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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#16

RE: Literatur und Tod

in An der Literatur orientierte Gedanken 26.02.2011 07:52
von Martinus • 3.194 Beiträge

Werte Taxine, ich bedanke mich bei UIhnen für ihren sehr beeindruckenden Text.

Zitat von ascolto

Man kann dem auch nachelfen:Es gibt eine langfristige Meditaionsmethode aus der Gelupschule: Betrachte alle Wesen als Skelette, als Totem. madig und verwest. Dann transformiert sich der Geist im Loslaßen zum Körper, wenn es funktionokelt und langatmig geübt!



Eine Beschreibung dieser betrachtenden Meditation findet der geneigte praktizierende bei Thich Nhat Hanh: Das Wunder der Achtsamkeit, darin enthalten auch "Dein wahres Gesicht vor deiner Geburt":

Man konzentriere sich auf den Anfang des Lebens, der Punkt A, mit dem Bewusstsein, dieser Anfang ist auch der Beginn des Sterbens. "Erkenne, das beides, Leben und Tod, sich gleichzeitig zeigen: Das eine ist durch das andere, das eine kann nicht ohne das andere sein.", usw....

Die Jahre fluschen dahin, mal fehlt im Fleisch diese Schraube, mal jene. Ohne Geburt wäre kein Tod, mit Geburt schon. Unseren Köper sollen wir pflegen aber nicht dran kleben, denn irgendwann lassen wir ihn einfach los und verschwinden wie ein Blatt im Wind.

Zitat von Dhammapada, 40/41
Vergiss nicht: Dieser Körper gleicht einem zerbrechlichen Tontopf. Mach deinen Geist zu einer Festung und bezwinge Mara mit der Waffe der Weisheit. Hüte immer das, was du erlangt hast. Vergiss nicht, dass dieser Körper bald ohne Leben, ohne Wert in der Erde liegen wird, nutzlos wie ein verbranntes Holzscheit.



Als nächstes Buch zum Thema interessiert mich Joan Didion: "Die Zeit magischen Denkens"


Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 26.02.2011 10:10 | nach oben springen

#17

RE: Literatur und Tod

in An der Literatur orientierte Gedanken 26.02.2011 17:29
von Jatman1 • 1.119 Beiträge

Die Duplizität der Ereignisse ;-)
"Ich hatte jetzt eine Woche lang die unerwartete Gelegenheit, mich mit dem Sterben auseinanderzusetzen"
Selbiges gilt für mich. Nur nicht derart intensiv. Bei einer guten Freundin wurde Brustkrebs diagnostoziert; Ende vorigen Jahres. Haufen Untersuchungen und dann OP. Wohl erfolgreich. Jetzt hat die Bestrahlung begonnen. Mit ihr hatte ich Anfang dieser Woche ein Gespräch. Das ist natürlich nur eine Erfahrung "light". Es ist jedoch eine schwierige Angelegenheit, wie man sich am besten verhält. Auch ich wusste nicht in welcher Richtung ich ihre Krankheit handhaben sollte. Kein gutes Gefühl. Beklemmung ohne Auflösung. Verschoben hat sich bei mir jedoch noch nichts > man geht ja einfach wieder. Man ist von ihrem Problem nicht wirklich betroffen. Man behält es, solange wie es bei einem bleibt, dann kommt jedoch wieder das reguläre Leben. Nur sie, die Betroffene, besitzt es im wahrsten Sinne des Wortes. Einfühlen und Empathie kann im besten Fall temporär angemessen durch den Gesunden geleistet werden. Für den Kranken hört aber das Einfühlen und Einrichten in des Unvorstellbare nicht auf. Auch wenn, es wie bei meiner Freundin hoffentlich postiv verläuft. Die Angst ist da und verschwindet nie. Bestenfalls lässt sie sich übertünchen. Aber auch dies kostet überdurchnittlich und vor allen Dingen unentwegt Kraft.
Einen Tag später habe ich mir von Schlingensief "So schön wie hier kann im Himmel garnicht sein" Tagebuch einer Krebserkrankung gekauft und an zwei Tagen durchgelesen. Faszinierend. Nicht pathetisch und jämmerlich. Diese seelischen Schwankungen, die bei solchen Befunden zu verkraften sind > unvorstellbar. Er hat mit Beginn der Krankheit einfach immer in sein Diktiergerät gesprochen. Ich finde es absolut lesenswert. Tränen bleiben nicht aus. Diese Momente kommen völlig unvermittelt. Und die Auslöser sind immer sehr kurz.
Selbst seine Entwicklung der Belastung seines Glaubens (wohl streng katholisch erzogen) findet in dem Büchlein Platz und . . . .
Hier haben Literatur und Tod ein Gemeinschaftswerk erstellt. Ein Konzentrat.
Für den Umgang mit meiner Freundin ist es jetzt nicht die unbedingte Hilfe, denn mit dem Buch wird klar, dass die Gefühlswelt kaum noch durch den Erkrankten gesteuert werden kann.
Ach ja, weder meiner Freundin, Schliengensief noch mir hat es den Zynismus völlig ausgetrieben. Sollte er zu Lebzeiten bewährtes Mittel zum Zweck gewsen sein, verschwindet Zynismus sicherlich nicht vollends.
Du, Taxine, bist jedoch scheinbar einen Schritt weiter näher dran gewesen. Da haut es einem vermutlich noch eher die Beine weg . . .
Also nach dieser deiner Woche, dürfte der Schlingesief ein Art Offenbarung (zumindest in Teilen) oder profaner formuliert, eine nicht unerhebliche Ergänzung sein.


