Kleinigkeiten in Wörtern und Sätzen - mit beschränkter Haftung ...
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Die Baker Street als Lebensmodell
Natürlich haben mich als Kind und Jugendlicher auch die eigentlichen Kriminalfälle interessiert bei den Romanen und Erzählungen mit Sherlock Holmes und Dr. Watson aus der Feder von Arthur Conan Doyle; insbesondere auch der besondere Charakter des Detektivs, des allen überlegenen scharfen Denkers, der Drogen nahm und Violine spielte. Aber schon damals fühlte ich mich eher in den Doktor ein und ganz besonders in den Bruder Mycroft Holmes, denn dessen schütteres Haar, dessen fülliger Leib, dessen Phlegma, Ehrgeizlosigkeit und Lebensstil sagten mir viel mehr zu, sie stimmten sozusagen mehr zu mir. Denn dieser Bruder verbrachte seine Zeit fast ausschließlich müßig in einem exklusiven Londoner Klub, in den nur wohlhabende ungesellige Junggesellen eintreten durften. Man las Zeitung oder Bücher; sprach hochprozentigen geistigen Getränken zu und rauchte dicke Zigarren; Frauen hatten natürlich keinen Zutritt. Ja, man liest richtig, es war das Paradies.
Aber auch die Wohnvereinbarung zwischen Holmes und Watson in der 221B Baker Street bei Mrs. Hudson mochte ich sehr gerne. Jeder hatte sein eigenes Zimmer; ein Wohnzimmer mit Kamin, Büchern etc. teilte man sich, wo man las, rauchte und sich unterhielt. Für die Dinge des Alltags wie Speise und Trank sorgte die umsichtige Vermieterin; die sicher auch das Putzen besorgte und Erledigungen tätigte. Nicht erst im köstlichen Film Das Privatleben des Sherlock Holmes von Billy Wilder aus dem Jahr 1970 nutzte man das Arrangement für Anspielungen auf die sexuelle Ausrichtung der Protagonisten; während uns natürlich klar ist; dass zwei Männer unter einem Dach nicht automatisch dem Eros des anderen erliegen, sondern ihren Zeiten gemäß leben. Wenn ich nicht aus welchem Grund auch immer verheiratet wäre; könnte ich mir so eine Existenz mit einem sehr guten Freunde auch sehr gut vorstellen. Ein Hund müsste noch dabei sein und zum Großbildfernseher im Wohnzimmer bräuchte es natürlich im eigenen Zimmer auch noch einen; wenn man in Ruhe Fußball schauen will oder aus Versehen in den Bereich der Erwachsenenunterhaltung zappt.
#3
Das nur eingebildete Volk der Dichter und Denker und die nach wie vor nicht vollzogene Einheit - beides spiegelt kaum etwas anderes besser wider als die Geschichte der "Peter-Sodann-Bibliothek", die 1990 vom dem bekannten namensgebenden Schauspieler begründet wurde und die derzeit nach mehreren Umzügen vor dem Aus steht, weil die Finanzierung durch Land und Bund nicht gewährleistet ist. Die praktisch komplette Sammlung von Büchern aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR dürfte weltweit einzigartig sein, allein ein abgeschlossenes Sammelgebiet ist in dieser Größenordnung buchgeschichtlich singulär.
Nicht nur Peter Sodann hat mit Tränen in den Augen und voller Empörung gesehen, wie man Bücher tonnenweise auf den Müllhalden entsorgt hat, um in den Lagerhallen Platz für die westdeutsche Produktion zu schaffen. Auch ich war mehrfach dabei und ich habe sogar verstanden, dass die meisten ehemaligen DDR-Bürger eben in den Monaten und Jahren nach der Wende Westbücher haben wollten und die eigene Literatur praktisch über Nacht vergaßen, so erging es Nahrungsmitteln, Autos, Unterhaltungselektronik und so weiter ja auch. Aber später, als ein Umdenken einsetzte und man begriff, dass die eigene Vergangenheit und Geschichte einen hohen Wert hat, hätte eine Unternehmung wie das einer einzigartigen Bibliothek der DDR jede Förderung erfahren müssen von allen möglichen staatlichen und nichtstaatlichen Stellen.
Aber mehr als ein wenig Präsenz bei offiziellen Anlässen war nie drin. Seit 2024 ist die Zukunft erneut ungewiss, weil verschiedene Anträge zur Förderung allesamt gescheitert waren. In unserem vereinten Deutschland gibt es Geldmittel in unglaublicher Höhe für Gender oder Postcolonial Studies, klimaideologische Institutionen; für alte und neue Orchideenfächer; aber für die Erhaltung des kulturellen Erbes der DDR ist kein Geld da; das ohnehin schon angeschlagene kulturelle Gedächtnis funktioniert institutionell nur noch im Westen. Dabei müssten sich Bund und Ländern um eine Förderung reißen, die EU müsste sich vordrängeln und die UNESCO müsste händeringend um die Aufnahme in ihr Weltdokumentenerbe betteln. Man sieht, ich fantasiere; aber nicht ich bin der Delirierende, sondern die alte sterbende Welt, die ihre Bücher und mit ihnen die Menschen vergisst.
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