Januar, Februar, März 2026
#46
Jetzt hatte ich die letzten Wochen meiner Gemahlin immer wieder schöne Zeilen der Art "Werfe eulenartig Blicke/ in die nachtdurchwachte Lücke" oder "Ein Doppelgänger/ ins Nichts gehüllt,/ durchwandert Ahnungen" vorlesen können; bevor nun durch einen Hinweis hier zur alternierenden Rezitation von Petrarcas "Canzoniere" ...
... auch die Gedichte von Guido Cavalcanti bei Tisch zu Gehör kommen ...
Meiner Frau gefiel besonders:
"Ich sehe in den Augen meiner Herrin
ein Licht, so ganz erfüllt von Liebesgeistern,
mit niegefühlter Lust das Herz bemeistern,
daß es ein Freudenleben dort entzündet!"
Freilich schien ihr die Definition des Lichts nicht korrekt, sie ist eben Chemikerin.
Da konnte ich nur nachtragen:
"Du wirst von Seufzern Neues; wirst Berichte
voll von Torturen bringen und Entsetzen"


#47
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #46
Jetzt hatte ich die letzten Wochen meiner Gemahlin immer wieder schöne Zeilen der Art "Werfe eulenartig Blicke/ in die nachtdurchwachte Lücke" oder "Ein Doppelgänger/ ins Nichts gehüllt,/ durchwandert Ahnungen" vorlesen können...



Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #47
Anastassija Zwetajewa: Erinnerungen (Kiepenheuer 1979)
Da schreibt die Schwester größtenteils über ihre gemeinsame Kindheit. Ich empfehle dir Zwetajewas Briefe "Im Feuer geschrieben". Da zeigt sie ihre ganze Seele, ihr ganzes Genie, während man gleichzeitig viel über die schwierigen Umstände ihres Lebens erfährt. Ich habe auch die vier Bücher der "Ausgewählten Werke", herausgegeben von Ilma Rakusa. Aber die Briefe sind, neben den Gedichten, ein echtes Highlight. Auch ihr Blick auf Bely und das Berlin der Emigranten ist schön. Kennst du sicher, das Buch "Russen in Berlin", herausgegeben von Fritz Mierau?
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #45
Sylvain Tesson freilich gehört seit "Kurzer Bericht von der Unermesslichkeit der Welt" zu meinen Leib- und Magenautoren. Ich bin ja auch so ein Wildnisfan und wollte so gerne mit meinem Vater die sibirische Erfahrung nachempfinden, leider starb er, der Tesson vielleicht noch mehr liebte als ich, viel zu früh. Nature Writing an sich ist mir immer ein zu hilfloses Wort für die Literatur zwischen Thoreau und Tesson, wenn die Reflexion nicht die Höhe der reinen Deskription von Natur und Umwelt hält. Auch Tesson hat es vielleicht mit dem "Schneeleoparden", besonders der Dokumentation, übertrieben; aber prinzipiell ist er mein Mann und wäre ich gesund genug, ich täte es ihm mit meiner Schäferhündin nach.
Tatsächlich habe ich alle Bücher von ihm, außer "Der Schneeleopard". Auch sein Weg Napoleons in Russland ist ja herrlich. Und Thoreau ist natürlich Kult. Ich habe "Walden" in zwei verschiedenen Ausgaben. Oder in drei? Müsste mal nachsehen gehen. Diese Menschen erinnern einen immer wieder daran, wie wichtig es ist, sich diesem Lärm der Welt zu entziehen und unabhängig zu sein, was heute so gut wie unmöglich geworden ist. Ich könnte zwar in einer einsamen Hütte leben (ähnlich wie in "Die Wand" von Haushofer), aber der Schnee und die Kälte Sibiriens würden mich schon abschrecken, von den Bären und Wölfen ganz zu schweigen. Männer haben es in dieser Hinsicht allerdings auch wesentlich leichter als Frauen.
P. S. Thoreaus Tagebuch dagegen fand ich eher langweilig.
#50
Zitat von Taxine im Beitrag #44
Zu nennen wären hier Emmanuel Carrère und sein "russischer Roman", der dazu auch eine Dokumentation machte.