www.dostojewski.eu
zuletzt bearbeitet 26.02.2011 17:29 | nach oben springen

#18

RE: Literatur und Tod

in An der Literatur orientierte Gedanken 26.02.2011 20:50
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

Zitat von Ascolto
Wer also einmal im Hospitz mitgetanzt, wer einmal offen und aufrichtig daheraus handelt was seine Anteilnahme tief berührt, der kehrt zurück und wird des Lebens leichter, im Sinne seiner Subjektive des Leids.



Werter Ascolto, vielen Dank für deine Worte. Mir fällt auch auf, dass man geduldiger und verständiger wird, den Blick nicht mehr verschreckt senkt, sondern ihn offen auf all das richtet, was geschieht, was ist. Die Panik, ein Krankenhaus überhaupt zu betreten, kranke oder betäubte Menschen zu erblicken, die ihren Tropf mit sich herumschieben oder in Betten an einem vorbeigeschoben werden, die Ärzte in ihrer Hektik und das Krankenpersonal, dem ich hohe Achtung zolle und denen ich ihre Routine überhaupt nicht mehr vorwerfen könnte, da ich nun doch erlebt habe, wie schwierig diese Arbeit ist, all das hat sich schnell in eine Notwendigkeit verwandelt.

Heute stand ein Bett auf dem Gang, darin ein sehr alter Mann, der dort mit offenem Mund lag und sich nicht bewegte. Und schon frage ich mich wieder: Wie hätte ich wohl vor einer Woche darauf reagiert? Mir hätten sich sämtliche Haare aufgestellt. Stattdessen bin ich langsam an diesem Bett vorbeigegangen und habe ihn mir angesehen, eine Erfahrung, die gerade bei mir – den fremden Tod fürchtend und noch nie mit solchen Dingen konfrontiert – wichtig war. Ich konnte dann auch beglückt feststellen, dass der Mann nicht tot war. Andererseits wünscht man sich insgeheim, nie in diesen Zustand zu geraten, wo man nichts mehr selbst machen kann und auf die Pflege anderer angewiesen ist. Und sofort wird einem bewusst, dass sich die Umstände immer an das Geschehene anpassen. Man kann sich vor nichts wappnen, nicht voraussehen, noch so gesund leben. Wenn es kommt, dann steckt man mitten drin. Und trotzdem ist es für mich, all das in mich aufnehmend, keine Ohnmacht mehr, keine Verdrängung, keine Angst.

