Kleinigkeiten in Wörtern und Sätzen - mit beschränkter Haftung ...

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12.02.2026 16:24
#31
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Da ich in den letzten Wochen wieder viel Stefan Zweig gelesen habe, fiel mir doch erneut ins Auge, wie stark sein Gesamtwerk der Biografik gewidmet ist, wenngleich auch eher der essayistischen und weniger der streng wissenschaftlichen; denn all die Texte über Balzac, Dickens, Dostojewski; Marceline Desbordes-Valmore, Romain Rolland, Hölderlin, Kleist, Nietzsche; Casanova, Stendhal, Tolstoi; Joseph Fouché, Sigmund Freud, Marie Antoinette, Erasmus von Rotterdam, Maria Stuart, Castellio, Calvin, Montaigne, Amerigo sind doch eher stilistische, rhetorische Übertreibungen, die oft genug wie selbstverständlich inhaltlich ins Schwarze treffen.

Stehe ich nun also derart verzweigt angeregt vor den Regalen der biografischen Abteilung meiner Privatibliothek, fällt mir erst jetzt wieder ins Auge, dass wenigstens zwei Autoren und gut zwei Dutzend Bücher fehlen, die ich während meiner vielen Umzüge ausgesondert habe. Nicht, weil ich sie für schlecht hielt, sondern weil ich glaubte, sie nie wieder lesen zu wollen und es für jeden ihrer Gegenstände inzwischen bessere Alternativen gäbe. Der eine Autor ist Richard Friedenthal, von dem nur noch seine Goethe-Biografie neben allen anderen greifbaren steht und die über Kolumbus, Händel, Leonardo, Luther; Montaigne, Pascal, Diderot; Jan Hus, Karl Marx fehlen. Der andere ist Ludwig Marcuse, dessen Strindberg, Gerhart Hauptmann, Ludwig Börne, Heinrich Heine, Ignatius von Loyola, Sigmund Freud, Richard Wagner allesamt nicht mehr vorrätig sind bei mir.

Warum? Zunächst einmal misstraue ich Biografen mit einem derartigen Ausstoß an Büchern, selbst wenn sie lange lebten und bei Geisteskräften waren. Zudem besteht meines Erachtens immer die Gefahr, dass sich eine gewisse Routine einstellt und der Verfasser weder willens noch in der Lage ist, sich erneut in das Leben und Umfeld eines Biografierten so tief hineinzubegeben, dass man hinreichend Grund hat als Leser, von einer gehaltvollen Arbeit zu sprechen. Des Weiteren lenken private Interessen neben geschäftlichen die Auswahl der Gegenstände und die Selektion erfolgt somit nicht unbedingt nach "höheren" oder "objektiven" Kriterien. Das alles wird natürlich relativiert durch die Person und den Geist der Biografen und da muss man beiden konzedieren, dass die von ihnen verfassten Biografien natürlich eine ganze Menge über sie selbst aussagen, ohne dass man das als Rezipient gar nicht würde wissen wollen. Daher bereue ich nun schon den Verlust des einen oder anderen Bandes.


