Kleinigkeiten in Wörtern und Sätzen - mit beschränkter Haftung ...
#46
Was habe ich früher in meinen Deutsch-Leistungskursen gekämpft, der versammelten Schülerschaft die Augen zu öffnen; dass weder Alexej Karenin noch Innstetten noch Charles Bovary ein Bösewicht war und dass die gemeine Lesart der Moderne, die Frauen seien die unschuldigen Opfer dieser Männer und der gesellschaftlichen Verhältnisse, letztlich nicht zu halten ist und lediglich Ausdruck einer Ideologie des Zeitgeistes. Fontane selbst hat seinen traurigen Helden in Schutz genommen vor den ungerechten Urteilen seiner Leserinnen, Michael Köhlmeier hat in "Das Schöne: 59 Begeisterungen" herausgearbeitet, wie er nach wiederholter Lektüre erkannt habe, dass Anna die eigentlich egoistische und grausame Heldin des Buches ist und ein hartes Urteil verdiene und die Zeugen für den französischen Karl versammeln sich in welscher und teutscher Sprache. Alle Verteidiger sind wie ich männlichen Geschlechts und in meinen Kursen saßen natürgemäß vor allem Mädchen, weshalb meine Bekehrungsversuche wenig fruchteten. Für die Unterverantwortlichkeit und die Opferhaltung der Frau sind diese literarhistorischen Anmerkungen freilich ein sinnreicher Beleg, denn wie stets begann das Elend weitaus früher als gemeinhin angenommen.
Ich weiß noch, dass mich beim Lesen von "Madame Bovary" und "Anna Karenina" eher die Charaktere der beiden weiblichen Hauptfiguren in ihrer Überempfindlichkeit gestört haben, weniger die Männer. Ob das heute auch noch so wäre?
#48
Zitat von Taxine im Beitrag #47
Ich weiß noch, dass mich beim Lesen von "Madame Bovary" und "Anna Karenina" eher die Charaktere der beiden weiblichen Hauptfiguren in ihrer Überempfindlichkeit gestört haben, weniger die Männer. Ob das heute auch noch so wäre?
Ja, das wäre die eine Frage, dazu müsstest du wohl nochmal ran an die Schwarten.
Und viel wichtiger noch: Bist du die typisch weibliche Leserin? Ich würde das nach meinen bisherigen Kenntnissen verneinen wollen und verstünde das als großes Lob; was wiederum missverständlich wäre, denn Frauen sind of die genaueren und gründlicheren Leser als die Herren der Schöpfung. Aber ich glaube, die Masse der Damen liest anders als die Masse der Männer.#49
Ich stehe sicher nicht zu sehr im Verdacht, der Sachwalter und Anwalt weiblicher Interessen in der Weltgeschichte zu sein; aber da ich eben noch einmal Safranskis "Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biografie" (2013) durchgesehen habe, muss ich ehrlich sagen, dass mich das Schicksal von Goethes Schwester Cornelia, verheiratete Schlosser, schon stark berührt. Aus heutiger Sicht erscheint mir unbegreiflich, dass ihr Gemahl Johann Georg Schlosser sie wieder geschwängert hat, obwohl sie die erste Geburt gerade so überlebt hatte und zwei Jahre zu Bette lag. Klar, seinerzeit galten andere Normen, die Sexualmoral war eine andere und der Mann hatte seine verbrieften Rechte auf ehelichen Sex, im Grunde umgekehrt zu heute. Aber um Himmels Willen, dass sie die zweite Geburt nicht überleben würde; war doch eine Kalamität mit Ansage. Kann man da seine Hände nicht von der Gattin lassen und die geschlechtliche Not anderswo lindern, bei einer Geliebten oder im Bordell? Galt das Leben einer Frau seinerzeit so wenig? Ich wüsste da gerne Näheres und obwohl hier so ziemlich alle Bücher von Sigrid Damm bei Schwiegermuttern rumstehen, ist ausgerechnet das zu Cornelia Goethe nicht dabei.
#50
Ich möchte in aller Deutlichkeit betonen, dass ich den Vergleich der unsterblichen Figur des Pinocchio von Carlo Collodi mit dem derzeit amtierenden Bundeskanzler entschieden verurteile, weil er despektierlich und unlauter ist gegenüber der genialen Schöpfung des Holzschnitzers Geppetto. Ich hoffe, die Nachlassverwalter und Erben in Florenz verklagen den Urheber solcher schmählichen Gleichsetzungen bis ins letzte Glied.
