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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#16

RE: Ende der Kunst

in An der Kunst orientierte Gedanken 19.01.2010 19:11
von Salin • 102 Beiträge

"Tatstatur".
Das halten Sie für originell?
"Hinlänglich" ... wie zum Beispiel:

Zitat
Liest sich doch, vielleicht etwas prähistorisch, aber spannend und sucht heute vielleicht auch schon wieder seinesgleichen. Diese Anthologie, oder soll man sagen Fach-Zeitschrift? wurde Jahrzehnte regelmäßig herausgegeben.


zuletzt bearbeitet 19.01.2010 19:13 | nach oben springen

#17

RE: Ende der Kunst

in An der Kunst orientierte Gedanken 19.01.2010 20:36
von LX.C • 2.675 Beiträge

"Qualität ist der stärkste Feind jeder Art von Vermassung.
[…]
Kulturell bedeutet das Qualitätserlebnis die Rückkehr von Zeitung und Radio zum Buch, von der Hast zur Muße und Stille, von der Zerstreuung zur Sammlung, von der Sensation zur Besinnung, vom Virtuosenideal zur Kunst, vom Snobismus zur Bescheidenheit, von der Maßlosigkeit zum Maß. Qualitäten machen einander den Raum streitig. Qualitäten ergänzen einander."


(Bonhoeffer, Dietrich: Widerstand und Ergebung, Bonn/Augsburg 2008, S. 28.)


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#18

RE: Ende der Kunst

in An der Kunst orientierte Gedanken 26.01.2010 16:56
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge

Der "Verfall" der Kunst begann schon früh. Im 15. Jahrhundert verfasste Domenico di Giovanni Reime ohne Sinn, und noch weiter zurück, im 12. Jahrhundert schrieb Wilhelm IX. von Aquitanien (der erste Trobador):

Ein Lied will ich machen, rein aus nichts,
nicht von mir noch von anderen spricht's,
nicht von der Liebe noch der Jugend bericht's,
solange es währt,
denn ich fand die Verse dieses Gedichts
im Schlafe, auf einem Pferd.


Fast schon DADA!!!

(bei Helmut Krausser in den Tagebüchern gefunden.)




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 26.01.2010 17:22 | nach oben springen

#19

RE: Ende der Kunst

in An der Kunst orientierte Gedanken 27.01.2010 14:44
von LX.C • 2.675 Beiträge

Hier, denke ich, wird die Rolle der Medien noch mal etwas deutlicher. Auch der kommerzielle Aspekt, der schon zur Sprache kam, oder sogar der Verlust einer gewissen Nicht-Veräußerbarkeit.

"Selbst in der Jugendblüte des Geschäfts hatte der Tauschwert den Gebrauchswert nicht als seinen bloßen Appendix mitgeschleift, sondern ihn als seine eigene Voraussetzung auch entwickelt, und das ist den Kunstwerken gesellschaftlich zugute gekommen. Kunst hat den Bürger solange noch in eigene Schranken gehalten, wie sie teuer war. Damit ist es aus. Ihre schrankenlose, durch kein Geld mehr vermittelte Nähe zu den ihr Ausgesetzten vollendet die Entfremdung und ähnelt beide einander an im Zeichen triumphaler Dinglichkeit. In der Kulturindustrie verschwindet wie die Kritik so der Respekt: jene wird von der mechanischen Expertise, dieser vom vergesslichen Kultus der Prominenz beerbt.
[…]
Zur bloßen Zugabe gemacht, werden die depravierten Kunstwerke mit dem Schund zusammen, dem das Medium sie angleicht, insgeheim von den Beglückten verworfen. Diese dürfen ihre Freude daran haben, daß es so viel zu sehen und zu hören gibt. Eigentlich ist alles zu haben."


(Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung, Fischer, Frankfurt/M. 2008, S. 169-170.)