So ist das, wieder eine durchwachte Nacht dank dir, Amazon und meinem nagelneuen Kindle Paperwhite - ich brauchte länger, um mich zu entscheiden zwischen "Das Reich Gottes. Übers. Claudia Hamm. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2016" und "Ich lebe und ihr seid tot. Die Parallelwelten des Philip K. Dick. Übers. Claudia Hamm. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2025", entschied mich dann aber doch zunächst für den Amerikaner, weil ich ein Faible für alternative Geschichte habe und damit auch für "Das Orakel vom Berge". Aber es interessiert mich noch mehr von Emmanuel Carrère, "Der Widersacher", "Ein russischer Roman", "Alles ist wahr." "Das Heerlager der Heiligen" von Jean Raspail gibt es nur analog.
#51
Mit Emmanuel Carrère hast du eine gute Wahl getroffen. Das Buch regte mich dazu an, Dicks Romane zu lesen. Seine für mich besten Bücher sind "Limonow" und "Der Schnurrbart". Ansonsten schreibt Carrère eher über sich selbst, das ist teilweise etwas anstrengend. "Der Widersacher" wartet auch bei mir noch geduldig im Regal, ebenso "Brief an eine Zoowärterin".
#53
Zitat von Taxine im Beitrag #52
Das Buch regte mich dazu an, Dicks Romane zu lesen.
Ich lernte Dick eben über das erwähnte "Orakel vom Berge kennen", weil ein Schwerpunkt früherer Interessen auf den alternativen Ausgängen des 2. Weltkriegs lag mit einem Sieg der Deutschen und einem weltweiten des Nationalsozialismus. Dazu müsste man "Vaterland" von Robert Harris nennen, auch verfilmt mit Rutger Hauer; aber auch Otto Basils köstlichen Roman "Wenn das der Führer wüßte" und noch einige andere Autoren minderer Qualität; die KI kennt heute noch mehr, wenn man "romane alternative geschichte sieg hitlers" eingibt.
Für mich rührte das Interesse natürlich nicht aus der Freude über einen heimischen (oder pansowjetischen) Sieg, auch wenn ich ein großer Fan von Ernst Niekisch bin und stark beeindruckt war vom Konzept des Nationalbolschewismus, sondern aus dem vermuteten Umschlagen der extrem dynamischen Bewegungen Faschismus (oder auch Bolschewismus) in starre, reformunfähige, bald zerbröselnde, zerfallende Staats- und Reichs-Gebilde; sobald der "Endsieg" da war und kein Gegner mehr vorhanden. Alle Revolutionen und Welteroberungen neigen ja dazu, sich irgendwann gegen sich selbst zu richten; sich in ihrem Machtbereich zu überdehnen und die ursprünglich unerschöpflich wirkende Energie verpuffen zu lassen in stagnierender Selbsterhaltung eines Status Quo. Das literarisch zu gestalten halte ich für einen enorm spannenden Einfall mit vielen Möglichkeiten. Naturgemäß hat sich aber kein wirklich Großer daran versucht.
#54
Einschub: Hörte gestern mal wieder Frauenlob (Heinrich von Meissen) und nahm mir dann die Texte vor, die man inzwischen hier nachlesen kann:
Uta Störmer-Caysa/ Claudia Lauer (Hrsg.): Lesebuch Frauenlob: Texte, Übersetzungen, Kommentare (Beiträge zur älteren Literaturgeschichte)
Ich bin immer wieder erstaunt, welches Niveau deutsche Dichter bereits im 13. Jahrhundert hatten, welches Gefühl für Sprache.
#55
Jack Kerouac kommt für mich wohl zu spät, so wie damals Karl May zu spät kam für mich. "Unterwegs" und "Die Dharmajäger" hätten mich vor 35 Jahren sicher bewegt und beschäftigt; aber zum einen bin ich nun Mitte 50 und zum anderen war ich schon immer spinnefeind allen Jugend- und Subkulturen, die Verweigerungshaltung, Musik- und Klamottengeschmack mit Freiheit verwechselten und bis heute verwechseln, überdies in sich Ausgrenzungsmechanismen kultivierten, die so mancher totalitären Jugendorganisation Ehre gemacht hätten. Man sieht, ich bin voreingenommen. :) Aber Reisen umd des Reisens willen, Drogen, Sex, Musik etc.. überhaupt dieser ganze Rummel um Flower-Power, Blumenmädchen, 68er etc. ist für mich ein Rotes Tuch, da will ich ehrlich sein. Für Kerouac nimmt mich dann ein, dass ihm das auch auf den Zeiger ging und er lieber als richtiger Schriftsteller wahrgenommen werden wollte. Seine Biografie empfinde ich als tragisch und damit ungeheuer spannend und interessant. Die Bücher kommen wie gesagt zu spät.