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14.02.2026 16:46
#32
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Die akustische Dimension der Sprachen hat auch ihr Spannendes: Das Deutsche klingt ja in den Ohren der kultivierten Lateiner und Romanen schon immer barbarisch, so wie ich etwa bei den Skandinavischen Sprachen immer das Gefühl habe, sie seien noch nicht fertig, ein erster grober Entwurf, was hinwiederum auch zu passen scheint, denn in borealen Wäldern, Gebirgen und Fjorden nähme sich etwa das Französische albern aus. Bei den Romanischen Sprachen höre ich am liebsten dem Spanischen zu, das hat so etwas Rachiges und Männliches, während das Italienische einfach zu laut und einfach zu präsent ist im Gespräch und das Französische einfach zu schön für die gewöhnliche Kommunikation. Ich kann überhaupt nicht begreifen, wie die Franzosen das aushalten, jedem Tag in ihrer Muttersprache einer so biegsamen, me­lo­di­ösen, sinnlichen und geistvollen Entität zu begegnen, die auch noch aus einem selbst entspringt und dem jeweiligen Gegenüber. Das muss einen doch total fertigmachen; so als schmiegte man sich den ganzen Tag an die umwerfendste und sexyste Frau der Welt, das hält doch kein Mensch aus. Beim Englischen sagt mir das ehemals klassische Oxford English zu in seiner gestelzten Manier, während ich das breite US-amerikanische und australische überhaupt nicht hören mag. Das Japanische ist von den asiatischen Sprachen meine liebste, es hat etwas Militärisches, Apodiktisches in seiner Intonation; Mandarin beeindruckt mich, wenn es langsam und zurückhaltend gesprochen wird; schnell und zeternd fällt es meinen Ohren auf die Nerven, wie es leider beim Vietnamesischen und vor allem Thai immer der Fall ist bei mir. Das kehlige Arabische habe ich erst seit einigen Jahren in mein Herz geschlossen durch persönliche Begegnungen und Freundschaften, die Turksprachen bleiben mir dagegen fremd. Das Russische ist eine Ausnahme, weil es die einzige Sprache ist, die ich ehedem neben meiner Muttersprache wirklich gut beherrschte; sie steht im Melidiösen und Sinnlichen dem Französischen kaum nach, aber sie hat eben auch diese berühmte seelische Komponente, die man als Melancholie oder was auch immer beschreiben möchte. Mich jedenfalls macht es traurig, wenn ich zu lange russisch reden höre. Für das, was ich so aus Filmen an indianischen Sprachen gehört habe, war ich immer aufgeschlossen und Algonkin übt eine große Faszination auf mich aus. Gälisch mag ich seltsamerweise überhaupt nicht. Woran das alles im Einzelnen liegt, müsste man biografisch, biologisch, psychologisch, rezeptionsästhetisch aufschlüsseln.


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15.02.2026 07:25
#33
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Ich weiß gar nicht, ob es beispielsweise in England oder Frankreich für das Altenglische oder Altfranzösische bzw. Altprovenzalische eine ähnliche Reihe für Normalsterbliche gibt wie bei uns in Deutschland die von Reclam Stuttgart, die unerachtet der nach wie vor fleißigen akademischen Editionsphilologie seit dem 19. Jahrhundert in der Nachfolge Lachmanns mit ihren zahlreichen unbezahlbaren und letztlich unlesbaren historisch-kritischen Editionen in ihren rot-orangen Heftchen und dickleibigeren Büchern nahezu die gesamte bedeutende Literatur des Mittelalters vom Althochdeutschen über besonders zahlreich das Mitteldochdeutsche bis hin zum Frühneuhochdeutschen in leicht zugänglichen, erschwinglichen und dennoch "zweisprachig" mit einem hinreichenden Apparat versehenen und damit zitierbaren Ausgaben der breiten Masse zugänglich macht?!


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15.02.2026 07:42
#34
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Rodion Romanowitsch Raskolnikow in Schuld und Sühne von Fjodor Dostojewski:

›Nein, jene Menschen waren aus anderm Stoff geschaffen als ich. Ein wahrer Herrscher, dem alles erlaubt ist, zerstört Toulon, richtet in Paris ein Blutbad an, vergißt eine Armee in Ägypten, opfert eine halbe Million Menschen in dem Feldzuge gegen Rußland und setzt sich in Wilna durch ein Wortspiel darüber hinweg; und ein solcher Mann wird noch nach seinem Tode wie ein Abgott verehrt; man sieht also auch alles, was er getan hat, für erlaubt an. Nein, solche Menschen sind offenbar nicht von Fleisch und Blut, sondern von Erz!‹

Für mich ein Leben lang schon unheimlich; warum bestimmte historische Verbrecher und Gewalttäter wie Alexander und Napoleon immer noch verehrt und bewundert werden; andere aber wie Hitler und Stalin als Inkarnation des Bösen angesehen?!


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15.02.2026 07:45
#35
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Im Vorwort zu László F. FöldényisDostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus“ schreibt Alberto Manguel, dass er die Entdeckung dem Insistieren von Cees Nooteboom – was für Namen, was für ein Dreigestirn; "welch eine Tafelrunde; wer würde nicht ein Jahr seines Lebens für einen Platz dabei geben!" (AS) – verdanke; und nur eine Seele aus Stein könne so einem Titel widerstehen.

Titel, erste Sätze; die Bedeutsamkeit ist nicht zu leugnen; wieviel sie aber nicht nur mit der Lexik zu tun hat und der Semantik; sondern vor allem der Syntax, dem Satzbau, wissen die wenigsten zu würdigen. Die Umstellbarkeit der Satzglieder im Deutschen etwa macht vieles möglich:

Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus.
Dostojewski liest in Sibirien Hegel und bricht in Tränen aus.
In Sibirien liest Dostojewski Hegel und bricht in Tränen aus.
In Sibirien Hegel Dostojewski liest und bricht in Tränen aus.

