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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#16

RE: Simone de Beauvoir

in Die schöne Welt der Bücher 23.03.2008 19:32
von Martinus • 3.194 Beiträge
Zitat von Taxine
Sie entdeckt in ihrem Wesen einen sehr beharrlichen Zug, einen manischen..., indem sie sich alleine auf mühselige, lange Wanderungen begibt


Im ersten Band ihrer Autobiografie war auf einer Seite ihr starkes Selbstbewußsein zu beobachten, auf der anderen Seite auch teilweise krisengeschüttelt.

Zitat von de Beauvoir
Die Philosophie hatte mir weder den Himmel eröffnet, noch mich fester auf der Erde verankert.


Mit etwa neunzehn Jahren halte ich aber solche leichteren Krisen noch für normal. Sie schwingt dann aber in Zustände innerer Leere, und hat Phasen, wo sie gegen den Tod ankämpfen will und beschäftigt sich mit dem Selbstmord, obwohl sie ihn nie ausführen würde, weil sie eben Angst vor dem Tod hat. Was für eine crux! Und dann dieser tiefe Spalt zwischen ihr und ihren Eltern. Aus heutiger Sicht kommt es uns recht albern vor, was die Eltern damals versucht haben zu zensieren. Allerdings sind auch sie ein Spiegel ihrer Zeit. André Gide galt damals als ein allgemein umstrittener Autor.

Vielleicht findet Simone etwas Festigkeit in ihrer Beziehung zu Sarte, darum bin ich gepannt auf "In den besten Jahren". Allerdings befürchte ich, dass diese freie unverbindliche Liebe auch ihren Preis mit sich bringt. So nehme ich Beauvoirs beste Jahre mit in meinen Reisekoffer.

In den Memoiren einer Tochter aus gutem Hause wird ein Romantitel von Mauriac genannt. Bin im Moment schwer am suchen, wo das gestanden hat.

Liebe Grüße
Martinus

PS: Im wikipedia werden nur wenige Romane von Mauriac gennannt. Offenbar wurde nicht alles übersetzt



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 23.03.2008 19:56 | nach oben springen

#17

RE: Simone de Beauvoir

in Die schöne Welt der Bücher 23.03.2008 19:56
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Hallo Martinus,

soweit ich mich erinnere, wurde von Mauriac kein Buchtitel genannt, nur von André Malraux (La Tentation d'Occident).
Simone de Beauvoir nennt auch den Roman "Dusty Answer" von Rosamond Lehmann, der sie sehr beeindruckt haben muss, ähnlich stark, wie "Le grand Meaulnes". Diesen gibt es übersetzt.
Auch Stendhals "Lucien Leuwen" werde ich lesen.

Liebe Grüße
Taxine




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#18

RE: Simone de Beauvoir

in Die schöne Welt der Bücher 28.03.2008 20:17
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Taxine,

das zweite Buch "In den besten Jahren" ist wirklich noch interessanter. Die Jugend (endlich ) abgestreift, tauchen wir in Welt von Sartre/Beauvoir ein und erhaschen so manche Lebensweisheit.

In Antwort auf:
Reden ist manchmal nur eine geschickte Methode, etwas zu verschweigen. Selbst da, wo das Wort aussagt, hat es nicht die Macht, die Realität zu unterdrücken, zu überwinden, zu entwaffnen: es dient dazu, ihr zu trotzen.Wenn zwei gesprächspartner einander einreden, daß sie über den Ereignissen stehen, über die sie sich vertraulich Mitteilungen machen unter dem Vorwand, der Wahrheit die Ehre zu geben, betrrügen sie sich selbst.Es gibt eine Form der Aufrichtigkeit, die ich häufig beobachtete, und die nichts als flagante Heuchelei ist. Auf dem Geboiet der Sexualität beschränkt, zielt sie nicht etwa darauf, ein inniges Verstehen zwischen Mann und Frau zu schaffen, sondern darauf, einem von beiden - meistens dem Mann - ein beruhigendes Alibi zu liefern; er wiegt sich in der Illusion, durch das Geständnis seine Untreue wieder wettzumachewn, während er in Wahrheit seiner Partnerin eine doppelte Wunde schlägt.


Diese Offenheit und Ehrlichkeit ist es eben, was beeindruckt. Deshalb wohl auch der besondere Liebespakt zwischen Sartre/Beauvoir. Man verkauft sich nicht mit allen Verbindlichkeiten, sondern der Mensch kann in solch einer Beziehung mehr Freiheit entfalten.

In Antwort auf:
Wir würden einander nie fremd werden, keiner würde je vergebens an den anderen appellieren, und nichts würde dieser Allianz den Rang ablaufen; aber sie durfte weder in Zwang noch in Gewohnheit ausarten. Um jeden Preis mußten wir sie vor dieser zersezung bewahren.


Schön und gut? Wie sieht es mit Eifersüchteleien aus?

Auch hier herrlich, was sie damals gelesen haben: D.H. Lawrence. Den mochten sie nicht, einige schöne Erzählungen habe ich von ihm aber gelesen. Weiterhin wären interessant zu lesen Theodore Dreiser ( Eine amerikanische Tragödie) und Sinclair Lewis (Babitt).Im Gegensatz zur amerikanischen Literatur fand de Beauvoir Berlin Alexanderplatz und Wassermanns Fall Maurizius nicht so fesselnd(aber schön, dass sie wenigstens zwei deutsche Romane erwähnt). Mit Döblin habe ich ja so meine Schwierigkeiten, vielleicht liegt mir der Berliner Dialekt nicht.

Liebe Grüße
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 28.03.2008 22:46 | nach oben springen

#19

RE: Simone de Beauvoir

in Die schöne Welt der Bücher 28.03.2008 22:37
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Hallo Martinus,

ja, ich habe auch noch zwei im Hinterkopf:
Dos Passos... und Jurij Olescha, besonders bei letzterem bin ich sehr gespannt.

Dass Sartre und Beauvoir sich besonders für die damaligen Verbrechen interessierten, wird von Beauvoir toll eingeflochten. Spannend der Fall um die Schwestern Papin, der auch das Interesse der Surrealisten entfachte und Genet zu seinem Stück "Die Zofen" (Les bonnes, was im Französischen auch „Die Guten“ heißt) inspirierte (ebenso später Chabrol).
Auch Lacan hat darüber eine Schrift verfasst. Bei ihm heißt es:
In Antwort auf:
Zwei Schwestern, Christine und Lea Papin, sind seit mehreren Jahren
Hausmädchen ehrbarer Bürgerinnen in einer kleinen Provinzstadt,
einer Hausherrin und ihrer Tochter. Die Papin-Schwestern sind
vorbildliche Hausmädchen, hat man gesagt, beneidenswert bei der
Hausarbeit, sie sind aber auch geheimnisvolle Hausmädchen, denn
... man spricht nicht miteinander. Eine Gruppe steht der anderen
gegenüber. Dieses Sich-an-Schweigen konnte nicht leer sein, selbst
wenn es den Augen der Akteure verborgen blieb. Eines Abends
manifestiert sich das Verborgene anlässlich einer unbedeutenden
Panne in der elektrischen Haushaltsanlage, verursacht von den
Hausmädchen ... . Das Drama nimmt sehr schnell seinen Lauf. Der
Angriff geschieht plötzlich, gleichzeitig, von vornherein in
äußerster Wut: jede der Schwestern bemächtigt sich ihrer Feindin,
reißt ihr ... die Augen aus den Augenhöhlen, ein einmaliger Fall in
den Annalen der Kriminalgeschichte. Dann, mit Hilfe all dessen, was
in ihrer Reichweiten ist - mit Hammer, Zinnbecher, Küchenmesser -
bearbeiten sie die Körper ihrer Opfer, zerschneiden das Gesicht,
legen die Geschlechtsorgane frei..., besudeln die Gesässe ihrer
Opfer wechselseitig mit Blut. Danach waschen sie die Instrumente
ihrer schrecklichen Riten, reinigen schließlich sich selbst und
schlafen in demselben Bett. "Eine saubere Arbeit", (sagen sie). Eine
saubere Arbeit - das ist die Formel, die sie austauschen und die jenen
Ton der Ernüchterung - bar jeglichen Gefühls - wiederzugeben
scheint, der bei ihnen der blutigen Orgie folgte.


