Tony Hillerman
#1
Ich habe Tony Hillermans Reihe Navajo-Police mit Joe Leaphorn und Jim Chee mit dem 2. Band Tanzplatz der Toten (EA: 1973). Dt. Helmut Eilers. Unionsverlag Taschenbuch, Zürich 2023 begonnen, weil der erste Band Wolf ohne Fährte (The Blessing Way) in der Neuherausgabe vom Unionsverlag fehlt. Hier in Teil 2 geht es um Mord und einen Vermisstenfall, aber die Ermittlung steht wie bei wahrscheinlich allen Bänden eher im Hintergrund. Hauptsächlich lernt der Leser die unterschiedlichen Völker der halbnomadischen Navajos und der eher sesshaften Zuñi kennen. Ich selbst habe mich viele Jahrzehnte eher mit den Stämmen der Algonkin-Sprachen beschäftigt und weniger mit denen der Pueblo-Kultur, zu denen die Zuñi gehören. Auch die Navajo, die sich im Roman selbst Diné nennen, leben eher in den wüstenartigen Gebieten New Mexicos, Arizonas und Utahs, die bislang nicht in meinem Blick lagen.
Der Protagonist Joe Leaphorn von der Navajo Tribal Police (Polizei der Navajo Nation Reservation) darf (auf Seite 93f. der Ebookausgabe) natürlich seine Urteile über die Weißen vom FBI kundtun, wenn auch nur in Gedanken:
"Leaphorns Gedanken drifteten schon wieder davon. Warum, grübelte er, waren FBI-Männer so oft wie dieser O'Malley? Leaphorn sah, dass der weiße Mann, der hinter O'Malley saß, das Augenbrauen-Signal bemerkt hatte und genau verstand, was dahintersteckte. Er bedachte Leaphorn mit einem freundlichen, mitfühlenden Schmunzeln. Der Mann war etwa fünfzig und hatte einen semmelblonden Haarschopf und ein rosiges, sommersprossiges, etwas schlaffes Gesicht, das an einen Jagdhund erinnerte. O'Malley hatte ihn schlicht als »Agent Baker« vorgestellt. Offenbar wollte O'Malley den Eindruck erwecken, auch Baker sei ein Agent des FBI. Aber Leaphorn war schon zuvor zu dem Schluss gekommen, dass Baker kein Mitglied des Federal Bureau of Investigation sein konnte. Er sah einfach nicht aus wie einer dieser Agenten. Er hatte schiefe, verfärbte Zähne und machte überhaupt einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck. Außerdem hatte er etwas an sich, das auf eine überaus wache, ungeduldige und wissbegierige Intelligenz schließen ließ. Leaphorns umfangreiche Erfahrungen mit dem FBI deuteten indessen darauf hin, dass diese Eigenschaften einer Aufnahme in das FBI geradezu im Wege standen. FBI-Männer schienen immer O'Malleys zu sein: zackiger Haarschnitt, sauber gewaschen, geschniegelt und unbelastet von übermäßiger Intelligenz.
O'Malley redete immer noch. Leaphorn sah ihn an und fragte sich, wie das Konzept des FBI aussehen mochte. Wo kriegten die nur so viele O'Malleys her? Er hatte plötzlich eine Vision von einem Büro im Gebäude des Justizministeriums in Washington, wo ein Beamter Einberufungsbescheide an alle männlichen Cheerleader und Tambourmajore namhafter Baseballmannschaften losschickte mit dem Befehl, zuerst zum Friseur zu gehen und sich dann zum Dienst zu melden. Er unterdrückte ein Grinsen."
Das ist natürlich köstlich und ganz sicher noch untertrieben. 
#2
Im 3. Band von Tony Hillermans Reihe Navajo-Police mit Joe Leaphorn und Jim Chee mit dem Titel Blinde Augen. Dt. Friedrich A. Hofschuster. Unionsverlag Taschenbuch, Zürich 2023 ("Listening Woman", dt. Erstauflage: "Das Labyrinth der Geister") gibt es folgende Passage (S.42f.):
"Die lange nicht mehr benützte Wagenspur, die zu dieser Quelle führte, war leicht zu entdecken gewesen. Leaphorn war genau Bistis Anweisungen gefolgt, war sieben Komma acht Meilen auf der Spur entlanggerumpelt und hatte den Wagen dann bei einem mächtigen schwarzen Schieferblock, der aus dem Wüstenboden ragte, geparkt. Dann war er zwei Meilen in ostnordöstlicher Richtung auf eine rötliche Spitzkuppe zugegangen, die nach Bistis Beschreibung die Wasserstelle überragte. Rings um ihn war nichts als verwitterte Felsen zu sehen, ohne eine Spur von Wasser oder einen einzigen Halm. Er suchte in immer weiteren, konzentrischen Kreisen, kletterte auf Sandsteinwälle, umging Steilabbrüche aus Sandstein – eingebettet in eine Landschaft, deren einzige Farben verschiedene Schattierungen von Rosa und Rot waren. Schließlich kletterte er auf eine der oben abgeflachten Zinnen, setzte sich dort hin und suchte die Umgebung zu seinen Füßen mit dem Fernglas genauestens ab - nach einer Spur von Grün, die auf Wasser hinweisen würde, oder nach einer geologischen Unregelmäßigkeit, die eine Quelle verraten könnte. Er fand nichts dergleichen und wartete erst einmal ab. Bisti war schon als kleiner Junge in diesem Land unterwegs gewesen. Er irrte sich bestimmt nicht, was die Wasserstellen anging. Oberflächenwasser in dieser Wüste wäre ein Magnet für alles Lebendige: Mit der Zeit musste die Natur sich selbst verraten. Leaphorn würde warten und unterdessen seinen Gedanken nachhängen. In diesen beiden Disziplinen war er richtig gut."
Weil wir es kürzlich davon hatten und Salin bezüglich eines anderen Buches meinte, er habe sich da keine Notizen gemacht. Ich persönlich habe das auch schon lange aufgegeben, weil ich gar nicht mehr hinterherkäme; aber dieses Beispiel hier zeigt eines Erachtens, wie man auch innerhalb der "Unterhaltungsliteratur" eine gelungene halbe Seite Prosa abliefern kann, wenn das Verhältnis zwischen Beschreibung, Beobachtung, Tonfall, Humor stimmt. Natürlich beurteile ich nur die Übersetzung, das amerikanische Original kenne ich nicht.
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