Januar, Februar, März 2026

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17.02.2026 17:21 (zuletzt bearbeitet: 17.02.2026 17:22)
#61
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Wieder viel Fredl Fesl gehört die Tage, gehört ja auch zur Literatur. Das hier aus dem Jahr 2000 wäre heute nicht mehr möglich, auch dem genialen Niederbayern nicht, möge er in Frieden ruhen und droben im Himmel die Engel zum Lachen bringen mit dem "Riesenneger bei Nieselregen".


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19.02.2026 16:30
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#62
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Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #60
Nachtrag: Ich bin überzeugt, dass seit dem Aufkommen von Radio, Kino, Fernsehen; Computerspielen, Internet und Social Media sich die "Überlagerungen" von eigenen und fremden Erinnerungen so intensiviert haben, dass niemand sich mehr wirklich zurechtfindet, es aber auch letztlich egal ist, da fast alle Menschen derart vernetzt sind oder in der Matrix leben.


Das trifft es wohl auf den Punkt. Hier könnte man reflektieren, welchen Einfluss die Medien auf das Denken, Fühlen und Erinnern haben, sodass das große gemeinsame Gehirn gar nicht soweit hergeholt ist, denn es fällt umso schwerer, seine Ansicht selbst zu gewinnen, wo es zuvor üblich war, auf Quellen zurückzugreifen, die einigermaßen vertrauenswürdig waren, um heute auf Quellen zu treffen, die bewusst die Verfälschung und Manipulation im Auge haben.

Wenn man bedenkt, was alles schon früher zu einer Quellenprüfung und Geschichtsforschung hinzugehörte, dass nicht nur mündliche und schriftliche Überlieferungen zu berücksichtigen waren, sondern auch Psychologie und Verhaltensforschung betrieben werden musste, um die Zeit zu prüfen und die spezifischen sozialen und kontextuellen Bedingungen einzubeziehen, dazu das individuelle und kollektive Gedächtnis, nebst einer Analyse nach kognitionswissenschaftlichen Kriterien, da schwindelt einem schon der Schädel. Im Grunde müsste man jeder Erinnerung weitere Quellen gegenüberstellen und diese mit ihnen abgleichen, um ein einigermaßen neutrales Bild zu erhalten, das wiederum kaum möglich ist, weil jeder seine eigene und individuelle Erinnerung besitzt.


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20.02.2026 11:50
#63
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Das übersteigt nun aber die Möglichkeiten des werktätigen Indiviuums. Mir fiel das kürzlich bei den gefakten Fotos aus Kamtschatka oder jetzt dem KI-Skandal beim ZDF auf, dass man, schaltet man den Fernseher an oder geht ins Internet, keinerlei Gewähr mehr hat, was wahr ist und was falsch. Und der Aufwand, das herauszufinden, ist einfach zu groß. Auch die Literatur kann daran nur scheitern und bestenfalls dieses Scheitern darstellen. Oder sich ins rein Analoge zurückziehen; womit sie die Lebenswirklichkeit der Mehrheit verließe.


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20.02.2026 15:10
#64
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Zwischendurch in Stefan Zweigs "Drei Dichter ihres Lebens" im Kapitel Stendhal. Früher ist mir das "De te fabula narratur" gar nicht aufgefallen:

