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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#1

Eine Alltagsgeschichte

in Gedanken vom Tag 25.06.2008 15:38
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
... wenn nicht gar eine abgehobene Geschichte

Wenn man seinen Ausweis neu beantragen muss, weil er abgelaufen ist, trifft man in diesen Ämtern zumeist auf lange Schlangen, genervte Menschen, muffige Gerüche und Wartemarkenautomaten, bei denen der Fetzen Papier, der sich daraus ziehen lässt, immer eine Zahl enthält, die einen erschreckend weiten Abstand zu den Zahlen aufweist, die auf der Anzeigetafel stehen. Diesmal ging alles ziemlich flott, man ist ja immer mit einem guten Buch bewaffnet, dass die Zeit in ihrem Schwund nicht so bemerkbar ist, so weiß ich auch nicht genau, wie lange ich nun gewartet habe. Aus den Augenwinkel bekam ich am Rande mit, wie sich die Stühle um mich herum langsam leerten. Als ich dann an die Reihe kam, winkte mich eine Beamtin direkt in einen Nebenraum, weil sich alles kurz vor dem Ende befand, - ich meine damit nicht unbedingt das Ende der Welt oder der Warterei, sondern das knapp Bemessene der Zeit solcher Orte, diese geregelten Öffnungszeiten, das noch einmal Hektische, bevor sich die Türen des Amtes schließen, wo sich alles ein letztes Mal aufbäumt, schneller wird und dann nach dem letzten Rücken, der durch den Ausgang verschwindet, in sich zusammenfällt.
Dort waren die Schreibtischbereiche durch Trennwände geteilt, die aber, eben aufgrund der Uhrzeit, jeweils menschenleer waren, nur ausgerechnet an dem Tisch, an den mich die schnaufende Beamtin führte, saß eine weitere Beamtin mit ihrer Tasse Kaffee und blätterte in Papieren. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber mir ist das, egal um welch ein Gespräch es sich handelt, immer etwas unangenehm, wenn neben meinem Gesprächspartner noch eine mir fremde Person sitzt und das Gespräch, das ich führe, dann eben mehr oder weniger aufmerksam verfolgt. Das hat immer so einen Anklang von Lauscherei oder fragwürdiger Offenheit, die in solchen Räumen irgendwie unangebracht erscheint, gerade, weil man so lange wartet. Ich möchte dann mit dem reden, dem ich anhand einer Zahl zugewiesen werde, und nicht mit mehreren Personen. Da fühle ich mich immer wie bei einem Verhör.
Naja, auf jeden Fall ist es mir tatsächlich gelungen, diese beiden, etwas unsympathischen Beamtinnen regelrecht zu schockieren. Sie ratterten ihren täglichen Bürogang ab, der Mensch als Nummer, und bevor ich ging, kamen wir, aufgrund meiner Adresse, darauf, dass ich im Unicenter wohne (zwar nicht mehr lange, aber doch im Moment), eines der ältesten und lange auch höchsten Gebäude in Köln, und dass es sich hierbei eben um die 27. Etage handelt, was mir ermöglicht, über ganz Köln zu blicken. Diese Art des Hinabblickens (beim ersten Mal packt einen durchaus der Schwindel, aber es ist doch erstaunlich, wie schnell man sich an so etwas gewöhnt) ist für fremde Menschen kaum nachvollziehbar, selbst wenn sie eine Ahnung davon haben sollten. Es ist auch unmöglich, diese Höhe ins Wort zu fassen. Zumindest gelang es mir nicht, nein schlimmer, ich verwirrte mich und diese beiden Damen ins Bodenlose. Ich weiß nicht, ob es an der Trockenheit der vorherigen Unterhaltung lag (Haben Sie Ihre Passbilder dabei? Es dauert vier Wochen. Unterschreiben Sie hier… und hier.) oder an dem großen Büroalltag selbst, der mich hier umfing und zu verschlingen drohte (ich merke das immer, wenn mein Geist auf einmal so dumpf wird und sich erst wieder etwas löst, wenn ich an die frische Luft trete), auf jeden Fall fand ich eine etwas unkonventionelle Lösung für meine Beschreibung. Die beiden Damen erklärten mir, dass so eine Höhe für sie unannehmbar wäre, dass sie schon im dritten Stockwerk ihre Ängste auslebten, so dass ich ihnen verdeutlichen wollte, dass ab einer bestimmten Höhe alles so unrealistisch aussah, die Häuser und Autos und Menschen so klein waren, dass der Kopf das alles anders realisierte. Es musste ähnlich sein, wie beim Fliegen. Statt aber meine danach folgende Aussage ein bisschen auszubauen (so ein Gespräch hat man ja nach all den Jahren schon öfter mit anderen Menschen geführt), sagte ich nur:
