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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#31

RE: Philippe Ariès "Geschichte des Todes"

in Sachen gibt's - Sachbuch 18.06.2011 11:17
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

Zitat von Roquairol
Und ist nicht Nacktheit der Urzustand der Menschen? Wie kann die Gesellschaft Menschen dazu "zwingen", ihren natürlichen Zustand anzunehmen? Zwingt die Gesellschaft nicht immer in die entgegengesetzte Richtung? - Aber das gehört eher in ein Thema "Geschichte der Kleidung" ...



Ja, gegen Nacktheit ist nichts einzuwenden. Jedoch das völlige Reduzieren auf den Körper, dass Frauen unglücklich sind, wenn an ihrem Körper etwas nicht stimmt (wie gering der Makel auch sein mag), wenn sie ihr ganzes Leben darauf verschwenden, sich irgendetwas vergrößern oder verkleinern zu lassen, wenn sie glauben, als Sexobjekt Anerkennung bekommen zu können und dafür alles tun, dass junge Mädchen in die Magersucht abrutschen und ähnliches, das ist ein Resultat des unsichtbar gewordenen Zwangs, wobei sich die Frau natürlich mittlerweile selbst unter Druck setzt, weil sie sich am Maßstab einer krankhaft auf das Äußere fixierten Gesellschaft mißt. Ja, wäre ein interessantes Thema für einen neuen Ordner.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 18.06.2011 11:19 | nach oben springen

#32

RE: Philippe Ariès "Geschichte des Todes"

in Sachen gibt's - Sachbuch 18.06.2011 20:09
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Nacktheit ist gut und Verschleierung auch?

Du bist manchmal so herrlich verwirrend ....




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#33

RE: Philippe Ariès "Geschichte des Todes"

in Sachen gibt's - Sachbuch 18.06.2011 21:28
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

Drücke ich mich denn so mißverständlich aus??? Die freie Entscheidung ist das, was zählt... Und diese ist in der westlichen Welt eben fragwürdig (da Freiheit nicht Freiheit, sondern nur noch Begriff ist und in allen möglichen Varianten verkauft wird). Ich stelle niemanden in Frage, der sich aus Überzeugung verschleiert, ich stelle ebenso niemanden in Frage, der sich gerne nackt auszieht. Ich stelle eine Gesellschaft in Frage, in der die Frau durch Versexualisierung glaubt, eine freie Entscheidung zu treffen, wenn sie sich auf ein Objekt nicht nur reduzieren lässt, sondern selbst reduziert, aus der Überzeugung heraus, sie wäre dadurch frei und emanzipiert, während sie sich nur einer künstlich erzeugten Richtung unterwirft, die durch Massenzwang Muster voraussetzt, wie sie zu sein hat...

(Das musst du jetzt aber auch erst entknoten. )




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 18.06.2011 21:41 | nach oben springen

#34

RE: Philippe Ariès "Geschichte des Todes"

in Sachen gibt's - Sachbuch 18.06.2011 22:23
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Jetzt müssen wir nur noch klären, wie ich unterscheiden kann, ob ich eine freie Entscheidung treffe, oder mir nur fälschlicherweise einrede, eine freie Entscheidung zu treffen ...




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#35

RE: Philippe Ariès "Geschichte des Todes"

in Sachen gibt's - Sachbuch 03.07.2011 11:23
von LX.C • 2.691 Beiträge

Ein einzigartiges Prosadokument aus der Zeit der großen Pestwelle des 14. Jahrhunderts ist Boccaccios Dekameron.

