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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#16

RE: Thomas Mann - Neue Studien

in Literatur im Verriß 22.01.2011 19:20
von Patmöser • 1.080 Beiträge

Zitat von LX.C
Und nun komm wieder runter. So persönlich, wie du es mal wieder auffasst, war es nicht gemeint.



Lasest du dieses nicht:

Paralipomena vom Möserpat:

Nimm das, um Gottes Willen, alles nicht so ernst.

weiter oben?

Und das:

Zitat
Ach Gottchen, hat sich der "Oberbelehrer" wieder belehrt gefühlt.



ist sequenziell und schon orgisastisch überhöht. Denn wenn ich - oben bin, das hast du, hier, ja noch gar nicht erlebet.
Also und noch einmal und ganz langsam und nur für dich scribentieret:

Paralipomena vom Möserpat:
Nimm das, um Gottes Willen, alles nicht so ernst.

Und nun schalten wir zurück in's Funkhaus und senden fröhliche Volksmärsche...

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#17

RE: Thomas Mann - Neue Studien

in Literatur im Verriß 22.01.2011 19:53
von Taxine • Admin | 5.896 Beiträge

... und vom Funkhaus wieder zurück zu Thomas Mann.

Zitat von mike
Thomas Mann ist einer von zwei Autoren, die so schreiben, wie mein Herz schlägt. Er steht mir näher als andere, die ich auch sehr liebe und gut kenne. Deshalb bin ich bestrebt, buchstäblich alles von ihm zu besitzen und zu lesen. Als ich kürzlich der FAZ entnahm, dass er zwei bedeutende Essays verfasst hat, die ich noch nicht kannte - weil sie in den Essay-Bänden der Stockholmer Gesamtausgabe nicht enthalten sind - habe ich sofort bestellt und nachgekauft. Zuerst bekam ich "Nietzsches Philosophie im Licht unserer Erfahrung" als Suhrkamp-Sonderdruck von 1948, ein zeitgeschichtliches Dokument ersten Ranges und nicht nur von literarischem oder philosophischem Interesse. Danach bestellte ich Neue Studien, wieder bei Suhrkamp 1948, dieser Band enthält beide Essays, sie sind, wie gesagt, erst in der Nachkriegszeit bei uns erschienen; geschrieben und zuerst veröffentlicht wurden sie in USA.

Beide Essays halte ich für Meisterwerke, sie haben mich tief berührt, erschüttert und aufgewühlt.

Eben deshalb interessiert es mich, weshalb derart scharf absprechende Urteile möglich sind.



Auch von mir erst einmal ein Hallo an dich, lieber mike. Und vielen Dank für deine Gedanken. Ohne jetzt auf die Essays Thomas Manns eingehen zu wollen, dessen Romane ich lediglich kenne und sehr schätze (ich werde mir die "Neuen Studien" aber unbedingt noch besorgen und dann mehr dazu sagen), so fällt mir doch auf, dass du, gerade weil dich Thomas Mann so tief berührt und du ihn als Schriftsteller so schätzt, dich gezwungen fühlst, ihn zu verteidigen. (Ähnlich geht es mir z. B. mit Dostojewskij.) Selbstredend wirst du also in seinen Essays etwas anderes vorfinden, dich durch sie anders angesprochen fühlen, als jemand, der Manns Ansichten nicht teilt oder (was ja eher seltener vorkommt) seinen Stil nicht mag.
Trotzdem finde ich nicht, dass in diesem Ordner "derartig scharf absprechende Urteile" stattfanden, ganz im Gegenteil. Der Ordner zeigt, dass Thomas Mann, was seine Kunst betrifft, viele bewegt und fasziniert hat. Ich bin grundsätzlich immer skeptisch, wenn aus dem Heute geurteilt wird, zu sagen, da hat der und der nicht rechtzeitig reagiert, denn aus dem Heute ist es nun einmal leichter so zu sprechen. Andererseits lebte Thomas Mann unbedingt in einer Art Elfenbeinturm, und hätte er nicht eine Familie (besser gesagt - wache und kritisch denkende Kinder) um sich herum gehabt, die eher das Geschehen durchschaut und begriffen haben, wäre er vielleicht auch in eine ganz andere Richtung gelaufen und hätte anderes erlebt.
Thomas Mann stellte hohe Ansprüche an seine Kunst, sprich sein Schreiben. Dafür grenzte er sich sowohl aus der Welt als auch aus seiner Familie aus. Dieses Brüten in den eigenen Gedanken und das Ermöglichen einer solchen Stellung in der Gesellschaft/Welt/Familie zeigt sich in jeder Zeile, die für sich ein wahres Kunstwerk ist. Zu leben aber hat der Mann nicht verstanden, sich kritisch mit der Welt auseinanderzusetzen, auch nur schwer. Er war in seinem Schaffen hermetisch abgeriegelt und schaffte es kaum (oder wollte es vielleicht gar nicht), diese Welt wieder zu verlassen. Der Schriftsteller war also immer wichtiger als der Mensch Thomas Mann. Spricht man also von seiner Kunst, gibt es nichts zu beanstanden, spricht man vom Menschen, wird all das sichtbar, was in diesem Ordner bereits angesprochen wurde.