#51
Sei dem, wie ihm wolle; aber mir kann keiner erzählen; dass die dritte Strophe der Motette Jesu, meine Freude (BWV 227) rein theologisch, volksfromm oder mythologisch gemeint ist. Egal, ob schon der Textdichter Johann Franck oder erst Johann Sebastian Bach selbst hier Akzente sehr viel weltlicherer Natur setzten; es scheint mir evident; dass dieses kämpferisch-verzweifelte "Trotz dem alten Drachen" nur einer Schwiegermutter gewidmet sein kann oder allen Schwiegermüttern auf Gottes weiter Erde:
Trotz dem alten Drachen,
trotz des Todes Rachen,
trotz der Furcht darzu!
Tobe, Welt, und springe;
ich steh hier und singe
in gar sichrer Ruh!
Gottes Macht hält mich in acht;
Erd und Abgrundt muss verstummen,
ob sie noch so brummen.
#52
Vor etwa fünf Jahren berichtete das Heimatblatt, der Thüringer Literaturrat, "der Spitzenverband der Thüringer Literaturvereine und -organisationen", "die sich in Thüringen mit der Förderung und Vermittlung von Literatur beschäftigen"; habe Thüringer Gefängnissen Bücher gespendet, weil dort auch gelesen würde.
Zweierlei kam mir dabei in den Sinn. Erstens die schöne Szene aus dem Ausnahmefilm Die Verurteilten, in welchem Tim Robbins als Inhaftierter Andy Dufresne unter anderem jahrelang versucht, eine Gefängnisibliothek aufzubauen und dafür hunderte Briefe an alle möglichen Einrichtungen und Institutionen versendet; bis eines Tages nach langen Jahren tatsächlich eine Lieferung eintrifft. Beim Einordnen der Bücher zusammen mit den weniger belesenen Knastbrüdern wird dann zum Beispiel die Frage erörtert, ob Der Graf von Monte Christo von Alexandre Dumas père zu den Romanen soll oder doch lieber in die Abteilung Praktische Tipps?!
Zweitens meinte ich zu meiner Gemahlin, die mir den Artikel vorgelesen hatte; die Burschen würden doch eh nicht lesen; bestenfalls Zeitschriften; oder sich gleich Kippen drehen aus den Seiten. Sie meinte, so ganz ohne Internet wäre es schon möglich; dass manche ein Buch aufschlügen. Mir war das gar nicht bewusst, dass natürlich ein freier Zugang zum weltweiten Netz im Gefängnis eher weniger günstig ist. Daher würde ich das Prinzip gerne auf die Zivilgesellschaft erweitert wissen. Einen Internetzugang erhält nur der, der vorher eine Prüfung ablegt über die wichtigsten Aspekte von Kultur, Gesellschaft und Technik; und sich zudem auf eine Minimalagenda des virtuellen Umgangs verpflichtet. Wer also zu dämlich oder zu ungehobelt ist, darf nicht ins Netz, basta. Binnen kurzem herrscht Frieden in der Welt! Oder laufen die Buben dann wieder auf der Straße rum?
#53
Ich sah unlängst den Film Train Dreams (USA 2025) von Clint Bentley mit Joel Edgerton, den ich seit seit Warrior (2011) sehr schätze, in der Hauptrolle. Er basiert auf der mir nicht bekannten "Novelle" Train Dreams (2003, dt. 2004) von Denis Johnson, die wie die "Verfilmung" "das Leben eines Tagelöhners zwischen 1917 und 1968" zeigt. Der Stoff erinnerte mich in der Anlage stark an den erfolgreichen Roman Ein ganzes Leben (2014) von Robert Seethaler. Ich bin ein großer Fan dieser Art Sujet und gleichzeitig ein unbarmherziger und urskeptischer Kritiker aller misslungenen Versuche, das so genannte einfache Leben als Gegenentwurf zur Moderne darstellen zu wollen; und misslungen sind sie beinahe alle.