„Ja, bei so einem Ausblick kann man vielleicht irgendwann sogar das Fliegen erlernen!“
Der Satz schoss so schnell aus mir heraus, dass er, wie gesagt, wenig durchdacht war, und wenn ich ihn jetzt so betrachte, gibt er überhaupt keinen Sinn mehr. Darum fiel mir die Wirkung auch erst hinterher auf. Zunächst herrschte hohes Gelächter, dann fasste sich die eine Beamtin, als sie mir gerade die Hand zum Abschied drückte und erklärte mit aufgerissenen Augen:
„Na, besser nicht!“
Da verstand ich erst, was ich da von mir gegeben hatte. Ich wehrte natürlich sofort ab, dass es so nicht gemeint war, ich dachte eher an die philosophische Auslegung des Überwindens an Schwindelgefühl, aber ich hatte wohl kaum noch die Gelegenheit, das Ganze sinnvoll und ausführlich zu berichtigen und besser ins Wort zu packen, wo ich gerade am Gehen war. Als ich die Tür hinter mir schloss, vernahm ich das Prusten der einen Beamtin, so, wie man prustet, wenn man etwas Unglaubliches erlebt hat, etwas schockiert und amüsiert.
Als ich dann auf der Strasse lief, ging ich alles noch einmal durch, etwas von mir selbst irritiert. Letztendlich aber hatte ich diese Roboter für einen Moment aus ihrem falschen Lächeln gedrängt, ihnen unabsichtlich eine kleine „menschliche“ Falle gestellt, wobei sich nur die eine schnell gerettet hat, indem sie mein Dahingesagtes noch einmal hinterfragte und einen erkennbaren Sinn daraus zog, der ihr für einen Moment moralische Empfindsamkeit verlieh. Dieser Sinn war zwar von mir nicht beabsichtigt, aber wie kann ich von zwei Bürodamen auch ein philosophisch, literarisches, etwas exzentrisches Verständnis erwarten, wenn ich für sie eine Metapher erschaffe, um diese mächtige Höhe zu verdeutlichen, in der ich wohne? Eigentlich wollte ich nur aufzeigen, wie leicht man sich daran gewöhnt, so, als könnte man auch fliegen, ohne, dass einem schwindlig wird. Oder, dass in solch einer Höhe die Vorstellung entsteht, wie es sein könnte, wenn man wie ein Vogel fliegt. Natürlich mussten sie daraus das Alltägliche herausziehen, ein Sprung ins Nichts, einen geplagten Menschen in mich hineindeuten, der sich hinter einem lächelnden Gesicht versteckt. Und so gesehen: Wenigstens haben sie überhaupt reagiert, vielleicht auch nur, weil die eine gerade geheiratet hatte und stolz über ihre Namensveränderung redete, wobei sie bei einem Papier, das sie und ich unterschreiben mussten, der anderen stolz ihre neue Unterschrift präsentierte, und beide darauf lange kicherten, als hätten sie, statt der Schokolade, die zerteilt und halb aufgegessen auf ihrem Tisch lag, Erbsen geknabbert. Ich gratulierte ihr natürlich nachträglich, denn diese Dame wirkte etwas träge, belebte sich aber durch ihre Gedanken an diese erst kürzliche Hochzeit so wundersam, dass sie fast sympathisch wirkte, das Gesicht wurde auf einmal lebendig und rosig, was zeigte, wie stolz sie war; man könnte auch sagen, sie war vor Glück wie gebläht. Vielleicht hatte dieses Geplusterte ein bisschen Seele frei gelegt, wenn auch nicht gerade die künstlerische. Zurück blieben sie mit dem Bild, dass da ein ziemlich seltsamer Mensch bei ihnen war, der sich erst in der letzten Nuance seines Bei-ihnen-Sein offenbarte und in ihrem tristen Alltag etwas Besonderes hineinlegte, etwas Grausiges, wenn ihre Vorstellung davon denn der Realität entsprechen würde.
Ich kann nur hoffen, dass ihr Alltag nicht so traurig ist, dass sie immernoch daran denken. Ich hoffe inständig, dass sie es längst wieder vergessen haben. Bei mir selbst blieb der Anflug der Peinlichkeit bis zum Abend erhalten. Man tritt kurzzeitig ein bisschen aus sich heraus und blickt auf das, was man erlebt, um sich selbst zu hinterfragen und all die, die daran teilhaben. Das vielleicht sollte man dann doch nicht all zu ausführlich tun, denn die Gedanken anderer zu hinterfragen, ist ebenso sinnlos, wie ein Ereignis ungeschehen machen zu wollen. So bleibt mir von all dem nur diese seltsame Geschichte (Immerhin!) und die Frage, wie man in einem Satz diesen Ausblick* in Worte fasst:


