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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#1

Straßenschlachten und Zwischengedanken

in Gedanken vom Tag 04.03.2010 23:22
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

So schoss mir gerade durch den Kopf, dass jeder Minnesänger oder Dichter in vergangenen Jahrhunderten mehr Interesse an Wahrheit und politischem Ereignis bekundete, als heute jedweder Journalismus. Diese abhängigen Arschkriecher (na gut, Heuchler), die nur das berichten, was ihnen erlaubt ist, weil sie um ihre Stellung (oder ihre Seele) fürchten, dieses hinmanipulierte und zusammengestückelte Trugwerk, umhüllt von einer blind machenden Propaganda, verhindert jede Tatsache, schafft Blindheiten über Blindheiten.

In Deutschland gab es nie Revolutionen, las ich vor einigen Tagen. Stimmt das? Überall gingen sie auf die Barrikaden. Und auch heute wieder die Empörung: Wir sind lebendig, keine Figuren im Spiel der Macht.
Die Griechen sind freiheitsliebend, gehen nun auf die Straße, protestieren. Selbst Rentner verteidigen ihre Rechte.
Deutschland an die griechische Regierung gerichtet: Verkauft uns doch einfach ein paar eurer Inseln.

Alle haben ihre Zahlen manipuliert und beschissen. Portugal, Spanien, viele werden folgen, nur die korrekten Deutschen haben immer brav gezahlt – auf Kosten ihres Volkes. Blutsauger. Die deutsche Korrektheit krallt sich den Kleinbürger, würgt aus ihm den letzten Tropfen Steuern heraus. Anderswo sind die Leute klüger, ja, ... auch korrupter. Sie fälschen Zahlen, aber wenigstens saugen sie ihr Volk nicht auf diese Weise aus und betäuben es mit genügend Dekadenz und Materialismus, bis es sich so wohl fühlt, dass es die Absurditäten dahinter nicht mehr bemerkt.
Nun allerdings, werden die verschiedenen Regierungen dazu gezwungen, und das Volk rebelliert... Hat noch nicht den Schleier der Trägheit um die Schultern gelegt, ist zu wach, um den Wandel zu begreifen.


Was sind Schulden? Was ist Schuld?
(Auch das ist die Krux der fiktiven Beträge, bis sie übereinanderstürzen und über die Köpfe, Länder, Politik, Börsen, Märkte als betrügerisches Nichts hinauswachsen.)




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 05.03.2010 20:34 | nach oben springen

#2

RE: Straßenschlachten und Zwischengedanken

in Gedanken vom Tag 05.03.2010 23:07
von LX.C • 2.673 Beiträge

Wie ich soeben las, beginnt die Verhinderung deutscher Straßenschlachten schon in den Lehrbüchern der Grammatik für Schüler.

"An jedem Lehrbuch der Grammatik läßt sich besser noch als an den jeweils vergleichbaren Lesebüchern ablesen, wie eine Gesellschaft sich selbst versteht, wozu sie ihre Kinder erzieht und wie. Entworfen wird ein solches Abbild selbstverständlich immer von der Klasse, die die Gesellschaft beherrscht.
[…]
Der Prozeß der Abrichtung in Elternhaus und Schule verschärft den Objekt-Status des Kindes; in der Schule macht dieser Prozeß, und der Unterricht in Grammatik ist ein Teil davon, aus Schülern bloße Produktionsidioten. Er unterdrückt die Fähigkeit, kritisch zu denken; er desorientiert die Schüler in der Wirklichkeit."

(Quelle: Roehler, Klaus: Die Abrichtung. Deutsche Sätze für Schüler, in: Kursbuch 20, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1970, 82, 88.)


Dennoch. Ich weiß, das liest du jetzt nicht gerne. Aber bei aller deiner Liebe zu Griechenland. Für die Misswirtschaft in Griechenland kann der deutsche Kleinbürger nichts. Und 19 Prozent MwSt. zahlen die Griechen auch. Natürlich will niemand sparen. Ist ja immer so. Aber soll’s so weitergehen?
Mit dem Finger auf andere zeigen oder anderen Zahlungsmoral vorzuwerfen, macht aus meiner Sicht da auch keinen Sinn.


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zuletzt bearbeitet 05.03.2010 23:10 | nach oben springen

#3

RE: Straßenschlachten und Zwischengedanken

in Gedanken vom Tag 06.03.2010 00:34
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Heute hörte ich einen empörten Anrufer im Radio, der erzählte: Vor 30 Jahren habe ein griechischer Arbeitskollege zu ihm gesagt, noch ein paar Jahre, dann habe er genug Geld verdient, fahre wieder nach Griechenland und werde dann nur noch Tag für Tag im Kafenion sitzen und die Frauen arbeiten lassen - während der deutsche Kollege sein ganzes Leben lang in dem Betrieb schuften müsse. So sei es dann auch tatsächlich gewesen, und er regte sich schrecklich über die "Faulheit" der Griechen auf ...