Das hängt schlicht damit zusammen, dass die Falschen falsch über nicht Erlebtes und bloß Projeziertes schreiben. Die aus der Großstadt kommenden Romantiker um 1800 entdecken plötzlich das Land für sich, das begüterte Bürgertum gönnt sich Sommerfrischen, wo die Bauern hart arbeiten müssen; vom Stress des urbanen Lebens ermattete moderne Menschen von heute ziehen in der Mitte ihres Lebens auf's Dorf, um sich selbst zu finden. Plötzlich soll es nicht mehr der Trubel der Großstadt sein, das hektische Hinterherjagen nach Unterhaltung und Zerstreuung, Ablenkung und Konsum; Musik und Party, Alkohol und Sex; auf einmal entdeckt man die Stille für sich, das einfache Leben. Da schwillt mir der Kamm: Vor allem, wenn sozial saturierte, die meiste Zeit ihres Lebens in großurbanen Ballungszentren lebende Menschen das einfache Leben als neue Ideologie auf dem Tablett vor sich hertragen, während sie selbst einen Lebensstandard pflegen, der jedem Aspekt dieses propagierten einfachen Lebens widerspricht. Da liegen bunte Zeitschriften wie Landlust auf dem sündhaft teuren Tischchen im Loft; damit man ins Schwärmen kommen kann, während man telefonisch die Pizza oder chinesisch ordert. Man sieht, ich bin nicht unvoreingenommen. Aber auf dem Land das einfache Leben pflegen in der Regel die, die dort gar nicht weg können oder wollen; und natürlich die, die es sich leisten können und daher auch grün wählen.
Freilich muss man auch stets unterscheiden zwischen dem einfachen Leben im Sinne vom Bauern, Arbeiter oder Handwerker, der nie aus seinem Ort herausgekommen ist; und dem bewusst gewählten im Sinne einer "Flucht" vor dem modernen, hektischen, sinnentleerten Leben. Zuweilen fällt auch beides in eines. Auch die Literatur hat ein Faible für beides und auch sie tut sich schwer damit; freilich hat sie es einfacher, weil gerade die älteren Autoren die Not noch sehr gut kennen und wissen, wie man schlicht und ohne große Ansprüche lebt; einfach, weil es gar keine Alternativen gab. Dennoch ist es wesentlich schwerer, ein karges Leben zu beschreiben und literarisch zu gestalten als das volle pralle Leben an einem Ort über eine bestimmte Zeit mit dazu gehörigem Personal.
Nach Ehm Welks Romanen dürfte der Segen der Erde(dt. 1918) von Knut Hamsun meine erste bewusste Begegnung mit dem Thema gewesen sein. Er ist im Gegensatz zu Hunger oder Mysterien nie eingeprochen worden als Hörbuch, was meines Erachtens schon einiges über die Einfachheit von Inhalt und Sprache aussagt. Wahrscheinlich war es der 1. Weltkrieg mit seinen schrecklichen Auswirkungen der technischen Moderne, der dem Autor zum Nobelpreis verhalf. Ich las den Roman seinerzeit zweimal, zunächst in der DDR bei Rütten & Loening und nach der Wende in der Jahrhundert-Edition Bertelsmann, mittlerweile wäre er mal wieder fällig; nachdem alle meine Versuche misslangen, auf dem Dorfe meine Idylle zu leben. Laut Zitat bei Wikipedia gehört der Roman zu den „zivilisationskritischen, utopisch-rückwärts gewandten, gleichsam Naturkraft und Lebensstärke verherrlichenden“ Werken der damaligen Literatur. Das soll heutigen Ohren fremd klingen, mir gehen sie davon auf.
Bei Perrudja (1929) von Hans Henny Jahnn (1894–1959) wird es komplexer: Wenn der heutige linksliberal-grün-woke Kritiker nach archaischen, präfaschistoiden Gesten sucht, wird er hier ganz sicher fündig. Im nebligen Nordland wütet der anonyme Held und dürstet mit allen Mitteln nach Gerechtigkeit und Frieden, in seinen Mitteln ist er wenig wählerisch. Dass er bis heute nicht ans Haken-Kreuz geschlagen wurde, hängt gewiss damit zusammen, dass er sinnlich alle Welt liebt, nicht nur Frauen, sondern auch Männer und Pferde. Männerbündlich naht der letzte Krieg, aber unser Held ist verzagt und müde, zieht sich zurück in seine Einsamkeiten. Die Welt geht über ihn hinweg. Sprachlich und kompositorisch ist das so kühn und wild und schmerzhaft, dass man wirklich Sterne, Jean Paul, Joyce bemühen muss, um es auch nur annähernd zu klassifieren. Freundschaft, Schönheit, Liebe, Wollust, Musik, Bruderschaft, Schmerz, Leid, Trieb - das einfache Leben Perrudjas macht es den meisten Lesern sicher nicht leicht in seiner Unerbittlichkeit und Archaik. Natürlich sprach noch niemand dieses Un-Buch ein, ich las im Erstzugang eine Taschenbuchausgabe von Suhrkamp, inzwischen besitze ich längst die prachtvolle Ausgabe von Hoffmann und Campe mit den Fragmenten aus dem Nachlass und Texten aus dem Umkreis.
