbürger in komplexen urbanen Strukturen.
W. G. Sebald hat in der vierten und letzten längeren Erzählung seiner „Ausgewanderten“ den Verfall von Manchester in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts sehr anschaulich und bedrückend beschrieben; vor allem das eigentliche Zentrum so gut wie entvölkert und voller Ruinen, auch neuerer. Ausgerechnet die Stadt, von der aus die Industrialisierung ihren Siegeszug durch die ganze Welt antrat; erlebte nach der Weltwirtschaftskrise einen beispiellosen Niedergang; von sie sich über Jahrzehnte nicht erholte. Wie bei einem städtischen Palimpsest folgten Abrisse auf Abrisse; erst jetzt leben wieder 20.00 statt 2.000 Menschen in der Innenstadt; wenn die Zahlen stimmen sollten.
Es sind gerade die ganz großen Industriemetropolen, die unglaublich schnell wuchsen und deren Bevölkerungszahlen explodierten, die auch den größten Schwund erlebten. Als ich kürzlich den wunderbaren Film „Only Lovers Left Alive“ von Jim Jarmusch sah, wurde mir das wieder bewusst; denn der menschenscheue und melancholische Vampir und Komponist Adam lebt ausgerechnet in einer verfallenen Villa in einem heruntergekommenen Vorort von Detroit und nicht etwa in einem Schloss in Frankreich oder einem gediegenen Landhaus in England. Die Automobilindustrie hat die Stadt reich und berühmt gemacht; als sie verschwand, verlor man weit über die Hälfte seiner Einwohner, ganze Viertel verfielen und wurden abgerissen; teilweise entstand eine bizarre Mondlandschaft mitten in der Stadt, die Kriminalität ist mit die höchste in den Staaten. Ich weiß gar nicht, ob die amerikanische Gegenwartsliteratur das verarbeitet hat. Auch in Chicago wanderte die weiße Mittelschicht in die Vorstädte ab; die Stadt verlor fast eine Million Einwohner, scheint sich nun langsam zu erholen.
Für einen waschechten Ossi wie mich ist das auf kleinerer Flamme Alltag seit den über 50 Jahren meines Erdendaseins. Ich habe noch zu DDR-Zeiten hautnah den Verfall solcher Städte wie Halle (Saale); Leipzig oder Gera erlebt und nach der Wende den fast aller mitteldeutschen Kleinstädte; später den zeitlich versetzten in Polen, Tschechien und im gesamten alten Ostblock. Ich weiß nicht, ob ein Generationsgenosse einer vergleichbaren Peergroup aus dem Westen das ähnlich erlebt haben kann; diese vielen und vielfältigen Erfahrungen von Niedergang, Agonie und Verfall und emotional so viele trostlose Orte hat in sich aufnehmen und verarbeiten müssen. Weltsicht und Charakter bleiben davon nicht unberührt, das prägt und unterscheidet von anderen.
#5
Ich überlege jetzt schon länger, warum sich jemand wie ich nicht schon längst in einem Literaturforum angemeldet hat, da ich doch seit über 20 Jahren auch regelmäßig solche mit anderen Schwerpunkten frequentiere!? Das hat natürlich viele Gründe, deren einer sicher ist; dass man sich sein liebstes Hobby nicht durch zu viel Öffentlichkeit womöglich sauer machen lassen will. Und natürlich sind die wahren, die exzessiven Leser a-sozial aus Notwendigkeit; entweder wurden sie zum Leser durch Ausgrenzung und Isolation; oder das Lesen hat sie erst mit der Zeit aus der "realen" Welt verschleppt. Und nicht zuletzt sind es auch zu viele gute Tipps und Hinweise zu anderen Büchern, die man aus Zeitgründen nicht bewältigen kann; weil man selbst schon viel zu lange Lektürelisten führt und die hohen Stapel ungelesener Bücher schon umzukippen drohen. Und sind Leseratten als Forianer nicht vielleicht zu eigen und zu sensibel, zu feinnervig und zu schnell beleidigt? Die Kommunikation zwischen Menschen und sei es nur als virtuelle Leküroiden mit Avataren gestaltet sich doch sehr anders als die mit Buchseiten, die nur Antwort geben, wenn sie gefragt werden.
Die Erfahrung kürzlich, dass ich aus dem größten Literaturforum geworfen wurde, obwohl ich sechs Wochen lang nichts anderes tat als sachlich über Bücher und Literatur zu schreiben, zusammen mit anderen Usern das allgemeine Niveau nennenswert mit anzuheben und den Diskurs wieder in Gang zu bringen, hat mich trotz aller bereits vorhandenen Kenntnisse und empirischer Daten bezüglich der Fallstricke von Internetkommunikation sehr getroffen. Es gibt in unserer Gesellschaft keinen Ort mehr für wahrhafte Freiheit im Denken und Schreiben; es sei denn, er ist versteckt, klein genug und wird nur von wenigen mit ähnlichen Ansichten bezüglich diskursiven Wagens und Wägens besucht. Der wahre Intellektuelle ist der, der immer bereit ist zu lernen und seinen Blickwinkel zu erweitern; der Perspektivenwechsel erprobt und seine eigenen Standpunkte und Vorlieben periodisch kritisch hinterfragt und über sich als Mensch und Geistiger auch immer wieder lachen kann. Nur wer sich selbst nicht so wahnsinnig wichtig nimmt, egal wie gebildet oder belesen er ist; kann in einem Forum mit Gewinn existieren. Das sagt sich natürlich alles leicht, aber es bleibt schwer und bedeutet Arbeit, Mühe und Aneignung jeden Tag. Aber es lohnt sich.