Da erhält man einen lebendigen Eindruck von diesem Geschehen, was? Der letzte Satz wird verschieden dargestellt. Ich las auch von:
Das ist ja eine schöne Bescherung!
und
Da haben wir uns aber was geleistet!

Was es auch war, der Fall ist sicher wert, erwähnt zu werden, ebenso die Geschichte von Louise Perron, die aufgrund einer unerwiderten Liebe wahnsinnig wird.

Sowieso wird die ganze damalige Gesellschaftsstimmung bei Beauvoir sichtbar. Daneben beschreibt sie die gemeinsame Welt zwischen ihr und Sartre schön lebendig, diese Form der "Glaskugel", die jede Liebesbeziehung ausmacht, wo man miteinander eine ganz eigene kleine Welt inmitten der großen teilt, während alles andere an Mensch und Sein außen vor bleibt und in diesen Bereich kaum zu dringen vermag, was Simone aus der heutigen Sicht ihres Schreibens dann allerdings auch wieder etwas in Frage stellt:
In Antwort auf:
Bei Sartre hatte ich mich aus der Affäre gezogen, in dem ich erklärte: „Wir sind eins!“ Ich hatte uns beide in den Mittelpunkt der Welt gestellt. Um uns kreisten widerwärtige, lächerliche oder spaßige Personen, die keine Augen hatten, mich zu sehen: ich war der einzige Blick. Deshalb setzte ich mich auch ungeniert über die Meinung der Leute hinweg. Oft ärgerte Sartre sich über meine mangelnde Achtung vor dem Nächsten, wovon er selbst damals eine gehörige Portion besaß.


Die Memoiren sind eines der besten Dinge, die Madame de Beauvoir geschrieben hat. Der Bericht über die Entwicklung ihrer Schreibversuche zeigt ihr ehrliches Gesicht, ihre eigene Einschätzung über das eigene Können aus klarer Distanz.
Da geht es einem doch fast wie Sartre, der sagte:
Unmöglich (…) die Spezies „Mensch“ zu verhimmeln – genauso unmöglich allerdings, sie zu verachten.



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zuletzt bearbeitet 28.03.2008 22:43 | nach oben springen

#20

RE: Simone de Beauvoir

in Die schöne Welt der Bücher 03.04.2008 16:40
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Weitere, interessante Details:
Sartre gerät beim Unterrichten in ganz plötzliche Wutanfälle, wo sich nicht der Lehrer, sondern der Mensch über die Absurdität des Lebens entrüstet. Zum Beispiel bricht er mitten im Vortrag ab, lässt einen gequälten Blick über seine Klasse schweifen und sagt:
In Antwort auf:
Auf keinem von diesen Gesichtern auch nur ein Schimmer von Intelligenz!


Durch Olga wird sich Simone erneut über die Bequemlichkeit bewusst, von einer Beziehung „wir“ zu sagen:
In Antwort auf:
Es gab Erfahrungen, die sich jeder selbst er-leben musste. Ich hatte immer angenommen, dass es den Worten nicht gelingt, die Dinge wirklich präsent zu machen; ich musste die Konsequenzen daraus ziehen. Ich schwindelte, wenn ich sagte: „Wir sind eins!“ Die Harmonie zwischen zwei Individuen ist niemals gegeben, sie muss immer wieder neu erobert werden.


Als Simone de Beauvoir in einen Krankenwagen getragen wird, stellt sie zum ersten Mal fest:
In Antwort auf:
Es ist so erstaunlich, man selbst zu sein, gerade man selbst, es ist so radikal einzigartig, man hat Mühe, sich einzureden, dass diese Einzigartigkeit sich bei jedermann findet und dass man eine Zahl aus der Statistik ist. Krankheit, Unfall, Unglück, das kann immer nur anderen zustoßen; aber unter den Augen der Neugierigen war der andere plötzlich ich selbst. Wie alle anderen war ich für alle anderen eine andere.

Das alles kommt einem ziemlich abstrakt vor, wenn man sich in solch einer Situation befindet. Irgendwie blickt man gleichzeitig aus sich heraus und auf sich herab. Das führt Beauvoir auch zu Hegel:
Jedes Bewusstsein verfolgt den Tod des anderen.

Und: Wie schnell ist ein Leben ausgehaucht…
In Antwort auf:
Innerhalb einer Sekunde konnte mein Bewusstsein aufplatzen wie eine dieser luftgefüllten Schoten, die ich als Kind mit dem Absatz zerknallte. Innerhalb einer Sekunde konnte ich das Bewusstsein eines anderen explodieren lassen…


Darüber wird ihr erneut ihr Schreiben und der Tod darin bewusster:
In Antwort auf:
Die Romanschreiber vergessen zu oft, dass in der Realität zwischen dem geträumten und dem tatsächlichen Mord ein Abgrund liegt. Töten ist kein Alltagsgeschäft.

Und, er wird auch nicht glaubwürdig, wenn einfach ein Mord begangen wird, der nicht begründet oder völlig überraschend wirkt, egal, wie "einfallsreich" ein Autor auch sein mag. Der Mord zieht immer bestimmte Folgen nach sich. Da steht die Gewissensfrage, die Auseinandersetzung... usw., und dann auch das Verbrechen selbst.
Am besten, man schreibt dann wie Dostojewski :
In Antwort auf:
Jedes Gespräch muss Handlung sein, das heißt, es muss das Verhältnis der Personen zueinander und die Gesamtsituation ändern. Zudem muss während seines Ablaufs sich andernorts etwas Wichtiges begeben: der Leser, dessen Aufmerksamkeit auf ein Ereignis gelenkt wird, von dem ihn ein Packen Druckseiten trennt, empfindet so wie die Romanfiguren den Widerstand und das Vergehen der Zeit.


Beauvoir verwendet (zumindest in der Übersetzung) erstaunlich oft das Wort "ätzend" im Zusammenhang mit etwas Irritierendes, an dem sie aber Gefallen findet. Im Sinne von "You are beautiful, but ugly!" Das wird eine ähnliche Angewohnheit sein, wie wir als Kinder, wenn wir Wörter wie "geil" und "cool" verwendet haben, diese Art der Mode-Wortschöpfungen, die in jeder Generation anders sind.

Ihr Bericht über die Surrealisten-Ausstellung 1938 ist auch erwähnenswert:
In Antwort auf:
Am Eingang in einem regennassen Taxi – eine Erfindung Dalis -, ein blondes Mannequin unter schneckenüberzogenen Endivien und Kopfsalatstauden. Weitere Drahtpuppen, gekleidet und entkleidet von Man Ray, Max Ernst, Dominguez, Maurice Henry, bevölkerten die Rue surréaliste. Besonders angetan hatte es uns Massons Mannequin, dessen Gesicht in einem Vogelkäfig gefangen und mit einem Gedanken geknebelt war.


Das Café de Flore birgt eine schillernde Welt. Auf dem Bild (siehe Bargeflüster 6) wirkt Simone tagsüber so klein und in sich ruhend, inmitten hoher Denken, mächtiger Fenster und einer Art Leere. Doch, es bleibt kein "leerer Raum", sondern wird in den Abendstunden zur Brutstätte voller exotischer Begebenheiten, wo sich die "Jugend" rundum miteinander sexuell vergnügt und danach (wenn jeder mit jedem) wieder von vorne beginnt, wo eine Form des weiblichen Typs verkehrt, die so genannten "bouleversantes" (blaßhaarig) und der "mehr oder minder von Rauschgift, Alkohol oder vom Leben" zerrüttet ist, mit "traurigen Mündern und unnatürlich geweiteten Augen".
Beauvoir dazu:
In Antwort auf:
Die jungen Müßiggänger des "Flore" flößten uns dagegen eine Sympathie ein, in die sich Ungeduld mischte. Ihr Nonkonformismus war hauptsächlich ein Vorwand für ihre Trägheit. (...) Sie verbrachten ihre Tage damit, in kleinen, blasierten, von Gähnern unterbrochenen Sätzen ihren Ekel zu verströmen. Des Klagens über die menschliche Sauerei war kein Ende.

Auch verkehrten im "Flore" viele Theaterleute und solche, die wenigstens annähernd damit zu tun hatten.

Lustig war's, als Simone de Beauvoir eine der surrealistischen Parties besucht, auf der mit Vorliebe "Wahrheit oder Pflicht" gespielt wird. Alle Fragen hatten dort einen sexuellen oder obszönen Anklang und nach einer Weile wollten einige dann vom Wort zur Tat schreiten. Sie flüchtet.

