Januar, Februar, März 2026

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26.02.2026 10:55
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#76
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Zwischen damals und heute gab es noch die Zeit nach 1990, als in den Beitrittsgebieten nach dem Austausch der Rektorate, Präsidien, Senate, Berufungskommissionen und Fakultätsräte Ostdeutschen allein wegen ihrer Herkunft akademische Wege weitgehend verwehrt wurden. Auch hierzu ein Beispiel:
Ein auf Motorikforschung spezialisierter promovierter Physiker sah sich gezwungen von Jena nach Österreich zu gehen, wo er habilitierte und eine Professur erhielt, und da solche Grundlagenforschung erheblichen Einfluss auf Trainingsmethoden im Hochleistungssport hat, wanderte mit ihm auch relevantes Know-how ins Ausland ab. Seit seiner Emeritierung finanziert er dort mit einem Teil seiner Pension ein Forschungsstipendium, zog aber zurück in eine Kleinstadt, in der er aufgewachsen war, kaufte dort eine Wohnung gegenüber einer Villa, in der eine einstige Schulfreundin nahezu alleine wohnt, mit der er nun liiert ist, und überlegt noch eine zweite Wohnung zu erwerben, zwecks Platz für seine vielen Bücher.
Derartigen Beispielen ist hier fast jeder begegnet. Und ja, den Oschmann las ich vor drei Jahren ebenfalls. Eine Aufgabe für Literatur im engeren Sinn sehe ich da nicht.


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26.02.2026 12:45
#77
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Zitat von Salin im Beitrag #76
Zwischen damals und heute gab es noch die Zeit nach 1990, als in den Beitrittsgebieten nach dem Austausch der Rektorate, Präsidien, Senate, Berufungskommissionen und Fakultätsräte Ostdeutschen allein wegen ihrer Herkunft akademische Wege weitgehend verwehrt wurden.

Ich habe das als Student und Hilfsassistent Anfang der 90er an der FSU Jena hautnah miterlebt, die gesamte Evaluierung; ich könnte einen Roman über die Besetzung der sieben Lehrstühle am Historischen Institut schreiben und noch einen zweiten über die der Assistentenstellen.

Zitat von Salin im Beitrag #76
Ein auf Motorikforschung spezialisierter promovierter Physiker sah sich gezwungen von Jena nach Österreich zu gehen, wo er habilitierte und eine Professur erhielt, und da solche Grundlagenforschung erheblichen Einfluss auf Trainingsmethoden im Hochleistungssport hat, wanderte mit ihm auch relevantes Know-how ins Ausland ab. Seit seiner Emeritierung finanziert er dort mit einem Teil seiner Pension ein Forschungsstipendium, zog aber zurück in eine Kleinstadt, in der er aufgewachsen war, kaufte dort eine Wohnung gegenüber einer Villa, in der eine einstige Schulfreundin nahezu alleine wohnt, mit der er nun liiert ist, und überlegt noch eine zweite Wohnung zu erwerben, zwecks Platz für seine vielen Bücher.

Finde ich großartig. Das ging und geht halt nur mit "harten" Fächern aus dem MINT-Bereich.

Zitat von Salin im Beitrag #76
Und ja, den Oschmann las ich vor drei Jahren ebenfalls. Eine Aufgabe für Literatur im engeren Sinn sehe ich da nicht.




Zitat
Als ich vor nunmehr 35 Jahren in der FSU Jena an einem Seminar zur Literaturtheorie teilnahm, in welchem uns dummen Ossis eine berühmte Professorin aus dem Westen erklären wollte, wie der Hase in der westdeutschen Germanistik läuft, fragte jene, was denn jener Konjunktiv in einem Gedicht bedeute, woraufhin ein Kommilitone, Dirk Oschmann, viel später als Literaturprofessor zu Leipzig durch seinen Bestseller "Der Osten: eine westdeutsche Erfindung" bekannt geworden, zu ihrem Erstaunen erklärte, das sei Gotteslästerung. Er hat das sicher auch irgendwo hergehabt; aber ich fand und finde das noch immer großartig. Freilich müsste man hier weiterdenken und alle grammatischen Kategorien der Flexion von Verben prüfen; also nicht nur beim Modus verharren, der ja auch im Imperativ alttestamentariasche Züge aufweist; sondern desgleichen Person (Trinität), Numerus (Gott oder Götter), Tempus (Theismus, Deismus etc.) und Genus verbi (Schöpfer und Geschöpfter), erst dann gerönne alles zu einer halbwegs handfesten Theorie.