Ich würde stattdessen vorschlagen, mal darüber nachzudenken, dass die deutsche Mentalität und Lebenshaltung auch nicht das Alpha und Omega ist, sondern genauso wie die griechische ein Ergebnis historischer Prozesse. Max Weber hat ja schon genau beschrieben, wie sich die hierzulande verbreitete protestantische Arbeitsethik entwickelt hat. In Griechenland dagegen ist auf der Grundlage des orthodoxen Christentums die Überzeugung nie verblasst, dass ein Reicher so wenig ins Himmelreich komme wie ein Schiffstau durch ein Nadelöhr passt, und dass Armut keine schlechte Voraussetzung für ein spirituelles Leben ist.

Der Deutsche meint, er müsse sein ganzes Leben lang wulacken, um "seiner Familie was bieten zu können" und kein kleineres Auto als der Nachbar fahren zu müssen. So fällt ihm auch in der aktuellen Situation immer noch nicht ein, auf die Straße zu gehen und die Enteignung der Banken zu fordern, was längst fällig wäre, stattdessen hackt er auf den Griechen rum ...
Deshalb hält der Deutsche die Griechen für faul, der Grieche die Deutschen aber für - τρελοί ...




Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458
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#4

RE: Straßenschlachten und Zwischengedanken

in Gedanken vom Tag 06.03.2010 13:33
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Zitat von LX.C
Ich weiß, das liest du jetzt nicht gerne.


Ganz im Gegenteil. Ich danke dir und auch dir, Roquairol, für eure Ansichten. Natürlich hat Deutschland nichts mit der griechischen Mißwirtschaft zu tun, das habe ich nicht behauptet. Ich mag höchstens nicht, wie die deutsche Regierung ihre klammigen Finger nach griechischen Inseln ausstreckt. (Ist jetzt im Spaß gemeint.)

Zitat von LX.C
Und 19 Prozent MwSt. zahlen die Griechen auch.


Die MwSt wird sogar auf 21 Prozent erhöht. Aber, was gerne in solch einer Argumentation nicht bedacht wird, sind die etlichen anderen Steuern, die die Griechen nicht zahlen müssen.

Zitat von Roquairol
Der Deutsche meint, er müsse sein ganzes Leben lang wulacken, um "seiner Familie was bieten zu können" und kein kleineres Auto als der Nachbar fahren zu müssen. So fällt ihm auch in der aktuellen Situation immer noch nicht ein, auf die Straße zu gehen und die Enteignung der Banken zu fordern, was längst fällig wäre, stattdessen hackt er auf den Griechen rum ...


Das sehe ich genauso, Roquairol.

Für mich sind die Griechen eben noch wacher und kämpfen gegen die Unterdrückung an (sie haben auch mehr zu verlieren), wollen nicht Baustein werden, nur weil die Regierung ihre Abmachungen trifft. Die Deutschen lassen sich durch Lügen betäuben oder durch scheinheilige Kämpfchen zwischen Westerwelle und Merkel vorgaukeln, dass hier etwas getan wird. Das einzige, was hier bewirkt wird, ist, dass sich die Empörung in zwei Richtungen ausschaukelt. Und während sich weiter empört wird, bleibt alles beim Alten.
Währenddessen wird eben mal Geld für eine schweizer Liste ausgegeben, Amerika weiter der Hintern gekrault, weiter Leute nach Afghanistan geschickt, Deutschland nach und nach zum Kontroll- und Überwachungsstaat gemacht. Die Wirtschaftlage wird seit Jahren beklagt, aber die politischen Gehälter werden selbst erhöht. Und wenn gehandelt wird, dann wird bei der Bevölkerung eingespart.
Das Volk, so viel ist gewiss, hat kein Bestimmungsrecht. Es wählt nur aus dieser vorgegebener Schlacke an Lügen.
Es wird nicht gefragt, für was die vielen Gelder hinausgeworfen werden. Es darf nur ackern und zahlen, und macht es aufgrund der Mentalität auch noch ohne zu murren, weil es das alles für einen normalen Zustand hält und sich an dem bisschen Wohlstand erfreut, der am Ende auch nicht wärmt. Die Ausbeutung geschieht auf vielen Ebenen.
Am besten funktioniert dieser Kreislauf in China. Da ist die huxley'sche Vision Wahrheit geworden. Die Menschen werden zu Sklaven und so erzogen, dass sie ihre Sklaverei lieben.

Das Argument, dass es nicht ausreicht, darauf zu deuten, ist allüblich und natürlich auch angebracht. Lösungen sind eben schwer zu finden, aber ein Anfang ist immer das Wach-Werden.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 13.03.2010 14:39 | nach oben springen

#5

RE: Straßenschlachten und Zwischengedanken

in Gedanken vom Tag 06.03.2010 14:55
von LX.C • 2.673 Beiträge

Das mit dem Inseln verkaufen. Da muss ich mal nachfragen, wo das herkommt, weil ich das nicht mitbekommen habe (außer oberflächlich in den Medien und dem auch keine weitere Beachtung geschenkt).
Das ist selbstverständlich eine dumme Polemik. Wer hat das vorgeschlagen? Eine Person? Und es ging wieder wie ein Lauffeuer durch die Medien, weil es so schön Schlagzeilentauglich ist? Und alle reiten wieder drauf rum.
Unterliegst du da nicht selbst wieder einem Medienhype, den du immer kritisierst? Von wem kam dieser Spruch?