Zurück zum Schreiben:
In Antwort auf:
Die Literatur tritt in Erscheinung, wenn irgend etwas im Leben aus den Fugen gerät.

Ja, zumindest lässt es sich dann leichter schreiben.

In Antwort auf:
Wie Blanchot im Paradoxon von Aytré vorzüglich dargelegt hat, gilt als erste Voraussetzung für das Schreiben, dass die Realität aufhört, selbstverständlich zu sein. Nur dann ist man in der Lage, sie zu sehen und sie zu zeigen.


Dann bricht der Krieg aus, und der Mensch muss sich damit erst einmal auseinandersetzen, besonders Simone de Beauvoir, die immer davon ausging, ihr eigenes Leben völlig in der Hand zu haben. Für viele erscheint er zunächst unwirklich und sinnlos. Man hat nie für möglich gehalten, dass es soweit kommen würde.
In Antwort auf:
Fernand sagt, der Krieg komme ihm vor wie ein Attrappenkrieg, ein Scheinkrieg, er sehe aus, wie ein echter, aber nichts dahinter.


Und dann gilt es, darin zu überleben, selbst, wenn man nicht an der Front ist, so muss man doch in den besetzten Städten zurechtkommen.
In Antwort auf:
In Paris ist die Katastrophe allgegenwärtig. Es ist eine ausreichende Beschäftigung, sich ihrer bewusst zu werden.


Ich muss schon sagen: Beauvoirs Kriegstagebuch ist umwerfend und erschütternd geschrieben. Dass ihr in diesen schweren Zeiten überhaupt die Möglichkeit geblieben ist, ihre Gedanken und Erlebnisse, Sorgen um Sartre, usw. festzuhalten, ist unglaublich. Das zeigt, dass sie durchaus zur Schriftstellerin geeignet ist. Ich finde herrlich, dass sie ihre damaligen Gedanken und Notizen (leider von ihr selbst zensiert) verwendet. Dadurch wird alles sehr authentisch.
Der Krieg wütet, Paris liegt wie ausgestorben, und sie sagt:
In Antwort auf:
Plötzlich glaube ich mit aller Kraft an ein Nachher. Beweis: Ich habe dieses Heft und Tinte gekauft und die Geschichte dieser letzten Tage aufgeschrieben. Währen der vergangen drei Wochen war ich nirgends, die großen Ereignisse waren kollektiv, dem einzelnen blieb die physiologische Angst. Ich möchte wieder Person werden mit einer Vergangenheit und einer Zukunft.


In einem Interview erzählt Alice Schwarzer, dass Beauvoir auf die Frage, was sie im Rückblick auf ihr Schreiben denkt, antwortet: Sie wäre gerne ehrlicher gewesen. In ihrem Kriegstagebuch wie auch in ihren Briefen an Sartre ist sie ehrlich. Dort nämlich kommt auf einmal heraus, dass sie mit Bost (Olgas Freund) eine leidenschaftliche Affäre unterhielt (in den Briefen schreibt sie Sartre, wie sie mit ihm geschlafen hat). Auch erzählt sie, dass die Beziehungen zu den Frauen nicht so platonisch waren, wie es in den Memoiren den Anschein hat. Dort nämlich wirkt es tatsächlich, als ob sie duldsam Sartres Freundschaften zu ihren werden lässt oder ihre Schülerinnen in ihren "Kreis" aufnimmt – siehe die Dreierbeziehungen. Dass nach ihrem Tod die Briefe veröffentlicht wurden, ist im Sinne von Simone de Beauvoir. Sie hat ihre Adoptivtochter und letzte Lebenspartnerin (?), denn erst nach Sartres Tod hat sie jemand anderem so viel Platz in ihrem Leben eingeräumt, dazu veranlasst.

Für Simone de Beauvoir gilt:
In Antwort auf:
Wer in diesem besetzten Frankreich noch atmete, der bejahte bereits die Unterdrückung.

Welch ein kleiner Satz mit großer Wirkung. Sobald man einfach lebte, akzeptierte man die Besetzung durch die Deutschen, selbst, wenn man sich nicht anpasste. Aber, was bleibt dem Menschen schon übrig in solchen Zeiten? Die Rebellion, um erschossen zu werden? Die Machtlosigkeit des "kleinen Mannes", der all diese Dinge nicht wollte, über dessen Kopf die Dinge geregelt werden, der darin hin und hergerissen wird, ohne sich wehren zu können, wird gerade in solchen Ereignissen überdeutlich.
Sartre ist in Kriegsgefangenschaft, und er und Simone de Beauvoir sehen sich ganze zwei Jahre nicht. Das ist sehr hart für sie. Das kann ich gut nachvollziehen.

Zum Glück ändern sich die Zeiten dann wieder. Sartre kehrt zurück, Beauvoir hat eine etwas herrische, aber interessante Schülerin zur Freundin auserkoren, die Sartre erst verachtet, dann kennenlernt und mag. Sie ist irgendwie seltsam, bedrängt Beauvoir einerseits, macht aber ihre Verirrungen durch eine Menge Talent wieder wett. Lachen musste ich, wo sie auf Giacometti trifft und behauptet, er sei nicht intelligent, mit der Begründung, sie hätte ihn gefragt, ob er Descartes möge und er hätte darauf eine völlig falsche Antwort gegeben.

Auf Sartre und Beauvoir macht dieser wunderbare Künstler natürlich einen ganz anderen Eindruck, er, den Erfolg, Ruhm, Geld nicht interessierten, der nur sein Ziel erreichen wollte, auch, wenn anfänglich nicht ganz eindeutig war, wonach er suchte.
Doch er erklärt sich phantastisch:
In Antwort auf:
Ein Gesicht, sagte er uns, sei ein unteilbares Ganzes, ein Sinn, ein Ausdruck; aber die leblose Materie, Marmor, Bronze oder Gips, sei unendlich teilbar. Jedes Teilchen stehe für sich, widerspreche dem Ganzen, zerstöre es.


In Antwort auf:
(…) Giacomettis Standpunkt kam der Phänomenologie nahe, da er ein Gesicht in der Situation formen wollte, in seiner Existenz für die anderen, aus der Distanz, wodurch er über die Irrtümer des subjektiven Idealismus und der falschen Objektivität hinauswuchs.


Seine Statuen sind außergewöhnlich, völlig faszinierend. Jeder Versuch, dieses Gesicht aus der Distanz zu erschaffen, ist dann auch wahrhaft ein Ereignis für sich. Die surrealistische Art und Weise genügte ihm nicht mehr. Es reichte nicht aus, hier das Imaginäre dem Realen anzupassen. Kunst darf somit kein Aufpolieren des Scheins sein!

So, das erst einmal.



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zuletzt bearbeitet 03.04.2008 17:12 | nach oben springen

#21

RE: Simone de Beauvoir

in Die schöne Welt der Bücher 03.04.2008 17:38
von Martinus • 3.194 Beiträge
Als de Beauvoir zu Beginn der dreißiger Jahre einen Essay eines Journalisten las, der Kafka neben Joyce und Proust stellte, fand sie es lächerlich und meinte, (in etwas so), wenn er so bedeutend wäre, müsste ich ihn kennen. Als Kafka in Frankreich erschien revidierte sie ihre Aussage und war begeistert von Kafka aus Prag:

Zitat von de Beauvoir
Für uns war Der Prozeß eines der ungewohnlichsten und schönsten Bücher, die wir seit langem gelesen hatten. Wir erfassten sofort, daß man es nicht zu Allegorie reduzieren noch durch irgendwelche Symbole interpretieren dürfe, daß es vielmehr eine totalitäre Vision der Welt sei..


Das finde ich sehr bemerkenswert, so werden auch die Interpretationen zu dürftig sein, die nur auf Kafkas Vater reduziert werden. Erst kürzlich besuchte ich den Ort, wo einst Kafkas Geburtshaus stand. Heute steht dort ein anderes Gebäude, welches 1902 gebaut worden ist. Darin eine Ausstellung, und auch dort wurde ein Bogen von seinem Werk zu einer mechanisierten Welt geschlagen, in dem der Mensch in Unterdrückung existierte. Kafka, ein Visionär, der die Gefahren technischer Entwicklungen vorausahnte?