Eine ganze Familie erfuhr gestern, dass ihr Angehöriger nicht mehr lange zu leben hat. So etwas kommt auf der Krebsstation häufiger vor. Menschen, die aus Zimmern treten, weil sie nicht vor dem Kranken weinen wollen. Patienten, die aus dem Zimmer treten und sich die Augen wischen. Die Familie weinte still und miteinander, eine Frau sagte, sie könne nicht mehr und verließ das Krankenhaus. Die Zimmernachbarin weinte auch. Heute sind sie alle schon wieder viel gefasster.

Und was mir immer wieder auffällt, ist der unterschiedliche Umgang der Menschen mit Krankheit und Sterben, so verschieden sind sie in Handlung, Ertragen und Benehmen, als Angehörige oder Patienten. Die einen kommen zu Besuch, verändern ihr Benehmen kaum, telefonieren mit ihrem Handy, obwohl es nicht erlaubt ist, ekeln sich vielleicht, lästern gar oder sind völlig gleichgültig, andere wiederum setzen sich mit dem, was sie erleben, auseinander. Wiederum andere sind einfach für den Kranken da, sitzen an seinem Bett und sprechen mit ihm.

Bei einem Kranken so zu tun, als ob alles in Ordnung ist, ist Blödsinn (und doch probieren es manche - auch hier die Unsicherheit, wie man reagieren soll). Man kann auch niemanden aufheitern, wenn er weiß, dass er vielleicht sterben wird. Man kann ihm aber zuhören, ihn fragen, wie es ihm geht, ihm sagen, dass er essen oder stark sein muss. Manchmal sind wir alle wie Kinder, die nur jemanden brauchen, der uns sagt, was für den Augenblick wichtig ist.
Auch die Patienten sind so unterschiedlich. Einer Frau wurde ihr Drücker weggenommen, weil sie ihn alle zwei Minuten benutzte, so scheute sie sich nicht, dann eben über den Flur alle zwei Minuten nach Hilfe zu rufen. Eine tägliche Ausdauer "Hilfe. Hilfe. Hilfe." Eine andere Patientin randaliert und schimpft und nimmt jeden Tag keinerlei Rücksicht auf die anderen Kranken. Auch sie hat schweren Krebs, erzählt, sie hätte zwei Söhne, die beide tot seien, bis dann ihr einziger Sohn zu Besuch kommt und nur den Kopf schüttelt.
Die einen dulden, die anderen sind mürrisch oder wollen nicht wahrhaben. Manche ruhen friedlich in sich selbst, sitzen und blicken aus dem Fenster. Eine Frau, die an Lungenkrebs leidet und bei jeder Bewegung nach dem Sauerstoffschlauch greifen muss, erzählt mir, dass sie nicht weiß, ob sie, wenn sie wieder entlassen wird, nicht rauchen wird. Ich frage sie, wie lange sie keine Zigarette mehr geraucht hat. Sechs Wochen. Warum diese Situation dann nicht nutzen und das Nichtrauchen nicht beibehalten, wenn doch das Gröbste längst überstanden ist? Sie zuckt die Schultern. „Ich bekomme ja ein Sauerstoffgerät mit nach Hause!“ Wie stellt sie sich das vor? Abwechselnd an der Zigarette ziehen und gleich darauf am Sauerstoff? Sie schüttelt den Kopf. „Ich weiß wirklich nicht, was ich machen werde.“ Verrückte Welt. Hier zeigt sich dann doch wieder, dass Rauchen in erster Linie eine Kopfsache ist.

Zitat von Martinus
Als nächstes Buch zum Thema interessiert mich Joan Didion: "Die Zeit magischen Denkens"


Schön, werter Martinus. Das Buch habe ich mir auch besorgt, noch nicht gelesen.

Zitat von Jatman
Für den Umgang mit meiner Freundin ist es jetzt nicht die unbedingte Hilfe, denn mit dem Buch wird klar, dass die Gefühlswelt kaum noch durch den Erkrankten gesteuert werden kann.
Ach ja, weder meiner Freundin, Schliengensief noch mir hat es den Zynismus völlig ausgetrieben. Sollte er zu Lebzeiten bewährtes Mittel zum Zweck gewsen sein, verschwindet Zynismus sicherlich nicht vollends.
Du, Taxine, bist jedoch scheinbar einen Schritt weiter näher dran gewesen. Da haut es einem vermutlich noch eher die Beine weg . . .
Also nach dieser deiner Woche, dürfte der Schlingesief ein Art Offenbarung (zumindest in Teilen) oder profaner formuliert, eine nicht unerhebliche Ergänzung sein.