Wie auch Ariés berichtet, bezeugt Boccaccio:

„So war es früher üblich gewesen – wie wir es auch heute noch sehen -, daß die Nachbarn und die weiblichen Verwandten mit den nächsten Angehörigen eines Verstorbenen in dessen Hause zusammenkamen und klagten, während sich die männlichen Mitglieder der Familie sowie Nachbarn und andere Bürger vor seiner Tür in Mengen versammelten. Auch kam die Geistlichkeit dazu, je nach dem Stande des Verstorbenen und dann wurde die Leiche auf den Schultern seiner Genossen bei angezündeten Wachskerzen mit Gesang und anderen Begräbniszeremonien zu der Kirche getragen, die jener noch vor seinem Tode bestimmt hatte. Als indessen die Heftigkeit der Seuche zunahm, hörten alle diese Bräuche ganz oder teilweise auf, und neue traten an ihre Stelle. […]
Da für die große Menge Leichen, die wie gesagt, in jeder Kirche täglich und fast stündlich zusammengetragen wurden, der geweihte Boden nicht langte, besonders wenn man nach alter Sitte jedem Toten eine besondere Grabstätte hätte einräumen wollen, so machte man, statt der kirchlichen Gottesäcker, weil diese bereits überfüllt waren, sehr tiefe Gruben und warf die neu Hinzukommenden in diese zu Hunderten. Hier wurden die Leichen aufgehäuft wie die Ware in einem Schiff und von Schicht zu Schichte mit ein wenig Erde bedeckt, bis die Grube bis zum Rand voll war.“


(Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron, Deutsche Buchgesellschaft, Berlin/Darmstadt/Wien 1967, 18-20.)

Boccaccio berichtet zudem vom Sittenverfall und dem Verfall der Moral allgemein während der Pestzeit in Florenz. Die ersten Seiten sind ganz der Beschreibung der Lage in Florenz Mitte des 14. Jahrhunderts gewidmet. Den Hauptteil aber machen Kurzgeschichten aus, die den Zeitgeist ironisch aufs Korn nehmen, und die darüber hinaus auch den Verfall alter Werte während dieser Umbruchzeit (schon vor der Pest brodelte es, die Menschen begannen an der Vormachtstellung der katholischen Kirche zu rütteln), deutlich machen. Die „Überschrift“ einer Geschichte, in der sich ein Abt, der bereits als lebender Heiliger gilt, Groteskes ausdenkt, um sich der weltlichen Gelüste an seinem Lustobjekt hingeben zu können, lautet z.B. „Ferondo wird, nachdem er ein gewisses Pulver geschluckt hat, für tot begraben. Der Abt aber, der sich inzwischen mit seiner Frau ergötzt, holt ihn aus dem Grabe, setzt ihn gefangen und macht ihm weiß, er sei im Fegefeuer. Dann wird er aufgeweckt und erzieht einen Sohn, den der Abt mit einer Frau erzeugt hat, als den seinigen.“

Ferondo im Fegefeuer, das liest sich dann z.B. so:
„‚Wo bin ich?’ ‚Du bist im Fegefeuer’, antwortete der Mönch. ‚Wie’, sagte Ferondo, ‚so bin ich tot?’ ‚Jawohl’, erwiderte der Mönch. Darauf begann Ferondo sich selbst, seine Frau und sein Söhnlein bitterlich zu beweinen und sagte dabei die tollsten Albernheiten. Indessen brachte der Mönch ihm etwas zu essen und zu trinken. Als Ferondo das sah, rief er aus: ‚Mein Himmel, essen denn die Toten?’ ‚Ja’, sagte der Mönch, ‚und was ich dir jetzt bringe, ist dasselbe Essen, welches die Frau, die einstmals die deine war, heute morgen der Kirche geschickt hat, um für deine Seele Messe lesen zu lassen. Das kommt dir nun, auf unseres Herrgotts Befehl, hier zugute.’ Darauf sagte Ferondo: ‚Ach du meine Güte! Na, Gott gebe ihr ein vergnügtes Jahr.’“

(Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron, Deutsche Buchgesellschaft, Berlin/Darmstadt/Wien 1967, 270.)


Man erfährt also zugleich auch einiges über damaliger Sitten und Vorstellungen. Das Fegefeuer war ja auch nur ein „Übergangsglaube“, der sich im Hochmittelalter etablierte und sich mit der Neuzeit wieder verflüchtigte.
Auch in einer anderen Geschichte, die ich bisher las, wird kräftig am Heiligenkult, aber auch an der weltlichen Gerichtsbarkeit gerüttelt. Dieses Buch scheint sich wirklich zu lohnen. Ich werde es nach und nach auf jeden Fall vollständig lesen und gebe diese Empfehlung gerne weiter.