Zitat von de Beauvoir
Die Erlebnisse K.s waren ganz anders – viel extremer und auswegloser – als die Antoine Roquantins.


so schlägt sie einen Bogen zu Sartres Ekel (auf das Werk greift sie gelegentlich zurück, auch auf die Parabel vom Baum).

Gefreut habe ich mich auch über ihre Begeisterung zu William Faulkner, den ich glücklicherweise auch gelesen habe.

„die Welt in subjektiven Bildern wiedergeben“, wie auch

„Joyce, Woolf und Hemingway und einige andere der falschen Objektivität des realistischen Romans eine Absage“ . Sie geht noch näher bewundernd auf Faulkners Technik ein. In Deutschland scheint es leider nicht mehr selbstverständlich zu sein, Faulkner zu lesen. Einiges, auch „As I like dying“, ist vergriffen. (für mich wird ein reread fällig).

Simone de Beauvoir ist eher politisch unbekümmert. Sie versucht sich oft mit anderem abzulenken, aber der Aufstieg der Braunen setzt auch de Beauvoir immer mer zu. Abstoßend für sie war es schon in Venedig, als sie uniformierte Soldaten sehen und dann geht Sarte auch noch nach Berlin.

Sehr eindrucksvoll ist die Begegnung mit einem ehemaligen Frontkämpfer aus dem ersten Weltkrieg, der fanatisch in den Krieg ziehen will, um die Ehre für Deutschland wiederherzustellen. De Beauvoir geht die verhasste Fratze nicht mehr aus dem Kopf und
„Sartre sagte, daß ein Krieg nicht nötig sei; wir müßten alle den Frieden wünschen“.

Nun, Taxine, bin ich sehr gespannt, was mich erwartet, wenn de de Beauvoir über den Krieg (ihr Tagebuch) selbst schreibt. Erschütternd fand ich damals, wie Thomas Bernhard in seinen Autobiografischen Schriften von den Fliegerangriffen auf Salzburg erzählte.

Liebe Grüße
Martinus



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zuletzt bearbeitet 03.04.2008 17:47 | nach oben springen

#22

RE: Simone de Beauvoir

in Die schöne Welt der Bücher 05.04.2008 16:35
von Martinus • 3.194 Beiträge
Sehr schön war es, über ihre Griechenlandreise zu lesen. Da kommen Erinnerungen hoch (da fällt mir ein, Durrels Griechenlandbücher, die Limonen und Orangen, und Millers Maroussi muss ich mir mal einverleiben. Ach, die Bücherwelt ist so unermesslich groß.....

Die Armut in Griechenland war groß, trotzdem, was die auf ihrer Reise gesehen haben, dafür braucht unsereins 4-5 Urlaube...) und damals war es noch sehr abenteuerlich. Im Stadion von Delphi zu übernachten ist heute nicht mehr möglich. Kein Wunder, dass ihr Olympia nicht mehr so gefallen hat. Die Gegend um Delphi ist überwältigend.
Zitat von de Beauvoir

Ich fuhr mit Sartre nach Delphi. Die Landschaft, der Mamor und Ölbaum vor dem Hintergrund des Meeres.... übertraf an Schönheit alle anderen Orte der Erde.


Wie wahr!

Im Hintergrund der spanische Bürgerkrieg muss sehr bedrückend gewesen sein. de Beauvoir, die sich ursprünglich nicht für Politik interessiert hat, hat sich den Zeitumständen nach natürlich damit beschäftigen müssen. Wie belastend das sein muss, Krieg vor der Türe zu haben, können wir uns nur annähernd vorstellen, wenn überhaupt.

Zitat von de Beauvoir
Mein ganzes Leben war an einem Tiefpunkt angelangt. Ich wollte nicht wahrhaben, daß der Krieg unmittelbar bevorstand, nicht einmal, daß er möglich war. Aber es half nichts, daß ich den Kopf in den Sand steckte, die Drohungen, die rund um mich emporwuchsen, erdrückten mich.


Zitat von de Beauvoir
1939 vollzog mein Leben eine ebenso radikale Schwenkung: die Geschichte griff nach mir und ließ mich nicht mehr los.


....
aber auch das:

Zitat von de Beauvoir
Mein Leben konnte mich nur dann befriedigen, wenn ich der Literatur Platz ihren Platz darin einräumte.


Sie arbeitet an ihrem ersten Roman L'Invitée ("Sie kam und blieb") in dem sie eigene Lebenserfahrungen mit ihrer Beziehung zu Olga und Sartre einflocht. Über die Entstehung des Romans schreibt sie sehr ausführlich. In diesem Zusammenhang taucht der Name wieder HEMINGWAY auf. In meinen bisherigen Erfahrungen in div. Literaturforen ist mir aufgefallen, dass sich kontroverse Meinungen zu Hemingway formen: Die einen mögen ihn, die anderen nicht. de Beauvoir mochte ihn sehr.

Zitat von de Beauvoir
Von den Einflüssen, die auf mich gewirkt haben, ist Hemingways, den mehrere Kritiker bemerkten, am offensichtlichsten. Wichtig an seinem Erzählungen schien mir unter anderem der Verzicht auf sogenannte objektive Schilderung: Landschaften, Szenerien, Dinge werden immer aus der Sicht des Helden dargestellt, in der Perspektive der Handlung. Ich bemühte mich, genauso zu verfahren. Ich versuchte wie er, Ton und Rhythmus des gesprochenen Wortes zu imitieren, ohne Scheu vor Wiederholungen und Banalitäten.



Übrigens weiß ich, Der Ekel sollte ursprünglich Melancholia heißen.

Wenn wir nur alle Bücher lesen würden, die Beauvoir empfiehlt, wäre man schon reich bedient an guter Literatur. Sie machte es nicht anders als wir; sich für Neuerscheinungen zu interessieren, und dann taucht auch Michel Leiris' Buch "Mannesalter" auf, damals noch ein Unbekannter.

Schmunzelnd las ich dieses:

Zitat von de Beauvoir
Ich nahm neue Gewohnheiten an. Morgens trank ich im Stehen Kaffee und aß Hörnchen an der Theke eines lärmenden, rötlich getünchten Lokals >Les Trois Mousquetaires<. Oft arbeitete ich in meinem Zimmer. Sartre wohnte eine Etage tiefer. Wir hatten so alle Vorteile eines Lebens zu zweit und keine seiner Unannehmlichkeiten.



Weiter gehts...



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zuletzt bearbeitet 06.04.2008 12:55 | nach oben springen

#23

RE: Simone de Beauvoir

in Die schöne Welt der Bücher 13.04.2008 18:01
von Martinus • 3.194 Beiträge
Im Zusammenhang mit dem zweiten Band der Autobiografie ist sicher interessant zu lesen
Philippe Grimbert: Ein Geheimnis. In der Kurzbeschreibung heißt es:

In Antwort auf:
Philippe ist fünfzehn, als ihm Louise, eine Freundin der Familie, ein über Jahre gehütetes Geheimnis enthüllt. Die Grimberts sind Juden und haben das Leben im besetzten Paris keineswegs so unbeschadet überstanden, wie sie Philippe bislang glauben machen wollten. Der als Einzelkind aufgewachsene Philippe wird an eine von allen verdrängte Vergangenheit seiner Familie herangeführt, in der es den großen Bruder seiner Phantasie tatsächlich gegeben hat.


Mich erstaunt, dass de Beauvoir schon ziemlich früh von Ausschreitungen gewusst hat. Mich würde es interessieren, ob es in der Bevölkerung allgemein bekannt war. So erzählt de Beauvoir:

In Antwort auf:
Die Nazis hatten in Böhmen, in Österreich den Terror entfesselt. Aus der Presse erfuhren wir von der Existenz des Lagers Dachau, wo tausende von Juden und Faschisten interniert waren.


Durch Bianca Bienenfeld erfuhren sie von deren Vetter, der aus Wien geflohen war
In Antwort auf:
nachdem er eine Nacht den Händen der Gestapo ausgeliefert. Man hatte ihn stundenlang geschlagen...Er erzählte, daß in der Nacht , die auf auf die Ermordung vom Raths folgte, alle Juden einer Kleinstadt, wo er auch Verwandte hatte, aus den Betten geholt und auf dem Marktplatz getrieben wurden. Man zwang sie sich auszuziehen, und brandmarkte sie dann mit einem glühendem Eisen. Überall im Reich diente das Attentat zum Vorwand schrecklicher Progrome.