Schlingensiefs Tagebuch habe ich gelesen, aber trotzdem, vielen Dank, lieber Jatman. Literatur kann helfen oder sichtbar machen, bleibt aber doch nur ein grobes Erfassen. Ich denke, jeder Mensch muss seine eigenen Erfahrungen machen, wie er selbst auf die Krankheit Bekannter oder gar die eigene reagiert. Auch sind die Menschen so unterschiedlich; was dem einen guttut, ist für den anderen nur ein Blabla oder sogar belastend. Schlingensiefs Tagebuch ist bewegend und bleibt trotzdem nur ein Weg. Auch gibt es immer Hoch und Tiefs, Ruhe und Wut, wobei man sich für letztere Vorgänge nicht schämen muss. Alles ist irgendwie notwendiger Prozess.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 26.02.2011 21:18 | nach oben springen

#19

RE: Literatur und Tod

in An der Literatur orientierte Gedanken 26.02.2011 21:10
von ascolto • 1.289 Beiträge

Werte Dame,


Zitat
Mir fällt auch auf, dass man geduldiger und verständiger wird, den Blick nicht mehr verschreckt senkt, sondern ihn offen auf all das richtet, was geschieht, was ist.




dies ist nach meiner Meynung der erste und notwendige Impuls, zu betrachten, offen und gleichmütig doch in der Anteilnahme des Jetzt, des Geschehens, konzentriert und durchdringend bis in das Fundament des Seins. Hier im Hospiz, die Krankenendstation, eindeutig wahr zu nehmen: Die Trauer, die größte Eregung neben dem Körperschmerz (die aber nur das kranke Fleysch betrifft) ist eine Melodie, hier deutlich hörbar, in anderen Geschehen nicht so offensichtlich, doch fast immer Gegenwärtig. Furcht die überwunden, hört die Melodey der Trauer, kann Sie lesen und daheraus mit dem Herzen sein Gegenüber betrachten. Den Klang der Wesen hören, ihre Symphonie erkennen......

Natürlich ist diese Zuwendung individuel, der Eine ist dazu bereiter als manch Anderer, so wie viele nicht mal ihre eigenen Trauer wahrnehmen, die Trauer über das allgemeine Leid (nicht Selbstmitleid). Sie abgrenzen, weil sie sich türmt, über alle Wesensgenerationen, weil dieser Trauermarsch unvorstellbar energetisch?

Dennoch ist die Abwesenheit des Leids, dann das Glückskonzept das wahrhaftig?

Dein Herz sei zutiefst umfangen,
Verehrung vom AmO


zuletzt bearbeitet 26.02.2011 21:11 | nach oben springen

#20

RE: Literatur und Tod

in An der Literatur orientierte Gedanken 02.03.2011 13:08
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine
Mir fällt auch auf, dass man geduldiger und verständiger wird, den Blick nicht mehr verschreckt senkt, sondern ihn offen auf all das richtet, was geschieht, was ist.



Jawohl Taxine. Für eine (warscheinlich) nur kurze Zeit arbeite ich nun wieder in dem Altenheim, in dem ich letztes Jahr schon einmal war. Viele sind seitdem von uns gegangen.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#21

RE: Literatur und Tod

in An der Literatur orientierte Gedanken 06.03.2011 11:28
von Martinus • 3.194 Beiträge

Noch ein Buch:

Lionel Shriver: "Dieses Leben, das wir haben"
(Buchempfehlung aus "Literatur im Foyer")

Shep will sein bisheriges Leben, seinen Job u.a., hinter sich lassen und mit einer Million Dollar ein neues Leben beginnen. Doch dann erkrankt seine Frau Glynis an Krebs. Sheps Leben krempelt sich daraufhin auf eine ganz andere Art und Weise um.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 07.03.2011 09:17 | nach oben springen


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