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zuletzt bearbeitet 03.07.2011 11:37 | nach oben springen

#36

RE: Philippe Ariès "Geschichte des Todes"

in Sachen gibt's - Sachbuch 04.07.2011 12:12
von LX.C • 2.691 Beiträge

Im Kapitel „Die Bestattung der Verdammten“ zieht Ariés zur besseren Vergegenwärtigung eines Richtplatzes, Ariés nennt ihn auch die schreckliche Deponie, Potockis „Die Handschrift von Saragossa“ heran. Potocki sei im Folgenden ausführlich zitiert:

„Ich schlief nicht mehr, aber ich war auch noch nicht wach. Qualvolle Bilder überstürzten einander. Sie flößten mir Schrecken ein. Ich erhob mich mit einem Ruck und saß nun aufrecht da.
Wie soll ich Worte finden, um das Entsetzen auszudrücken, das mich übermannte? Ich befand mich unter dem Galgen von Los Hermanos. Die Leichen der beiden Brüder Zoto hingen nicht mehr an ihm, sie lagen an meiner Seite. Offensichtlich hatte ich die Nacht mit ihnen verbracht. Ich ruhte auf Galgenstricken, auf Bruchstücken von Rädern, auf Überbleibseln menschlicher Gerippe, auf einem schauerlichen Lumpenhaufen der Verwesung.
Ich glaubte noch immer, nicht wach zu sein und einem furchtbaren Traum zu träumen. Ich schloß wieder die Augen und suchte mich zu erinnern, wo ich am Abend zuvor gewesen war. Dann fühlte ich, daß sich Krallen in meine Flanken bohrten. Ich sah, daß ein Geier sich auf mich gestürzt hatte und einen meiner Schlafgefährten zerfleischte. Der Schmerz, den seine Klauen mir zufügte, ließ mich vollends erwachen. Ich sah, daß meine Kleider neben mir lagen, und kleidete mich hastig an. Als ich angekleidet war, wollte ich dem Umkreis des Galgens fliehen, aber ich fand das Tor verschloßen und versuchte vergeblich es aufzubrechen. Es galt also über die düsteren Mauern zu klettern“ (Frankfurt/M. 1961, S. 34).


Potockis Richtplatz, wenn auch eine Beschreibung aus dem 18. Jahrhundert, ist ein guter Gedächtnisort. Hier findet man fast alles, was auch zum Hinrichtungs- und Begräbnisplatz der Verurteilten im Mittelalter einschlägig ist.
Die Verurteilten wurden, wenn das Ereignis der Folter und Hinrichtung nicht als „Unterhaltung“ und Abschreckung auf einem speziellen Platz in der Stadt stattfand, gleich auf einen Hinrichtungs- und Begräbnisplatz gebracht, nennen wir ihn wie Ariés die „Schreckliche Deponie“, um Missverständnisse mit der öffentlichen Hinrichtung in der Stadt auszuschließen.
Die lag meist abseits der Stadt und fern der Kirche und war von einer Mauer umzäunt und verschlossen, sodass auch die Angehörigen nichts für die Verurteilten tun konnten. Darauf, sie zu versorgen oder gar an sich zu nehmen und für ein würdigeres Begräbnis zu sorgen, standen ebenfalls hohe Strafen, bis hin zur Todesstrafe wegen Häresie. Auf der „Schrecklichen Deponie“ wurden die Verurteilten aufs Rad gespannt oder aufgehängt, bei Mehrfachstrafen auch tot oder lebendig gepfählt. Für uns heute unvorstellbar, für den, der lebendig gepfählt werden sollte, wurde ein Grab ausgehoben, mit spitzen Pflöcken versehen. Darauf wurde der Verurteilte aufgespießt und dann begraben, ob noch am leben oder nicht. Erhängen war noch das günstigste Urteil, wenn es richtig angestellt wurde sorgte es für einen schnellen Tod. Das Rädern dagegen bedeutete eine unermessliche Qual. Die Glieder des Verurteilten wurden zunächst mit einem Rad gebrochen, auch mehrfach an den verschiedensten Stellen, über die man immer und immer wieder hinweg fuhr. Dann wurde der Verurteilte unter größten Schmerzen, vielleicht bewusstlos, selten schon Tod (wenn der Henker gnädig war brach er dem Folteropfer vorher das Genick), aufs Rad, ja, regelrecht geflochten - die Glieder wurden um die Speichen gewickelt und festgemacht. Schließlich wurde das Rad Wagerecht aufgestellt, sodass das Folteropfer allen Wetterbedingungen und Schmerzen ausgesetzt qualvoll verenden musste. Oftmals machten sich auch schon die Vögel, die über der „Schrecklichen Deponie“ kreisten, über den Lebenden her. Um die Toten kümmerte man sich nicht mehr, sie baumelten jahrelang am Galgen oder hingen am Rad, bis sie zerfressen und verwest von selbst abfielen und einfach liegen blieben. Die Mühe eines Begräbnisses machte man sich nicht.
Die „Schreckliche Deponie“ ließe sich mit Recht als Menschen-Müllhalde bezeichnen - Menschen, achtlos geschlachtet, weggeworfen und vergessen. Wo sich eine Ortschaft den „Luxus“ einer solchen Deponie nicht leisteten konnte, warf man die verurteilten Toten einfach auf den Schindacker des Abdeckers, wo sie zwischen den Tierkadavern verwesten.