Mich würde dazu deine Ansicht interessieren und dazu auch noch, wer der zweite, von dir geschätzte Autor ist.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 22.01.2011 21:18 | nach oben springen

#18

RE: Thomas Mann - Neue Studien

in Literatur im Verriß 23.01.2011 12:11
von mike • 3 Beiträge

"Thomas Mann war, im Gegensatz zu seinem Bruder, ein ewiger Zuspätkommer, was die Politik angeht"

Carl von Ossietzky" in der Weltbühne vom 21. Oktober 1930: "Dank sei Thomas Mann, dass er aus der Reihe der schweigenden Geistigen heraustritt ... " 1930 war es noch an der Zeit und TM kein Zuspätkommer? Meint Ossietzky.

Bei den Reichstagswahlen vom September 1930 hatte die Nazipartei einen Erdrutschsieg errungen, 107 Abgeordnete. Man musste etwas gegen die drohende Gefahr unternehmen. Was kann ein Schriftsteller tun? Er setzt sein Wort ein.

Thomas Mann hielt eine Rede. Er rief in Berlin das deutsche Bürgertum zum republikanischen Bündnis vor allem mit der deutschen Arbeiterschaft auf. Gauleiter Goebbels entsandte 20 SA-Männer zwecks Störung in den Saal, und der Autor Bronnen arrangierte lautstarke Zwischenrufe. Von da an bezeichnete die NS-Presse den Literaturnobelpreisträger von 1929 als "Halbbolschewiken" (so im Völkischen Beobachter). Nachdem 1933 Heinrich Himmler Polizeipräsident von München geworden war, wurde TM zur Verhaftung ausgeschrieben. Autor Johst beantragte ausdrücklich, TM eine Sommerfrische in Dachau zu verordnen (im KZ). Einzelheiten in "Heller Zauber" von Jürgen Kolbe.

Als Thomas Mann seine Berliner Rede hielt, war "das Kind noch nicht in den Brunnen gefallen", jedenfalls nicht nach Ansicht der Weltbühne und ihrer Autoren. Im Jahrgang 1930 ist nachzulesen, dass man Hitler und seine Partei noch für verhinderbar hielt. "Zum Pässebesorgen und Kofferpacken liegt gar keine Veranlassung vor. Um den Juden eins auszuwischen, müsste man die Verfassung ändern. Wo ist die nötige Zweidrittelmehrheit?" schreibt "Quietus" (=Walther Karsch) in der WB. 1930! Karsch war regelmässiger Mitarbeiter.

Thomas Mann durfte 1930 also noch hoffen, ausser er wäre schlauer gewesen als die zeitkundigen Autoren der Weltbühne und als Ossietzky. "Entlaufen scheint die Menschheit wie eine Bande losgelassener Schuljungen aus der humanistisch-idealistsichen Schule des 19. Jahrhunderts, gegen dessen Moralität unsere Zeit einen weiten und wilden Rückschlag darstellt. Alles scheint erlaubt gegen den Menschenanstand", und so erscheine die abgeschaffte Freiheit "nun wieder in zeitgemässer Gestalt als Verwilderung", als "Emanzipation der Roheit"... Die exzentrische Seelenlage einer der Idee entlaufenen Menschheit werde "zum Massenopiat des Dritten Reiches"... Der wörtlich benannte Nationalsozialismus wird einer Bewegung weltweiter Barbarei zugerechnet und gebrandmarkt. Die Deutschen dürften der Welt kein Beispiel von Narretei geben.

