Der nach(post)moderne Roman - eine Unmöglichkeit?!

24.02.2026 12:08 (zuletzt bearbeitet: 24.02.2026 15:51)
#1
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Ich versuche immer wieder erfolglos, meine programmatischen Überlegungen zur Fruchtlosigkeit moderner Prosa schriftlich niederzulegen. Nur soviel: Meiner Meinung nach kann ein moderner Roman nur konsequent aus der „Ich-Perspektive“ geschrieben werden. Jede Vorspiegelung einer verkappten, verdrehten und immer falschen Objektivität durch auktoriale Einsprengsel oder bemühte Perspektivenwechsel und Kolportageelemente ist Selbstbetrug und Betrug am Leser. Was ein Faulkner, der mir immer fremd geblieben ist, versucht hat und was die Nachfahren nachzuahmen suchten, war interessant und notwendig, ist aber überholt.

Dieses „Ich“ nun konstituiert sich durch seine genetischen Grundlagen (Gesundheit, Krankheiten, körperliche Voraussetzungen, Intellekt etc.) und seine gesellschaftlich-historische Einbindung und Prägung. Was dieses „Ich“ nun erlebt, erfährt und durchdenkt, ließ sich in Wort und Schrift vielleicht bis Ende des 19. Jahrhunderts noch annähernd adäquat darstellen, in Ansätzen vielleicht bis zum Ausgang des Zweiten Weltkrieges. Mit der technischen Entwicklung aber und vor allem der Explosion der Medien hat sich das Buch als solches überlebt.

Man denke nur, inwieweit das „Ich“ heute von seiner technisch-medialen Umwelt geprägt und geformt ist. Schon der Alltag eines einzigen Tages lässt sich in seinem Spannungsfeld zwischen Bürokratie, Arbeitsleben, Privatleben, Gesellschaftsleben, Bedienung aller möglichen technischen Geräte etc. kaum nur schildern; von der Spiegelung, Verarbeitung und Durchwirkung durch das eigene Bewusstsein gar nicht zu reden. Hinzu kommt als schier unüberschaubares und schon gar nicht durchschaubares Chaos die Einbindung in eine Medienwelt, die mit Literatur, Comics, TV, Kino/ Film, Computer, Internet, Theater, Zeitungen/ Zeitschriften u.a.m. eine Assoziationsbreite und –dichte schafft, die weder in Buchform mehr rezipientenfreundlich darstellbar noch überhaupt einem anderen „Ich“ nachvollziehbar ist.

Und letztlich erschweren es die persönlichen und gesellschaftlichen Rücksichten, wirklich schonungslos offen und ehrlich alle die Persönlichkeit betreffenden Interna preiszugeben. Man denke nur daran, wie oft am Tag ein durchschnittlicher Mann – bewusst oder unbewusst - seinen sexuellen Fantasien nachhängt, wie stark das Thema Nr.1 alle anderen darzustellenden Lebensbereiche überwuchert, unterminiert oder zerstört. Was da zum Vorschein käme, graute vielen Lesern, denn die Wahrheit des Subjekts ist immer grauenvoll.


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25.02.2026 14:34
avatar  Taxine
#2
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Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #1
Meiner Meinung nach kann ein moderner Roman nur konsequent aus der „Ich-Perspektive“ geschrieben werden. Jede Vorspiegelung einer verkappten, verdrehten und immer falschen Objektivität durch auktoriale Einsprengsel oder bemühte Perspektivenwechsel und Kolportageelemente ist Selbstbetrug und Betrug am Leser.


Und was ist mit der Schaffung von einzigartigen Figuren im fiktiven Raum? Das ist doch nicht Betrug am Leser, sondern immer noch Literatur.

Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #1
Was da zum Vorschein käme, graute vielen Lesern, denn die Wahrheit des Subjekts ist immer grauenvoll.


Wieso fällt mir hier spontan Dostojewski ein, der in "Erniedrigte und Beleidigte" sagt:

"… also, wenn es möglich wäre, dass ein jeder von uns sein ganzes Innenleben schilderte, jedoch so, dass er nicht nur das, was er um keinen Preis anderen Menschen sagen, nicht nur das, was er nicht einmal seinem besten Freunde verraten würde, sondern sogar das, was er sich selbst kaum zu gestehen wagt, einmal mit größter Wahrheitstreue schilderte, - dann würde sich doch in der Welt ein solcher Gestank verbreiten, dass wir alle ersticken müssten."


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25.02.2026 17:49 (zuletzt bearbeitet: 25.02.2026 17:50)
#3
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Zitat von Taxine im Beitrag #2

Und was ist mit der Schaffung von einzigartigen Figuren im fiktiven Raum? Das ist doch nicht Betrug am Leser, sondern immer noch Literatur.

Ja klar, aber wir hatten es ja neulich erst davon, dass das keiner mehr kann. Wo sind sie, die großen Erfinder und Gestalter?