Zitat von Salin im Beitrag #6
Da Inaktivität wahrscheinlich nicht der Grund für jenen Rauswurf war, vermute ich eine leichtsinnige Bemerkung, so etwas wie: Der Kaiser ist nackt.
Es war weitaus harmloser, wobei Yorick von den streitbaren Personen noch der Höflichste blieb.
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #5
Nur wer sich selbst nicht so wahnsinnig wichtig nimmt, egal wie gebildet oder belesen er ist; kann in einem Forum mit Gewinn existieren. Das sagt sich natürlich alles leicht, aber es bleibt schwer und bedeutet Arbeit, Mühe und Aneignung jeden Tag. Aber es lohnt sich.
Sich selbst nicht allzu wichtig zu nehmen (und auch über eigene Fehler lachen zu können), ist überhaupt die Kunst des Lebens und vermeidet viele Enttäuschungen in der Begegnung mit Menschen. Zwar mag man seine eigene Ansicht vertreten, sollte aber auch immer die der anderen akzeptieren, ohne diese „bekehren“ zu wollen. Das bedeutet nicht, sein Weltbild ändern zu müssen, wenn Überzeugungen bestehen, der Austausch bzw. die kontroverse Diskussion trägt aber immer dazu bei, dass sich die Horizonte weiten oder auch festgefahrenes Denken positiv gelockert wird. Oft ist vieles auch noch viel zu aktuell, um sich ein Urteil bilden zu können. Dann reagiert man häufig emotional und ordnet die Dinge im Nachhinein. Aber auch das ist sinnvoll und richtig und wesentlich besser, als sich selbst den eigenen Maulkorb zu verpassen. (Was die Zensur besonders liebt, sind Menschen, die sich selbst zensieren!)
Ich stimme zwar nicht überein mit dem moralischen Verweis darauf, dass der Mensch sich das Urteilen abgewöhnen sollte, denn ich halte Menschen, die nicht fähig sind, sich ein eigenes Urteil zu bilden, mit für die heutige Misere verantwortlich, weil diese sich dadurch umso williger durch fremde Meinung lenken lassen, befürworte aber verschiedene Herangehensweisen an bestimmte brisante Themen und vor allem den höflichen und respektablen Umgang im Miteinander. Die Diskussion ist gut, der persönliche Angriff unnötig. Mich haben allerdings immer Menschen gestört, die nicht fähig oder willens waren, ihre persönliche Meinung zu vertreten oder zu untermauern. Statt einem kritischen Gespräch wird dann das Schweigen vorgezogen, meistens dann, wenn es gerade auf den Austausch ankommt. Natürlich bleibt es jedem selbst überlassen, was er von sich gibt, trotzdem sehe ich hinter solcher Reaktion die typische zeitgeprägte Unsicherheit, was wiederum viel über unsere heutige ach so freie Gesellschaft aussagt. Andere fühlen sich persönlich beleidigt, wenn politische Überzeugungen nicht den ihren entsprechen, was letztendlich dann wieder lächerlich ist, denn die Politik über eine Freundschaft zu stellen, ist absurd, aber eben auch etwas, das die Gemüter seit jeher zum Kochen brachte und entzweite.
Die Übersensibilität, die überall Einzug gehalten hat, sowohl in Foren als auch in der modernen Gesellschaft per se, macht das Diskutieren natürlich auch nicht einfacher. Aber einem Forum wehmütig nachzublicken, das sich Mitgliedern gegenüber so verhalten und ihnen intellektuellen Snobismus vorgeworfen hat, nur weil man ein simples Gedicht hinterfragt hat, dass keinerlei Aufbau, Poesie oder Metrik zeigte, teilweise religiösen Fanatismus vermuten ließ und größtenteils in ständiger Wiederholung das belanglose Tagesgeschehen einfing: „Ich stehe auf, ich blicke aus dem Fenster, ich rufe dich, Vater …“ wäre mir keine Sekunde des Bedauerns wert, auch wenn ich verstehen kann, dass dich das mitgenommen hat.
Ich bin auch nicht der Ansicht, dass die tiefere Beschäftigung mit Büchern und Literatur den Menschen zu einem a-sozialen Wesen macht, dieser Begriff ist überhaupt schnell zur Hand, blickt man auf die vergangenen Jahre. Meistens wird er von jenen Sensiblen geäußert, die ihre Meinung nicht kundtun wollen, wenn sie nicht von der Masse bestätigt ist, und die gleichzeitig oft nicht schlagfertig genug sind, um auf Geäußertes zu reagieren. Diesen bleibt am Ende nur noch die moralische Keule oder der persönliche Angriff. Meiner Ansicht nach wurden die Netiquette in dem von dir genannten Literaturforum nur von einer Seite nicht eingehalten, und das war die der Administration.
Natürlich bestimmt jedes Forum selbst, was akzeptiert wird und was nicht, und die Flut in großen Foren bringt mit sich, dass statt des tieferen Austauschs lieber das oberflächliche, aber politisch Korrekte dominiert, damit sich keiner in irgendeiner Form angegriffen fühlt. - Nun, das haben sie ja jetzt wieder. Ein Gewinn ist es nicht.