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#6

RE: Straßenschlachten und Zwischengedanken

in Gedanken vom Tag 06.03.2010 15:02
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Der Spruch ist kein Spruch, sondern eine (mögliche) Aufforderung der deutschen Regierung an Papandreous.




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zuletzt bearbeitet 06.03.2010 15:30 | nach oben springen

#7

RE: Straßenschlachten und Zwischengedanken

in Gedanken vom Tag 06.03.2010 15:05
von LX.C • 2.673 Beiträge

Eine Aufforderung? Der Regierung? Wann, von wem?


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#8

RE: Straßenschlachten und Zwischengedanken

in Gedanken vom Tag 06.03.2010 15:07
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Leute aus der FDP und der CDU machten den Vorschlag.
Informier' dich lieber selbst.

Sind natürlich (noch) ungelegte Eier.




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zuletzt bearbeitet 06.03.2010 15:23 | nach oben springen

#9

RE: Straßenschlachten und Zwischengedanken

in Gedanken vom Tag 06.03.2010 15:11
von LX.C • 2.673 Beiträge

Hier, Auslöser des Medienaufhängers:

Zitat von Focus
"Ein Bankrotteur muss alles, was er hat, zu Geld machen“, sagte der Vorsitzende der CDU-Mittelstandsvereinigung MIT, Josef Schlarmann, der „Bild“-Zeitung vom Donnerstag und fügte hinzu: „Griechenland besitzt Gebäude, Firmen und unbewohnte Inseln, die für die Schuldentilgung eingesetzt werden können.“

Der Vorsitzende der Jungen Gruppe der Unionsfraktion, Marco Wanderwitz, sagte, das Vertrauen in Griechenland sei schwer geschädigt. Wenn die EU und damit auch Deutschland den Griechen Geld geben sollte, müsse es dafür gerade im Sinne der jungen Generation auch Sicherheiten geben, die im Notfall verkauft werden können. „Dabei kommen zum Beispiel auch einige griechische Inseln in Frage“, sagte Wanderwitz.



Idee zur Schuldentilgung. Griechenland soll Inseln verkaufen, Focus, 04.03.2010


Also ehrlich.


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zuletzt bearbeitet 06.03.2010 15:13 | nach oben springen

#10

RE: Straßenschlachten und Zwischengedanken

in Gedanken vom Tag 06.03.2010 15:14
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Wieso Medienaufhänger, wenn die Vorschläge gemacht wurden?
Diese Ideen zur Schuldentilgung haben bei mir ja den Würgereiz ausgelöst.




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zuletzt bearbeitet 06.03.2010 15:17 | nach oben springen

#11

RE: Straßenschlachten und Zwischengedanken

in Gedanken vom Tag 06.03.2010 15:22
von LX.C • 2.673 Beiträge

Dass du hier etwas als Aufreger nutzt, das wieder von denen von dir verteufelten Medien aufgebauscht wurde. Schau doch, von wem solche Sprüche kommen, wer sich da mal in den Mittelpunkt rücken möchte und wo sie gefallen sind. (Bis vielleicht auf den Schäffler.) Aber die sachliche Diskussion läuft doch abseits des Medienspektakels, der natürlich nach Schlagzeile sucht, aber das musst gerade du doch durchschauen, auf einer ganz anderen Ebene. So sehe ich das. Solch polemischen Äußerungen muss man aus meiner Sicht daher gar keine Beachtung schenken, das gehört doch zum täglichen Spiel zwischen Politik und Medien.


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zuletzt bearbeitet 06.03.2010 15:27 | nach oben springen

#12

RE: Straßenschlachten und Zwischengedanken

in Gedanken vom Tag 06.03.2010 15:24
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Klar, ich verstehe, was du meinst. Wie gesagt, ich würgte bereits an der Idee, wo diese vielleicht wirklich Medienhype war.
Eine Überempfindlichkeit meinerseits.




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#13

RE: Straßenschlachten und Zwischengedanken

in Gedanken vom Tag 06.03.2010 15:26
von LX.C • 2.673 Beiträge

Ja, verstehe ich auch.


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#14

RE: Straßenschlachten und Zwischengedanken

in Gedanken vom Tag 06.03.2010 15:28
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Ich nutze die Idee zur Schuldentilgung übrigens nicht als Aufreger, das soll noch einmal gesagt sein. Das war ja nur eine Randbemerkung. Ich habe mir nur Gedanken zu den griechischen Auseinandersetzungen auf den Straßen gemacht.




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zuletzt bearbeitet 06.03.2010 15:28 | nach oben springen

#15

RE: Straßenschlachten und Zwischengedanken

in Gedanken vom Tag 06.03.2010 15:31
von LX.C • 2.673 Beiträge

Ja, gut. Und die Medien sind trotzdem eine verfahrene Kiste. Enzensberger hätte seine Forderung nach emanzipatorischem Mediengebrauch nicht aufgeben dürfen. Schönes Wochenende


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