Zitat

Er macht sich bereit, fährt in den Rock, rückt das Toupet zurecht: jetzt noch rasch einen Blick in den Spiegel! Er sieht sich an, und sofort schneidet eine sardonische Falte die Mundwinkel schief: nein, er gefällt sich nicht. Welch ein unfeines, grobes Bulldoggengesicht, rundlich, rot, feistbürgerlich, ach, wie widerlich dick und knollig lagert die breitgenüsterte Nase quer inmitten dieser Provinzvisage! Zwar die Augen, sie wären so übel nicht, klein, schwarz, funkelnd, voll unruhigen Neugierlichts, aber sie sitzen zu tief und zu klein unter den dicken Brauen der schweren, quadratischen Stirn: als le Chinois, den Chineser, haben sie ihn um ihretwillen seinerzeit im Regiment schon verspottet. Was ist noch gut in diesem Gesicht? Stendhal blickt sich ingrimmig an. Nichts ist gut, nichts zart, geistlinig lebendig, alles schwer und vulgär, bitterböseste Bourgeoisie, und dabei der kugelige, in braunem Bart gerahmte Kopf vielleicht noch das Beste an diesem unbequemen Korpus; denn gleich kinnabwärts kröpft sich, zu knapp geraten, der Hals, und tiefer hinab wagt er lieber gar nicht zu schauen, denn er haßt seinen dummen bombastischen Wanst und die zu kurz gestreckten unschönen Beine, die derart mühsam diese ganze schwere Masse Henri Beyle tragen, daß ihn die Schulkameraden immer den »wandelnden Turm« nannten. Noch immer sucht Stendhal im Spiegel nach irgendeinem Trost. Die Hände allenfalls, ja, die können gelten, frauenhaft zart, sehr geschmeidig mit den spitzen, glattpolierten Fingernägeln, aus ihnen spricht noch ein wenig Geist und Adel, und auch die Haut, die mädchenempfindliche und linde, sie verriete zärtliche Gesinnung, ein wenig Noblesse und Feingefühl. Aber wer sieht, wer bemerkt an einem Manne solche feminine Kleinigkeiten? Frauen fragen immer nur nach Gesicht und Figur, und die sind, er weiß es fünfzig Jahre schon, unrettbar plebejisch. Einen Tapeziererkopf hat Augustin Filon seine Visage genannt und Monselet ihn als »Diplomaten mit einem Drogistengesicht« gekennzeichnet; aber selbst solche Begutachtung scheint ihm zu freundschaftlich, denn Stendhal urteilt jetzt selbst, verdrossen in das unbarmherzige Spiegelglas starrend: »Macellaio italiano«: Gesicht eines italienischen Fleischhackers.

Aber wäre er wenigstens, dieser fettleibige massive Körper, brutal und maskulin! – Es gibt ja Frauen, die zu breiten Schultern Zutrauen haben und denen ein Kosak in mancher Stunde besser dient als ein Dandy. Doch niederträchtigerweise, er weiß es, ist diese derbe, bäurische Figur, diese Rotfülligkeit des Bluts bei ihm nur Attrappe, eine Falschmeldung des Fleisches. Unter diesem Koloß Mann flimmert und vibriert ein Nervenbündel subtilster, ja fast krankhafter Empfindlichkeit, als ein »monstre de sensibilité« haben ihn alle Ärzte bestaunt. Und eine solche Schmetterlingspsyche – Verhängnis! –, eingenäht in soviel Fülle und Fett: irgendein Nachtmahr muß in der Wiege Leib und Seele vertauscht haben, denn wie friert und zittert bei jeder Erregung die krankhaft überempfindliche Psyche unter ihrer grobschlächtigen Hülle. Ein offenes Fenster im Nebenraum, und schon rieseln scharfe Schauer über die feindurchäderte Haut, eine zufallende Tür, und sofort zucken die Nerven in wildem Riß, ein schlechter Geruch, und ihm wird schwindlig, die Nähe einer Frau, und er wird verworren, ängstlich oder aus Verkehrtangst grob und unanständig. Unverständlich diese Mischung! Wozu soviel Fleisch, soviel Fett, soviel Wanst, soviel plumpes fuhrmännisches Knochenwerk um ein so spinnfeines und verletzliches Gefühl, wozu ein dermaßen dumpfer, uninteressanter, klotziger Leib um eine so komplizierte und reizbare Seele?

Stendhal wendet sich vom Spiegel ab. Dies Exterieur ist unrettbar, er weiß es seit seiner Jugend. Da kann selbst ein solcher Zauberkünstler von Schneider nicht helfen, der ihm ein Mieder unter die Weste eingebaut hat, das den Hängebauch geschickt nach oben preßt, und famose Kniehosen aus Lyoner Seide fertigte, damit die lächerliche Kurzbeinigkeit verdeckt sei; nichts hilft auch das Haarmittel, das ein manneskräftiges Braun über die längst ergrauten Koteletten dunkelt, nichts die elegante Perücke, die den glatzigen Schädel schützt, nichts die goldbordierte Konsulatsuniform und die fein polierten, flimmernden Nägel. Diese Mittel und Mittelchen stützen und putzen nur ein wenig auf, sie verbergen das Fett und den Verfall, aber doch: keine Frau wird sich nach ihm umwenden auf den Boulevards, keine mit der ergriffenen Ekstase, wie Madame de Rénal seinem Julien oder Madame de Chasteller seinem Lucien Leuwen, ihm jemals in die Augen sehen. Nein, nie haben sie ihn beachtet, schon als jungen Leutnant nicht, und wie jetzt erst, da die Seele im Speck steckt und das Alter ihm die Stirne schrundet. Vorbei, verspielt! Mit solch einem Gesicht hat man kein Frauenglück, und es gibt kein anderes!