#8
Zitat von Taxine im Beitrag #7Zitat von Salin im Beitrag #6
Da Inaktivität wahrscheinlich nicht der Grund für jenen Rauswurf war, vermute ich eine leichtsinnige Bemerkung, so etwas wie: Der Kaiser ist nackt.
Es war weitaus harmloser, wobei Yorick von den streitbaren Personen noch der Höflichste blieb.
Nun gut, das war auch nur der letzte Auslöser. Ich hatte ja vorher ein paar Sachen zur Forumskultur geäußert und damit sowohl die Forenbetreiber als auch die Handvoll Lokalmatadoren vor den Kopf gestoßen, indem ich ihnen den Spiegel vorhielt. Das kommt selten gut an.
Zitat von Taxine im Beitrag #7Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #5
Nur wer sich selbst nicht so wahnsinnig wichtig nimmt, egal wie gebildet oder belesen er ist; kann in einem Forum mit Gewinn existieren. Das sagt sich natürlich alles leicht, aber es bleibt schwer und bedeutet Arbeit, Mühe und Aneignung jeden Tag. Aber es lohnt sich.
Sich selbst nicht allzu wichtig zu nehmen (und auch über eigene Fehler lachen zu können), ist überhaupt die Kunst des Lebens und vermeidet viele Enttäuschungen in der Begegnung mit Menschen. Zwar mag man seine eigene Ansicht vertreten, sollte aber auch immer die der anderen akzeptieren, ohne diese „bekehren“ zu wollen. Das bedeutet nicht, sein Weltbild ändern zu müssen, wenn Überzeugungen bestehen, der Austausch bzw. die kontroverse Diskussion trägt aber immer dazu bei, dass sich die Horizonte weiten oder auch festgefahrenes Denken positiv gelockert wird. Oft ist vieles auch noch viel zu aktuell, um sich ein Urteil bilden zu können. Dann reagiert man häufig emotional und ordnet die Dinge im Nachhinein. Aber auch das ist sinnvoll und richtig und wesentlich besser, als sich selbst den eigenen Maulkorb zu verpassen. (Was die Zensur besonders liebt, sind Menschen, die sich selbst zensieren!)
Ich stimme zwar nicht überein mit dem moralischen Verweis darauf, dass der Mensch sich das Urteilen abgewöhnen sollte, denn ich halte Menschen, die nicht fähig sind, sich ein eigenes Urteil zu bilden, mit für die heutige Misere verantwortlich, weil diese sich dadurch umso williger durch fremde Meinung lenken lassen, befürworte aber verschiedene Herangehensweisen an bestimmte brisante Themen und vor allem den höflichen und respektablen Umgang im Miteinander. Die Diskussion ist gut, der persönliche Angriff unnötig. Mich haben allerdings immer Menschen gestört, die nicht fähig oder willens waren, ihre persönliche Meinung zu vertreten oder zu untermauern. Statt einem kritischen Gespräch wird dann das Schweigen vorgezogen, meistens dann, wenn es gerade auf den Austausch ankommt. Natürlich bleibt es jedem selbst überlassen, was er von sich gibt, trotzdem sehe ich hinter solcher Reaktion die typische zeitgeprägte Unsicherheit, was wiederum viel über unsere heutige ach so freie Gesellschaft aussagt. Andere fühlen sich persönlich beleidigt, wenn politische Überzeugungen nicht den ihren entsprechen, was letztendlich dann wieder lächerlich ist, denn die Politik über eine Freundschaft zu stellen, ist absurd, aber eben auch etwas, das die Gemüter seit jeher zum Kochen brachte und entzweite.
Hier kann ich nur zu allem wieder so nicken, dass es mir schwindelt. Ich halte nicht nur Urteile für wichtig und den Mut zur Überprüfung im Diskurs, ich rede auch Vor-Urteilen das Wort, weil sie menschlich sind, solange man sie immer wieder an der Realität misst.
Zitat von Taxine im Beitrag #7
Die Übersensibilität, die überall Einzug gehalten hat, sowohl in Foren als auch in der modernen Gesellschaft per se, macht das Diskutieren natürlich auch nicht einfacher. Aber einem Forum wehmütig nachzublicken, das sich Mitgliedern gegenüber so verhalten und ihnen intellektuellen Snobismus vorgeworfen hat, nur weil man ein simples Gedicht hinterfragt hat, dass keinerlei Aufbau, Poesie oder Metrik zeigte, teilweise religiösen Fanatismus vermuten ließ und größtenteils in ständiger Wiederholung das belanglose Tagesgeschehen einfing: „Ich stehe auf, ich blicke aus dem Fenster, ich rufe dich, Vater …“ wäre mir keine Sekunde des Bedauerns wert, auch wenn ich verstehen kann, dass dich das mitgenommen hat.