Klar, dass sich de Beauvoir Gedanken machte, aus ihrer politischen Passivität herauszukommen. Später musste sie ein Papier unterschreiben, auf dem sie bestätigen musste, dass sie keine Jüdin war und nicht zu den Freimaurern gehörte. Innerlich hat sie diese Unterschrift natürlich verweigert, aber sie tat es. Verständlich natürlich, auch sie versuchte sich vor lebensbedrohliche Folgen zu schützen. Das ist das Dilemma, wie bösartige Diktaturen den Willen von Bürgern knebeln. Was für ein Druck der Krieg darstellte, zeigt sich in folgendem Zitat:

In Antwort auf:
Was zählten schon die Stunden, die ich vergebens mit Schreiben zubrachte, wenn morgen alles in die Brüche ging? Sollten dagegen die Welt, mein Leben, die Literatur jemals wieder einen Sinn bekommen, so würde ich mir nie verzeihen können, daß ich Monate, Jahre mit Nichtstun vergeudete.


Liebe Grüße
Martinus



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zuletzt bearbeitet 13.04.2008 18:02 | nach oben springen

#24

RE: Simone de Beauvoir

in Die schöne Welt der Bücher 22.04.2008 21:20
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Wir ergänzen uns hervorragend, werter Martinus. Bianca Bienenfeld ist übrigens ein und dieselbe Person (auch genannt: Louise Védrine), die die "Memoiren eines enttäuschten Mädchens" schrieb.
Nun ... als Bianca Lamblin (sie heiratete einen der Schüler Sartres: Bernard Lamblin) eröffnet sie über Simone de Beauvoir und Sartre zwei interessante Aspekte:

Über den Pakt:
In Antwort auf:
Ein solches Abkommen hat nach seiner eigenen Logik einen gewissen Voyeurismus zur Folge, was man dem anderen von seinen Spielchen erzählt, wird für diesen zu einem bedeutungsvollen, erregenden Bild. (...) Ich glaube überdies, dass die Übereinkunft, sich alles zu erzählen, zu einer Verdoppelung der Gefühle und Erregungen führt: es ist ein Spiel der Spiegel, das oft verzerrt, indem der eine dem anderen das Bild eines passiven "Objekts" zurückwirft, wie man es mit einem Ball tut. Im Inneren einer solchen Beziehung findet eine Übertragung der Gefühle statt. Bestens lässt sich das durch die Art illustrieren, wie Simone de Beauvoir Sartre manipuliert hat, mit mir zu brechen, indem sie mich ihm zunehmend verleidete.


So sehr die enttäuschte Bianca Lamblin auch nach offensichtlichen Fehlern sucht, so bemerkenswert ist aber das Bild, das sie neu erschafft, dass Beauvoirs und Sartres Verhältnis in ein anderes, nicht ganz so lockeres Bild lenkt.
An anderer Stelle verdeutlicht sie Simones "Ängste", wobei sie ebenso behauptet, dass diese während der Kriegszeiten (nachzulesen in ihren Briefen an Sartre) keine von diesen angeblich sexuellen Beziehungen oder Erlebnissen tatsächlich erfahren hat. Ich denke, die Wahrheit liegt in der Mitte. Warum Simone de Beauvoir dafür sorgte, dass Sartre ihre Schülerinnen kennenlernte, dafür hat Bianca eine Theorie:
In Antwort auf:
Ich glaube, dass er sich bereits von ihr entfernte, zumindest in sexueller Hinsicht, und dass sie so, durch Stellvertreterinnen, eine andere Verbindung zu ihm herstellte. So glaubte sie, die neue Liebesbeziehung ihres Partners kontrollieren zu können, indem sie eine Art Kompromiss zwischen dem Wortlaut ihres Paktes - in Liebesdingen eine totale Freiheit zu akzeptieren - und ihrer latenten Besorgnis fand.


Man bemerkt zwischen den Zeilen diesen mächtigen Frust, den sie gegen Simone de Beauvoir aufgebaut hat. Trotzdem ist ihr Blick nicht ganz von der Hand zu weisen. (Der Film "Der Pakt" hat das übrigens sehr schön eingefangen.)

Bianca Lamblin ist mit Georges Perec verwandt. Sie ist seine Cousine.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 23.04.2008 02:33 | nach oben springen

#25

RE: Simone de Beauvoir

in Die schöne Welt der Bücher 25.06.2008 13:32
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Hier ein paar Gedanken zu Toril Mois Schrift: "Simone de Beauvoir - Die Psychographie einer Intellektuellen".
Sie behauptet darin, dass Beauvoir sich Sartre gegenüber nicht nur durch die Prüfungen, sondern auch im Leben als Zweite (nach ihm) anerkannte, weil sie unterbewusst die intellektuelle Überlegenheit des Mannes (der ja damals, zum Zeitpunkt dieser ersten Erkenntnis, noch nicht der Philosoph Sartre war) als naturgegeben betrachtete. Sie verdeutlicht die ganzen Schwierigkeiten, die damals in Frankreich für eine Frau bestanden, um die Agrétation zu machen. Während Männer eine ausführliche Ausbildung in Philosophie und Sprachen erhielten, musste die Frau über verschiedene Umwege und Privatunterricht einen wesentlich längeren Weg gehen, um dann überhaupt zugelassen zu werden, wobei noch nicht vorausgesetzt war, dass sie dann überhaupt zu den Prüfungen zugelassen wurde. Sie zeigt, dass Beauvoir sich automatisch unterlegen fühlen musste, obwohl sie die Jüngste war, die die Prüfung dann bestand, als Zweite nach Sartre. Trotzdem, so Mois, erwähnt sie die Schwierigkeiten in ihren Memoiren nicht, nur spricht sie häufig von der Unterlegenheit gegenüber Sartre, was auch dazu führte, dass sie oft als seine Schülerin betrachtet wurde, woran sie eben nicht unschuldig war.

Mois setzt Beauvoirs Leben mit ihren Texten gleich, nicht, weil diese so viel Biografisches geschrieben hat, sondern weil sie glaubt, dass ein Text immer genauso viel vom Menschen enthält, wie dessen Leben. Eine gewagte These. Mir fiel dabei sofort ein, dass Beauvoir die Dinge auch in ihren wirklich autobiografischen Schriften verschleiert haben kann, immerhin hat sie ihre Memoiren wesentlich später geschrieben, aus der Erinnerung – und sie dabei vielleicht teilweise neu „erfunden“. Oder ihre Briefe an Sartre. Was, wenn darin nicht Wahrheit liegt, sondern, wie Lamblin andeutete, eine Anregung für Sartre, der in ihren Augen trotzdem mehr „im Krieg“ war und den sie damit, weil er nur unter Soldaten war, mit ihren verschiedenen Liebesabenteuern aufheitern wollte? Oder, meine Vermutung, das alles irgendwie eine Übertreibung des Eigentlichen war, um seinem Frauenschwund etwas entgegenzusetzen? Um einmal die scheinbare Akzeptanz zu untermalen und mit den eigenen Affären zu bekräftigen und zum anderen als eine Möglichkeit, seine Eifersucht doch ein bisschen zu wecken? Das erscheint mir durchaus plausibel, denn Sartre war bei all den anderen Eroberungen immer schrecklich eifersüchtig, warum bei ihr nicht? War sie das Gehirn? War er ihr nicht erotisch ergeben, sondern nur geistig? Und, wie war es für Beauvoir, die diese Eifersuchtsszenen ständig miterleben musste, von ihm ins Detail beschrieben, während er sie noch aufforderte, diese zu schlichten oder ihm wenigstens gut zuzureden und mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, Trost zu spenden? Wie muss sie sich wohl gefühlt haben? Hin und wieder kamen in ihr ja diese Zweifel auf, wobei sie erkannte, dass sie vielleicht nicht die wichtigste Rolle in seinem Leben spielte, und dass sie selbst sich ihr eigenes Lug- und Truggebäude aufgebaut hatte, das dann für sie unumstößlich geworden war.
Was war sie anderes für Sartre, als ein guter Kumpel? Er sagte Liebe dazu, aber meinte Freundschaft, wenn auch eine sehr tiefgehende und ein Leben lang bindende. Sie liebte ihn, das ist gar keine Frage, auch gerade darum, weil sie ihn für überlegen hielt. Sie unterwarf sich ihm, weil er ihr "frei gewählter Entwurf" war. Ihre ganzen Memoiren (gerade, weil sie aus großem Abstand rückwirkend schreibt) sind so "konstruiert", dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt Sartre begegnen MUSS. Hiermit erschafft sie sich die Rechtfertigung, sich ihm nicht unterworfen zu haben, sondern erst durch ihn frei zu sein.
Und, weil sie sich erst viel später als „Frau“ empfunden hat, - Mois tippt hier auf den Zeitpunkt, als sie sich an den Entwurf von "Das andere Geschlecht" setzte (wobei sie diesen, unbewusst oder bewusst, zwar von sich auf alle Frauen verallgemeinerte, jedoch sich selbst in dieser Rolle nicht wahrnahm)-, dann musste sie vorher auch sich selbst als diesen „Kumpel“ akzeptiert haben (wenn auch mit wackligen Emotionen), weil sie sich lange Zeit eher als „Mann-denkend“ betrachtete.