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21.02.2026 15:54
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#65
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Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #63
Das übersteigt nun aber die Möglichkeiten des werktätigen Indiviuums. Mir fiel das kürzlich bei den gefakten Fotos aus Kamtschatka oder jetzt dem KI-Skandal beim ZDF auf, dass man, schaltet man den Fernseher an oder geht ins Internet, keinerlei Gewähr mehr hat, was wahr ist und was falsch. Und der Aufwand, das herauszufinden, ist einfach zu groß. Auch die Literatur kann daran nur scheitern und bestenfalls dieses Scheitern darstellen. Oder sich ins rein Analoge zurückziehen; womit sie die Lebenswirklichkeit der Mehrheit verließe.


Das übersteigt wohl auch das Vermögen der Historiker per se. Gleichfalls ist analogen Büchern nicht mehr zu trauen, zumindest denen, die heute erscheinen. Die Auslese der Verlage ist allumfassend, und wenn ein kritisches Buch Spiegel-Bestseller ist, darf immer Skepsis angebracht sein, inwieweit diese "Kritik" dann wohl reicht.

Ich habe dazwischen geschoben, weil ich mich festgelesen habe: Yavuz Ekinci "Das ferne Dorf meiner Kindheit". Mir gefällt die Art des Erzählens des kurdischen Schriftstellers und das Spartanische jener Bergdörfer, die ums Überleben kämpfen. Seinen Roman "Die, die deren Träume zerbrochen sind", für den er in der Türkei sieben Jahre ins Gefängnis soll, habe ich auch noch herumliegen.


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22.02.2026 06:23
#66
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Zitat von Taxine im Beitrag #65
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #63
Das übersteigt nun aber die Möglichkeiten des werktätigen Indiviuums. Mir fiel das kürzlich bei den gefakten Fotos aus Kamtschatka oder jetzt dem KI-Skandal beim ZDF auf, dass man, schaltet man den Fernseher an oder geht ins Internet, keinerlei Gewähr mehr hat, was wahr ist und was falsch. Und der Aufwand, das herauszufinden, ist einfach zu groß. Auch die Literatur kann daran nur scheitern und bestenfalls dieses Scheitern darstellen. Oder sich ins rein Analoge zurückziehen; womit sie die Lebenswirklichkeit der Mehrheit verließe.


Das übersteigt wohl auch das Vermögen der Historiker per se. Gleichfalls ist analogen Büchern nicht mehr zu trauen, zumindest denen, die heute erscheinen. Die Auslese der Verlage ist allumfassend, und wenn ein kritisches Buch Spiegel-Bestseller ist, darf immer Skepsis angebracht sein, inwieweit diese "Kritik" dann wohl reicht.


Ja, da kann ich dann nur noch mit Lenin fragen: Что делать? Was bleibt unsereinem da noch übrig?

Zitat von Taxine im Beitrag #65
Ich habe dazwischen geschoben, weil ich mich festgelesen habe: Yavuz Ekinci "Das ferne Dorf meiner Kindheit". Mir gefällt die Art des Erzählens des kurdischen Schriftstellers und das Spartanische jener Bergdörfer, die ums Überleben kämpfen.

Ich bin ein großer Fan von Büchern über Kindheiten und Jugenden, von vergangenen in unseren Breiten oder fremden anderswo. Die Heranwachsenden bei uns sollten eigentlich täglich daran erinnert werden, wie gut es ihnen geht und wie wenig selbstverständlich das ist. Literarisch ist das natürlich eine unglaublich schwierige Aufgabe, die nur wenige Autoren meistern, ohne sentimental und unkritisch zu werden.

Zitat von Taxine im Beitrag #65
Seinen Roman "Die, die deren Träume zerbrochen sind", für den er in der Türkei sieben Jahre ins Gefängnis soll, habe ich auch noch herumliegen.


Wir sonnen uns hier in der neuen BRD noch in der Gerechtigkeit, dass kein Autor mit Knast bedroht ist; aber natürlich ist das bloße Augenwischerei. Wir sind auf geradem Wege dahin.