Nein, ich weine dem Forum auch keine Träne nach und würde, selbst wenn man mich händeringend wiederhaben wollte und mir Geld und Jungfrauen böte, niemals zurückkehren. Vielleicht überlegte ich eine Sekunde beim Neudruck von August Wilhelm Schlegels Sämtlichen Werken in 16 Bänden bei Olms oder der Kritischen Ausgabe seines Bruders, von der 35 Bände bei Schöningh (Brill) erscheinen sollen. Nein, mich hat das auch nicht persönlich getroffen; auch wenn ich wirklich gegen keine Forenregel verstoßen habe und früher oft genug wesentlich offensiver aufgetreten bin anderswo. Mich hat geradezu erschüttert, dass man einen verkorksten "Dichter", der sich noch nicht einmal persönlich eingebracht hatte ins Forum, unter dem Deckmantel von Höflichkeitsregeln unter Artenschutz stellte, während man einen äußerst aktiven User, der das Forum mit zwei, drei anderen inhaltlich vorangebracht hat, lebenslang sperrt, weil er eine sachliche Kritik an einem "Gedicht" äußerte. Das widerspricht so derart jeder Vernunft und Verhältnismäßigkeit; dass ich es noch immer nicht begreifen kann. Mag sein, dass die Verantwortlichen intellektuell und emotional überfordert waren; mag sein, sie wollten es gerne wieder so ruhig wie vor meinem Erscheinen haben; aber das hehre Ziel eines Literaturforums hätte doch über allen persönlichen Befindlichkeiten und jedem Machtgehabe stehen müssen. So als Spiegel der Gesellschaft hat mich es schon bestürzt - "Moral" und "Rücksichtnahmen" thronen über jeder rein inhaltlichen Erwägung. So kann es keine Zukunft geben.
Zitat von Taxine im Beitrag #7
Ich bin auch nicht der Ansicht, dass die tiefere Beschäftigung mit Büchern und Literatur den Menschen zu einem a-sozialen Wesen macht, dieser Begriff ist überhaupt schnell zur Hand, blickt man auf die vergangenen Jahre. Meistens wird er von jenen Sensiblen geäußert, die ihre Meinung nicht kundtun wollen, wenn sie nicht von der Masse bestätigt ist, und die gleichzeitig oft nicht schlagfertig genug sind, um auf Geäußertes zu reagieren. Diesen bleibt am Ende nur noch die moralische Keule oder der persönliche Angriff. Meiner Ansicht nach wurden die Netiquette in dem von dir genannten Literaturforum nur von einer Seite nicht eingehalten, und das war die der Administration.
Nun, ich persönlich denke schon, dass besessene Leser irgendwie mit dem Leben und dem Sozialen hadern. Ich zitiere hier gerne meinen Liebling Houellebecq aus seinem Büchlein über H.P. Lovecraft:
„Wer das Leben liebt, liest nicht. Und geht erst recht nicht ins Kino. Was immer auch darüber gesagt wird, der Zugang zum künstlerischen Universum ist mehr oder weniger für jene reserviert, die ein wenig die Schnauze voll haben. (Gegen die Welt, gegen das Leben, S.13)
Dessen unerachtet schlägt dem Belesenen natürlich stets das Misstrauen des weniger Belesenen entgegen; die Ressentiments der durchschnittlichen Masse gegen das tatsächliche oder vermeintliche "Höhere" sind extrem ausgeprägt in unserer Zeit, die das Mediokre zur Gottheit erhob und den Egalitarismus wie einen Götzendienst treibt, schlimmer beinahe als in Kommunismus und Faschismus. Statt zuzuhören und zu lernen, regt sich sofort Widerstand und man verlangt vom Kundigen im Grunde, er möchte sich für seine Bildung oder sein Schreibvermögen entschuldigen. Wir erleben hier eine Kulturrevolution maoistischen Charakters, aber subtiler und letztlich wirkungsvoller. Vielleicht bekomme ich meinen Essay darüber irgendwann einmal fertig.
Zitat von Taxine im Beitrag #7
Natürlich bestimmt jedes Forum selbst, was akzeptiert wird und was nicht, und die Flut in großen Foren bringt mit sich, dass statt des tieferen Austauschs lieber das oberflächliche, aber politisch Korrekte dominiert, damit sich keiner in irgendeiner Form angegriffen fühlt. - Nun, das haben sie ja jetzt wieder. Ein Gewinn ist es nicht.
Vielleicht ist das eben eine Art Naturgesetz der virtuellen Kommunikation. Je größer eine Diskursgemeinschaft, desto unmöglicher ein solcher Diskurs auf hohem Niveau bei weitgehender Toleranz in Sachfragen. Es gibt ja in der Anthropologie die sogenannte
Dunbar-Zahl, die besagt, "dass Menschen stabile soziale Beziehungen zu maximal etwa 150 Personen pflegen können. Diese Obergrenze basiert auf der kognitiven Fähigkeit des Gehirns und der Größe von sozialen Netzwerken. Über dieser Schwelle werden formalisierte Regeln, Strukturen und Normen erforderlich, um den Zusammenhalt aufrechtzuerhalten." Und man darf sich auch nichts vormachen: Die Majorität der Menschen ist nicht zum Denken und für den Diskurs geschaffen, wir verdanken alle "Fortschritte" in Naturwissenschaften, Technik, Kunst und Kultur einigen wenigen großen Geistern. Früher wird das nicht anders gewesen sein, aber die Zirkel waren eben kleiner und man traf persönlich aufeinander. Die neuen Medien der letzten Jahrzehnte, in denen sich wirklich jeder mitteilen kann, lassen da keinerlei Spielraum mehr für Solitäre. Es bleibt nur die Flucht in die Nische, ein neues Biedermeier.