Und so weiter. Es wären rein grammatisch noch weitere Versionen möglich, aber schon die letzte hier ist ja seltsam missverständlich; weil Subjekt und Objekt nicht klar sind. Als Titel wäre das aber schon wieder interessant.

Mein Lieblingssatz in der Schule zu Übungszwecken in Sachen Umstellprobe war:

"Der dicke Mann trägt schnaufend einen Kasten Bier in die dritte Etage seines Hauses."

Die Permutation im Rahmen der semantischen Verständlichkeit lässt hier einiges zu; besonders, wenn man auch Fragesätze einbezieht. Als Anfang eines Buches übrigens auch nicht zu verachten.


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15.02.2026 07:53
#36
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Als ich in den 80ern noch nicht wusste, dass man von den fünf großen Romanen Fjodor Michailowitsch Dostojewskis spricht, fing ich unbefangen und ohne jede Scheu, ja schon beinahe unverfroren an, diese zu lesen. Mir war damals auch noch nicht klar, dass „Erniedrigte und Beleidigte“ (1861) nicht zum großen Quintett gehörte, fing aber damit an, weil mir daheim die Taschenbuchausgabe von Reclam Leipzig in der Übersetzung von Hermann Röhl in die Hände fiel. Ich erinnere mich dunkel, dass es mich in ähnliche Stimmung versetzte wie Wilhelm RaabesDie Chronik der Sperlingsgasse“, was mir heute sehr verdächtig vorkommt.

Ich war jedenfalls gefangen und setzte meine Lesereise mit „Schuld und Sühne“ (1866) fort, auch wieder übersetzt von Hermann Röhl, aber erschienen in der Reihe „Die Bibliothek der Weltliteratur“ (BDW) des Aufbau-Verlages mit rotem oder violettem Umschlag. Er erschütterte mich genauso wie die in jener Zeit ebenfalls gelesene „Kreutzersonate“ von Lew Tolstoi.Der Spieler“ (1867) in der Übersetzung von Werner Creutziger gelangte dann als Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk meiner Eltern zu mir als erster von den 20 Bänden der Gesammelten Werke des Aufbau-Verlages, alle in silbergrauen Umschlägen. Hier ging mir das erste Mal auf, dass Dostojewski auch von mir schreibt, was mir vollends klar wurde, als ich aus der gleichen Edition „Der Idiot“ (1869), Deutsch von Hartmut Herboth, las. Zwar war ich trotz aller jugendlicher Romantizismen und Ideale kein Fürst Myschkin und erst recht kein Aleksej oder Raskolnikow, aber ich spürte, dass von jedem ein Teil auch in mir schlummerte, was sich später (leider?) als wahr herausstellen sollte.

Die Dämonen“ (1872) in zwei Bänden las ich dann erst komplett in der überaus preisgünstigen und komplett von E. K. Rahsin übersetzten zehnbändigen Werkausgabe des Piper-Verlages; da wusste ich schon um meine eigenen und konnte mich kaum noch wundern, warum mich der Roman so faszinierte. „Der Jüngling“ (1875) war ich nicht mehr, als ich ihn erst vor zehn oder 15 Jahren in der Übersetzung von Swetlana Geier unter dem Titel „Ein grüner Junge“ vom Amman Verlag las, wie ich mir in der Folge eigentlich fast alle Neuübersetzungen der engagierten Übersetzerin noch einmal vornahm, nachdem ich die Dokumentation „Die Frau mit den 5 Elefanten“ (2009) von Vadim Jendreyko gesehen hatte. So las ich auch die zwei Bände der „Brüder Karamasow“(1880) insgesamt dreimal vollständig, zunächst aus der Aufbau-Edition, dann der von Piper und zuletzt eben die Geiersche Fassung.

Da ich nicht (mehr?) alle Bände der Aufbau-Ausgabe besitze, gehe ich davon aus; dass ich alle anderen Werke von Dostojewski über Rahsin kennenlernte, die Kassette steht inzwischen zerfleddert, arg mitgenommen und ausgebleicht im Wintergarten, als Invalide mit Blick aufs Grab ein waschechter Held der Arbeit. Ich werde ihm ein Staatsbegräbnis zukommen lassen.


