Lyrik

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17.10.2007 23:23 (zuletzt bearbeitet: 30.10.2007 12:59)
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#1
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Admin
EMPEDOKLES

Das Leben suchst du, suchst, und es quillt und glänzt
Ein göttlich Feuer tief aus der Erde dir,
Und du in schauderndem Verlangen
Wirfst dich hinab, in des Ätna Flammen.

So schmelzt' im Weine Perlen der Übermut
Der Königin; und mochte sie doch! hättst du
Nur deinen Reichtum nicht, o Dichter
Hin in den gärenden Kelch geopfert!

Doch heilig bist du mir, wie der Erde Macht,
Die dich hinwegnahm, kühner Getöteter!
Und folgen möcht' ich in die Tiefe,
Hielte die Liebe mich nicht, dem Helden.

(Hölderlin)

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17.10.2007 23:40 (zuletzt bearbeitet: 30.10.2007 12:59)
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#2
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Admin
Meine Schritte in dieser Straße
hallen wider
in einer anderen Straße
wo
ich meine Schritte
durch diese Straße gehen höre
wo
nur der Nebel wirklich ist.

(Octavio Paz)

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21.10.2007 16:30 (zuletzt bearbeitet: 21.10.2007 16:30)
#3
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Der Irre ist gestorben

Im Wartesaal, wenn die Züge
Verspätung hatten,
erzählte er Märchen aus Tausend-
undeiner Nacht.

Er verstand es nie,
richtig zu grüßen. Auf Guten Tag
sagte er immer: Vielleicht.

Man weiß: er zog seinen Hut
vor den Hunden.
Seine Königskrone aus Zeitungspapier
trugen die Kinder nach Hause.

Der Fünfzeiler im Ortsteil der Zeitung
schloß mit den Worten: Es war
seine letzte Nacht,
als er im Park auf dem Baum stieg.

Gerüchte gehen, er habe vergessen
sich festzuhalten,
als er den Friedensappel
an die Welt sprach.

(Günter Bruno Fuchs)


„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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04.11.2007 16:30 (zuletzt bearbeitet: 04.11.2007 16:31)
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#4
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Admin
FAUST:
Das Pergament, ist das der heil’ge Bronnen,
Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt?
Erquickung hast du nicht gewonnen,
wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt.

(Goehte/"Faust I")

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18.12.2008 23:40
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#5
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Admin

(Auszug)

... Ja, Schrift und Lehr sind gar veracht't,
es lebt die Welt in finstrer Nacht
und will in Sünden blind beharren,
und alle Straßen sind voll Narren,
die sich nur so durchs Leben tören,
doch wolln sich "Narrn" nicht nennen hören.
Daran dacht ich zu jener Frist,
als ich die Narrenflotte rüst't'.
Galeeren, Barken, Boote, Fusten
und schnelle Segler, die bewussten,
auch Schlitten, Karren, Rollewagen -
ein Schiff könnt die ja gar nicht tragen,
so viel gehn jetzt im Narrenschritt;
ein Teil kommt nicht einmal mehr mit.

(...)
Es führt der Narr den Vortanz aus,
der viele Bücher hat zu Haus
und liest sie nicht, versteht nichts draus.


(Sebastian Brant "Das Narrenschiff")


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18.01.2010 19:23
avatar  Taxine
#6
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Admin

Ich bewohne eine heilige Wunde
Ich bewohne mythische Ahnen
Ich bewohne einen dunklen Willen
Ich bewohne ein langes Schweigen
Ich bewohne einen unstillbaren Durst
Ich bewohne eine tausendjährige Reise
Ich bewohne einen dreihunderjährigen Krieg.


(Aimé Césaire)

Er schrieb auch:
Weil wir euch hassen, euch und eure Vernunft, berufen wir uns
auf die Dementia praecox, den flackernden Irrsinn,
den beharrlichen Kannibalismus.


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04.02.2010 18:04
avatar  LX.C
#7
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Wenn ich mich frage, wer ich bin – ein Kind,
Das spielt: mit sich, mit anderen – traumverloren.
Und möchte sein, so wie die Stürme sind,
Groß, rauschend, für die Ewigkeit geboren.

Aus: Traumverloren, in: Ein Mensch unserer Zeit, Johannes R. Becher, 1929.


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04.02.2010 19:52
#8
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Geboren werden, von neuem als - Kind,
Das lebt: mit Mensch und Tier - in Frieden.
Das schafft in Dir, des Geistes Wind,
Er tut Dir wohl, spürst Du Sein wiegen?


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05.02.2010 19:57
avatar  LX.C
#9
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Die Erde gibt dir Sicherheit und Maß.
Sie läßt dich werden, sein und spricht: "Vergehe!
Vergehe, um zu sein! Sei, um zu werden!"

Aus: Auf Erden (1939). Johannes R. Becher: Hundert Gedichte, Aufbau 2008, S. 70.


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05.02.2010 20:14
#10
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Zitat von LX.C
Die Erde gibt dir Sicherheit und Maß.
Sie läßt dich werden, sein und spricht: "Vergehe!
Vergehe, um zu sein! Sei, um zu werden!"

Aus: Auf Erden (1939). Johannes R. Becher: Hundert Gedichte, Aufbau 2008, S. 70.



Gibt es irgendwo eine Gesamtausgabe der Gedichte Johannes R. Bechers, LC.X?
Ich fand da nichts, leider.

Grüße,
Peter


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06.02.2010 20:14
avatar  LX.C
#11
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Hallo Peter,

es gibt eine Gesamtausgabe, die zwischen 1966 bis 1984 vom Becher-Archiv der Akademie der Wissenschaften im Aufbau-Verlag herausgegeben wurde. Die soll sechs Lyrik-Bände enthalten, jeweils 600-900 Seiten dick, ca. 4000 Gedichte.

Grüße


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06.02.2010 20:30
#12
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Danke, LX.X.

Oh je, das wird ein schwieriges Unterfangen. Aber ich habe ja auch, so mit der Zeit, meinen Tschechow zusammen bekommen. Vom Verlag Rütten & Loening, 9 Bände, wunderschöne Werkausgabe. Nun denn, machen wir uns an die Arbeit.

Grüße,
Peter


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06.02.2010 20:43
#13
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Kein Lyriker hat mich Zeit meines Lebens so in seinen Bann gezogen, wie Gottfried Benn. Kein Goethe, kein Hölderlin, kein Heine und auch kein Mörike, obwohl ich keinen von diesen Dichtern je missen möchte. Aber Benn, der fasziniert mich immer wieder, nach so vielen Jahren - immer noch und immer mehr.
Hier dann mein Kopfkissengedicht, oder auch des weltlich humanen Betbuben täglich Quantum an Meditation:

NUR ZWEI DINGE

Durch so viele Formen geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewusst,
es gibt nur eines: ertrage
- ob Sinn, ob Sucht, ob Sage –
dein fernbestimmtes: Du musst.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.

G. B.


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06.02.2010 21:29
avatar  LX.C
#14
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Waldfriedhof Dahlem, Berlin

(Ich sollte mal aufhören, das Forum in einen Friedhof zu verwandeln )


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06.02.2010 21:33
#15
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Zitat von LX.C

Waldfriedhof Dahlem, Berlin

(Ich sollte mal aufhören, das Forum in einen Friedhof zu verwandeln )



Warum nicht? Ist doch, sozusagen, zum Thema gehörige, sekundäre Bilddokumentation.


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