#56
Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes
Über 500 Seiten doch auch schon Quälerei, die ich nur auf mich nahm; weil mir die Problematik nicht fremd ist und der Autor schließlich nicht wie ich als Atheist erzogen worden und aufgewachsen ist. Schade um die Zeit und Energie, möchte man meinen; aber für Emmanuel Carrère war das wohl wichtig. Dass er bezüglich des frühen Christentums samt Paulus und Lukas richtig liegt, möchte ich wenigstens andeutungsweise bezweifeln; aber die Praxis, das gegenwärtige Christentum mit dem der ersten Stunde zu vergleichen, um die eigene Gegenwart anklagen zu können, ist nicht neu. Hier ist aber nicht der Platz für kirchen- und theologiegeschichtliche Ausführungen.
Ich selbst habe seinerzeit übrigens weniger Zeilen gebraucht:
Zitat
Ich weiß nicht, ob sich jemand in den alten Bundesländern vorstellen kann, was es hieß, in der DDR der 70er und 80er Jahre auf dem Land bei strammen Genossen aufzuwachsen, die zu den Bereichen Glauben, Religion und Kirche keinerlei Beziehung hatten; nicht einmal eine feindliche, weil die evangelische Konfession in unseren Breiten überhaupt keinen Einfluss mehr besaß und es nach den weitergehenden Vereinbarungen zwischen Staat und Kirche ab 1976 kaum noch Konfliktpotential gab bis zum Beginn der zunächst antiatomar und ökologisch orientierten Friedensbewegung, die dann zum Zentrum aller Widerstandsgruppen wurde.
In meiner Familie war mein Urgroßvater der letzte fromme Christ: Er war ein besonderer Mensch; Bauer mit Leib und Seele, aber auch Heilpraktiker, Imker, Schmied; ein begeisterter Leser sehr zum Unwillen meiner praktischen und unermüdlich arbeitenden Urgroßmutter und ein durch und durch guter Mensch. Er gehörte der methodistischen Freikirche an und predigte auch selbst; lebte aber auch das vor, was er in der Gemeinde sprach. Er starb 1976, als ich gerade fünf Jahre alt wurde; und so konnte er diesbezüglich kaum noch Einfluss auf mich nehmen. Meine Großeltern waren zwar beide Mitglieder in der DDR-Blockpartei CDU, aber ich kann mich nicht erinnern, sie jemals zu einem Gottesdienst aufbrechen gesehen zu haben, auch nicht an Ostern oder Weihnachten. Das Einzige, was mir Oma untersagte, war gotteslästerliches Fluchen in ihren vier Wänden wie „Kreizdunnerwatternochemol“; das ich mir in den Wirtshäusern bei den alten Bauern abgehört hatte. Meine Eltern waren beide Genossen und als SED-Mitglieder ohnehin gehalten, Religion und Kirche als Opium für das Volk zu verachten.
So wusste ich tatsächlich nicht einmal, dass Gott tot ist; weil ich nie erfahren hatte, dass er mal gelebt haben muss, um dann am Kreuz zu sterben bzw. von Nietzsche für tot erklärt zu werden. Kirchen, Religionen und Glaubenssysteme begannen für mich erst eine Rolle zu spielen; als ich Bücher unter die Augen bekam, die historische Themen behandelten oder ansatzweise geistes- und kulturgeschichtlicher Natur waren. So lernte ich das alles unter der Prämisse kennen, hier handle es sich um rein historische Phänomene, die zwar sehr spannend und interessant sein konnten; aber längst abgetan und erledigt wären, auf der Müllhalde der Geschichte entsorgt. Die naturwissenschaftliche Ausrichtung meiner Eltern hat das natürlich noch bestärkt, zumal ich bis zum Abitur auch noch neben der Literatur, Geschichte und Philosophie mit der Physik und der Astronomie liebäugelte, die ich schweren Herzens nur fallen ließ, weil die höhere Mathematik, die man hier für das Weiterkommen bräuchte, mir gar nicht lag.