Moderater und konkret geschichtlicher kommt Das einfache Leben (1939) von Ernst Wiechert daher. Dem Konzentrationslager entkommen schildert der Roman den Weg eines Kriegsveteranen in die Natur der ostpreußischen Landschaft an der masurischen Seenplatte. Stadt und Familie zurücklassend wird der Sinnsucher als einfacher Fischer Teil der Natur und der gehobeneren Gemeinschaft. Vom normalen Volk erfährt man in den autobiografischen Werken Wiecherts mehr. Zur Strafe erbt der Protagonist überraschend Besitz und zieht aus seiner Fischerkate auf einer Insel in ein Schloss mit Gemäldegalerie, Bibliothek, Laboratorium. Man weiß beinahe nicht, was man davon halten soll; denn die dichterische Sprache verweigert sich auch jeder Zuschreibung und klaren Deutung. Das macht den Roman zu Literatur, es nicht die einzige, die Ernst Wiechert hervorbrachte; während ihn die progressive Zunft gerne ins Völkische, ins Naturkultische ziehen möchte; gerne von Eskapismus und Blut und Boden spräche, am Lässlichsten von Innerer Emmigration. Aber die Verschmelzung von Landschaft, Geschichte, Ethik und Moral braucht nicht einmal mehr Religion und Kirche, um ein wertvoller Beitrag zur Geschichte des einfachen Lebens zu sein. In einer Vorkriegsausgabe las ich den Roman zuerst, nunmehr in der schönen Ausgabe von Langen Müller. Warum ihn bislang niemand eingelesen hat, verstehe wer will: Auch Die Jeromin-Kinder, Der Totenwald oder Missa sine nomine hätten es verdient, blslang kann man sich nur Der weiße Büffel oder Von der großen Gerechtigkeit vorlesen lassen. Ach, wenn ich nur hundert Stimmen hätte und zehn Leben ...
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #53
Ich sah unlängst den Film Train Dreams (USA 2025) von Clint Bentley mit Joel Edgerton, den ich seit seit Warrior (2011) sehr schätze, in der Hauptrolle. Er basiert auf der mir nicht bekannten "Novelle" Train Dreams (2003, dt. 2004) von Denis Johnson, die wie die "Verfilmung" "das Leben eines Tagelöhners zwischen 1917 und 1968" zeigt.
Aufgrund deiner Empfehlung habe ich mir den Film nun auch angesehen. Er vermittelt eine fast durchgängig spürbare Atmosphäre der Einsamkeit und übernimmt die wichtigsten Momente der Novelle, fügt auch hinzu, um das Ganze auszuwalzen. Mehr Betonung wird hier vor allem auf die Beziehung und Ehe selbst gelegt, die Schwierigkeiten, so häufig weit weg zu sein, um arbeiten und Geld verdienen zu können. Viele Szenen lassen sich wunderbar nachvollziehen, aber diese tief traurige Grundstimmung, die der Film vermittelt, ist in der Novelle teilweise durch witzige oder skurrile Szenen aufgelockert. Die Lösung der Frage, was mit dem Kind geschah, hat mir im Film gut gefallen. Das Ende ist etwas anders. Der Flug, der im Buch Grainier als schlechte Idee erscheint, wird im Film zum Befreiungsakt, um das Leben zu rekapitulieren. Im Buch ist es das Heulen des Wolfes, das aus dem Protagonisten hervorbricht. Beide Versionen haben mir gefallen.
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #53
Moderater und konkret geschichtlicher kommt Das einfache Leben (1939) von Ernst Wiechert daher. Dem Konzentrationslager entkommen schildert der Roman den Weg eines Kriegsveteranen in die Natur der ostpreußischen Landschaft an der masurischen Seenplatte. Stadt und Familie zurücklassend wird der Sinnsucher als einfacher Fischer Teil der Natur und der gehobeneren Gemeinschaft. Vom normalen Volk erfährt man in den autobiografischen Werken Wiecherts mehr.