Mois wirft auch auf, dass Beauvoir sich zwar Sartre unterlegen fühlte, allerdings nicht anderen Männern. Nur hinter ihm trat sie zurück. Man kann hier also auch nicht verallgemeinern.
Interessant sind die Betrachtung über die Eifersucht. In Beauvoirs Romanen spielt diese eine sehr wichtige Rolle, während sie in ihren Memoiren eine zweitrangige, eher nebensächliche Rolle spielt. Meine Schlussfolgerung: Wenn man nun bedenkt, dass diese Memoiren so einiges verschweigen, und sicherlich nicht nur, weil Beauvoir, wie sie sagt, andere Menschen schonen möchte, die noch leben und für die das Bild, das sie entwirft, vielleicht unangenehm wäre, (denn gerade das wenige, was sie sagt, muss für die Menschen, über die sie redet, dann doch unangenehm sein, weil diese ja die verschiedenen Andeutungen verstehen) dann zeigt auch das Weglassen der Eifersucht ihren Wunsch, sich selbst als „Etwas“ zu erschaffen, als die Person, als die sie sich gerne sehen möchte.
Mensch minus Emotionen und Schwächen.
Sie erschafft natürlich Schwächen, aber solche, die nicht wesentlich sind, nicht tragend oder belastend. Was taugt besser für so eine neue Kreation des Selbst, als die eigenen Memoiren? Im Wort kann man ganz anders leben. Hier erscheint Beauvoir als eine Frau, die mit allem einverstanden ist, was Sartre macht, und die sich dadurch nicht gekränkt fühlt, sondern ähnliche Ambitionen hat. Sie schläft sogar mit Frauen, um ihn in jeglicher Hinsicht nachzueifern. Sie hat Sex mit ihnen und fühlt sich wie Sartre (das sind übrigens ihre eigenen Worte (gelesen in ihren Briefen an ihn: "Ich fühlte mich dabei, als wäre ich Sie...")). Sie schläft auch mit Männern, um wieder den gleichen Gegensatz zu erleben, wie ihn Sartre empfindet, der mit Frauen und nicht mit Männern schläft.
Mois scheint übrigens Sartres Werk gut zu kennen, weil sie seine philosophischen Begriffe für ihre psychologische Deutung von Beauvoir anwendet. Bsp:
„Es ist unmöglich, absolut interessant zu sein, man ist immer für jemanden interessant.“

Mois erwähnt durch Beispiele der Kindheit, dass Beauvoir durch den Wechsel der Zuneigung ihres Vaters von ihr, die sich für geistreich und interessant hielt, auf ihre Schwester, die für sie femininer und damit uninteressant war, erkannte, dass Frauen, die ihr eigentlich unterlegen waren, trotzdem zu ihren Rivalinnen werden konnten. Die Bedrohung „Weiblichkeit“ gegenüber ihrem Intellekt. Sie spürte so, dass es nicht ausreichte, lediglich mit dem Geist zu verführen. Ihr Vater in seinem Gefühlswechsel fügte ihr damit eine narzisstische Kränkung zu, wodurch sie ihn zu hassen begann. Sartre dagegen hasste sie nicht, sondern unterwarf sich ihm, weil sie so mit Geist und Erotik verführen konnte, als „Intellektuelle wie auch als Frau“. Und während Beauvoir mit Weiblichkeit und Intelligenz verführte, bestand Sartres Verführung nur aus Intelligenz, weil er darüber seine „Jagd“ erst definierte, weil seine Hässlichkeit ihn dazu gezwungen hatte. Mois deutet das etwas anders, sie hält nur fest, dass Sartres Anziehungskraft durch seinen Intellekt beträchtlich erhöht wurde. Ich weiß aber aus den Briefen Sartres und seinen Tagebüchern, dass er gerade durch seine äußerlichen Einschränkungen das Denken zur Waffe erhoben hatte. Auch musste er diese zahlreichen Eroberungen immer wieder vollführen, weil er sich darüber selbst bestätigen wollte. Eine einzige Liebe reichte ihm nie, vielleicht, weil sie in seinem Denken eine Ausnahme bilden konnte.
Beauvoir hatte sich irgendwann dafür entschieden, statt Philosophin lieber Schriftstellerin zu werden. Auch ein Mangelgefühl, einerseits gegenüber Sartre, dem sie den Vorrang ließ, und andererseits gegenüber der Allgemeinheit, wo die Philosophie den Männern gehörte. Philosophie studieren war für die Frau eigentlich sinnlos, darum ist es umso beeindruckender, dass Beauvoir sich trotz ihrer Unsicherheiten wenigstens in der Zeit ihres Studiums nicht davon abbringen ließ.
(Bald mehr!)



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 25.06.2008 21:09 | nach oben springen