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Gestern 15:39 (zuletzt bearbeitet: Gestern 15:39)
#78
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Eingeschoben:

Johannes Willms: Stendhal. Hanser, München 2010

Und dann höre ich gerade sehr viel Viktor Ullmann, Daher:

Verena Naegele: Viktor Ullmann. Komponieren in verlorener Zeit. Dittrich, Köln 2002
Ingo Schultz: Viktor Ullmann. Leben und Werk. Kassel 2008

Nach Erwin Schulhoff der zweite große im Lager sterbende Komponist, der mich intensiver beschäftigt. Wenn man sich vergegenwärtigt, was diese Menschen erlitten haben und wie sie dennoch ihre Kunst dagegen setzten, das nötigt mir so viel Respekt ab, dass ich mir ganz klein vorkomme; denn ich bin schwach und man müsste mir nur die Instrumente der Folter zeigen und ich gestünde alles, was ich nicht getan hätte.


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Gestern 15:40
#79
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Geplant bei Erscheinen:

Ulli Kulke, Reinhard Mohr (Hrsg.): Wenn das Denken die Richtung ändert: Warum wir nicht mehr links sind (2026)

Zitat
Wir ändern uns - auch im Denken. Wolf Biermann hat dafür die knappste Formel gefunden: "Ich bin immer häufiger nicht mehr meiner Meinung." Dieses Staunen über sich selbst ist der Ausgangspunkt dieses Buches. Die Herausgeber Ulli Kulke und Reinhard Mohr versammeln zwölf Autorinnen und Autoren, fast alle geprägt von 68, linken Milieus oder der grünen Bewegung. Sie fragen sich, wie es dazu kam, dass sie heute nicht mehr von der Revolution träumen und nicht mehr an den Sozialismus glauben; dass sie den Staat weder verteufeln noch vergöttern; dass Marktwirtschaft, parlamentarische Demokratie und Rechtsstaat für sie zu den großen Errungenschaften zählen; und dass ihnen die Freiheit so wichtig ist, dass sie auf betreutes Denken und Sprechen gut verzichten können. Erzählt wird anschaulich und persönlich: von Irrtümern und Kurskorrekturen, von Widersprüchen, von komischen und bitteren Momenten. Denn kaum etwas ist schwerer, als sich von einem vertrauten Weltbild zu lösen, das zur geistigen und emotionalen Heimat geworden ist. Warum also tut man das? Gab es einen Moment, der alles drehte? Oder viele kleine Anstöße - in der Uni, im Beruf, im Privatleben? Vielleicht war es auch nur Rudi in der WG, der 1977 den Parmaschinken aus dem Kühlschrank nahm und billige Bierwurst zurücklegte: eine lächerlich-kleine, doch sprechende Ungerechtigkeit im selbstverwalteten Kollektiv. Wie hält man den Abschied von der alten Gruppe aus, den Verlust von Freunden? Glaubt man danach an gar nichts mehr - oder bildet sich heimlich eine neue Blase, in der Kritik an Ideologien selbst zur Ideologie wird? Über allem schwebt die Rede vom "Rechtsruck". Anders als in Frankreich, wo "la Gauche" und "la Droite" seit jeher zwei feste Größen sind, hat sich hierzulande in den letzten Jahren eine bequeme Gleichung eingebrannt: Wer nicht links oder wenigstens grün ist, gilt als rechts. Und wer rechts ist, steht schnell unter dem Verdacht, eigentlich rechtsradikal zu sein - also Nazi. Diese Abkürzung ersetzt kein Argument. Darauf antworten Ulrike Ackermann, Henryk M. Broder, Mathias Brodkorb, Monika Gruber, Antonia Grunenberg, Hubert Kleinert, Monika Maron, Harald Martenstein, Dieter Nuhr, Andreas Rebers, Samuel Schirmbeck und Peter Schneider mit ihren eigenen Geschichten: offen, konkret, widerspruchsbereit - und der Wirklichkeit zugewandt. Spannend wie ein Roman liest man, wie aus Erfahrungen Einsichten werden. Nicht als Bekenntnis, sondern als ehrliche Bilanz.


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Gestern 16:22
#80
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Und natürlich habe ich meine Indianersachen wieder rausgekramt: Von Eva LipsSie alle heißen Indianer“ bis zum zweibändigen Die Indianer Nordamerikas von George Catlin und natürlich noch viele andere mehr.


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