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18.02.2026 15:42 (zuletzt bearbeitet: 18.02.2026 15:43)
#37
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(Dionysius von Halikarnassos stellt als Hauptforderungen an den Historiker : keine Religion; kein Vaterland; keine Freunde : das kannste haben!).”

So das so bekannte wie wahre Diktum Arno Schmidts in Das steinerne Herz; wobei er auch und besonders den Dichter meint, den Schriftsteller, jeden Autor.

Peter Sloterdijk hat das anlässlich Botho Straußens Anschwellendem Bocksgesang gegenüber Carlos Oliveira explizit ausgeführt und erweitert:

Es ist nicht die Aufgabe des Schriftstellers, harmlos zu sein. Mir scheint, wir haben aus dem Auge verloren, was ein Schriftsteller ist und was er tut, wenn er seinem Metier nachgeht. Schriftsteller sind Experimentatoren, ihr Job ist das Aufspüren der gefährlichen Substanzen, die man die Themen nennt, die Tiefenthemen der Epoche. Die werden von den Autoren prozessiert, zerlegt, gefiltert, umgekehrt, rekomponiert. Das ist eo ipso ein riskanter Job, mit gutem Willen allein nicht zu bewältigen.
[…]
Ich muss es noch einmal sagen – diese einfachen Linken und Vorsichtsintellektuellen, die haben vergessen oder nie gewusst; was ein Autor ist. Autoren von Qualität tun und sagen Unerhörtes, Schwerhörbares, Neuhörbares, sie experimentieren mit neuen und alten Sätzen im ästhetischen und logischen Raum, sie proben Setzungen, sie haben die Qual und die Freiheit der Form – zwei Dinge, die unmittelbar zusammenhängen, denn Freiheitsgewinn in der Form ist meistens die Kehrseite von leiden. Ein Autor ist ein Studio für schwere Stücke, für wenig gespielte Gedanken. Sein Inneres dient als Experimentalraum, in dem virulente thematische Materie getestet und geformt wird – darunter sind hochgiftige Substanzen. Es gibt eine direkte Relation zwischen der Größe eines Autors und der Gefährlichkeit der Stoffe, die er prozessiert und meistert. Aus Harmlosigkeit entsteht nur wieder Harmlosigkeit, aus gefährlichem entsteht Denken, und wenn das Denken den Form-Punkt findet, kommt der Augenblick der Kunst. Ein Autor, der etwas taugt, infiziert sich selbst mit den Stoffen, an denen er arbeitet – das ist nun einmal nicht anders. Thomas Mann hat das so gemacht, Kafka, Hans Henny Jahnn, Benn, Musil, Broch, alle Großen des Jahrhunderts, sie sind alle auch Meister des gefährlichen Denkens gewesen.


Und ihrer aller Lehrmeister Friedrich Nietzsche wusste schon im „Zarathustra“ die Worte, die jener zum strebenden Seiltänzer sprach:

„Nicht doch«, sprach Zarathustra; »du hast aus der Gefahr deinen Beruf gemacht, daran ist nichts zu verachten. Nun gehst du an deinem Beruf zugrunde: dafür will ich dich mit meinen Händen begraben.“

Und solange die heutigen Kritiker, Kritikaster und Rezensenten nicht begreifen, dass sie einen Autor kastrieren und unfruchtbar machen, indem sie landläufige Mainstreamanforderungen an ihn herantragen und von ihm einfordern; solange wird auch kein neuer Großer auftauchen zu Lebzeiten und Mittelmaß unser Los sein.


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18.02.2026 22:34
avatar  Taxine
#38
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Es kommt einem fast so vor, als schrieben Autoren heute nur noch über ihre eigenen Befindlichkeiten oder, sobald sie älter sind, über ihre Krankheiten. Aber abgesehen von der Stimme, die nicht harmlos ist und im Gebell der angepassten Gleichdenkerei untergeht, gibt es überhaupt noch solche, die Geschichten erfinden, die Jahrhunderte überdauern?