Es erwies sich aber bald, dass zum einen in meinen Studienfächern der Geistes-, Gesellschafts-, Kultur- und Sozialwissenschaften Fragen der Kirchen- und Religionsgeschichte einen hohen Stellenwert besaßen, wenn man Geschichte als umfassende Wissenschaft ernstnahm; und zum anderen merkte ich, dass für meine persönliche Lebenswelt all die Aspekte an der Peripherie des Glaubens immer wichtiger für mich wurden in dem Maße, wie mir die „richtige“ Welt entglitt und immer weniger zusagte. Als Mensch mit vielseitigen kulturellen, künstlerischen und musischen Interessen lernte ich bald den Gregorianischen Choral kennen und lieben; ich suchte, wann immer ich konnte, den Weg in die Sakralarchitektur, um in romanischen und gotischen Kirchen in der Stille zu verharren und zu mir selbst zu kommen. Ich begeisterte mich für die christliche Literatur, Malerei und Plastik und sogar für die vielen Facetten der Liturgie. Und so kam es zwanglos und wie nebenher zu einer vermehrten Beschäftigung mit Gegenständen der abendländischen Kirchengeschichte während meines Studiums; zu welchem Zwecke ich auch Veranstaltungen an der Theologischen Fakultät besuchte; etwa ein Seminar über den schwäbischen Theologen Johann Valentin Andreae; über dessen Bücher ich arbeitete. Später widmete ich mich dem Politischen Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert, aber mein Spezialgebiet waren die innerprotestantischen Lehrstreitigkeiten im 16. und 17. Jahrhundert; überhaupt die Kirchengeschichte der Frühen Neuzeit. Das hing mit meiner 1. Staatsexamensarbeit zusammen, welche die Konfessionalisierung in den kleinräumigen reußischen Fürstentümern zum Thema hatte und sich in diesem Zusammenhang mit der Tradition einer flacianisch ausgerichteten Kirchenpolitik beschäftigte und vor allem einem gnesiolutheranischen Sonderbekenntnis, der Reußisch-Schönburgischen Konfessionsschrift von 1567.
Ich nenne diese Phase aus heutiger Sicht gerne meine kirchlich-spirituell-katholische Phase und lächle darüber; aber damals war mir die Sache ernst. Nach der gesellschaftlichen Wende brach alles zusammen: Nicht nur das politische und wirtschaftliche und verfassungsrechtliche System der DDR, sondern vor allem ein einheitliches und in sich geschlossenes Gedankengebäude, das einem die Welt so schön erklärt und in eine bessere Zukunft gewiesen hatte. Mich hat mit meinen achtzehn Jahren nichts so sehr erschüttert wie eben dieser komplette Abriss eines Weltbildes, einer Weltanschauung! Was dann auf die Ernüchterung folgte, war in hektischer Zeit eine hektische Jagd nach neuen Leitbildern, nach einem neuen Fundament, auf dem sich leben und denken ließe. Und so folgte in wildem Taumel eine kurze, nichtsdestotrotz aber intensive Episode nach der anderen: Schopenhauer und Nietzsche, Lebensphilosophie, Anthroposophie a la Rudolf Steiner, Buddhismus, Naturreligionen, (neu)heidnische Kulte, Rosenkreuzer und Freimaurer, Geisteswissenschaften a la Dilthey etc.pp.! Ich verwechselte in dieser Zeit wohl nicht ganz überraschend wissenschaftliche Beschäftigung mit Glauben; denn ich trug mich allen Ernstes mit dem Plan, der katholischen Kirche beizutreten und Mönch zu werden. Aber ich hatte zu viel in der Heiligen Schrift gelesen, mich in Thomas von Aquin vertieft, mich in sämtliche Mystiker von der Theresa von Avila über Johannes vom Kreuz bis hin zu tausend anderen versenkt, zu viel in Kirchen und Klöstern gestöbert, zu viel Gregorianik gehört, als dass ich noch Herr meines Verstandes war.