Undsoweiter, die Brillanz der Formulierungen sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass er sich mit diesen Äusserungen in Lebensgefahr begab. Ebenso riskant formulierte er in anderen, noch folgenden Vorträgen und Aufsätzen, und zwar noch vor der "Machtergreifung" und nicht erst, als es zu spät war.

Von seinen Kindern beraten, kehrte er 1933 aus der Schweiz nicht nach Deutschland zurück und entging so dem KZ. Auf Berman-Fischer hörend, der verzweifelt seinen Verlagsbesitz zu retten versuchte, und in ständiger Abstimmung mit Hermann Hesse und Annette Kolb, zögerte er seine Solidaritätserklärung mit der deutschen Emigration hinaus bis ... - was ihm diejenigen nicht verzeihen, die sich ihrer moralischen Integrität in jeder, auch prekärster Situation völlig sicher sein dürfen.

Dass seine Kinder Zuwendung vermissten, ist Tatsache - und ein Grund, TM menschlich zu verabscheuen, weil wir alle unsere Kinder so erziehen, wie es sein soll und sein muss. Wir dürfen stolz auf uns sein.

Die in Lieblosigkeit aufgewachsenen Kinder sind auf rätselhafte Weise dennoch charakterlich gediehen, jedenfalls haben Klaus, Erika, Golo Uniform angezogen und gegen die Nazis gekämpft, als es im Falle einer Gefangennahme sehr hässliche Folgen haben konnte. Da lieblos, hätte Vater Zauberer allerdings Folterung und Hinrichtung seiner Kinder gewiss mit Gleichmut ertragen - ?

Eine Äusserung Enzensbergers aus seinem Buch über Hammerstein: "Wer Leuten, die mit ihrem Leben bezahlt haben" - ich ergänze: mit ihrem Leben zu zahlen bereit waren - "aus ihren politischen Irrtümern einen Vorwurf macht" - ich ergänze: oder aus menschlichen Unzulänglichkeiten, deren wir freilich keine aufweisen - "leidet an einer Form nachträglicher Besserwisserei, die von moral insanity nicht weit entfernt ist."

Die Äusserung, sag ich, kommt mir in den Sinn. Aber vielleicht ist sie ergänzungsbedürftig. Hass auch in der milderen Form der Abneigung entspringt oft rational gar nicht erreichbaren Prägungen. Meine Argumente zugunsten TMs sind zwar richtig (mit den Tatsachen übereinstimmend), doch letztlich stammen auch sie aus diesem emotionellen Bereich. Er schreibt so, sagte ich, wie mein Herz schlägt. Es gibt nur einen anderen Autor, mit dem ich mich so intim verbunden fühle, es ist Raymond Chandler. Beide Autoren verbinden ganz starke Sinnlichkeit mit einem ebenso starken Sinn für Verantwortung und Moral. TM liebte heranwachsende Jünglinge, aber er sagte, er würde nie einem solchen geliebten Wesen wehtun können oder wollen. Chandler war fasziniert von weiblicher Schönheit, er hat sie gefeiert (The long Good-bye, die Stelle, wo er Ellen Ward zum ersten Mal erblickt, nicht nur "sieht"), und sagt dennoch: Philip Marlowe (sein alter ego in den Romanen) würde nie eine Jungfrau verführen.

Wir sind Tiere unserer triebhaften Ausstattung nach - aber wir stehen als Menschen auch in einer vertikalen Spannung "nach oben" (Sloterdijk in seinem Tübinger Vortrag "Optimierung des Menschen?"

Noch ein Wort zu dem Einwand, TM habe nur für Eliten geschrieben. Meine Tante Lilo war eine einfache Frau, als Telefonistin immer knapp bei Kasse und daher bezog sie ihre Bücher vom Bertelsmann-Lesering, wo man in Raten bezahlen konnte. Auf ihren Bord standen drei Romane von TM : Buddenbrooks, Königliche Hoheit, Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Alle drei hatte sie auch gelesen und über Verständnisschwierigkeiten nie geklagt. Ich selbst hab in der Schule den Krull vorgelesen gekriegt, und zwar liess der Lehrer uns das Kapitel laut lesen, wo Krull sich zum Wehrdienst empfiehlt - zu empfehlen scheint. Wir lagen vor Lachen schier unter den Pulten. Soviel zum Elitrarismus.