#26

RE: Simone de Beauvoir

in Die schöne Welt der Bücher 01.07.2008 20:14
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Mein Eindruck von „Sie kam und blieb“.
Zwischen all den sprachlichen Verfehlungen (die leider beträchtlich sind „Sein Anblick jammerte sie.“ oder „… darauf kommt es bestimmt heraus“ oder das verklärt Romantische: „Sie fühlte am Hals das Schmeicheln seines weichen Haares.“ - letzte Hoffnung wäre eine unsagbar schlechte Übersetzung ), ist der Roman, wenn man das übrige Werk der Beauvoir nicht kennen würde, eine ziemlich misslungene Gefühlsduselei, in der die Erzählperspektiven unkontrolliert wechseln. Man wird schon irgendwie in diese Geschichte hineingezogen, kann sich diesem Sog auch schwer entziehen, weil es sich eben um Leidenschaften handelt, trotzdem ist man froh, das Buch wieder zur Seite legen zu können, und Beauvoir als ständig heulende Frau zu erleben, ist wirklich kein großes Vergnügen. Mir kam hin und wieder der Verdacht, dass sie ihren Roman nur aufgrund von Sartres Beziehungen zu seinem Verleger veröffentlichen konnte, der ja zu diesem Zeitpunkt nicht umsonst anfragte, ob sie ihn nicht noch einmal überarbeiten wollte und dann, bei ihrem erschrockenen Gesicht, abwinkte und erklärte, er könnte auch so herausgebracht werden. Diese Geschichte des Trios, wo Xavière (Eine Mischung aus Olga (Beauvoirs Geliebte, Sartres Besessenheit) und Wanda (Sartres Geliebte, Beauvoirs geduldete Dame an seiner Seite – beide waren übrigens Geschwister…) in ihrer beiden Leben und ihre Beziehung tritt und alles an sich reißt, wo Pierre (Sartre) sich in den schlimmsten Eifersuchtsanfällen verschanzt, während Francoise (Beauvoir selbst) mit diesen ständigen Zurückweisungen von ihm und der Macht dieses jungen Mädchens über sie selbst kämpft, birgt tatsächlich wenig Phantasie, wie ein Zeitgenosse einmal behauptete. Das gesamte Buch ist nur Erinnerung, etwas übertrieben durch das Ende, und dem Leser wird eine unangenehme Intimität eröffnet, die Sartre, Olga und auch Beauvoir in einer Nacktheit zeigt, durch die alle Personen an Charakter und Größe verlieren. Sicherlich kennt man diesen beauvoir'schen Zug bereits aus ihren Briefen, Tagebüchern und Memoiren, diese Art, über alle und alles zu reden. Auch macht gerade diese Offenheit das Leben dieser beiden Schriftsteller möglicherweise erst interessant oder weckt zumindest die Neugierde. Trotzdem bleibt ihr erster Roman der holprige Versuch, sich endlich als Schriftstellerin zu etablieren, was ihr ja seltsamerweise auch gelungen ist. Ich bin wirklich froh, dass danach noch zahlreiche, bessere Werke folgten. Hätte ich als erstes diesen Roman von ihr gelesen, wäre meine Sympathie für sie schnell erloschen.
Sie selbst spricht von ihrem ersten Roman auch sehr klarsichtig in ihren Memoiren, sagt, was ihr stilistisch misslungen ist, dass viele Leidenschaften nicht passend sind und dass das Ende völlig gegen die Natur der Protagonistin läuft, und wo sie sonst ihr Wesen und ihren Geist unangebracht niedriger stellt, als nötig, trifft sie in dieser Beziehung den Nagel auf den Kopf. Dieser Roman besteht aus unzähligen Dialogen, die zwar das Verzwickte der Lage gut verdeutlichen, trotzdem bleibt dabei der Lesegenuss ziemlich auf der Strecke.
Da Moi in ihrem Buch über Beauvoir diesen Roman als Beispiel für die Psyche heranzieht, ihn beurteilt und mit Beispielen daraus Beauvoirs Inneres aufzeigen möchte, blieb mir nichts anderes übrig, als „Sie kam und blieb“ zu lesen, da ich mir grundsätzlich lieber ein eigenes Bild von den Dingen mache. Die Mühe, ihn durchzulesen, muss ich darum sicher nicht betonen, auch bin ich kein Freund dieser eintönigen Liebestaumel, die mich stark an Groschenromane erinnern, wo es nichts außer dieser tragischen Liebe gibt. Versuchsweise sind von Beauvoir ein paar philosophische Überlegungen eingestreut, leider wiederholen diese sich viel zu häufig (z. B. das Nichts, das erst durch die schauende Person zu einem Existierenden gerät) und sind dabei oftmals auch noch ungeschickt eingeleitet. Zum anderen ist es ein oberflächlicher Abklatsch der sartreschen Philosophie und Betrachtungsweise.
Ich kann mir natürlich gut vorstellen, dass Beauvoir Sartre mehrfach zu Überlegungen über das Sein und das Nichts angeregt hat. Er zieht ja seine Betrachtungen aus seinen Erlebnissen, und in den Briefen zeigt sich oft, dass er Fragen und Überlegungen von ihr aufgreift, um an ihnen dann seine philosophischen Eindrücke zu verdeutlichen. Sie war also die Anregung, er der Denker. Sie verschrieb sich seinem Werk und gab damit ihre eigene Philosophie auf. Trotzdem war sie sicherlich immer bester Gegenpart ihrer Unterhaltungen, nicht umsonst schätze er sie bis an sein Lebensende, auch wenn bis dahin immer mehr Entfremdung zwischen ihnen herrschte. Keines seiner Werke ging in die Welt, ohne, dass sie sich darüber gebeugt und es korrigiert hätte. „Sie kam und blieb“ zeigt eben eine andere Seite dieser beiden Menschen, nicht die Seite der Schriftsteller, sondern die Seite der Liebenden. Und so gesehen, ist das Buch sicherlich ein hilfreicher Einblick für die, die mehr über Sartre und Beauvoir wissen wollen.
Was auch sichtbar wird, ist, dass Beauvoir Sartres Lügen und Schmeicheleien doch nicht blind und blauäugig gegenüberstand, wie es ihr oft vorgeworfen wurde, sondern, dass sie seine Art durchaus hinterfragt und vor allen Dingen durchschaut, dieses „Wir sind eins“ oft zerfallen sehen hat. Sie hat sich nur auf eine eigenartige Art und Weise damit abgefunden. „Es sind nur Worte, die er sagt…“ vermutet Francoise im Roman. Leere Worte, nichts als Gesten, ohne Inhalt und Emotionen.
Vielleicht hat Beauvoir in diesem Roman und damit in Worten den Frust auf Sartre hinweggeschrieben und verarbeitet.

In manchen Biografien wird hinterfragt, warum Olga, die damals eben als erste jüngere Frau ein Verhältnis mit Beiden einging (wobei es sich möglicherweise nicht einmal um eine sexuelle Beziehung handelte, mit Sartre auf keinen Fall, denn sie war seine erste, unerfüllte „Zwangsvorstellung“, für Beauvoir schon eher, allerdings nirgendwo deutlich erwähnt), niemals geahnt hat, was zwischen Beauvoir und Olgas späteren Ehemann gelaufen ist, was diese im Roman ebenfalls darstellt, denn Beauvoir hat sich, ähnlich wie Sartre mit seinen Liebschaften, in ein sexuelles Abenteuer gestürzt, das über viele Jahre hinweg anhielt, und warum Olga nie verletzt über die Offenheit von Beauvoir war. Ich habe dafür zwei Erklärungen gefunden. Wenn Olga wirklich diesem Charakter entspricht, den Beauvoir von ihr als Xavière zeichnet, wovon ich überzeugt bin, weil Beauvoir auch in ihrem Memoiren und Briefen viele Andeutungen von der „störrischen, russischen Seele“ macht, dann hat Olga mit ihrem zerfahrenen, hektischen Wesen, das nur mit sich selbst beschäftigt ist, niemals die Geduld aufgebracht, Beauvoirs ersten Roman ausführlich zu lesen. Die andere Möglichkeit wäre noch, dass es ihr völlig gleichgültig war, weil eher die "bösen Züge" ihrer Schwester überwiegen, sie damit also wenig zu tun hat.
Sicherlich ist alles letztendlich nur Mutmaßung, und wahrscheinlich ist es für die Person selbst immer schrecklich, wenn sich viele Unwissende über einen Menschen beugen, den sie nie kannten, um ihn anhand seines Lebens und Werkes bis in das Innere zu durchleuchten und auseinanderzunehmen. (Man blicke hier auf Genet und Sartres Schrift über ihn, als eines der zahlreichen Beispiele.) Anderseits hat Beauvoir sich für diesen Weg der Offenheit entschieden, den sie nicht nur mit Sartre und ihren und besonders seinen Liebschaften teilte, sondern auch mit all ihren Worten, ihren Büchern und ihrer Art, das Leben, das sie geführt hat, für viele Augen bloßzulegen. Das Vertauschen der Namen, das sie mit Sartre in den Briefen vollführt, ist wirklich eine schlechte Tarnung und wirkt auch eher wie ein Spiel, nicht, wie der Versuch, die wirkliche Existenz eines anderen zu verschleiern.
Als Alice Schwarzer Beauvoir in hohem Alter interviewte und sie fragte, was sie im Rückblick auf ihre Schriften anders machen würde, sagte Beauvoir prompt: „Ich wäre gern ehrlicher gewesen!“ Ich finde, diese Worte sprechen für sich, auch, dass sie ihrer Adoptivtochter Sylvie le Bon de Beauvoir nach ihrem Tod das Veröffentlichen der Briefe gestattete. Sie wollte damit auch noch den Rest bloßlegen, den sie in ihren Memoiren verschweigen musste. Was aber bis ins kleinste Detail wirklich zwischen Sartre und ihr, in diesen ganzen Beziehungen und Lieben und Quälereien als Wahrheit zurückbleibt, liegt verborgen mit ihnen in ihren Gräbern.
Der Roman "Sie kam und blieb" dient also durchaus als Einblick in deren Leben und Erlebnissen.
Nach Sartres Verständnis musste alles für jeden zugänglich sein. Diese Offenheit, dieses Wählen der Freiheit, um sein Leben als etwas zu leben, was für jeden einsehbar sein darf (sofern er in der Lage ist, die einzelnen Faktoren zu deuten), ist damit nicht wider ihrer Absicht. Schon, als Sartre in den Anfängen des zweiten Weltkrieges in der Wetterstation ausharrt, rät er einem Soldaten, dass er sich diese ganze mißliche Situation als "In die Vergangenheit blickend" vorstellen soll, also mit einem gewissen Ruhm, als Teil dieses Krieges, als Teil dieser Zeit. Er möchte Bedeutung in die kleinsten Momente legen, selbst, wenn sie von Langweile durchzogen sind, und wenn man ehrlich ist, dass liest sich all das, egal, wie trist die Tage auch waren, doch mit diesem gewissen Gefühl der Bedeutung.
Damit hat auch Beauvoirs Roman seinen Platz in der Literatur, und vielleicht wäre es aus dieser Perspektive sogar schade gewesen, wenn sie ihn nicht geschrieben hätte.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 01.07.2008 23:16 | nach oben springen

#27

RE: Simone de Beauvoir

in Die schöne Welt der Bücher 01.07.2008 22:45
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Und wieder weiter mit Toril Moi und ihrer "Psychographie" und ein paar eigenen Überlegungen:

Völlig richtig ist das, was Moi über das "Wir sind eins" feststellt: Es bestimmt sich aus einem dominierenden Mann und einer dominierten Frau. Die beiden mögen durchaus eins sein, aber er ist derjenige, der sie sind.