Ich wollte also allen Ernstes Anfang der 90er Jahre ein Noviziat beginnen! In Betracht kamen nur die Benediktiner und die Gesellschaft Jesu (später würde ich übrigens die Franziskaner gewählt haben; heute die Kartäuser) – schon diese Alternativen denunzieren den romantisch-naiven Traum eines völlig verzweifelten und verblendeten Jünglings. Ausgerechnet ich – sinnenfroh und geistig aktiv, dem Leben zugetan, den Weibern, dem Trank und dem Rauchwerk; bei gesünderer und robusterer Natur eher ein Renaissancemensch als ein weltfremder Klosterbruder und ich wollte in Klausur gehen, der Welt entsagen und fromm werden! Ich schäme ich heute, wenn ich an diese Zeit zurück denke, aber das alles ist, wie gesagt, auch ein Resultat der Wende gewesen, in deren Folge ich die Epochen der Kultur- und Geistesgesichte persönlich im Speedtempo durchlaufen zu müssen meinte. Dem Herrn sei Dank besaß ich gute Freunde und ein sehr langer handschriftlicher Brief (ich besitze ihn heute noch) eines Kommilitonen aus dem Thüringer Wald, jetzt Wissenschaftler in der Handschriftenabteilung der HAB Wolfenbüttel mit dem Schwerpunkt spätmittelalterlicher Theologie; zerstörte meine Illusionen, deckte meine ästhetischen Motivationen auf und legte den Finger in die eigentliche Wunde! Es war nämlich seinerzeit das Werk von Joris-Karl Huysmans, das mich umtrieb, und offensichtlich wollte ich die Entwicklung von „A rebours“ über „Là-bas“ bis hin zu „La Cathédrale“ nachvollziehen! Wir sind allzeit Knechte der Folianten, Sklaven unserer Bücher!
Denn das Wesen des Glaubens bleibt mir bis heute verschlossen. Was soll man nach dem 20. Jahrhundert zur Theodizee sagen? Was soll ich von Menschen halten, die zu Gott beten; er möchte ihr Kind vom Krebs heilen, obwohl derselbe Gott den Tumor doch hat erst wachsen lassen? Woher soll ein naives Gottvertrauen kommen, das man nie erfahren und gelernt hat? Den rührenden Kinderglauben kann man nicht nachholen oder nachvollziehen; er ist für immer verloren; wenn man ihn in seiner Kindheit nicht erfuhr und erlebte. Man kann nicht einfach beschließen zu glauben; schon gar nicht, wenn man ein Kopfmensch ist, zum Denken und Grübeln neigend. Das muss von Innen kommen und ist sehr oft ohne frühzeitige Sozialisation nicht zu haben; kein Spätberufener wird jemals wieder zum staunenden Kind mit dem Blick nach oben. Aber ohne Glauben lässt sich eine Welt wie die unsere nur schwer aushalten; vielleicht gar nicht. Oswald Spengler wusste das: „Hölle. Wer nicht glauben kann und sich doch danach sehnt … Wissend in den Unglauben verbannt.“ Mit anderen Worten wäre der Glaube die einzige Möglichkeit, dieses Leben zu ertragen und wie Spengler würde auch ich so gerne glauben, aber ich vermag es nicht, nicht in der Essenz. Für mich ist diese Welt trostlos und kalt, chaotisch und sinnlos; ein ewiger Kreislauf beliebiger Zufälle. Dass der Sinn im Leben selbst liegt, leuchtet mir ein; aber das ist mir zu wenig; die transzendente Sehnsucht bleibt.
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #56
Über 500 Seiten doch auch schon Quälerei, die ich nur auf mich nahm; weil mir die Problematik nicht fremd ist und der Autor schließlich nicht wie ich als Atheist erzogen worden und aufgewachsen ist. Schade um die Zeit und Energie, möchte man meinen; aber für Emmanuel Carrère war das wohl wichtig.
Das meinte ich, mit "etwas anstrengend", wenn es um ihn selbst geht. Ich dachte, du hättest dich nur für das Buch über Dick entschieden.
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #55
Jack Kerouac kommt für mich wohl zu spät, so wie damals Karl May zu spät kam für mich. "Unterwegs" und "Die Dharmajäger" hätten mich vor 35 Jahren sicher bewegt und beschäftigt; aber zum einen bin ich nun Mitte 50 und zum anderen war ich schon immer spinnefeind allen Jugend- und Subkulturen, die Verweigerungshaltung, Musik- und Klamottengeschmack mit Freiheit verwechselten und bis heute verwechseln, überdies in sich Ausgrenzungsmechanismen kultivierten, die so mancher totalitären Jugendorganisation Ehre gemacht hätten. Man sieht, ich bin voreingenommen. :) Aber Reisen umd des Reisens willen, Drogen, Sex, Musik etc.. überhaupt dieser ganze Rummel um Flower-Power, Blumenmädchen, 68er etc. ist für mich ein Rotes Tuch, da will ich ehrlich sein. Für Kerouac nimmt mich dann ein, dass ihm das auch auf den Zeiger ging und er lieber als richtiger Schriftsteller wahrgenommen werden wollte. Seine Biografie empfinde ich als tragisch und damit ungeheuer spannend und interessant. Die Bücher kommen wie gesagt zu spät.