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #8
Dessen unerachtet schlägt dem Belesenen natürlich stets das Misstrauen des weniger Belesenen entgegen; die Ressentiments der durchschnittlichen Masse gegen das tatsächliche oder vermeintliche "Höhere" sind extrem ausgeprägt in unserer Zeit, die das Mediokre zur Gottheit erhob und den Egalitarismus wie einen Götzendienst treibt, schlimmer beinahe als in Kommunismus und Faschismus. Statt zuzuhören und zu lernen, regt sich sofort Widerstand und man verlangt vom Kundigen im Grunde, er möchte sich für seine Bildung oder sein Schreibvermögen entschuldigen.
Da regt sich nicht nur Widerstand und Abneigung. Es ist ein seltsames Von-Vornherein-Ablehnen, als würden die Menschen in Feuer fassen, bei allem, was ihrer gemächlichen Denkweise zuwiderläuft. Statt Zuzuhören und, von mir aus, im Anschluss nicht zuzustimmen, wird komplett verbarrikadiert, im Sinne: "Ich will das nicht hören", und nicht nur das, dann auch noch ohne Scheu und Scham offen und mit Überzeugung kommuniziert, dass man etwas ablehnt, mit dem man sich noch gar nicht beschäftigt hat, als wäre das nicht die Voraussetzung für das Verstehen. Das nannte man früher Dummheit. Heute wird diesen Menschen von ähnlich Agierenden enthusiastisch auf die Schulter geklopft und "Bravo" gerufen, "Wir sind die Herren der Moral und des Anstands". Da wundert einen das Restliche dann auch nicht mehr, und besonders freuen wird es die, die genau diese Sorte Menschen benötigt, fast könnte man sagen, heranzüchtet.
P. S. Das Houellebecq-Zitat ist großartig. In diesem Sinne lässt sich das A-Soziale tatsächlich besser nachvollziehen.
#10
Diese Tag mit Frost und Schnee frage ich mich 83 Jahre später wieder, was die Landser und Rotarmisten, oft nur eine Häusermauer oder einen Straßenzug voneinander getrennt; frierend und hungernd bei bis zu 40 Grad minus durchmachen mussten, die gegen etliche Krankheiten und Mangelerscheinungen kämpften und "nebenbei" auch noch Krieg führen mussten gegeneinander; mit erfrorenen Füßen in nassen Stiefeln zum Angriff stürmen, die nackten Maschinenpistolen in erfrorenen Händen; überall Leichen und Kadaver, Flugzeugangriffe und Artillerieüberfälle, detonierende Handgranaten und kein Ende des Irrsinns in Sicht.
Literarisch haben wir bezüglich der Schlacht von Stalingrad natürlich die drei Romane Wassili Grossmans und Wiktor Nekrassows Stalingrad, an welches Buch ich mich gar nicht mehr so richtig erinnere; natürlich las ich als Jugendlicher auch begeistert die Romane Konstantin Simonows. Das wird aber alles nur die Speerspitze russischer und sowjetischer Literatur sein, was sonst in der UDSSR darüber noch geschrieben wurde, drang selten bis hierher. In der deutschen wartet man auf den großen Roman zu Stalingrad bis heute, im Grunde auf jeden, der die Zeit des Europäischen Bürgerkrieges 1914-1945 (Ernst Nolte) auf hohem Niveau behandelt. Theodor Plievier las ich wie Millionen andere auch in meiner Jugend, aber das ist eher ein dokumentarischer Zeitzeugenroman und als solcher enorm wichig, aber keine große Literatur. Der gleiche Befund mag für den eher als Film berühmten Roman Hunde, wollt ihr ewig leben? von Fritz Wöss gelten, ohne dass ich ihn für gering erachte.
Dass ein deutscher Schriftsteller sich an ein solches Thema wagte, zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre darauf verwendet und schließlich erwartbar Schiffbruch erleidet in der moralbesoffenen und schuldbesessenen bundesdeutschen Gesellschaft, ist schwer vorstellbar. In Jonathan Littells Geniestreich Die Wohlgesinnten spielt die Schlacht um Stalingrad eine entscheidende Rolle und schon er hatte es schwer, obwohl er "ein französischer Schriftsteller amerikanischer Herkunft" war und aus einer jüdischen Familie mit osteuropäischen Wurzeln stammte. Man stelle sich einen alten weißen heterosexuellen saturierten deutschen Intellektuellen vor, der aus deutscher Perspektive über die Soldaten, Offiziere, Generäle schriebe; über deren Familien daheim; über die Schlacht, das Schlachten und die Gefangenschaft danach. Ein Lebensbericht aus der Feder von einem der 6000 Deutschen, die das Inferno überlebt hatten und erst 1955 wiederkamen. Unvorstellbar.
P.S. Beim Recherchieren stoße ich auf den Roman "Stalingrad: Die Einsamkeit vor dem Sterben" (2023) von Christoph Fromm, der mir nicht bekannt ist.
#11
Zitat von Salin im Beitrag #6
Da Inaktivität wahrscheinlich nicht der Grund für jenen Rauswurf war, vermute ich eine leichtsinnige Bemerkung, so etwas wie: Der Kaiser ist nackt.