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22.02.2026 06:29
#67
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Ach ja, einschieben musste ich auch wieder:

Wolf Janson: Die Geschichte vom Gegenwind: Im Dorf wie in der Welt / revidierte Fassung 1/2026 Kindle Ausgabe

Zitat
Dieses Buch ist eine Art Heimatroman, der keiner Idylle huldigt, sondern dörfliche Wirklichkeit in ihren vielfältigen wie widersprüchlichen Belangen zeigt. Es ist eine kritische Liebeserklärung über ländliches Leben, über gewachsene Traditionen und Eigenarten, wie unvorsehbare Ereignisse. Im Mittelpunkt steht die Freundschaft zwischen einem Zugezogenen und einem "real Native". Im Spannungsfeld ihrer persönlichen Schicksale werden zwei Lebensentwürfe lebendig, die verschiedener nicht sein könnten. In spannenden wie skurrilen Sequenzen agieren zwei Charaktere, die beide am freiheitlichen Strang ziehen, sich die Köpfe heiß reden, aber auch wie Feuer und Wasser reagieren. Der Ältere droht am kollektiven Schweigen seiner Familie nach dem Kriege zu zerbrechen. Sprachlos spürt er wie das Nichtgesagte über die Vergangenheit jahrelang im Raum schwebt. Als die Musik in sein Leben tritt, findet er langsam zu sich selbst. Seitdem zündet in wichtigen Lebenssituationen plötzlich ein Melodie in ihm, die ihn verwandelt um Konflikten ins Auge sehen und diese angegehen zu können. Dagegen verzweifelt der Jüngere an Gewalt und Befehlsgeschreie in seiner Großfamilie, wie an der Enge einer kleinbürgerlichen Dorfwelt. Folgerichtig führt der Lebensweg des einen in die Beschäftigung mit der menschlichen Innenwelt, um deren Daseinsnöte aufzuhellen, während sich der andere als investigativer Journalist den Grausamkeiten der Welt an deren aktuellen Konfliktherden stellt. Es ist sein Ziel aufzuklären und wachzurütteln, so er via eigenem Internetportal über Elend, Willkür und Krieg informiert. Der Roman erzählt vom Kampf gegen Unwissenheit und Vorurteile in Familie und Gesellschaft, zumal die Protagonisten selbst von kleinauf durch die menschenfeindliche Ideologie des Nationalsozialismus geprägt sind. In der Handlung nimmt die Musik einen wichtigen Platz ein. Sie ist durch Fußnoten gekennzeichnet und am Endes des Buches detailliert zum Nachhören benannt. Die Geschichte vom Gegenwind erzählt von zwei Freunden die verweigern den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Der Untertitel lautet Im Dorf wie in der Welt. Parallelen und Widersprüche beider Lokalitäten werden sprachlich bildhaft, ironisch und in humoriger wie sarkastischer Weise beschrieben.



Von einem im wahrsten Sinne des Wortes uralten Freund aus dem Klassikforum. Und wie stets eine undankbare Aufgabe für mich, denn es ist zum Haare raufen, wenn man welche hätte: Man möchte natürlich dem Freund ein Feedback geben, ihn aber auch nicht verletzen. Er hat eigenem Bekunden nach fünf Jahre an dem Roman gearbeitet und ich stelle nur fest, wie schwer es eben ist, wirklich gute Literatur zu schaffen. Jedes Wort, das ich zur Einschätzung schriebe, klänge schon beim Niederschreiben despektierlich, obwohl ich es nicht so meine.


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22.02.2026 11:42
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#68
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Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #66
Ich bin ein großer Fan von Büchern über Kindheiten und Jugenden, von vergangenen in unseren Breiten oder fremden anderswo.

Ich tatsächlich überhaupt nicht. In Biografien würde ich am liebsten immer die Kindheit und Jugend überspringen.
Ich mag aber Romane, die eine eigene Welt sichtbar machen, die mit Bildern arbeiten oder drastische Szenen offenbaren. Hier beginnt der Roman mit den glasigen Augen des Vaters, der sich erhängt hat, um dann die Geschichte der kurdischen Familie zu erzählen, vom strengen Großvater bis zum Bruder, der als PKK-Guerillakämpfer im Kandil-Gebirge gegen den türkischen Staat kämpft. Ekinci zeigt alle Seiten, kritisiert aber auch, dass größtenteils junge Leute für den Widerstand rekrutiert werden. Die Art, wie er aus der Sicht des jüngeren Bruder berichtet, wie die Generationen aufeinander prallen, ist schon beeindruckend. Der Großvater, der die Tradition wahrt und das Steinhaus dem Betonhaus vorzieht, obwohl es undicht ist und der Regen hineinläuft, der Vater, der dem harten Leben nicht gewachsen ist, die religiöse Komponente, die Erwartungen der Familie ... Es ist ein durchaus brenzliges Thema, dabei aber literarisch gut umgesetzt.