"Berge nutzloser Literatur wachsen überall in der modernen Welt."
(Keuroac im Briefwechsel mit Ginsberg)

Die Beat-Generation war deutlich interessanter als die spätere Flower-Power-Ära und ist eng mit dem Jazz und der spirituellen Suche (Buddhismus, Zen) verbunden. Keuroac hasste die Hippies als verwöhnte Gören. Er sah sie als unpatriotisch, chaotisch und ohne echte Tiefe und nannte sie „Hippie-Yippies“. In Briefen und Notizen distanzierte er sich von seinem Einfluss auf die Nachgenerationen: „Ich bin nicht der große weiße Vater, der eine Flut von entfremdeten Radikalen, Kriegsprotestlern, Drop-outs, Hippies und ‚Beats‘ gezeugt hat.“ , Als Mensch sympathisch war er nur bedingt.
Bei den Beat-Poeten stand ja vor allem das Hässliche, das Kaputte, Sexuelle und Wahnsinnige im Vordergrund, die als geeignet galten, dass der Mensch zu Gott bzw. zum Heiligen finden konnte. Besonders interessant sind natürlich die Typen selbst, die ihre eigene Poetik entwickelten. Die Bezeichnung "beat", von Kerouac geprägt, stand für: geschlagen, erschöpft, am Ende sein (Kampf gegen das System, die Konventionen und ähnliches), aber gleichzeitig auch für das „beatific“, im Sinne von selig, erleuchtet. Auf dem Weg zur Heiligkeit musste man allerdings erst durch die Hölle.
Ähnlich sah das wohl Burroughs, der seine Frau erschoss, als er Wilhelm Tell nachahmte, im Suff dann leider statt des Apfels (bzw. Glasses) ihren Kopf erwischte. (Man sprach später von Bestechung durch den Anwalt, um die Strafe zu mildern, der dann seinerseits auf den Sohn eines Regierungsbeamten schoß und außer Landes floh. Das Chaos nutzte Burroughs, um bis nach Südamerika zu gelangen, auf der Suche nach der Superdroge.) Er ist ja nicht nur mit "Naked Lunch" bekannt, sondern war mit Brion Gysin auch der Erfinder der Cut-up-Technik. Ginsbergs Poem wiederum erinnert stark an die Improvisation des Jazz'.
Die Beat-Poeten lohnen sich hauptsächlich im Original, weil in den deutschen Übersetzungen oft die Vieldeutigkeit bestimmter Wörter verloren geht, vor allem bei Kerouac. Es gibt schöne Dokus über die Beat-Generation, auch Bücher, z. B. Hans-Christian Kirschs "On the Road" und natürlich die verschiedenen Briefwechsel, die auch heute noch Lust auf diese Art an Lektüre machen.
Ich lese nun, weil mich das Thema interessiert, Johannes Frieds "Der Schleier der Erinnerung" . Hier geht es um Geschichtsschreibung, die verformt und verfälscht wird, bereits durch den Zugriff auf Augenzeugenberichte und Erinnerungen.
"Jedes Detail kann als Ganzes, in einzelnen Elementen oder in seinen Verknüpfungen falsch sein, fremde Zusätze aufnehmen, Wichtiges abstoßen, verzerrende Umwertungen vornehmen, obgleich auch zu späterem Zeitpunkt überraschend präzise Erinnerungen aufleuchten können. (...) Während das Gedächtnis progressiv an den Erinnerungen manipuliert, müssen Historiker regressiv die eingetretenen Veränderungen erfassen. Das gelingt keineswegs immer und oftmals nur hypothetisch."
Hinzu kommt die Geschichtsschreibung, die durch die Interessen der Gegenwart bestimmt ist, Stichwort: Instrumentalisierung: "Der Erzähler sei «an bereits existierende Sichtweisen gebunden», habe «daraus resultierenden Erwartungshaltungen» zu entsprechen." Aber Fried verweist darauf, dass die Verfälschung eben weitaus früher stattfindet, bei den jeweiligen Übermittlern, und oft nicht absichtlich. Jede Unterhaltung der Vergangenheit schließt immer ein "Bündel non-verbaler Informationen" mit ein, die die Erinnerung an ein Gespräch irritieren, wie bei den völlig voneinander abweichenden Angaben, die beispielsweise Heisenberg und Bohr in der Erinnerung an ihr Gespräch über die Atombombe gemacht haben. Fried zählt weitere Beispiele auf, die zu denken geben. Er starb dieses Jahr im Januar. Auch einige seiner anderen Bücher wecken meine Neugier.