Ich finde es zum Beispiel gar nicht schwer, zu erkennen, warum Francoise im Roman „Sie kam und blieb“ Pierres mehrfaches Angebot, die Beziehung zu Xavière abzubrechen, ablehnt. Sie erkennt doch klar, dass dieser Zwang, den sie damit auf ihn ausübt, keinen echten Willen in sich birgt, dass sie damit höchstens noch die Schuld an seinem daraus folgenden Kummer trägt. Sie wünscht sich eher, dass er von sich aus das Verhältnis beendet, weil er sieht, wie sehr sie darunter leidet. Pierre aber, dem Wesen nach gar nicht dazu fähig, erhört ihr Denken nicht, was aber auch nicht verwunderlich ist. Einen Menschen in emotionalen Dingen um etwas zu bitten, ist sicher genauso sinnlos, wie vorauszusetzen, dass dieser Mensch die Entscheidung von sich aus trifft, weil er sieht oder erkennt, warum der andere darunter leiden muss, wenn er überhaupt weiß, was er will und wer ihm was bedeutet. Pierre nutzt diese Hoffnung von Francoise ja auch, die er sicherlich ahnt, da er mehrmals fragt, ob er die Beziehung zu der anderen Frau beenden soll, für seine Zwecke. Dadurch, dass er weiß, dass sie ihn nicht in eine Entscheidung drängt, überlässt er sich, weil sie ja damit einverstanden ist, völlig frei diesen Eroberungen und Spielereien. Er fragt auch nur nach, weil es sich bei Xavière um eine ihrer gemeinsamen „Eroberungen“ handelt, bei den Frauen, die er für sich selbst beansprucht, hat Francoise mit ihrem Verständnis für ihre „offene Beziehung“ kein Mitspracherecht. Da Pierre dann diese Bedeutung auf alles und jeden legt, oder besser gesagt, die Bedeutung zwischen ihnen, dieses „Wir sind eins“ als Rechtfertigung nutzt, um überhaupt andere Frauen in sein Leben zu lassen, erklärt er das, was sie haben, zu einer „äußerlichen Emotion“, etwas, das über allem steht. Er setzt die Beziehung zu Francoise außerhalb von all dem an, was sie gemeinsam oder getrennt erleben, wie einen ewigen Wächter über alles. Darum ist er auch gar nicht in der Lage, hier weiter zu denken, als bis zu seiner eigenen Befriedigung, denn er ist sich ja dieses „Wächters“ im Hintergrund sicher. Verständlich, dass sich die Frau, die sich auf dieses Spiel einlässt, dann dabei quält, weil diese äußere Liebe lediglich als ein Glaube existiert, wie Francoise so schön feststellt, den sie beständig aufrecht erhalten muss und der keinen Wahrheitsgehalt beinhaltet. Selbst eine mögliche Wahrheit wäre nur Glaube an diese Wahrheit, das, was sie sich einredet, das, was er ihr sagt, das, was sie selbst für richtig erklärt, um sich selbst zu beruhigen. Sie muss daran glauben, dass dieses „Wir sind eins“ für immer bestehen bleibt.
(Wer kann schon in solchen Dingen überhaupt irgendetwas mit Sicherheit sagen? Und vor allen Dingen, mit Hinweis auf die Ewigkeit? Liebe ist immer Glaube, Vertrauen in den anderen. Genauso unsinnig ist doch die Frage: Wirst du mich immer lieben? Sie ist nicht zu beantworten, der Liebende wird sich diese Frage aber trotzdem stellen und auch dem Menschen, den er liebt, weil er das Gefühl, das ihn beflügelt und glücklich macht, für immer bewahren möchte. Im Augenblick der Liebe kann man sich das Verschwinden eines solchen Gefühls nicht vorstellen. Und die, die sich lieben, wissen natürlich um diese Absurdität der Frage und bejahen sie trotzdem. Nur sich nicht Liebende beharren auf die Unlogik, auf die Unsinnigkeit einer solchen Frage, betonen das Schönreden von dem, was sich nicht sagen oder erfragen lässt. Immerhin ist das ja gar nicht das Thema, schließlich kann niemand in die Zukunft blicken und ich denke, jeder ist sich dessen auch völlig bewusst . Es ist die Freude am Augenblick, wenn man sagt: „Ja, ich werde dich für immer lieben!“, dieser Schrei aus dem Herzen, weil in dieser Antwort, immer nur der Augenblick zählt. Wer diese Emotion über den Moment hinaushebt und ihn dabei von sich weist, ist ein Gefühlskrüppel, ein Mensch, der nicht versteht, dem anderen Gefühle zu geben, die dieser mit dem Stellen einer solchen Frage benötigt, einer, der einzig an sich und seine wahre Aussage denkt und den eigentlichen Sinn dahinter verkennt. Denn, was hat Liebe schon mit Logik oder Voraussicht zu tun? Liebe ist das Gefühl, das sich Schritt für Schritt nach vorne bewegt, sich vertieft oder vergeht, doch im Moment des gegenseitigen Erblickens, wo das Herz noch pocht und bebt, wo der andere eine ganze Welt bedeutet, in diesem Zeitraum ist Liebe durchaus unendlich und ewig, und darum ist das Bejahen einer solch absurden Frage auch nicht unehrlich, sondern nur das Bestätigen des momentanen Gefühls.)
Das Miteinander einer Liebe ist also immer Glaube, weil die Menschen nun einmal jeder für sich ein eigenes Bewusstsein in sich tragen, jeder unabhängig von den anderen, seine eigene Entwicklung durchmacht und darin seine eigenen Erkenntnisse vollzieht. Ist man sich nahe, sind diese Erkenntnisse vielleicht ähnliche Schritte, meistens glaubt man aber nur an den gleichen Schritt. Denn das gleiche Denken ist trotzdem ein Empfinden von zwei verschiedenen Menschen. Ein „Wir sind eins“ ist absolut unmöglich. Niemand verwächst zu einem Wesen. (Da fällt mir ein: auch, wenn man vielleicht nicht exakt das Gleiche denkt, so kann man es doch fühlen. Ein gleiches Gefühl ist möglich, ein gleicher Gedanke auch, gleiches Denken aber ist schwierig. Man müsste von allen Worten und Hinterfragungen das gleiche Verständnis haben, mit dem zu dieser Zeit des Denkens gleichen Gefühl. Das, so wirkt es auf mich, ist völlig unmöglich, solange man nicht ein und dasselbe Hirn teilt.)
Francoise erkennt das im Laufe des Romans dann auch selbst. Sie gesteht sich schließlich ein, dass sie Pierre auch aus dem Grund nicht darauf anspricht, die Beziehung zu Xavière wieder abzubrechen, die wesentlich leidenschaftlicher ist, als die „äußere“ zu Francoise, weil sie nicht möchte, dass er sie für eine überempfindliche Frau hält und dass er bemerkt, dass sie seine Sicht doch nicht völlig teilt, denn damit wäre sie verantwortlich für die Trennung ihres „Wir sind eins“. Sie erkennt, dass er unabhängig von ihr Dinge erlebt, während sie nur an ihn denkt. Sie hat sich zu früh auf diesen Glauben eingelassen und hat sich dabei selbst verloren. Das „Wir sind eins“ wird zu einem „Ich bin du“, wodurch sie nicht mehr weiß, wer sie selbst ist. Sie kompensiert diese Erkenntnisse dann allerdings mit dem Aufgeben der Monogamie und einem Mord. Sie befreit ihre Abhängigkeit von Pierre über die Befreiung von Xavière, als wäre diese nur der Körper, der alles miteinander verbindet, wie ein Band, das sie zu durchschneiden hat.
Für das „Wir sind eins“ wagt sie wirklich selten, sich an Pierre direkt zu wenden.



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zuletzt bearbeitet 02.07.2008 00:03 | nach oben springen


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