Hm... vielleicht komme ich noch drauf!

* Es handelt sich hierbei übrigens um eine Collage aus drei Fotos, die ich von meinem Balkon aus gemacht habe, und die ich nur so übereinander gelegt habe, um den gesamten Regenbogen in seinem Bogen auf ein Bild zu bekommen. Der Ausblick bleibt natürlich derselbe.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 25.06.2008 21:26 | nach oben springen

#2

RE: Eine Alltagsgeschichte

in Gedanken vom Tag 25.06.2008 23:26
von larifant • 270 Beiträge

Zitat von Taxine
eines der ältesten und lange auch höchsten Gebäude in Köln

Grundsteinlegung: 1971
Erstbezug: 1973
So komplett war die Zerstörung und so lange hat der Wiederaufbau in Köln gedauert, dass das eines der ältesten Gebäude ist?
Und die Kathedrale war damals noch kleiner?

Gruß,
L.


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#3

RE: Eine Alltagsgeschichte

in Gedanken vom Tag 25.06.2008 23:27
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Hehe... ich meinte, eines der älteren (Pardon) höchsten Gebäude...
Jetzt sind ja einige darüber hinaus gewachsen.
Zwei... oder so.




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zuletzt bearbeitet 25.06.2008 23:29 | nach oben springen

#4

RE: Eine Alltagsgeschichte

in Gedanken vom Tag 25.06.2008 23:33
von larifant • 270 Beiträge

1) Colonius
2) Colonia-Hochhaus
3) Kathedrale
4) Der komische Wolkenkratzer im Media-Park

Da 4) nur Geschäftsräume enthält, kann man nur in 2) höher wohnen als du.

Gruß,
L.


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#5

RE: Eine Alltagsgeschichte

in Gedanken vom Tag 25.06.2008 23:38
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Im Dom zu hausen, wäre ein Erlebnis für sich.

Hier noch einmal eine andere Darstellung des die Damen so sehr erschreckenden Schwindels:


(Anderer Balkon)

Zusatz: Die vier schwarzen Autos, die auf dem Bild hintereinander stehen, sind übrigens der Geheimdienst. Welcher war nicht auszumachen.



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zuletzt bearbeitet 25.06.2008 23:48 | nach oben springen

#6

RE: Eine Alltagsgeschichte

in Gedanken vom Tag 25.06.2008 23:41
von larifant • 270 Beiträge

Beängstigend.

Schon mal in Ronda gewesen?


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#7

RE: Eine Alltagsgeschichte

in Gedanken vom Tag 25.06.2008 23:43
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Ich find's auch nicht erschreckend, viel eher beängstigend durch die Offenbarung der "dreckigen Stadt".

Du meinst, am Le Puente Nuevo?
Leider nicht!
Nicht einmal mit Hemingway.



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zuletzt bearbeitet 25.06.2008 23:46 | nach oben springen

#8

RE: Eine Alltagsgeschichte

in Gedanken vom Tag 25.06.2008 23:47
von larifant • 270 Beiträge

Genau, dort hat es Uralthäuser mit Fensterchen in die Schlucht.
Vielleicht nicht ganz so hoch wie du, aber dafür Felswände bis unten.

Solange man noch nicht die Erdkrümmung sieht, ist es auszuhalten.

Gruß,
L.


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#9

RE: Eine Alltagsgeschichte

in Gedanken vom Tag 25.06.2008 23:54
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge



Dann ist die nächste Reise ins Weltall wohl gestrichen?
Also wirklich, das bisschen Erdkrümmung.