Und dieses "alles zu haben", dieses "alles schon bekannt", die damit eingetretene Blasiertheit macht es der Kunst nicht einfacher und ist vielleicht ein wesentliches Kriterium, warum nichts mehr überraschen kann oder das was überraschen will über den Status eines kurzweiligen Happenings in der Avantgarde der Postmoderne nicht mehr hinauszukommen scheint. Das trennt diese meiner Meinung nach auch von der Avantgarde der Moderne.
Vielleicht wieder ein etwas enger Blickwinkel, den zu erweitern ich (trotz Gefahr von Missverständnissen meinerseits) gerne einlade.


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zuletzt bearbeitet 27.01.2010 15:29 | nach oben springen

#20

RE: Ende der Kunst

in An der Kunst orientierte Gedanken 01.02.2010 10:54
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Noch etwas mehr Adorno, vielleicht als Grundlage einer weiteren Diskussion:

"Der intimen Erfahrung authentischer neuer Kunst zergeht das Gefühl der Kontingenz, das sie bereitet, solange eine Sprache als notwendig empfunden wird, die nicht einfach von subjektivem Ausdrucksbedürfnis demoliert ward sondern, durch es hindurch, im Objektivationsprozeß."

Jene Objektivation heißt für Adorno "die Sache genauer ausformen, vom Rest des Schematischen zu befreien".

Zuvor hatte er geschrieben, dass nur ein naives Bewusstsein Schuberts "Winterreise" authentischer als die Lieder von Webern finden kann. Aber ich kann mir nicht helfen und ziehe immer noch die Winterreise vor ...

Und noch ein interessanter Satz:

"Daß jedoch radikal abstrakte Bilder ohne Ärgernis in Repräsentationsräumen aufgehängt werden können, rechtfertigt keine Restauration von Gegenständlichkeit, die a priori behagt, auch wenn man für Zwecke der Versöhnung mit dem Objekt Che Guevara erwählt."

Hier haben wir diesen Zwang zur Abstraktheit, das Verbot der Gegenständlichkeit bei Adorno, das mir sehr fragwürdig erscheint - vor allem in Hinblick auf die Frage, wo dies denn am Ende hinführen soll.




Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458
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#21

RE: Ende der Kunst

in An der Kunst orientierte Gedanken 04.02.2010 14:51
von LX.C • 2.675 Beiträge

"Die Einzigartigkeit des Kunstwerks ist identisch mit seinem Eingebettetsein in den Zusammenhang der Tradition. […] Die urspründliche Art der Einbettung des Kunstwerks in den Traditionszusammenhang fand ihren Ausdruck im Kult. Die ältesten Kunstwerke sind, wie wir wissen, im Dienst eines Rituals entstanden, zuerst eines magischen, dann eines religiösen. Es ist nun von entscheidender Bedeutung, daß diese aurische Daseinsweise des Kunstwerks niemals durchaus von seiner Ritualfunktion sich löst.* Mit anderen Worten: Der einzigartige Wert des 'echten' Kunstwerks hat seine Fundierung im Ritual, in dem es seinen orginären und ersten Gebrauchswert hatte. […] die technische Reproduzierbarkeit des Kunstwerks emanzipiert dieses zum ersten Mal in der Weltgeschichte von seinem parasitären Dasein am Ritual. Das reproduzierte Kunstwerk wird in immer steigendem Maße die Reproduktion eines auf Reproduzierbarkeit angelegten Kunstwerks. […] In dem Augenblick aber da der Maßstab der Echtheit an der Kunstproduktion versagt, hat sich auch die gesamte soziale Funktion der Kunst umgewälzt. An die Stelle ihrer Fundierung aufs Ritual tritt ihre Fundierung auf eine andere Praxis: nämlich ihre Fundierung auf Politik.

*Die Definition der Aura als 'einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag', stellt nichts anderes dar als die Formulierung des Kunstwerks in Kategorien der raum-zeitlichen Wahrnehmung. Ferne ist das Gegenteil von Nähe. Das wesentlich Ferne ist das Unnahbare. In der Tat ist die Unnahbarkeit eine Hauptqualität des Kultbildes."


(Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Gesammelte Schriften I;2, hg. v. Tiedemann, Rolf/Schweppenhäuser, Hermann, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1980, S. 480-481.)


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