Zitat von Taxine im Beitrag #2

Wieso fällt mir hier spontan Dostojewski ein, der in "Erniedrigte und Beleidigte" sagt:

"… also, wenn es möglich wäre, dass ein jeder von uns sein ganzes Innenleben schilderte, jedoch so, dass er nicht nur das, was er um keinen Preis anderen Menschen sagen, nicht nur das, was er nicht einmal seinem besten Freunde verraten würde, sondern sogar das, was er sich selbst kaum zu gestehen wagt, einmal mit größter Wahrheitstreue schilderte, - dann würde sich doch in der Welt ein solcher Gestank verbreiten, dass wir alle ersticken müssten."





Ja, das ist wie mit der Psychoanalyse, von der man auch nicht weiß, ob es nicht doch besser wäre, man wühlte nicht im Unbewussten herum und grübe aus, was besser verborgen bliebe. Ich bin da ehrlich selbst noch unentschieden, im Zweifelsfall aber plädiere ich für Offenheit und Wahrhaftigkeit. Denn der Gestank von Heuchelei und Doppelmoral ist noch unerträglicher. Freilich: Wüsste man alles über der Menschen und ahnen kann man nach Auschwitz und Gulag nun schon viel zu viel, ich weiß nicht ...


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26.02.2026 15:19
avatar  Taxine
#4
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Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #3
Ja klar, aber wir hatten es ja neulich erst davon, dass das keiner mehr kann. Wo sind sie, die großen Erfinder und Gestalter?


Irgendwie fände ich es schade, wenn es nur noch Romane in der Ich-Perspektive geben würde. Ich mag diese Form zwar auch, weil sie den Text trägt, fürchte aber, dass die Bücher dann noch einheitlicher werden.


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26.02.2026 18:09
#5
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Zitat von Taxine im Beitrag #4
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #3
Ja klar, aber wir hatten es ja neulich erst davon, dass das keiner mehr kann. Wo sind sie, die großen Erfinder und Gestalter?


Irgendwie fände ich es schade, wenn es nur noch Romane in der Ich-Perspektive geben würde. Ich mag diese Form zwar auch, weil sie den Text trägt, fürchte aber, dass die Bücher dann noch einheitlicher werden.

Schade fände ich das auch und ich spräche ja auch nicht derart apodiktisch, wenn ich die Hoffnung hätte, es erschienen mal wieder dicke Bücher voller Saft und Kraft. "Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben. Intensiv leben wollte ich. Das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten, was nicht Leben war. Damit ich nicht in der Todesstunde inne würde, dass ich gar nicht gelebt hatte." (Henry David Thoreau, so zitiert im Film "Der Club der toten Dichter") Nur eben nicht in den Wäldern, sondern in den Städten und Dörfern, in Europa und am anderen Ende der Welt. Plastisch und spannend erzählen, Geschichten erfinden; Menschen und Biografien schildern, Gesellschaften durchleuchten; die klassischen Themen neu besprechen: Liebe, Tod und Teufel; Hass, Krieg, Wut, Eifersucht. Einfach das pralle und satte Leben geben oder die Geistigkeit der Epoche mitstenografieren. Aber kann das Schrift mit Buchstaben und Lauten noch, die Komplexität einer Bilder- und Schallwelt abilden? Ich bezweifle das, vielleicht liegt die Zukunft aller Kunst ausschließlich im visuellen und akustischen Medium.


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Gestern 07:33 (zuletzt bearbeitet: Gestern 07:34)
avatar  Salin
#6
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Wird seit der Moderne bei Gattungen der Kunst nicht eher die Form betont?
"Die Beschäftigung mit dem menschlichen Gehalt des Werkes ist prinzipiell unverträglich mit dem ästhetischen Genuss im eigentlichen Sinn", schrieb Ortega y Gasset in Die Vertreibung des Menschen aus der Kunst.
Gewiss, wir haben heute beides, doch sehe ich im Quasi-Dokumentarischen keinen Vorzug der Gattung Roman. Andere Textarten können dies besser, vom Visuellen ganz zu schweigen.


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Gestern 11:23
#7
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Zitat von Salin im Beitrag #6
doch sehe ich im Quasi-Dokumentarischen keinen Vorzug der Gattung Roman.

Ich weiß nicht, hat hier jemand dem Dokumentarischen das Wort geredet? Also ich ganz sicher nicht, ich mag zwar die Projekte von Walter Kempowski wie Das Echolot, aber darin kann sich große Kunst niemals erschöpfen. Oder missverstehe ich da etwas?


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Gestern 12:17
avatar  Salin
#8
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Für mich ging der Artikel gestern schon in diese Richtung, wobei die Betonung auf quasi lag.
Das darin Erwähnte hat zwar alles seinen Platz, doch sollte, wo es um Literatur als Kunstform geht, nicht mehr Gewicht auf dem Wie des Erzählens liegen und weniger auf einem "Abbilden"?


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Gestern 14:38
#9
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Hm, war nicht so intendiert. Wobei das Was und das Wie nicht zu trennen sind: Homer schildert ja auch "seine" Zeit; Cervantes, Shakespeare etc. tun das auch und erzählen dabei die unvergesslichen Geschichten. Selbst der formal Innovativste am Beginn der Moderne, Sterne, erzählt im "Tristram" eine Geschichte, auch wenn er sie beinahe nicht erzählt vor lauter Form- und Stilwillen.


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