Nein, das muss ich hier noch ergänzen; eher die Hyperaktivität. Über 500 Beiträge in sechs Wochen, das war vielleicht auch zuviel des Guten oder Schlechten. Das leidige Problem, wenn sich zuviel angestaut hat, das nicht abfließen kann. Im Jahr 2012 hatte ich im August einen schweren Unfall, in Folge dessen ich meine Hundezucht aufgeben musste, weil ich ein halbes Jahr lang lag und dann noch drei Monate brauchte, um wieder gehen zu lernen. Meine damalige Freundin verließ mich und ich war also so richtig am Arsch, mir ging es hundeelend, weniger gut gelaunte Frohnaturen hätten sicher schon den einen oder anderen Gedanken gehabt. Ich aber sah im September auf Sky Unitel Classica einen älteren Herrn mit zurückgekämmtem Haar und majestätischen Gesten im Sitzen die 6., 7. und 8. Sinfonie von Anton Bruckner dirigieren, das mir die Tränen kamen und der Lebensmut sich wieder einstellte. Sergiu Celibidache hat mir mit den Münchner Philharmonikern das Leben gerettet, übrigens zeitgleich auch Asaf Avidan mit dem "One Day/Reckoning Song", literarisches Lebenselixier wurde Uwe Tellkamps "Turm".
Und so meldete ich mich beim größten Klassikforum damals an und bis zum Advent hatte ich schon über 1000 Beiträge geschrieben. Ich konnte bis dahin mit niemandem über meine Hörsitzungen, Vorlieben und Sammlungen sprechen; in meinem Umfeld gab es niemanden, der Klassik hörte. Dass nun alles aus mir rauswollte, was sich über Jahrzehnte angesammelt hatte, ist natürlich verständlich, für ein Forum aber kontraproduktiv; weil es alle Beteiligten überforderte. Das musste ich erst mühsam lernen, ich glaube aber, so ganz habe ich das noch immer nicht im Griff. Rausgeflogen bin ich übrigens aus diesem angeblich stockkonservativen Forum, weil ich Richard Wagner, Richard Strauss, Hans Pfitzner und Wilhelm Furtwängler in Schutz nahm vor zu einseitigen und undifferenzierten Urteilen wegen ihrer "Verstrickungen" in das NS-Regime, während gleichzeitig ein Schostakowitsch in keiner Weise derart hinterfragt wurde. Zu letzerem übrigens ganz erklecklich der Roman „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes, den ich auch sonst gerne mag.
#12
Überlegt, ob ich ein ignoranter Sexist bin: Ich lese natürlich unregelmäßig Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) und es gab eine Zeit, da ich intensiv Theodor Lessing (1872-1933) las; von Doris Lessing (1919-2013), immerhin Nobelpreisträgerin, las ich noch keine Zeile. Desgleichen lese ich nach wie vor Stefan Zweig (1881-1942) und ich las früher Arnold Zweig (1887-1968), aber von Stefanie Zweig (1932-2014) kenne ich kein einziges Buch. Wahrscheinlich ließe sich diese Liste fortsetzen. Und jetzt teert und federt mich, gebt mir Tiernamen; verlacht und verspottet mich, pinkelt mir ans Bein, werft mit Hundekot ...
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #11
Im Jahr 2012 hatte ich im August einen schweren Unfall, in Folge dessen ich meine Hundezucht aufgeben musste, weil ich ein halbes Jahr lang lag und dann noch drei Monate brauchte, um wieder gehen zu lernen. Meine damalige Freundin verließ mich und ich war also so richtig am Arsch, mir ging es hundeelend, weniger gut gelaunte Frohnaturen hätten sicher schon den einen oder anderen Gedanken gehabt. Ich aber sah im September auf Sky Unitel Classica einen älteren Herrn mit zurückgekämmtem Haar und majestätischen Gesten im Sitzen die 6., 7. und 8. Sinfonie von Anton Bruckner dirigieren, das mir die Tränen kamen und der Lebensmut sich wieder einstellte. Sergiu Celibidache hat mir mit den Münchner Philharmonikern das Leben gerettet, übrigens zeitgleich auch Asaf Avidan mit dem "One Day/Reckoning Song", literarisches Lebenselixier wurde Uwe Tellkamps "Turm".
Das tut mir leid, zu hören. Dann stimmt es also, dass Musik und Literatur in so schweren Zeiten ein Seelentrost sein können. Gerade klassische Musik nehme ich beispielsweise sehr emotional auf, benötige Ruhe und Zeit für diesen Genuss des Hörens. Sie bewegt mich tief, wühlt mich auf, dass diese, auch ohne die traurigen Momente, die eine oder andere Träne auslöst. Nach dem Verlust eines geliebten Menschen konnte ich diese Musik gar nicht hören. Nur die Stille gab mir Trost. Literatur dagegen hat mir oft über solche Zeiten hinweggeholfen, natürlich auch das Schreiben und Malen.
Uwe Tellkamps "Turm" steht bei mir seit langem ungelesen im Regal. Den habe ich tatsächlich noch nicht geschafft und immer wieder hinausgeschoben. Vielleicht gelingt mir das Lesen ja dieses Jahr.