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19.02.2026 06:27 (zuletzt bearbeitet: 19.02.2026 06:28)
#39
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Ja, das ist wohl so und als Befund nicht neu; von der Krise des Erzählens ist schon lange die Rede und Peter Handke hatte sich ja schon 1966 auf einer Tagung der Gruppe 47 über die „Beschreibungsimpotenz“ der Gegenwartsliteratur beklagt, ich kürzlich erst über die blutarme, großurban pseudointellektuelle Selbstbespiegelung. Aber natürlich muss man gerecht sein: Die großen Geschichten des Menschen und Menschseins wurden alle schon erzählt und Homer hatte die Gnade der frühen Geburt für sich. Da sich die Menschen aber in jeder Generation ihre Geschichten erneut erzählen können und müssen, ohne dass "fehlende Originalität" dem Abbruch täte, könnte man auch heute einfach Geschichten erfinden, die uns fesseln. Das Problem ist, dass so etwas mittlerweile als unterkomplex gilt und immer des Seichten und bloß Unterhaltenden verdächtig. Das ist grotesk: Eine Zeit, die niveauärmer kaum sein könnte und sich in narzisstischer Selbstbejammerung erschöpft, sieht im starken Erzählgestus Minderwertiges. Da sie dann noch Angst vor allem politisch Unkorrekten hat, wird der unbekümmerten erzählerischen Lust der letzte Zügel angelegt. Eines ist klar: Von den etablierten Literaten unserer Zeit wird auch in Zukunft nichts die Zeit überdauern. Eine geringe Chance haben bestenfalls die aus der "Mitte der Gesellschaft" gedrängten Autoren wie Uwe Tellkamp.


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19.02.2026 06:36 (zuletzt bearbeitet: 19.02.2026 06:37)
#40
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Bücher dürfen ruhig umfangreich sein, so richtig dicke Wälzer waren mir schon als Kind am Liebsten; am Besten dicht bedruckt, ohne Kapitel, Illustrationen, Bilder und anderen Firlefanz, der nur ablenkt von den Worten. So ein Tausendseiter war mir als Schmöker nur recht; denn dann ließ die zu erwartende Traurigkeit am Ende der letzten Seite auf sich warten; später lernte ich mit großer Freude Bücher kennen; die mit vier- oder fünftausend Seiten aufwarten konnten, ohne jemals langweilig zu werden.

Bei Gedichtbänden ist das anders. Ich verstehe natürlich, dass bei Werkausgaben aus der älteren und klassischen Literatur die Gedichte aus allen Schaffensperioden in einem Band oder bei großer Produktivität in mehreren zusammengefasst werden, zumal deren Gedichte meist erst in Zeitschriften verstreut erschienen sind oder heute nicht mehr greifbaren Publikationen; aber für die neuere Literatur greife ich nur sehr ungern zu Gedichtausgaben mit 500 oder 1000 Seiten, die in der Regel das gesamte Œuvre eines Dichters oder einer Dichterin umfassen. Wenn man der Vollständigkeit wegen so einen Band, oft auch innerhalb einer Gesamtedition, benötigt; mag das noch angehen zum Nachschlagen; aber zum Lesen?

Nein! Bei Lyrikern und Lyrikerinnen ab spätestens dem 20. Jahrhundert, deren in der Regel schmalen Gedichtbände chronologisch als Einzelausgabe erschienen sind, möchte ich auch genau diese in dieser Form haben. Ich möchte den einfühlsamen Leser von Gedichten sehen, der sich mit so einem Geschoss von Gedichtband in seinen Lesesessel setzt und behaglich in den Seiten blättert. Man liest Lyrik anders als Epik oder auch Dramatik; langsamer, konzentrierter und natürlich emotionaler. Konzentration und Auffassungsgabe sind begrenzt und niemand auf Erden wird mehr als ein paar Dutzend Gedichte hintereinander lesen und genießen können in vertretbarer Zeit; verstehen nur eine Handvoll davon; gleich lieben ein einziges oder zwei.

Eben deshalb schrecke ich zurück vor diesen Ziegelsteinen; die mir Mascha Kaléko oder Gertrud Kolmar zwar lückenlos vollständig bieten; aber jeden Lesegenuss torpedieren und jede Rezeption ante portas übersättigen durch die bloße Anwesenheit von zehntausenden Worten auf tausend Seiten. Günter Eich mit fast 700 Seiten oder, wenn auch zweisprachig, Emily Dickinson mit fast 1500 Seiten; Wahnsinn. Ich habe von Johannes Bobrowski natürlich auch den gar nicht mal so dicken Band Gedichte aus der Werkausgabe; aber wie viel lieber sind mir die schmalen Einzelbände mit den enigmatischen Titeln "Sarmatische Zeit", "Schattenland Ströme", "Wetterzeichen"; die in einer großen Edition den Zyklen zwar voranstehen, aber nicht einen Buchumschlag zieren dürfen wie ehedem.