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zuletzt bearbeitet 04.07.2011 12:21 | nach oben springen

#37

RE: Philippe Ariès "Geschichte des Todes"

in Sachen gibt's - Sachbuch 15.07.2011 11:54
von LX.C • 2.691 Beiträge

33 Totentanz-Holzschnitte von Hans Holbein der Jüngere, untermalt mit mittelalterlicher Musik.

Der Totentanzreigen hat sich mit Holbein endgültig zugunsten der individualisierten Darstellung verabschiedet. Es bleibt die Essenz, dass vor dem Tod jeder gleich ist und es jeden und überall treffen kann. Interessant finde ich an den Holzschnitten Holbeins, dass der Tod einmal als Schelm dargestellt wird, der seine Spielchen treibt, und ein anderes Mal wieder als Gewalttäter, der sich ungeduldig nimmt was er will. Schaut ruhig mal rein, es lohnt sich.


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zuletzt bearbeitet 15.07.2011 11:57 | nach oben springen

#38

RE: Philippe Ariès "Geschichte des Todes"

in Sachen gibt's - Sachbuch 29.08.2011 09:26
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von LX:C
Ohler berichtet auch über den Totentanz als Kunstgattung, die mit der Pest und dem damit einhergehenden neuen Verhältnis zum Tod im Spätmittelalter aufkommt.



Franz Liszt: Totentanz


Paraphrase über das gregorianische Dies irae, verbunden mit einem Totentanz

Der Text des "Dies irae" ist HIER.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 29.08.2011 09:28 | nach oben springen

#39

RE: Philippe Ariès "Geschichte des Todes"

in Sachen gibt's - Sachbuch 29.08.2011 13:32
von LX.C • 2.691 Beiträge

Sehr gut, ja.

Dies irae / Tag des Zorns von Thomas von Celano (ca. 1190 - ca. 1260) ist nach Form, inhaltlicher Ausgestaltung und Entstehungszeit aber kein Totentanz.


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#40

RE: Philippe Ariès "Geschichte des Todes"

in Sachen gibt's - Sachbuch 29.08.2011 17:09
von Martinus • 3.194 Beiträge

Ein Totentanz ist das aber doch, dieser Liszt. Darum hier gepostet.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#41

RE: Philippe Ariès "Geschichte des Todes"

in Sachen gibt's - Sachbuch 30.08.2011 12:34
von LX.C • 2.691 Beiträge

Das Stück heißt so, ja Nur wenn es eine Paraphrase über das gregorianische Dies irae sein soll und Liszt es Totentanz genannt hat, dann stimmt da trotzdem was nicht. Den Totentanz in bildender Kunst und Dichtung gibt es erst seit Mitte des 14. Jahrhunderts.


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zuletzt bearbeitet 21.09.2011 11:18 | nach oben springen


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