Dein Erlebnis mit deiner Freundin erklärt nun auch ein bisschen mehr, warum dein Blick auf Frauen oft so skeptisch ist. Das kann ich gut verstehen. Ich finde aber nicht, dass man sich zwingen muss, Frauen zu lesen, um nicht "sexistisch" zu wirken. Ich, als Frau, bevorzuge oft die männlichen Schriftsteller, weil sie mich in Werk und Stil ansprechen. Tatsächlich habe ich zu einigen Schriftstellerinnen erst relativ spät gefunden und darunter natürlich auch einige entdeckt, die ich sehr liebe. In diesem Sinne stimmt es, dass die Frau früher in der Literatur unterpräsentiert war, was sich aber mittlerweile stark verändert hat, mit einigen erstaunlichen Entdeckungen, die den Platz neben den großen männlichen Schriftstellern mehr als verdient haben.
Andererseits habe ich die Frau schon immer als gleichberechtigt neben dem Mann in der Literatur empfunden. Als ich Tolstoi las, las ich auch Sofias Werke und Tagebücher, um beide Sichtweisen zu vergleichen. Als ich Dostojewskis Werk und Leben inhalierte, gaben die Tagebücher seiner Frau viel mehr über ihn preis als er es je hätte zeigen können. Als ich Sartre las, war Beauvoir der Ausgleich, und die oft noch besser (aber nie als Camus). Gerne gelesen habe ich gleichfalls schon früh Ingeborg Bachmann, Sylvia Plath, Undine Gruenter, Clarice Lispector, Olga Tokarczuk, Judith Hermann, Sibylle Lewitscharoff, Lucia Berlin, Jean Rhys, Annie Dillard, Claire Goll, Leonora Carrington, Han Kang, Magdalena Tulli, Libuse Monikova usw, um nur einige zu nennen, wobei die Werke von Shelley, den Brontës, Sand, Eliot (alias Mary Ann Evans), Woolf, Burnett, Salomé, Schubin (alias Aloisia Kirschner) und die Russinnen wie Mandelstam, Ginsberg, Zwetajewa, Achmatowa, Tschukowskaja usw. usf. sowieso immer dazugehörten, die aus bekannten Gründen vielseitig in der Literatur vertreten waren.
#14
Zitat von Taxine im Beitrag #13
Das tut mir leid, zu hören. Dann stimmt es also, dass Musik und Literatur in so schweren Zeiten ein Seelentrost sein können. Gerade klassische Musik nehme ich beispielsweise sehr emotional auf, benötige Ruhe und Zeit für diesen Genuss des Hörens. Sie bewegt mich tief, wühlt mich auf, dass diese, auch ohne die traurigen Momente, die eine oder andere Träne auslöst. Nach dem Verlust eines geliebten Menschen konnte ich diese Musik gar nicht hören. Nur die Stille gab mir Trost. Literatur dagegen hat mir oft über solche Zeiten hinweggeholfen, natürlich auch das Schreiben und Malen.
Ja, unbedingt. Bei mir immer mal wieder, aber manchmal braucht es auch einfach Zeit, Alkohol, Tabak oder eine neue Liebe. Alleine schafft man es aber selten, ich hatte immer eine Familie (Vater, Mutter, Bruder), die hinter mir stand. Die Stille freilich, das ist ein eigenes Thema; ich habe sehr oft über sie geschrieben, meine größte Sehnsucht ...
Zitat von Taxine im Beitrag #13
Uwe Tellkamps "Turm" steht bei mir seit langem ungelesen im Regal. Den habe ich tatsächlich noch nicht geschafft und immer wieder hinausgeschoben. Vielleicht gelingt mir das Lesen ja dieses Jahr.
Ich glaube, man muss in der DDR gelebt haben; um das Buch richtig genießen zu können. Bei mir machte es die Mischung aus der eigenen Biografie, der bei uns auf dem Dorf nicht gekannten sozialistischen Bürgerlichkeit bei Dresdner Medizinern und die Sprache, die aus den Vergangenheiten schöpfte.
Zitat von Taxine im Beitrag #13
Dein Erlebnis mit deiner Freundin erklärt nun auch ein bisschen mehr, warum dein Blick auf Frauen oft so skeptisch ist. Das kann ich gut verstehen.
Es wäre wirklich schade, wenn dieser Eindruck entstünde. Ich bin Skeptiker, ja; aber bezüglich aller Menschen und damit auch beider Geschlechter. Natürlich wirken Enttäuschungen mit Frauen stärker nach, aber genauso mag es ihnen ja auch mit mir gegangen sein. Dass mich meine damalige Freundin verließ, war nur folgerichtig: Sie züchtete Pferde, ich Schäferhunde; wir liebten die Natur und auch alles andere lief so unkompliziert ab, dass es eigentlich nichts zu beanstanden gab. Nur dass sie nicht verstand, wenn ich abends Lohengrin hörte oder Thomas Mann las; und ich nicht, dass sie Dschungelcamp und Deutschland sucht den Superstar im Fernsehen sah. Das wären auf Dauer unüberbrückbare Gegensätze gewesen.
Zitat von Taxine im Beitrag #13
Ich finde aber nicht, dass man sich zwingen muss, Frauen zu lesen, um nicht "sexistisch" zu wirken.
Das war jetzt auch eher humoristisch gemeint, weil mir das bei den gleichen Namen so auffiel. :)
Zitat von Taxine im Beitrag #13
Ich, als Frau, bevorzuge oft die männlichen Schriftsteller, weil sie mich in Werk und Stil ansprechen. Tatsächlich habe ich zu einigen Schriftstellerinnen erst relativ spät gefunden und darunter natürlich auch einige entdeckt, die ich sehr liebe. In diesem Sinne stimmt es, dass die Frau früher in der Literatur unterpräsentiert war, was sich aber mittlerweile stark verändert hat, mit einigen erstaunlichen Entdeckungen, die den Platz neben den großen männlichen Schriftstellern mehr als verdient haben.