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22.02.2026 18:06
#69
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Zitat von Taxine im Beitrag #68
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #66
Ich bin ein großer Fan von Büchern über Kindheiten und Jugenden, von vergangenen in unseren Breiten oder fremden anderswo.

Ich tatsächlich überhaupt nicht. In Biografien würde ich am liebsten immer die Kindheit und Jugend überspringen.





Bist du sicher, dass dir nicht ein X-Chromosom fehlt?! Das ist doch eigentlich die Domäne des lesenden Teils des schönen Geschlechts.

In Kindheit und Jugend wird alles Entscheidende, was nicht ohnehin schon vererbt ist, angelegt. Deshalb schaue ich da schonmal genauer hin, da muss man gar kein Tiefenpsychologe sein. Problematisch war früher die Tendenz der Biografen, bis ins letzte Glied Familienstammbäume zu verfolgen, die nie und nimmer Einfluss auf das in Rede stehende Individuum haben konnten. Das gleiche gilt für die Geschichte von Staaten oder Städten, die in hunderten Seiten referiert werden, obwohl das Kind mit 4 bereits anderswohin verzog mit den Eltern.


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23.02.2026 14:32
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#70
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Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #69
In Kindheit und Jugend wird alles Entscheidende, was nicht ohnehin schon vererbt ist, angelegt.

Tja, mag alles auch im Kind angelegt sein, interessant werden die meisten erst, wenn sie älter sind.

Zum Thema Historiker und deren Hinterlassenschaften. Dazu eine schöne Anekdote von den Brüdern Goncourt:

„Der Vater schreibt den Anfang und den Schluss des Artikels. Der Sohn ackert, ganz von Büchern eingekeilt, den historischen Zusammenhang und die Daten für die Mitte durch: „Auch das noch! Verbohr dich nicht wie neulich wieder in die Daten!“ sagt ihm alle Augenblicke sein Vater."

(Aus "Journal - Erinnerungen aus dem literarischen Leben, 1864 -1868", Band 4)


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23.02.2026 14:54
#71
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Zitat von Taxine im Beitrag #70
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #69
In Kindheit und Jugend wird alles Entscheidende, was nicht ohnehin schon vererbt ist, angelegt.

Tja, mag alles auch im Kind angelegt sein, interessant werden die meisten erst, wenn sie älter sind.


Das stimmt natürlich. Viele sogar erst im hohen Alter und manche erst nach ihrem Ableben ...


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23.02.2026 14:59 (zuletzt bearbeitet: 23.02.2026 15:01)
#72
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So geht's: Wegen den Jünger-Brüder heimgefahren und dann nachts über Heinrich Manns "Geist und Tat" gesessen, vor allem den Essays über Stendhal und Gustave Flaubert. Wieder geärgert, dass ich nicht französisch parliere; aber eine Sprache, die Zahlen derart aufbläht, kann man wohl nicht lernen im Alter.


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25.02.2026 16:24 (zuletzt bearbeitet: 25.02.2026 16:27)
#73
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Oh je, das musste ja so kommen: Auf Netflix die Serie "Dark Winds - Der Wind des Bösen" (2022) angefangen und natürlich im Netz zu ihr nachgelesen, wobei ich feststellte, dass sie auf den Romanen von Tony Hillerman basiert. Dessen 18 Bände der Reihe Navajo-Police mit Joe Leaphorn und Jim Chee wurden seit Ende der 70er übersetzt, liegen inzwischen aber sogar beinahe komplett neu vor vom Unionsverlag, auch als Ebook. Da ich ein großer Freund von Geschichten aus indianischen Reservaten bin, schwant mir nichts Gutes. Überhaupt gibt es nicht so viele Reihen, die mich gepackt haben, aber wenn, dann gibt es kein Halten mehr bis zur allerletzten Seite. Ich denke nur an die zweidutzendbändige Dave-Robicheaux-Reihe von James Lee Burke oder die 15 Bände der Dr.-Siri-Reihe von Colin Cotterill. Manchmal braucht man diese Art Lektüre für den eigenen Seelenhaushalt. Ich kann nicht wie Marx zur Erholung Algebra lesen; ich albträume noch jetzt hin und wieder vom Mathe-Abitur.