#59
Zitat von Taxine im Beitrag #57
"Berge nutzloser Literatur wachsen überall in der modernen Welt."
(Keuroac im Briefwechsel mit Ginsberg)
Die Beat-Generation war deutlich interessanter als die spätere Flower-Power-Ära und ist eng mit dem Jazz und der spirituellen Suche (Buddhismus, Zen) verbunden. Keuroac hasste die Hippies als verwöhnte Gören. Er sah sie als unpatriotisch, chaotisch und ohne echte Tiefe und nannte sie „Hippie-Yippies“. In Briefen und Notizen distanzierte er sich von seinem Einfluss auf die Nachgenerationen: „Ich bin nicht der große weiße Vater, der eine Flut von entfremdeten Radikalen, Kriegsprotestlern, Drop-outs, Hippies und ‚Beats‘ gezeugt hat.“ , Als Mensch sympathisch war er nur bedingt.
Bei den Beat-Poeten stand ja vor allem das Hässliche, das Kaputte, Sexuelle und Wahnsinnige im Vordergrund, die als geeignet galten, dass der Mensch zu Gott bzw. zum Heiligen finden konnte. Besonders interessant sind natürlich die Typen selbst, die ihre eigene Poetik entwickelten. Die Bezeichnung "beat", von Kerouac geprägt, stand für: geschlagen, erschöpft, am Ende sein (Kampf gegen das System, die Konventionen und ähnliches), aber gleichzeitig auch für das „beatific“, im Sinne von selig, erleuchtet. Auf dem Weg zur Heiligkeit musste man allerdings erst durch die Hölle.
Ähnlich sah das wohl Burroughs, der seine Frau erschoss, als er Wilhelm Tell nachahmte, im Suff dann leider statt des Apfels (bzw. Glasses) ihren Kopf erwischte. (Man sprach später von Bestechung durch den Anwalt, um die Strafe zu mildern, der dann seinerseits auf den Sohn eines Regierungsbeamten schoß und außer Landes floh. Das Chaos nutzte Burroughs, um bis nach Südamerika zu gelangen, auf der Suche nach der Superdroge.) Er ist ja nicht nur mit "Naked Lunch" bekannt, sondern war mit Brion Gysin auch der Erfinder der Cut-up-Technik. Ginsbergs Poem wiederum erinnert stark an die Improvisation des Jazz'.
Die Beat-Poeten lohnen sich hauptsächlich im Original, weil in den deutschen Übersetzungen oft die Vieldeutigkeit bestimmter Wörter verloren geht, vor allem bei Kerouac. Es gibt schöne Dokus über die Beat-Generation, auch Bücher, z. B. Hans-Christian Kirschs "On the Road" und natürlich die verschiedenen Briefwechsel, die auch heute noch Lust auf diese Art an Lektüre machen.
Das war mir eine höchst willkommene Lehrstunde, der ich diese Unterscheidungen auf Grund meiner mangelhaften Kenntnis der moderneren amerikanischen Literatur nicht kannte. Aber ich las bislang auch nur Burroughs' "Naked Lunch" und auch nur, weil ich zuvor den Film gesehen hatte. Was du über Keuroacs Haltung zu den "Hippies als verwöhnte Gören" schreibst, nimmt mich stark für ihn ein; selbst wenn diese mir immer noch "besser" scheinen wollen als die noch wohlstandsverwahrlosteren jungen woken linksgrünen Gutmenschen heutzutage mit ihrer wie im Grimmschen Märchen vom süßen Brei nie ausgeschwitzten Moral. Von Allen Ginsberg kenne ich wohl noch gar nichts.
#60
Zitat von Taxine im Beitrag #58
Ich lese nun, weil mich das Thema interessiert, Johannes Frieds "Der Schleier der Erinnerung" . Hier geht es um Geschichtsschreibung, die verformt und verfälscht wird, bereits durch den Zugriff auf Augenzeugenberichte und Erinnerungen.