Aber wie gesagt, kein Argument erreicht den emotionellen Bereich, aus dem auch meine Bemerkungen stammen. Dass ich es nur gestehe: Ich bin jung gewesen, als ich TM kennenlernte - und Benn, Brecht, Tucholsky - und Chandler.
Ich verjünge mich, wenn ich sie aufschlage.

"Nicht sehr ergiebig im Gespräch, Ansichten waren nicht seine Stärke, Ansichten reden drumherum..."

Benn folgend will nun auch ich meine Ansichten für mich behalten und euch die Diskussion überlassen.

Bye. mike

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#19

RE: Thomas Mann - Neue Studien

in Literatur im Verriß 23.01.2011 12:34
von Jatman1 • 1.120 Beiträge

Taxine Zitat
"Mich würde dazu deine Ansicht interessieren und dazu auch noch, wer der zweite, von dir geschätzte Autor ist."

Mich auch.


www.dostojewski.eu
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#20

RE: Thomas Mann - Neue Studien

in Literatur im Verriß 23.01.2011 13:12
von LX.C • 2.691 Beiträge

Zitat von mike
Eine Äusserung Enzensbergers aus seinem Buch über Hammerstein: "Wer Leuten, die mit ihrem Leben bezahlt haben" - ich ergänze: mit ihrem Leben zu zahlen bereit waren - "aus ihren politischen Irrtümern einen Vorwurf macht" - ich ergänze: oder aus menschlichen Unzulänglichkeiten, deren wir freilich keine aufweisen - "leidet an einer Form nachträglicher Besserwisserei, die von moral insanity nicht weit entfernt ist."



Ich verstehe deinen Einwand und den Enzensbergers (habe das Buch auch gelesen). In diese Falle gerät man irgendwie oft, doch wie soll man mit dem Blick auf die Zeit und Zeitgenossen sonst eine möglichst "objektive" Sichtweise entwickeln. Was bei mir vielleicht als Vorwurf klang, sollte eher eine Feststellung sein, die aus deiner Sicht folglich nicht korrekt ist.

Interessanter und informativer Beitrag, der über seine unaufgeregte Sachlichkeit zum Nachdenken anregt.


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 23.01.2011 13:29 | nach oben springen

#21

RE: Thomas Mann - Neue Studien

in Literatur im Verriß 23.01.2011 14:31
von Taxine • Admin | 5.896 Beiträge

Zitat von Jatman1
Taxine Zitat
"Mich würde dazu deine Ansicht interessieren und dazu auch noch, wer der zweite, von dir geschätzte Autor ist."

Mich auch.



Mike hat darauf geantwortet. Es ist Raymond Chandler.

Hier zeigt sich dann doch, dass ein Mensch, der sich nicht nur mit dem Werk eines Schriftstellers, sondern auch mit allen mäandernden Nebenstraßen beschäftigt, die Ansichten ins richtige Licht zu rücken versteht. Vielen Dank dafür, mike.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 25.01.2011 23:07 | nach oben springen

#22

RE: Thomas Mann - Neue Studien

in Literatur im Verriß 01.02.2011 15:44
von LX.C • 2.691 Beiträge

Mal die Stimme Martin Walsers zu Thomas Manns politischer Inegrität. (Hab' ich grad durch Zufall gefunden, auf der Suche nach Walsers "Skandalon", der die öffentliche Meinung lange beschäftigte und in Interviews immer noch zur Sprache kommt.)

Aber vielleicht will sich Walser hier ja gar nicht äußern
Der Tenor reiht sich jedenfalls in den Eindruck der politischen Unstetigkeit und des Opportunismus ein.

Nachlesen kann man das hier: http://www.boersenverein.de/sixcms/media...1998_walser.pdf -
Seite 13, rechte Spalte.


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 01.02.2011 16:22 | nach oben springen


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