Gedichtanthologien dürfen und müssen dick sein; ein schlanker Conrady wäre so albern wie ein feister Hungerkünstler; aber ansonsten bevorzuge ich die Lyrikbände, wie sie erscheinen im Laufe der Zeit; und Auswahlbände, deren Auswahl ich verstehen und nachvollziehen kann, oder besser noch, nicht.


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19.02.2026 16:17
avatar  Taxine
#41
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Admin

Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #39
Eine Zeit, die niveauärmer kaum sein könnte und sich in narzisstischer Selbstbejammerung erschöpft, sieht im starken Erzählgestus Minderwertiges. Da sie dann noch Angst vor allem politisch Unkorrekten hat, wird der unbekümmerten erzählerischen Lust der letzte Zügel angelegt. Eines ist klar: Von den etablierten Literaten unserer Zeit wird auch in Zukunft nichts die Zeit überdauern.


Ich glaube gar nicht so sehr, dass es keine großen Werke mehr gibt. Sicherlich müsste man hier den Zeitrahmen weiter ausdehnen und etwas länger suchen. Mir fällt es allgemein schwer, und da bin ich kaum die Erste, Zeitgenössisches zu lesen und darin etwas zu entdecken, das nicht bekannt ist oder den enthusiastisch erhobenen Daumen verdient. Vieles nimmt man vielleicht nicht ernst genug, obwohl es die jüngeren Generationen bewegt. Aber es sticht eben auch ins Auge, dass die Art des Erzählens völlig anders geworden ist, und wenn es philosophisch sein soll, dann ins individuelle Leiden kippt.

Zitat von Taxine im Beitrag #38
Es kommt einem fast so vor, als schrieben Autoren heute nur noch über ihre eigenen Befindlichkeiten oder, sobald sie älter sind, über ihre Krankheiten.


Noch einmal dazu, wie ich darauf kam. Mir fiel das z. B. bei Aleksandar Hemon auf, der in seinem sehr schönen Buch „Das Buch meiner Leben“ auf einmal, wie aus dem Zusammenhang gerissen, den Tod seiner Tochter beschreibt. Mag es auch noch so sehr zu seiner Geschichte gehören, es wirkte einfach deplatziert und verhindert so, das Buch noch einmal zur Hand nehmen zu wollen, das ansonsten sehr weise und schön war. Oder Gospodinov, der über den Tod seines Vaters schrieb, zu schnell, zu intim und zu emotional, das man eher unangenehm berührt war als das Literarische zu bestaunen, das seinen Büchern ansonsten eigen ist. Gleiches gilt für Barnes neues Buch „Abschied(e)“, das ich nur darum erwarb, weil es hieß, es wäre sein letztes. Hier beginnt alles, wie gewohnt, anspruchsvoll, mit Erinnerung und Vergessen, Proust und dem ewigen Gedächtnis, und kippt dann auf einmal in das Belanglose von Alter, Krankheit und Tod. Das sind durchaus große Themen, aber nur, wenn sie allgemein gefasst sind, nicht wenn sie die eigene alltägliche Geschichte betreffen, vom banalen Krankenhausaufenthalt bis zur Einnahme der richtigen Pillen. Ich meine, wer möchte so etwas lesen? Diesen Alltag kennt wohl jeder selbst, auf irgendeine Art und Weise. Keinen interessiert, was in Krankenhäusern und Krankenbetten passiert, welche Untersuchungen vorgenommen wurden und ähnliches. Und wenn man schon das letzte Buch schreibt, warum besteht dann nicht ein Ansporn, etwas Großes & Wahrhaftes zu hinterlassen, als den eigenen Verfall zu kommentieren und sich dann noch anzubiedern, um in einem Wisch das Lob für das Multikulti auszusprechen, gegen die Ungeimpften und gegen Trump zu wettern, die Klimakatastrophe zu beklagen und daneben vor allem sich selbst zu bemitleiden?