"Jedes Detail kann als Ganzes, in einzelnen Elementen oder in seinen Verknüpfungen falsch sein, fremde Zusätze aufnehmen, Wichtiges abstoßen, verzerrende Umwertungen vornehmen, obgleich auch zu späterem Zeitpunkt überraschend präzise Erinnerungen aufleuchten können. (...) Während das Gedächtnis progressiv an den Erinnerungen manipuliert, müssen Historiker regressiv die eingetretenen Veränderungen erfassen. Das gelingt keineswegs immer und oftmals nur hypothetisch."
Hinzu kommt die Geschichtsschreibung, die durch die Interessen der Gegenwart bestimmt ist, Stichwort: Instrumentalisierung: "Der Erzähler sei «an bereits existierende Sichtweisen gebunden», habe «daraus resultierenden Erwartungshaltungen» zu entsprechen." Aber Fried verweist darauf, dass die Verfälschung eben weitaus früher stattfindet, bei den jeweiligen Übermittlern, und oft nicht absichtlich. Jede Unterhaltung der Vergangenheit schließt immer ein "Bündel non-verbaler Informationen" mit ein, die die Erinnerung an ein Gespräch irritieren, wie bei den völlig voneinander abweichenden Angaben, die beispielsweise Heisenberg und Bohr in der Erinnerung an ihr Gespräch über die Atombombe gemacht haben. Fried zählt weitere Beispiele auf, die zu denken geben. Er starb dieses Jahr im Januar. Auch einige seiner anderen Bücher wecken meine Neugier.
Das ist ein Thema, das mich seit der sehr frühen Lektüre von Stefan Heyms Der König David Bericht (1972) unablässig beschäftigt, gerade weil ich persönlich immer den inneren Kampf ausfocht, ob ich eigentlich eher Historiker oder Germanist, also Literaturwissenschaftler, bin. Der Geschichtswissenschaftler schien seinerzeit immer eine Spur objektiver und seriöser, sehr zu Unrecht, wie ich heute finde. Damit ist aber nur das Verhältnis zwischen Macht und Geschichtsdeutung angesprochen; das Thema Erinnerung und Vergessen, das mich psychoanalytisch natürlich (Freud, Jung, Reich) auch schon immer beschäftigt hat; rückte erste wieder mit dem Roman "Vom Ende einer Geschichte" (2011) von Julian Barnes in meinen Fokus.
Fakt ist, dass alles, was wir zu wissen und zu erinnern glauben, derart ungesichert ist, dass man beinahe an seinem Verstand zu (ver)zweifeln begönne. Es sind so viele Beispiele bekannt, dass Menschen nach einer gewissen Zeit an die eigenen oft wiederholten Unwahrheiten zu glauben begannen; dass keine Analyse oder Folter sie davon abzubringen vermocht hätte. Unsere persönliche Erinnerung wird nicht nur von unserer Gehirnstruktur und der Vernetzung im Gehirn beeinflusst, sondern eben auch von unserer Umwelt und unseren unterbewussten Antrieben. Dieses individuelle Erinnerungs-Vermögen lässt sich mühelos auf Gruppen und deren Dynamik extrapolieren; also auf Gemeinschaften, Nationen, Staaten, Ideologiegruppen. Genau die gleiche Funktionsweise offenbart dann die "wissenschaftliche" Beschäftigung mit diesen tradierten Erinnerungen; die Geschichtswissenschaft. In einer Mischung aus bewusst, also vorsätzlich, und unbewusst verfälschenden Zugangsweisen wird das ohnehin schon brüchig Erinnerte noch mehr verändert und heutigen Perspektiven angepasst.
Das Ergebnis mag für eine sich modern wähnende Gesellschaft in der Folge der Aufklärung ernüchternd sein: Nicht nur uns Menschen ist nicht zu trauen, auch unseren Erinnerungen nicht und deren Präsentation. Verlässlich sind bestenfalls diejenigen in unseren Genen und archaischen Verhaltensweisen, die letztlich als Instinktreste unbewusst funktionieren.
Nachtrag: Ich bin überzeugt, dass seit dem Aufkommen von Radio, Kino, Fernsehen; Computerspielen, Internet und Social Media sich die "Überlagerungen" von eigenen und fremden Erinnerungen so intensiviert haben, dass niemand sich mehr wirklich zurechtfindet, es aber auch letztlich egal ist, da fast alle Menschen derart vernetzt sind oder in der Matrix leben.
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