Andererseits habe ich die Frau schon immer als gleichberechtigt neben dem Mann in der Literatur empfunden. Als ich Tolstoi las, las ich auch Sofias Werke und Tagebücher, um beide Sichtweisen zu vergleichen. Als ich Dostojewskis Werk und Leben inhalierte, gaben die Tagebücher seiner Frau viel mehr über ihn preis als er es je hätte zeigen können. Als ich Sartre las, war Beauvoir der Ausgleich, und die oft noch besser (aber nie als Camus). Gerne gelesen habe ich gleichfalls schon früh Ingeborg Bachmann, Sylvia Plath, Undine Gruenter, Clarice Lispector, Olga Tokarczuk, Judith Hermann, Sibylle Lewitscharoff, Lucia Berlin, Jean Rhys, Annie Dillard, Claire Goll, Leonora Carrington, Han Kang, Magdalena Tulli, Libuse Monikova usw, um nur einige zu nennen, wobei die Werke von Shelley, den Brontës, Sand, Eliot (alias Mary Ann Evans), Woolf, Burnett, Salomé, Schubin (alias Aloisia Kirschner) und die Russinnen wie Mandelstam, Ginsberg, Zwetajewa, Achmatowa, Tschukowskaja usw. usf. sowieso immer dazugehörten, die aus bekannten Gründen vielseitig in der Literatur vertreten waren.
Das ist bei mir nicht anders. Natürlich las und lese ich mehr Männer, weil einfach mehr meiner Geschlechtsgenossen mit ihren Büchern auf uns gekommen sind und ich als Mann mit ihnen sehr zentrale Themen teile, aber die Liste "meiner Frauen" ist lang, hier auf die Schnelle unystematisch und unvollständig, das wäre einen eigenen Thread wert. Ich fette mal die mir besonders wichtigen Damen.
• Agatha Christie
• Anaïs Nin
• Anna Seghers
• Anne Rice
• Annette von Droste-Hülshoff
• Astrid Lindgren
• Benoîte Groult
• Bertha von Suttner
• Bettina von Arnim
• Brigitte Reimann
• Charlotte Brontë
• Christa Wolf
• Christine Brückner
• Daniela Danz
• Daniela Krien
• Daphne du Maurier
• Dorothee Elmiger
• Dörte Hansen
• Elfriede Jelinek
• Elisabeth Langgässer
• Else Lasker-Schüler
• Emily Brontë
• Emily Dickinson
• Erika Mann
• Eva Strittmatter
• Friederike Mayröcker
• Gabriele Haefs
• George Eliot
• George Sand
• Gertrud von le Fort
• Gertrude Stein
• Gisela Steineckert
• Grete Weil
• Gudrun Pausewang
• Hannah Arendt
• Harper Lee
• Harriet Beecher-Stowe
• Helga Schubert
• Herta Müller
• Hilde Domin
• Hildegard von Bingen
• Ildikó von Kürthy
• Ilse Aichinger
• Ingeborg Bachmann
• Ingrid Noll
• Irmtraut Morgner
• Isabel Allende
• Jane Austen
• Jenny Erpenbeck
• Johanna Spyri
• Judith Hermann
• Judith Schalansky
• Juli Zeh
• Karoline von Günderrode
• Katherine Mansfield
• Liselotte Welskopf-Henrich
• Luise Rinser
• Madame de Staël
• Margaret Atwood
• Margaret Mitchell
• Marguerite Duras
• Marie Luise Kaschnitz
• Marie von Ebner-Eschenbach
• Marion Zimmer Bradley
• Marlen Haushofer
• Mary Shelley
• Mascha Kaléko
• Maxie Wander
• Monika Maron
• Nelly Sachs
• Nino Haratischwili
• Olga Tokarczuk
• Pat Barker
• Patricia Highsmith
• Rahel Varnhagen von Ense
• Ricarda Huch
• Rosa Luxemburg
• Rose Ausländer
• Rosemarie Schuder
• Sappho
• Sarah Kirsch
• Selma Lagerlöf
• Sibylle Berg
• Sibylle Lewitscharoff
• Simone de Beauvoir
• Sophie von La Roche
• Susan Sontag
• Sylvia Plath
• Terézia Mora
• Thea Dorn
• Tove Ditlevsen
• Ulla Hahn
• Virginia Woolf
• Zadie Smith
Es gibt Unterschiede, wie Männer und Frauen schreiben; nur die ganz großen kann man nicht gleich einem Geschlecht zuordnen, finde ich. Aber das ist wie gesagt ein eigenes Thema.
Schöne Liste. Siehst du, da liest du doch tatsächlich wesentlich mehr Frauen als ich. Herta Müller und Marlen Haushofer schätze ich auch sehr, ebenso Jelinek, die ich vergaß. Maron wiederum hat mich in ihren späteren Romanen immer mehr enttäuscht, und von Mora mag ich nur, das aber umso mehr, ihr Werk "Alle Tage". Überhaupt gibt es noch so viele, die momentan aus dem Gedächtnis sind, aber wohl nach und nach wieder auftauchen werden. 
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