An dieser Stelle einmal ein Dankeschön für die vielen Hinweise auf mir völlig unbekannte (ost)deutsche Schriftsteller, wie Wiechert. Ich habe in das "einfache Leben" hineingelesen und war positiv überrascht, von Sprache und Thema. Wiecherts Bücher gibt es als Ebook sehr günstig, sodass ich mir die wichtigen besorgt habe. Auch seine Lebensgeschichte ist ja interessant. Dass er 1933 vor seinen Studenten eine Rede über die Barbarei hält, 1935 dann noch einmal auf das Unwesen der politischen Entwicklung schimpft und dafür nach Buchenwald kommt, ist beeindruckend und umso mehr ein Anstoß dafür, auch in heutigen Zeiten den Mund aufzumachen, wo sich das Ganze abartig wiederholt. Das Thema Eskapismus als innere Emigration, als Rückzug ins einfache Leben, aus der Ansicht eines Deutschen zu lesen, fesselt mich. Ähnlich wie du strebe ich nach diesem Leben, habe es für mich auch schon gut umgesetzt, mit der Aufgabe, diesen unseligen Ehrgeiz und das Rennen nach Erfolg hinter mich zu lassen und nur meiner inneren Stimme zu folgen. Dabei steht nicht die Dorfidylle vor Augen, sondern das Dasein im Abseits allgemein, bei mir in der Nähe von Berg und Meer, zwei Ausblicke, die ich nie mehr missen möchte und dir mir meditative Ruhe vergönnen. Dafür braucht es nicht viel, nur unabhängiges Denken. Überhaupt braucht man im Leben so wenig, schon gar nicht all diese kulturellen Zerstreuungen, die, gerade in heutigen Zeiten, eher verärgern als begeistern. All das, was heute aufgeführt oder in Kunst und Wort gefasst wird, gab es schon besser und vielschichtiger. Entsprechend vermisst man wenig, und der Gang durch Galerien und Museen ist auch ohne Führung möglich. Für mich ist es zwar keine Option, alleine zu leben, aber doch zu Zweit, ohne störenden Lärm in der Nähe. All das gelingt umso leichter, wenn man weiß, sich zu beschäftigen. Auch bei mir ist Langweile nicht möglich, wie du es von dir erwähnt hast. Es ist immer ein Trieb da, kreativ zu sein oder zu lesen. Mehr brauche ich nicht.
Der Schriftstseller Ehm Welk sagt mir ebenfalls nichts. Hamsun liebe ich und habe alles gelesen. Er kann mir gar nicht einfach genug sein. Und Jahnn sowieso. Er ist ein unglaublich eigensinniges und individuelles Lesevergnügen. (Die Pferde in "Perrudja" sind mir auch noch gut in Erinnerung.
)#55
Ich bin mir eigentlich recht sicher, dass du Ehm Welk auch kennst: Nicht nur, weil ihr quasi Landssleute seid; sondern weil die erste Verfilmung der Heiden von Kummerow (1937) auch "die erste offizielle filmische Zusammenarbeit der Bundesrepublik Deutschland und der DDR" war. Wie oft habe ich diese Filme geschaut! Mecklenburg, die Weite der Landschaft, die einfachen Leute - genau mein Fall. Sehr schön auch Die Lebensuhr des Gottlieb Grambauer. Beichte eines einfältigen Herzens, da geht einem letzteres auf. Im Morgennebel bekommt man heute gar nicht mehr für kleines Geld. Editionsphilologisch wäre der Schriftsteller ein gefundenes Fressen für Doktoranden, wenn man die Textgestalt der NS-Zeit mit der der DDR vergliche.
Ernst Wiechert lernt ich zwar durch einen Irrtum kennen, aber über kurz oder lang hätte mich meine Begeisterung für Masuren und Ostpreußen, woher die Familie meiner Mutter stammte, ohnehin zu ihm geführt. Aber als selbst ernannter Haus- und Hofhistoriker des Reußischen Fürstenhauses und seiner Vorgänger, der Vögte von Weida, Gera und Plauen; stieß ich auf Ernst Wicherts historischen Roman Heinrich von Plauen, der die Ereignisse der Schlacht von Tannenberg 1410 aus der Sicht des Komturs aus dem Geschlecht der Vögte schildert. Ich recherchierte natürlich und bei nur einem Vokal mehr war es kein Wunder, dass ich auf den anderen Ostpreußen traf.