Von Barnes gibt es natürlich sehr unterschiedliche Bücher, aber wenn er sich schon an das vorgeblich letzte setzt, wäre da nicht ein bisschen mehr Tiefe angebracht? Dass er sich dann noch mit der Wirkung von Romanen beschäftigt, als könnte man seine mit denen von Goethe (hier z. B. „Werther“ und die Selbstmordwelle) vergleichen, wirkt dann fast schon peinlich. Natürlich ist das sehr subjektiv beurteilt. Aber dieses Verlangen, die eigene Geschichte auszuwalzen, als wäre sie von Bedeutung, ist schon eigenartig. Daher frage ich mich oft, ob es vielleicht nur mir so geht, dass ich das für völlig unnötig halte. Es gibt Bücher, die anders an solche Dinge herangehen und die ich darum sehr schätze, selbst wenn nur über das eigene Ich erzählt wird. Mir selbst stört vor allem, wenn der Alltag zu sehr ins Buch gerät, das dadurch x-beliebig wird und mir die Lust auf die Bücher des jeweiligen Autors einfach verleidet. Wirklichkeit in Poesie zu verwandeln ist eben noch einmal etwas anderes als den Alltag als Literatur zu verkaufen.


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20.02.2026 11:57
#42
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Zitat von Taxine im Beitrag #41

Ich glaube gar nicht so sehr, dass es keine großen Werke mehr gibt.

Nein, das glaube ich auch nicht; das schrieb ich ja auch nicht. Aber diese großen Bücher werden eben nicht aus den saturierten industriellen Mainstream-Schmieden kommen, sondern von völlig unbekannten Leuten, die sich daheim über Jahrzehnte abmühen. Walte Gott, dass diese Werke irgendwie irgendwann irgendwo das Licht der Öffentlichkeit erblicken.

Zitat von Taxine im Beitrag #41

Vieles nimmt man vielleicht nicht ernst genug, obwohl es die jüngeren Generationen bewegt.

Das halte ich mir auch oft vor, wenn ich mal wieder spornstreichs die Work-Life-Balance-Jugend in Bausch und Bogen über einen Kamm schere. Es ist aber auch hart, sich hier zu zügeln und zu disziplinieren. Aber ich kann nichts dafür: Mich interessieren die Luxusprobleme dieser Jahrgänge nullkommagarnicht.


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24.02.2026 15:52 (zuletzt bearbeitet: 24.02.2026 15:53)
#43
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Ich weiß leider nicht mehr, ob es der brave Schüler Ottokar oder Alfons Zitterbacke war, der sich über die zunehmende Weiberwirtschaft beschwerte; was diese „Weiber“ natürlich schnurstracks dem Klassenlehrer hinterbrachten; dem vom zur Rede Gestellten dann die Stelle bei Marx gewiesen wurde. Ich habe über diesen Passus schon als Kind sehr lachen müssen; heute ist mir nicht mehr zum Lachen zumute, das Lachen ist mir längst vergangen angesichts einer Wirklichkeit, die jede Fiktion längst überholt hat und in der man sich auch schon lange nicht mehr auf die zitierte Autorität berufen kann.


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Gestern 18:37
#44
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In der vielleicht schlechtesten Literaturverfilmung der neueren Film- und Fernsehgeschichte, der achtteiligen italienisch-deutschen Serie aus dem Jahr 2019, warnt William von Baskerville (John Turturro) seinen Adlatus Adson von Melk (Damian Hardung), als der Cellerar Remigio da Varagine (Fabrizio Bentivoglio) begeistert von seiner ketzerischen Vergangenheit bei Fra Dolcino berichtet:

"Hüte dich vor den selbsternannten Propheten, Adson, und vor denen, die bereit sind, für die Wahrheit zu sterben, denn in aller Regel ziehen sie viele andere mit sich in den Tod, oft noch vor ihnen, gelegentlich auch an ihrer statt."

Im Original, also der deutschen Übersetzung von Burkhart Kroeber, heißt das:

"Fürchte die Wahrheitspropheten, Adson, und fürchte vor allem jene, die bereit sind, für die Wahrheit zu sterben: Gewöhnlich lassen sie viele andere mit sich sterben, oft bereits vor sich, manchmal für sich."

Das Wort Wahrheit erscheint um die 350 Mal im Roman und zwar oft im Munde der größten Eiferer und immer so, dass DIE Wahrheit mehr als zweifelhaft erscheinen muss, in der gesellschaftlichen Welt, aber auch in der der Wissenschaft und der der Zeichen. Wir heute könnten es noch durch "die Sache" ersetzen oder ergänzen; auf jeden Fall gehört die Warnung des großen franziskanischen Detektivs zu den zeitgemäßesten.


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