Übrigens ist es bei Hochhäusern ja so (ich habe mir da einige in Köln zu Gemüte geführt, weil ich unbedingt in eines wollte, vielleicht wegen der Anonymität, die sich da immer ergibt... Obwohl es sicherlich blödsinnig wäre, in einem Hochhaus die dritte Etage zu beziehen, also spielte die Höhe wohl auch noch eine Rolle.): Wenn man in der achten Etage steht, dann wirkt alles zwar hoch, aber noch nah genug, dass einem richtig (zumindest mir) übel wird. Die Beine zittern, die Arme krallen sich an das Geländer. Ab einer bestimmten Höhe aber (sagen wir mal, die zwanzigste Etage) ist irgendetwas überwunden. Der Mensch ist also doch zum Fliegen geeignet.

Wenn du Fotos von Ronda hast, dann ... bitt'schön wenigstens eins ... her damit.




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#10

RE: Eine Alltagsgeschichte

in Gedanken vom Tag 25.06.2008 23:54
von Martinus • 3.194 Beiträge

Durch den Regenbogen in die Ferne schweifen. Das fällt mir bei dem Foto ein (ein wenig philosophisch gemeint).




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#11

RE: Eine Alltagsgeschichte

in Gedanken vom Tag 25.06.2008 23:56
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Das war vielleicht ein gewaltiger Bogen. Ich habe ihn nicht auf ein Bild bekommen und musste mich über dem Geländer ganz schön verbiegen, um alle Bilder zu machen. Das löst wirklich eine philosophische Stimmung aus, auch war das Licht fantastisch. Das wirkte damals richtig unrealistisch.



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zuletzt bearbeitet 25.06.2008 23:59 | nach oben springen

#12

RE: Eine Alltagsgeschichte

in Gedanken vom Tag 26.06.2008 00:01
von larifant • 270 Beiträge

Zitat von Taxine

Wenn du Fotos von Ronda hast, dann ... bitt'schön wenigstens eins ... her damit.

Bin und war leider immer zu faul zum Fotografieren.

Und google zeigt nur die Brücke, aber nicht die alten Häuser.

Haben damals auf einem Balkon gespeist, der in den schaurigen Abgrund hineinhing.
Leider kann ich die Erinnerungen nicht aus dem Kopf herausscannen.

Sorry,
L.




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#13

RE: Eine Alltagsgeschichte

in Gedanken vom Tag 26.06.2008 00:05
von Martinus • 3.194 Beiträge
Zitat von Taxine
Obwohl es sicherlich blödsinnig wäre, in einem Hochhaus die dritte Etage zu beziehen


Nun ist es zufällig so, dass ich in einem Hochhaus im dritten ...äh...Stock wohne. Da schaue ich vom Balkon in die Baumwipfeln. Über den Wipfeln bei dir muss ja Ruhe sein. Der Blick nach Westen beschert uns auch schönes Abendgelicht, dass sich, wenns die Natur so will, so schön hinter den Baumwipfeln und hinter Häuserbunkern aufleuchtet.



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 26.06.2008 00:09 | nach oben springen

#14

RE: Eine Alltagsgeschichte

in Gedanken vom Tag 26.06.2008 00:08
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Zitat von larifant
Bin und war leider immer zu faul zum Fotografieren.


Schade. Aber bei diesem Ausblick muss doch zumindest ein Werkchen herausgesprungen sein? Ein Reisetagebuchbericht, der die Eindrücke schildert? Eine gekritzelte Notiz?

Solche Erinnerungen sind aber schon etwas Schönes.
Man macht sich ja häufig so eine gedankliche Wunschliste, an welche Orte man in der Welt einmal will.
Ronda irisiert jetzt irgendwie dazwischen.
Die anderen Orte seien ... vorerst ... noch unausgesprochen.
Habe auch gerade gegoogelt.
Die Brücke bietet wirklich einen atemberaubenden Anblick!

Oh Martinus, dann sagen wir einfach, die erste Etage.
Wahrscheinlich gibt's bei dir dann aber auch nur zehn Stockwerke, oder so...



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 26.06.2008 00:10 | nach oben springen

#15

RE: Eine Alltagsgeschichte

in Gedanken vom Tag 26.06.2008 00:10
von larifant • 270 Beiträge

Zitat von Taxine
Obwohl es sicherlich blödsinnig wäre, in einem Hochhaus die dritte Etage zu beziehen,

Damals in Rom wohnten die besseren Leute ausschließlich im - dieser Logik nach - noch blödsinnigeren Erdgeschoss der Hochhäuser, z.B. Sulla.

Gruß,
L.


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