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #53
Zur Strafe erbt der Protagonist überraschend Besitz und zieht aus seiner Fischerkate auf einer Insel in ein Schloss mit Gemäldegalerie, Bibliothek, Laboratorium. Man weiß beinahe nicht, was man davon halten soll; denn die dichterische Sprache verweigert sich auch jeder Zuschreibung und klaren Deutung.
Ich würde sagen, das Schloss ist einmal eine Art Hommage an Stifter und seinen Nachsommer (der mir immer wieder beim Lesen in den Sinn kam), zum anderen aber auch ein Symbol für die Versuchung, die den Gegensatz sichtbar machen soll, dass er auf der Insel (also im einfachen Leben) bleiben möchte und mehrmals ablehnt, sich auf dem Schloss neu einzurichten. Gleichzeitig ist es eine Brutstätte des Unglaubens, verkörpert also den freien Geist, der sich nicht anpassen will und der sich der Muße und schönen Künste ergibt, wie es der Graf tat, der sich durch die vielen Taten und Kämpfe seiner Ahnen das Recht herausnimmt, nichts zu tun, dabei gleichzeitig aber totunglücklich ist. Die Gespräche mit ihm waren oft die besten. Der in diesem Sinne moralisch erhobene Zeigefinger Wiecherts wirkte dagegen eher lästig. Auch steht das Schloss natürlich für das Ende, für das Zur-Ruhe-Kommen vor dem Tod, für den letzten Rückzug, wobei dann wiederum jene Kate, in der er das einfache Leben zelebriert, ad absurdum geführt wird.
#57
Ja, ich denke, diese Deutung ist stimmig. Und natürlich spielt die zutiefst deutsche (zumindest früher, heute natürlich nicht mehr) Gattung des Bildungsromans hier eine zentrale Rolle, wobei man nie vergessen darf, dass jener vom Wilhelm Meister bis zum Grünen Heinrich und noch weiter immer einer des Scheiterns war, des sich Begnügens; eben nicht geradlinig auf eine Vervollkommnung hinauslief, die doch nur imaginiert sein konnte als Utopie oder sogar Dystopie. Aber Stifter ist wirklich ein guter Hinweis: Ich habe den Nachsommer als blutjunger Mensch schon geliebt, als er mich eigentlich hätte abschrecken und abstoßen müssen, wie das Arno Schmidt später sehr plastisch in einem seiner Funkessays dartut. Aber dieser junge Mann, der von einem älteren auf einem "Schloss" in die Welt des Geistes und der Sammlungen eingeführt wird, der inmitten der Natur lebt mit vielfachen Beschäftigungen und natürlich auch noch die passende Frau für dieses Leben findet, diesen jungen Mann also konnte ich nur beneiden. Bei Stifter freilich fehlen die offenen Brüche, die bei Wiechert deutlich genug das eigene existenzielle Kunst-Wollen konterkarieren; allerdings findet der Psychoanalytiker natürlich auch beim heiligen Adalbert Befunde genug für den Highway zur Rasierklinge.
P.S. Das Lehrhafte Wiecherts habe ich zu Gunsten der anderen gelungeneren Stellen einfach ignoriert. 
#58
Da ich gerade wieder in Ostpreußen, der Heimat der Familie meiner Mutter; stecke mit Wiechert und Co. fiel mir meine Kindheit ein, da ich früh mich für Geschichte interessierte und besonders für die Kreuzzüge begeisterte. Bevor ich während meines Studiums aber die Klassiker von Carl Erdmann, Steven Runciman, Hans Eberhard Mayer oder Hans Wollschläger las, viel später dann Rodney Stark und Jonathan Riley-Smith; lernte ich in den 80ern Martin Erbstössers Die Kreuzzüge.Eine Kulturgeschichte kennen, vom gleichen Autor haben mich später Die Ketzer im Mittelalter auf Umberto Eco vorbereitet. Der großartige Autor hat nicht einmal einen Wikipediaeintrag, obwohl er Geschichte lehrte an der Universität Leipzig und Millionen mit seinen Büchern ins Mittelalter abholte und zwar deutlich vor Horst Fuhrmann.