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25.02.2026 20:25 (zuletzt bearbeitet: 25.02.2026 20:26)
avatar  Salin
#74
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Vor dreizehn oder vierzehn Jahren las ich Hillermans Finding Moon, also keinen der Navajo-Romane. In Erinnerung blieb ein effizienter Erzähler, der sein Handwerk meisterhaft beherrschte, aber sonst? Auf Notizen hatte ich verzichtet und offenbar gab es nicht einen Satz, den ich separat bewahren wollte.
Mir empfohlen hatte das Buch ein Germanist, der Anfang der 70er als "Linker" keine Chance auf eine akademische Laufbahn in seinem Ländle sah. Hans Filbinger war damals noch Ministerpräsident, doch heute wird an Unis nach nicht weniger politischen Kriterien ausgewählt. Jener Germanist ging ins bürgerlich regierte Frankreich, wo er nach ein paar Jahren eine Professur an einer der traditionsreichsten Universitäten erhielt und später bis zur Emeritierung Direktor eines Instituts an seiner Uni war.
Warum er mir Finding Moon empfahl, bleibt mir ein Rätsel. Vielleicht weil Hillermans Amerikanisch relativ einfach ist und er meinen Sprachschatz nicht höher einschätzte? Zudem hatte er eigentlich ein Faible für Osteuropa. 1968 studierte er ein Jahr in Prag, wo er mit anderen Studenten gegen den Einmarsch demonstrierte. Seit Anfang der 80er fuhr er mit Teilen seiner Studenten nach Ostdeutschland und Russland, letzteres im Rahmen eines Kulturabkommens. Russisch ist auch eine der sechs Sprachen, die er fließend spricht.


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26.02.2026 06:18
#75
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Zitat von Salin im Beitrag #74
Vor dreizehn oder vierzehn Jahren las ich Hillermans Finding Moon, also keinen der Navajo-Romane. In Erinnerung blieb ein effizienter Erzähler, der sein Handwerk meisterhaft beherrschte, aber sonst? Auf Notizen hatte ich verzichtet und offenbar gab es nicht einen Satz, den ich separat bewahren wollte.

Das würde ja meinem Wunsche nach Erholungslektüre entsprechen. Außerdem geht es mir wie bereits erwähnt um das Sujet des Reservats, also den Kulturspagat zwischen Natives und weißer Majorität.

Zitat von Salin im Beitrag #74

Mir empfohlen hatte das Buch ein Germanist, der Anfang der 70er als "Linker" keine Chance auf eine akademische Laufbahn in seinem Ländle sah.

So ändern sich die Zeiten! Heute bekommst du weder an der Uni noch in den großen Redaktionsstuben und TV-Formaten eine Chance, wenn du bürgerlich-gemäßigt oder gar rechtskonservativ bist. Einzig an den Schulen kann man es sich mangels Personal nicht leisten, nach ideologischen Kriterien zu wählen.

Zitat von Salin im Beitrag #74
Jener Germanist ging ins bürgerlich regierte Frankreich, wo er nach ein paar Jahren eine Professur an einer der traditionsreichsten Universitäten erhielt und später bis zur Emeritierung Direktor eines Instituts an seiner Uni war.
Warum er mir Finding Moon empfahl, bleibt mir ein Rätsel. Vielleicht weil Hillermans Amerikanisch relativ einfach ist und er meinen Sprachschatz nicht höher einschätzte? Zudem hatte er eigentlich ein Faible für Osteuropa. 1968 studierte er ein Jahr in Prag, wo er mit anderen Studenten gegen den Einmarsch demonstrierte. Seit Anfang der 80er fuhr er mit Teilen seiner Studenten nach Ostdeutschland und Russland, letzteres im Rahmen eines Kulturabkommens. Russisch ist auch eine der sechs Sprachen, die er fließend spricht.

Wieder eine der brennend spannenden Geschichten wie neulich die vom Leseland DDR. Aber ich werde nicht erneut darauf dringen, du möchtest die alle bündeln.


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