Von den drei großen Ritterorden hat mich der Deutsche von Beginn an am meisten fasziniert, auch weil er personell zu meiner Heimat Thüringen eine enge Beziehung hatte, denn Hermann von Salza war ein wichtiger Hochmeister gewesen und zwei Heinriche aus dem Geschlechte der Vögte von Plauen, der Vorfahren des ostthüringischen Fürstenhauses Reuß, wirkten ebenfalls zum Ende hin in gleicher Position. Überdies war ich frühzeitig über sowjetische Freunde meiner Eltern mit Sergei Eisensteins Film Alexander Newski bekannt geworden und bewunderte heimlich die besiegten Deutschherren in ihrer martialischen Aufmachung.
Daher fertigte ich für meine Deutschordensritter, bestehend aus Cowboys und NVA-Soldaten (Kunststoff oder Hartgummi), aus Zellstoff mit Loch für den Kopf entsprechende Umhänge und malte mit Filzstift ein schwarzes Kreuz darauf; die Gegner, also die heidnischen Pruzzen und später Balten und Russen, wurden von meinen Indianern verkörpert. Ich wusste damals natürlich noch nicht, dass ich auf diese Art und Weise imperialistischen, kolonialistischen, rassistischen Stereotypen Vorschub leistete. Meine Eltern wussten das auch nicht, aber sie waren überhaupt nicht begeistert, weil sie als Genossen und Freunde der Freunde natürlich in den Krieger-Mönchen nur die Proto-Faschisten und Slawenschlächter sahen. Als mir meine Oma dann aus einem Laken einen Umhang nähte, dem sie auch das schwarze Kreuz aufplättete, und ich mit meinem gewaltigen Holzschwert im Garten im Namen des Herrn wider die Gottlosen im Osten zog, wurde es ihnen zu bunt und sie verboten mir ein derartiges Treiben.
Dennoch ist mir bis heute das Faible für schwarz und weiß geblieben und wenn ich jemals Burgherr werden wollen möchte, dann nur auf der Marienburg, wo vielleicht endlich auch all meine Bücher, CDs und Hörbücher genug Platz fänden. Und mit den vier Gelübden hätte ich auch keine Probleme: Gehorsam habe ich gelernt, die Armut ergibt sich aus meinen berstenden Regalen, die Keuschheit kommt mit dem Alter und mit dem Schutz der Wehrlosen und dem Kampf gegen Feinde des christlichen Glaubens dürfte es auch klappen, wenn ich mit der Feder (Tastatur) statt des Schwertes (der Drohnen) streiten dürfte.
#59
Mich würde wirklich einmal interessieren, ob es in einer anderen Verwaltungssprache dieser Welt auch einen Ausdruck wie im Deutschen den des Rückbaus gibt, wenn eigentlich ein Abriss gemeint ist.
#60
Das von mir so genannte literarische Genre Synchro-plus hat sich leider im deutschen Sprachraum nicht durchsetzen können; wahrscheinlich, weil es nur auf zwei Augen steht, was sogar nur die Hälfte der Deutschen Klassik ist. Denn statt immerhin Goethe und Schiller für reichlich zehn Jahre hat Rainer Brandt, der letztes Jahr verstarb, wohl nur den Kultstatus der TV-Serie Die 2 (The Persuaders!) (1970-1971) mit Roger Moore und Tony Curtis in den Hauptrollen für gut ein Jahr mit 24 Folgen in einer Staffel zu verantworten. Es war seine Synchronisation nach den Dialogbüchern, die aus dem englischen Ursprungstext im Deutschen eine neue Dimension schuf und zwar sehr charakteristischer Natur. Aus dem eher neutralen und nur ansatzweise lustigen Dialogen wurde in der Zielsprache ein Feuerwerk an flapsigen, witzigen, komischen, albernen, sinnfreien, hohlen, frivolen, kecken, idiotischen, intelligenten und derben Sprüchen; deren Hin und Her bald mit dem Terminus Schnodderdeutsch katalogisiert wurde, was aber bei weitem zu kurz greift. Verständlichweise hätte sich jenes Genre nur weiterentwickeln können, wenn folgende Produzentengenerationen im angelsächsischen Sprachraum sich offen gezeigt hätten gegenüber weiteren schöpferischen Translationen.
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